Die NASA entdeckt einen Schwarm mehrerer kilometergroßer Asteroiden, die auf die Erde zusteuern. In etwa drei Jahren wird diese kosmische Schrotladung unweigerlich auf unseren Planeten niederprasseln und vermutlich alles Leben vernichten. In den Medien wird die nahende Apokalypse verkündet, Wissenschaftler erstellen Berechnungen der Flugbahnen, schüren Hoffnungen auf Wahrscheinlichkeiten, doch sind die 20 oder 30 Prozent, mit denen wir dem galaktischen Blattschuss entkommen könnten, wenig beruhigend. Werden wir nach anfänglicher Schockstarre Rettung und Trost bei den großen Religionen suchen? Oder verdrängen, abwarten, hoffen auf eine explosive technische Lösung mit Raketen und Bomben?

Das Katastrophenszenario animiert zu vielfältigen Spekulationen, wie Wissenschaft und Technik in der kurzen Frist zu Höchstleistungen herausgefordert würden und das gesellschaftliche Leben lange vor den Einschlägen von Anarchie und Chaos zerstoben werden würde. Kammerspielartig hat sich Lars von Trier vor Jahren in seinem Film „Melancholia“ mit den Reaktionen einer kleinen Gruppe von Menschen auf den bevorstehenden kollektiven Exitus beschäftigt, der jeglichen Lebenssinn in Angst erstickt und alle Hoffnung spendenden Narrative verblassen lässt. Bei Lars von Trier wandelt sich das berauschende Himmelsspektakel innerhalb weniger Tage oder Stunden in ein zerstörerisches Liebesspiel planetarer Anziehungskräfte. Es dauert nicht lange, bis alle Menschheitsträume und -traumata buchstäblich zerplatzen.

Was aber würde geschehen, wenn wir wüssten, dass noch drei oder auch fünf Jahre vor uns liegen, in denen wir unser irdisches Leben auskosten können? Zu viel Zeit, um sofort den Beruf an den Nagel zu hängen, zu viel Zeit, um die Super- und Baumärkte zu plündern, zu viel Zeit, um sich ins Dauergebet zu versenken.

Es ist eine lange Zugreise, auf der Nina und ich im Gespräch auf dieses wenig originelle Szenario stoßen und uns zu fragen beginnen: Was würden wir tun, wenn wir trotz bester Gesundheit nur noch drei Jahre zu leben hätten? Was möchten wir noch erleben, erfahren, kennenlernen, verstehen? Wir werden nicht, wie erhofft, gemeinsam alt werden. Der Klimawandel verliert seinen Schrecken, weil es ihn nicht geben wird. Mögen die Polkappen doch schmelzen! Es lohnt nicht mehr die Schweine aus den engen Mastanlagen zu befreien, das Rinderfilet darf wieder moralinfrei genossen werden, der Sportwagen mit 12-Zylinder-Verbrennungsmotor lädt wieder ein zum Geschwindigkeitsrausch auf Autobahnen und Landstraßen. Noch drei Sommer, drei Winter – was fangen wir mit unserem Leben noch an?

„Mir fällt nichts ein“, sage ich.

„Sicher?“, fragt Nina und schaut mich von unten herauf über ihre Lesebrille an. Sie liest gerade einen ZEIT-Artikel über Bonobos und Schimpansen. Titel: „Freundlichkeit siegt“.

„Nur Unanständiges, du weißt schon. All die Dinge, die wir noch nicht gemacht haben, die mir im Moment aber auch nicht einfallen. Reisen, alle Menschen werden reisen wollen, um alles das zu sehen, was sie noch nicht gesehen haben.“

„Klar“, sagt Nina, „alle werden reisen wollen. Aber dann ist da möglicherweise niemand, der die Passagiermaschine nach Neuseeland steuert, niemand, der dir eine Unterkunft bietet, weil die Hoteliers, die Vermieter von Ferienwohnungen, die Kellner und Köche, Zimmermädchen und Zimmerbübchen ebenfalls auf Reisen sind. Wir können uns das Chaos nicht ausdenken. Wir werden vielleicht unsere gesamte Habe verkaufen wollen, um das Geld für unsere Reisen zusammenzukratzen. Aber wer will dann noch unnützes Zeug kaufen? Was sollen wir verkaufen, wenn alle alles verkaufen wollen? Es gibt keine Käufer mehr, niemanden, der noch irgendwas anhäufen will. Wer will noch arbeiten, wenn alle nur noch leben wollen.“

„Reguliert sich das nicht von selbst? Alle arbeiten weniger und gönnen sich mehr Freizeit. Das meiste, was heute produziert wird, braucht dann doch keiner mehr. Genau genommen schon jetzt nicht mehr. Ergo: weniger Waren und Dienstleistungen, weniger Arbeit. Und die Notenbanken drucken einfach weiter Geld.“

Nina findet das nicht überzeugend. Sie meint, alle Wirtschaftsabläufe würden zusammenbrechen, wenn alle täten, was ihnen Spaß macht.

„Eben. Wenn sie merken, dass das nicht funktioniert, werden sie wieder arbeiten, aber eben nur das Nötigste. Abgesehen von denen, die depressiv und wie gelähmt sind.“

„Das funktioniert nur, wenn die Darwinisten unrecht haben und nicht die Starken und Rücksichtslosen gewinnen, sondern die Freundlichen, wie es gerade in der ZEIT zu lesen ist. Es müsste schon einen Paradigmenwechsel in Rekordzeit geben. Alle sind lieb und rücksichtsvoll zueinander, teilen ihre Habe und ackern die letzten drei Jahre ihres Lebens gemeinsam auf den Feldern, für Kartoffeln und Gemüse. Hältst du das für realistisch?“

Nein, ich halte das nicht für realistisch. Und ich mag mir das Chaos, das Elend, die verhungernden Menschen, die Morde und Raubüberfälle nicht vorstellen.

„Wenn du nichts mehr zu verlieren hast, wenn alle nichts mehr zu verlieren haben – bricht sich da nicht ein universeller Egotrip Bahn?“

Wir lassen unsere Blicke durchs Abteil schweifen. Freundlich gelangweilte Mitfahrer, alle hinter Hund-Hasen-Bedeckungen versteckt.

„Haha, Hund-Hasen-Bedeckungen. Müsste man mal zeichnen. Die Sache ist doch die: Es geht nicht um das dystopische Szenario, bei dem wir schon vor dem eigentlichen Untergang uns gegenseitig den Garaus machen.“

„Sondern?“

„Das Gedankenspiel kitzelt eine ganz andere Frage hervor, nämlich die, was noch sinnvoll ist, wenn nichts mehr Sinn hat, wenn du alle Illusionen, die dich im Moment noch am Leben und Hoffen halten, wegstreichst. Wir arbeiten, damit wir im Alter eine auskömmliche Rente haben, mit der wir all die Unternehmungen finanzieren können, die wir uns heute verkneifen. Zum Beispiel mal ein halbes Jahr in Rom wohnen oder Amsterdam. Wir vertagen unsere Träume in eine angeblich bessere Zukunft. Was aber wäre jetzt schon möglich? Was ist in der universellen Sinnlosigkeit sinnvoll?“

„Rom, Amsterdam – um da dann was zu tun?“

„Die Stadt aus dem Blickwinkel des Bewohners kennenlernen, Menschen kennenlernen, sie zu Hause besuchen, endlich die Sprache richtig lernen.“

„Wenn da wegen der angekündigten Apokalypse der reguläre Betrieb eingestellt wird?“

„Eben nicht. Vergiss die Apokalypse! Die Frage ist: Was willst du jetzt tun, wenn der größte Teil deiner Tätigkeiten, Käufe, Vorsorgemaßnahmen etc. pp. sich mit einem Schlag als sinnlos erweisen? Auch ohne Apokalypse. Was bleibt übrig? Was kannst du wegstreichen, weil es angesichts des uns alle irgendwann ereilenden Todes sinnlos ist? Wenn alle Glücksversprechen, die auf Wohlstand und Konsum aufbauen, sich als illusorisch erweisen?“

Nina macht mir Angst. Für die innere, psychische Apokalypse braucht es anscheinend keinen Asteroideneinschlag. Da genügt eine Philosophin mit dem Hammer. Jetzt geht es um die Umwertung aller Werte und die Selbstbefreiung vom falschen ideologischen Bewusstsein. Die Wiederkehr der Marx-Nietzsche-Apokalypse.

„Was schlägst du vor?“, frage ich.

„Ein Ausschlussverfahren? Mach eine Liste: die Wohnung renovieren – überflüssig; die Verstopfung im Klo beseitigen – notwendig; essen, trinken, schlafen, nicht erfrieren – notwendig; neue Klamotten kaufen – überflüssig. Stereoanlage, Fernseher, Hometrainer, Backautomat, Kosmetika, Zeitschriften, Fotoapparat, Deko und Stell-mich-Hinchen …“ Nina stockt.

„Schuhe“, sage ich.

„Ja, Schuhe, die sind notwendig.“

„Aber nicht noch mehr Schuhe.“

„Nein, keine neuen Schuhe. Siehst du, wir denken immer nur in den Kategorien des Konsums. Als ob wir mit Waren, mit Gegenständen unsere Identität bestückten. Wir kaufen uns sogar Erlebnisse. Kino, Netflix, Musik.“

„Kultur eben.“

„Brauchen wir irgendwie. Was davon brauchen wir wirklich? Was davon hat nichts mit Konsum zu tun?“

„Wir haben nur unser Leben. Und unser Leben sind unsere Erinnerungen. Die wollen wir bis zur letzten Minute haben. Wir wollen auf ein erfülltes Leben zurückblicken, am besten jederzeit.“

„Damit man jederzeit dankbar tot umfallen kann. Was wir erlebt haben, kann uns nur der Tod nehmen, oder die Demenz.“

„So wird eine Philosophie daraus: Lebe jetzt und folge rücksichtslos deinen Träumen und Sehnsüchten.“

„Nicht rücksichtslos.“ Nina schüttelt den Kopf und setzt ihren strengen Blick auf.

Ich korrigiere mich: „Freundlich. Folge freundlich und rücksichtsvoll deinen Träumen und Sehnsüchten, aber sei kompromisslos. Das ist es doch, wir machen dauernd irgendwelche Kompromisse und grätschen unseren Träumen und Sehnsüchten in die Beine. Wir stolpern nur so durchs Leben, weil wir glauben, es den anderen immer recht machen zu müssen. Ist das nicht diese fiese, fatale Freundlichkeit?“

„Nee, ist es nicht. Das ist unsere Angst, von den anderen nicht akzeptiert zu werden, wenn wir nicht tun, was die sich vorstellen. Du weißt schon: diese Art von doppelter Kontingenz, die Erwartungserwartungen. Wir erwarten, dass die Anderen etwas Bestimmtes von uns erwarten, wissen aber nicht, ob sie es wirklich tun und was es ist.“

„Meistens tun sie’s.“

„Was?“

„Sie denken meistens, was wir glauben, dass sie es denken.“

„Wenn die uns nicht so akzeptieren, wie wir sind und was wir denken, hat das aber keine negativen Konsequenzen für die. Es geht sie nicht wirklich etwas an. Absurderweise sind wir diejenigen, die sich dann unwohl fühlen. Also ein komischer, geradezu abseitiger Selbstschutz. Du verhältst dich so, wie du glaubst, dass die Anderen es von dir erwarten, um dich wohl zu fühlen. Damit du keine Scham empfindest. Obwohl dir klar sein könnte, dass du es den Anderen gar nicht recht machen müsstest, vor allem dann nicht, wenn du das Richtige tust, das, wovon du überzeugt bist.“

„Aber wir unterlassen es zumeist, weil wir es uns mit den anderen nicht verderben wollen. Ist doch so.“ Mir schwirrt ein weiterer Gedanke durch den Kopf. Sind unsere Überzeugungen nicht auch schon davon geprägt, was die Anderen denken? Gibt es überhaupt so etwas wie originäre, individuelle Überzeugungen und Werte? Bevor ich unsre Diskussion erfolgreich verkomplizieren kann, schlägt Nina bereits den ersten Pflock für eine elementare Ethik ein.

„Stimmt. Also, Punkt eins der Verhaltensregeln für eine sinnlose Welt: Folge freundlich deinen Sehnsüchten und Überzeugungen. Punkt zwei: Du bist auf das Wohlwollen der Anderen angewiesen. Mache sie, wann immer möglich, zu Freunden oder Unterstützern! Pflege deine Beziehungen! Aber sei im Zweifel kompromisslos! Und noch?“

„Punkt drei: essen, trinken, schlafen, ein Dach über den Kopf haben, ach ja, Sex nicht zu vergessen.“

„Zärtlichkeit und Liebe finde ich universeller als rough sex. Und alles, was schön ist. Ich meine nicht bloß angenehm, die Dinge, die dich Schönheit empfinden lassen. Also auch Musik zum Beispiel. Singen ist essenziell. Komischerweise singt kaum jemand auf der Straße, obwohl es doch ein tiefes Bedürfnis ist. Allein singen, gemeinsam singen, trommeln, musizieren, tanzen. In der Natur sein. “

„Ich fasse zusammen, Punkt vier: kulturelle Selfmade-Improvisation und erotische Gruppentänze.“

„Zärtlichkeit, das bringt mich auf einen Gedanken. Gehört alles, was dem Körper guttut, in die Kategorie Essen etc.? Oder ist das ein eigener Punkt? Wir können nicht leben ohne Berührungen. Warum haben immer mehr Menschen Hunde? Sie brauchen ein lebendiges Wesen, das sie berühren und streicheln können und das sich an sie anschmiegt. Dafür hab‘ ich zum Glück dich.“

„Und Gespräche, Blicke, das wiederholte mehr oder weniger Verliebtsein. Sympathie, wenn du so willst. Wenn du jemanden wirklich interessant und sympathisch findest, dann bist du irgendwie auch verliebt.“

Nina zieht die Augenbrauen zusammen. „Irgendwas fehlt noch.“

„Sex habe ich schon erwähnt. Aber wir könnten noch differenzieren zwischen must have und must not have. Obwohl …“

„Nein, ist mir klar, wie wichtig dir das ist. Ich meine noch was anderes. Menschen sind neugierig, sie wollen wissen und erkennen, verstehen, begreifen, Neues kennenlernen, die Welt und den Kosmos erkunden und verstehen.“

„Das Vernichtungspotenzial von Asteroiden zum Beispiel. Punkt soundsoviel: Erkenntnis, Befriedigung der angeborenen Neugier. Ist okay. Wir haben also die Befriedigung unserer kreatürlichen Bedürfnisse, Sex inbegriffen. Auch Fortpflanzung und Familie? Sind das auch natürlich-kreatürliche Grundbedürfnisse?“

„Problemzone. Lassen wir vorübergehend mal weg.“

Ist vielleicht ganz gut, keine eigenen Kinder dieser allumfassenden Sinnlosigkeit ausgeliefert zu wissen, ganz zu schweigen davon, sie nicht in einem apokalyptischen Feuersturm verbrennen sehen zu müssen. Dennoch bleibt die ungewollte Kinderlosigkeit eine Kränkung. Für Nina mehr als für mich.

„Freundlichkeit, Beziehungen, was war sonst noch? Kulturelles Leben. Irgendwie ist das mit den Sehnsüchten und Träumereien jetzt unpassend. Wonach sehnen wir uns denn? Wovon träumen wir? Deine Definition eines gelingenden Lebens in der Sinnlosigkeit klingt paradiesisch – und dann auch wieder gähnend langweilig. Ich habe viele Freunde, bin nett zu denen, teile mir mit ihnen das Essen und den Rotwein, lese ein paar schlaue Bücher, gehe in der Natur spazieren und singe ein Liedchen dabei. Das einzige echte Highlight dürfte da der Sex sein. Und der müsste dann schon richtig gut sein. Was ja machbar ist. Wovon träumst du? Was würde dich im Schlaraffenland so richtig in Wallung bringen?“

„Abenteuer. Paradies ist in der Tat langweilig. Wenn man keine Abenteuer erleben kann, wird das komfortabelste Leben langweilig. Alle Menschen sehnen sich nach Abenteuern. Darum lesen sie Romane, schauen Filme, stürzen sich mit Gleitschirmen von Klippen und so. Sie sehnen sich nach Risiko und ein bisschen Angst. Nach dem Unberechenbaren, das sie zu beherrschen lernen.“

„Abenteuer. Hmm. Romane, Filme, übrigens auch Pornos. Kann es sein, dass wir zwar sehnsüchtig nach Abenteuern sind, aber Angst davor haben, sie selbst zu erleben? Das wilde, promiskuitive Leben zum Beispiel, vor dem wir uns fürchten wie das Kaninchen vor der Schlange. Die größten Abenteuer lassen wir unsere Stellvertreter in Romanen und Filmen erleben. Ist aufregend und weitgehend ohne Risiko für Leib, Leben und Beziehung.“

Wir verstummen und versinken in Gedanken. Die entscheidende Frage nach einem wirklich lebenswerten Leben dürften die Abenteuer sein, auf die man sich leibhaftig einlässt. Und die wären? Ich bringe mich ungern in Gefahr und habe mir wohl auch aus diesem Grund noch nie ein Bein oder einen Arm gebrochen. Ich meide Risiken und Konflikte. Ich habe mich zumeist mit den sprichwörtlichen Abenteuern im Kopf begnügt. Aber jetzt, wenn meine Abenteuer nicht mehr nur in meinem Kopf oder auf einer Kinoleinwand stattfinden sollen, beginnt dieses Kribbeln. Mit den Abenteuern, die mir spontan einfallen, würde ich auf jeden Fall meine Ehe riskieren. Da müsste ich wohl freundlichst Rücksicht auf Ninas Gefühle nehmen. Erotische Eskapaden, die ich kompromisslos durchziehen würde, würden nämlich bei Nina nicht auf die von ihr gerade eben noch unterstellte Akzeptanz stoßen. Das kollidiert mit Punkt zwei: Pflege deine Beziehungen, denn du bist auf die Anderen angewiesen! Und ich erst auf Nina! Wenn ich nur wüsste, was Nina gerade denkt! Und wenn ich sie frage – wird sie mir genauso unaufrichtig antworten wie ich, wenn sie mich fragen würde? Hm, na, lieber Pjotr, woran denkst du gerade? Nix. Mir fällt nichts ein.

„Was wäre denn für dich ein richtiges Abenteuer?“, frage ich.

Nina überlegt eine Weile. „Mal im Wald unter freiem Himmel übernachten. Die Tiere hören, die umherschleichen, die Stille, der Geruch des feuchten Waldbodens. Das dürfte mit einer erregenden Angstlust verbunden sein. Oder den Rucksack packen und einfach drauflos wandern und keine Ahnung haben, wo man am Abend übernachten kann und was man essen wird. Nackt baden in Seen und Flüssen.“

„Das Abenteuer beim Nacktbaden würde vermutlich darin bestehen, dabei nicht beobachtet zu werden. Die Angstlust wäre aber im Gegenteil viel größer, genau das zu riskieren und auszuhalten: dabei von anderen beobachtet zu werden. Apropos Wald und Nacht: Wir haben noch nie Sex im Wald gehabt.“

„Doch, haben wir.“

„Nicht so richtig. Nicht splitterfasernackt zwischen suhlenden Wildschweinen.“

„Okay, Sex im Wald.“

„Und in der Umkleide bei Hertie oder so.“

„Wozu? Stelle ich mir unbequem vor.“

„Nur ein bisschen Gefummel mit der Angst, dabei entdeckt zu werden.“

„Ist dir eigentlich klar, dass uns hier alle zuhören können?“

„Wie abenteuerlich! Wir haben Angst, bei unseren Gesprächen über Sex belauscht zu werden. Also lass es uns tun!“

„Wir sind freundlich und rücksichtsvoll. Warum sollen wir unsere Umwelt verstören? Lass mich den Artikel zu Ende lesen.“ Nina schiebt sich die Lesebrille zurecht.

„Würden wir das? Wären die verstört? Also, ich sehne mich danach, endlich einmal ein paar Leute bei ihren Gesprächen über Sex belauschen zu dürfen. Meinst du, den anderen geht es nicht ähnlich? Ich freue mich auch jedes Mal, wenn unsere Nachbarin gegenüber nackt durchs Wohnzimmer geht oder sich bei geöffneten Gardinen auszieht. Ich weiß. Ich sollte da nicht hinsehen. Diskretion! Taktgefühl, Anstand! Aber es bereitet mir Freude. Ich sehne mich nach diesem Anblick. Und hinter irgendwelchen dunklen Fenstern gegenüber könnten Männer und Frauen stehen, die sich danach sehnen, auch dich mal nackt am Fenster stehen zu sehen. Das mit den Sehnsüchten ist einerseits kompliziert und peinlich, andererseits sind die Sehnsüchte der Menschen gar nicht so verschieden. Glaube ich jedenfalls.“

„Sind das die einzigen Abenteuer, die dir einfallen?“

„Pardon.“

„Singend und tanzend durch die Straßen laufen. Menschen ansprechen, die einem sympathisch erscheinen. Die Scham überwinden, die einen sonst daran hindert.“

„Wildfremde Menschen ansprechen – und dann? Smalltalk?“

„Die Frage, was ihre Sehnsüchte sind, welche Abenteuer sie erlebt haben, welche Abenteuer sie noch erleben möchten.“

„Und du bist sicher, dass du an ihren ehrlichen, aufrichtigen Antworten interessiert bist? Führt das nicht zu unwägbaren, will sagen: abenteuerlichen Verbindlichkeiten? Du weißt schon. Du bist eine attraktive Frau.“

„Warum nicht? Ich weiß, was in deinem Kopf vor sich geht. Du meinst, dass ich es genießen könnte, mich als Objekt der Begierde anderer zu fühlen. Ach, es wäre vielleicht sogar schön, wenn jemand zum Ausdruck brächte, dass ich anziehend auf ihn wirke, aber ich bin ja nicht auf der Welt, um anderen ihre Wünsche zu erfüllen.“

„Musst du ja nicht. Sollst du auch gar nicht. Will ich auch gar nicht. Ich habe nur das Gefühl, du erlaubst dir nicht einmal den Gedanken daran, auch wenn du im Moment die Aufgeschlossene spielst. Passt gar nicht zu dir.“

„Findest du? Vielleicht kennst du mich gar nicht so gut, wie du glaubst.“

„Ein Abenteuer zu erleben, bedeutet irgendwas Gefährliches, Entgrenzendes oder Verbotenes zu tun. Oder zumindest mit dem Gedanken zu spielen. Sei ehrlich! Ist nicht dein Ding. Sich ein klein wenig mehr als sonst in Gefahr begeben. Die Angst spüren und aushalten, wenn man befürchten muss, einen Schritt zu weit gegangen zu sein, um zu sehen, ob die Zeit für den Rückzug gekommen ist. Oder ob sich neue Optionen ergeben, die den eigenen Erfahrungsschatz positiv erweitern könnten.“

„Deine Kamikaze-Mentalität finde ich immer wieder befremdend. Insbesondere, weil die Realität weit hinter deinen Sprüchen zurückbleibt. Den Erfahrungsschatz positiv erweitern! Wir müssten erstmal ganz klein anfangen und überhaupt mal den Mut finden, im Restaurant das missratene Gericht souverän zurückgehen zu lassen, statt schweigend alles runterzuwürgen. Pjotr, wir sind in geradezu lächerlicher Weise ängstlich. Und träumen von den großen Abenteuern. Ich wage nicht mir vorzustellen, nach welchen Abenteuern dir der Sinn steht.“

„War träumen nicht einer der ersten Punkte? Ich träume für mein Leben gern. Im Unterschied zu dir träume ich nicht nur von Museumsbesuchen, Theateraufführungen, Opern, Konzerten und Übernachtungen im Wald.“

„Sondern?“

„Von Nähe, Offenheit, von Selbstoffenbarungen, Schamlosigkeit, Berührungen, von gegenseitigen Eingeständnissen der eigenen Verletzlichkeit und Schwäche.“

„Das ist dein Lieblingsthema: peinlich sein, Scham überwinden, Voyeurismus.“

„Ich trainiere quasi täglich. Aber du pfeifst mich immer zurück, wenn’s dir zu brenzlig wird.“

„Weil du übertreibst.“

„Weil du mich peinlich findest. Wie soll ich meine eigene Scham überwinden, wenn ich dauernd das Gefühl haben muss, dass du dich an meiner Stelle schämst?“

„Dauernd.“

„Oft. Zu oft.“

„Okay, ich stimme dir zu: Wer ein richtiges Abenteuer erleben will, muss bis zu einem gewissen Grad schamlos sein. Schamlos in dem Sinne: Ich versuche mich von dem Urteil der Anderen über mich und mein Verhalten weitgehend unabhängig zu machen. Sofern ich nicht die Gefühle der Anderen verletze. Du willst, dass sich die Anderen in ihrer Verletzlichkeit offenbaren. Aber es gehört sehr wenig dazu, die Gefühle anderer zu verletzen. Es hat gute Gründe, warum wir uns vor Verletzungen schützen, warum wir uns anderen gegenüber nicht komplett ausziehen.“

„Gefühle verletzen – was heißt das eigentlich? Ich bin mir nicht sicher, dass wir wirklich Gefühle verletzen, wenn wir offen und ehrlich sind. Als kopftuchtragende Muslimin kannst du in der Öffentlichkeit nicht dein Kopftuch abnehmen, ohne die Gefühle deiner Familie zu verletzen. So sagt man jedenfalls. Normverstöße können als verletzend empfunden werden? Wenn du frei sein willst, musst du hin und wieder die Gefühle der Anderen verletzen. Vielleicht stimmt das aber auch gar nicht, dass man Gefühle anderer Menschen verletzt, wenn man sagt oder tut, was man für richtig hält und was einem selbst guttut. Was sind denn das für Gefühle? Du verletzt eine Norm, aber die Gefühle, die dadurch bei anderen ausgelöst werden, sind eher Wut, Hass und Angst. Möglicherweise alles auf einmal. Du bringst mit einem Normverstoß den Gefühlshaushalt eines anderen aus dem Tritt. Der will eigentlich immer weiter chillen und keine Unordnung, die ihn zum Nachdenken zwingt, zum Nachdenken über die eigenen Standpunkte, über die Normen und Narrative, in deren Grenzen er sein Leben eingerichtet hat. Das sind keine verletzten Gefühle, das ist eine Anfechtung. Jemand zieht ihr Leben in Zweifel, wenn er gegen idiotische Normen verstößt.“

„Genau, idiotische Normen. Aber es gibt auch sinnvolle und hilfreiche Normen. Normen sind eine Währung, auf die man sich verlassen kann. Sie geben Sicherheit. Du willst zum Beispiel sicher sein, nicht angelogen zu werden.“

„Du sollst nicht lügen, nicht stehlen, nicht deines Nächsten Weib oder Mann begehren und so weiter, den Rest weiß ich nicht mehr. Also das mit dem Begehren finde ich schon mal sinnlos. Warum soll man nicht begehren, solange man nicht anfasst? Nicht töten, nicht bedrohen, nicht erniedrigen, nicht schlagen, freundlich sein – alles gut. Aber dann kommt erst mal lange nichts. Von Etikette und verletzten Gefühlen steht in der Bibel nichts. Dafür aber: Liebe deinen Nächsten. Unmoralisch sind die identitären Hater.“

„Identitäre Hater – damit machst du ein neues Fass auf.“

„Will ich gar nicht. Die interessieren mich nicht. Wir suchen eine Definition für Abenteuer, und, wenn du so willst, nach einer anthropologischen Konstante, die die Philosophen, Psychologen und Soziologen regelmäßig vergessen: Menschen suchen Sicherheit durch Regelwerke und Normen. Sie müssen das. Aber parallel dazu müssen sie sich selbst behaupten, indem sie gegen Regeln und Normen verstoßen. Ohne Regeln und Normen keine Abenteuer. Ohne Abenteuer keine neuen Normen. Oder so. Mal ganz ins Unreine gesprochen.“

„Du meinst, das ist ein dialektischer Zusammenhang. Du installierst Normen, negierst sie, um zu einem neuen Normenkanon zu gelangen, der dann wiederum negiert und im Hegelschen Sinne aufgehoben wird undsoweiter.“

„Die erste Bedingung: Abenteuer gründen auf Normen und Regeln, die durch das Abenteuer aufgehoben oder aufgeweicht werden sollen, um zu neuen oder verwandelten Normen und Regeln zu gelangen. Man könnte das als Mutationsprozess bezeichnen. So wie die Viren durch Mutationen sich immer besser an ihre Umwelt anpassen und ihr langfristiges Überleben sichern. Zum Beispiel dadurch, dass sie ihre Wirte nicht killen. Zweite Bedingung: Weil Normen und Regeln ausgesprochene oder unausgesprochene, selbst geschlossene oder ererbte Verträge zwischen Menschen sind, sind die Verstöße dagegen immer soziale Handlungen, die die Komplizenschaft weiterer Menschen erfordern. Denn die Verstöße zielen ja auf eine Legitimation und Vereinbarung neuer oder gewandelter sozialer Regeln und Normen. Den Komplizen möchte ich am liebsten schon bei meinen Verstößen dabeihaben. Nein, ich brauche ihn, denn mit mir selbst allein kann ich gar nicht gegen Normen verstoßen, oder nur gegen die in meinem Kopf.“

„Wichtiger Punkt, die Normen in deinem Kopf. Die sind doch in erster Linie in deinem Kopf. Deine Feinde sind nicht nur da draußen, die Normen sind Dämonen in deinem eigenen Kopf. Deswegen die Scham. Du schämst dich, wenn du gegen Regeln verstößt, selbst gegen sinnlose Regeln, weil die Regeln auch für dich immer noch gelten. Sie gelten, weil du dich an die Verträge mit den Anderen gebunden fühlst. Du fühlst dich wie ein Verräter, wenn du gegen sie verstößt. Du hast Angst, die Anderen zu enttäuschen, mit anderen Worten: ihre Gefühle zu verletzen. Ich möchte die These sogar noch erweitern: Du verletzt deine eigenen Gefühle.“

„Daraus folgt doch eine sehr schöne neue Definition für das Abenteuer: Du kämpfst aus Überzeugung gegen die eigenen Gefühle und die der Anderen. Wohlgemerkt aus Überzeugung.“

„Was ist das für eine Überzeugung? Ein Wissen, oder wiederum ein Gefühl. Oder eine Vermutung, Erwartung … Woher kommen deine Überzeugungen?“

„Eine Sehnsucht nach Befreiung von bestimmten Normen. Befreiung von kontraproduktiven Gefühlen der Scham. Kontraproduktiv heißt: Sie tun weder dir noch den Anderen gut.“

„Aber deine Angst hat ihren Ursprung in deinem Zweifel an dieser Sehnsucht, Zweifel, die durchaus berechtigt sein können. Du weißt nicht, ob der Zustand, in dem du dich nach deiner sogenannten Befreiung befindest, ein guter ist. Gut für dich und für andere. Reden wir doch mal Tacheles: Du sehnst dich danach, mit anderen Frauen zu schlafen. Unsere Norm dagegen ist, dass wir beide es nur miteinander tun.“

„Das habe ich nie gesagt.“

„Wie war das noch mit dem wilden, promiskuitiven Leben? Nein, das würdest du nie zugeben. Das wäre ja auch bereits der erste Tabubruch, zumindest würdest du unsere gemeinsame Norm damit in Frage stellen, wenn du diese Sehnsucht konkret formulieren würdest. Aber du hast Angst davor, diesen Schritt zu gehen. Also verwickelst du mich in eine Diskussion, bei der du versuchst, mich davon zu überzeugen, dass es Normen gibt, die sinnlos sind und deshalb beiseitegestoßen werden sollten. Deine Anspielungen zielen dabei immer wieder auf Sexuelles. Zeig dich deinen Nachbarn nackt am Fenster! Willst du das wirklich? Du möchtest anscheinend von mir hören, dass ich, so wie du, Monogamie für überholt halte.“

„Unsinn. Ich kämpfe nur für die Legitimität sexueller Fantasien. Du weißt, ich habe ein Problem damit. Ich möchte …“

„Du hast Angst, du kämpfst gegen deine persönlichen Dämonen. Und du suchst in mir eine Komplizin, die deine sexuellen Fantasien teilt. Und vor allem legitmiert.“

„Auf alle Weise freilich.“

„Aber du hast keine Traute, mir zu sagen, dass du deine Fantasien gern einmal, vorsichtig gesagt, im wirklichen Leben experimentell erkunden willst.“

„Das ist eine Unterstellung, die dir nicht zusteht. Es ist durchaus diffiziler. Ich möchte, dass die Menschen ihre Sexualität und ihre Fantasien nicht mehr voreinander verstecken, als wäre das was Unanständiges. Ich möchte zum Beispiel unserer Freundin Uta sagen können, dass ich sie enorm sexy finde und am liebsten aufregende Nacktfotos von ihr machen würde. Verstehst du? Wenn so etwas möglich wäre!“

„Bliebe es dabei? Was wäre denn der Subtext einer solchen Äußerung? Mach dich nicht lächerlich!“

„Ich möchte es nur sagen dürfen. Weil es in meinem Kopf ist und nichts daran falsch oder verwerflich ist, sowas im Kopf zu haben. Soll sie doch wissen, was ich denke und empfinde! Wer weiß, möglicherweise schlummern tief in dir drin ähnliche Fantasien. Würde dich die Vorstellung völlig kalt lassen, wenn André so etwas zu dir sagen würde? Wenn er Fotos von dir machen wollte? Wenn er dir seine dich betreffenden erotischen Vorstellungen gestehen würde? Ist dir eigentlich mal aufgefallen, wie er jedes Mal auf deine Beine starrt, wenn die beiden zu Besuch sind? Und warum ziehst du dann jedes Mal deinen kürzesten Rock an? Ich meine, den allerkürzesten. Mich freut’s und ich genieße es zu sehen, wie sexy er dich findet. Verdammt nochmal. Das darf doch wohl auch mal ausgesprochen werden!“

„Puh! Harter Tobak. Lass mich meinen Gedanken zu Ende führen. Deine Strategie zielt darauf, dass ich an deiner Stelle unsere stillschweigende Norm, ein monogames Leben zu führen, verletze. Sie zumindest in Zweifel ziehe.“

„Wir ziehen doch gerade alles in Zweifel. Das ist doch die Methode. Angesichts der fundamentalen Sinnlosigkeit musst du theoretisch auch die Monogamie in Zweifel ziehen.“

„Du vermischst gerade die Ebenen. Du hast recht: Der methodische Zweifel als Praxis der Philosophie darf vor nichts Halt machen. Aber du lässt dich dabei allein von deinen persönlichen Interessen leiten. Das ist fatal, weil es eine unzulässige Unwucht in das philosophische Modell bringt. Du musst ebenso die Promiskuitivität, dieses dionysische Leben in Zweifel ziehen, nach dem du dich sehnst. Aber um diese Systematik geht es dir gar nicht. Du sagst, du genießt zu sehen, wie sexy mich André findet. Was willst du damit bezwecken? Dass ich seine Blicke künftig immer sexuell deute und so langsam auf den Geschmack komme? Du versuchst, mich zu manipulieren.“

„Von dir habe ich doch überhaupt nicht geredet. Es geht darum, was sich in meinem Kopf abspielt und dass das legitim ist. Niemand ist damit geschadet, wenn ich es ausspreche.“

„Sprich dich aus! Sag‘ doch einfach, dass du mit Uta schlafen möchtest. Du hast es dir vermutlich schon hunderte Male ausgemalt. Denkst du an sie, wenn wir zusammen sind?“

„Herrgott, nein! Aber denkst du denn nie auch mal an andere Männer?“

„Nein, warum sollte ich? Soll ich, deiner Meinung nach?“

„Warum nicht? Was wäre schlimm daran?“

„Ich denke nicht an andere Männer, weil ich das als Untreue empfinden würde. Ich tue es einfach nicht. Weil ich keine Zeit dazu habe, weil ich anscheinend nicht sonderlich stark auf die Optik von Männern reagiere. Weil Sex nicht mein zentraler Lebenssinn ist. Und weil es außerdem deutlich mehr schöne Frauen als Männer gibt.“

„Also denkst du eher an Frauen. Hab‘ ich kein Problem mit.“

„Im Gegenteil, ich weiß, dass du damit kein Problem hättest.“

„Ich finde es unnatürlich, keine erotischen Fantasien zu haben. Es gibt eine Menge Frauen, die erotische Fantasien haben.“

„Ich bin deiner Meinung nach also nicht natürlich, nicht normal. Ich soll mich an deine Vorstellung von Natürlichkeit anpassen. Ich glaube, dass diese Frauen, von denen du redest, genau das getan haben: Sie haben sich an die Vorstellung der Männer davon, was bei Frauen normal zu sein hat, angepasst. Und ihr Soll womöglich noch übererfüllt. Das ist patriarchalisches Denken.“

„Du wehrst dich mit Händen und Füßen gegen die Einsicht, dass dir deine erotischen Fantasien durch deine Erziehung ausgetrieben wurden. Wenn du sie nicht hast, musst du sie wohl verdrängt haben. Während ich dich dabei unterstützen möchte, sie zuzulassen und kennenzulernen, wirfst du mir patriarchalisches Denken vor. Finde ich, ehrlich gesagt, absurd. Du bist alles andere als ein asexueller Mensch – wo, bitte, sind dann deine sexuellen Gedanken? Statistisch betrachtet, denken Frauen zehn Mal am Tag an Sex, einige noch viel häufiger.“

„Woher du sowas weißt! Frauen reagieren auf optische Reize nur sehr indirekt. Sie merken oft nicht einmal, dass sie etwas erregt. Du kennst das Experiment, bei dem Frauen verschiedene Pornos gezeigt wurden, unter anderem auch kopulierende Bonobos. Sie hatten nicht das Gefühl, davon erregt zu werden. Physiologisch aber waren sie eindeutig erregt. Frauen reagieren auf Berührungen, auf den unmittelbaren Kontakt. Sie brauchen keine Fantasien, um erregt zu werden, sie brauchen Berührungen.“

„Soll heißen, wenn André – nur als Beispiel – dich berühren würde, wenn er dir sanft den Nacken massierte und dir dabei zweideutige Worte ins Ohr hauchen würde undsoweiter, dann könntest du schwach werden?“

„Erstens: André? Würde der nie machen. Ist zudem nicht mein Typ. Zweitens: Massage, okay. Alles weitere, würde ich gar nicht erst geschehen lassen. Hab‘ ich das nötig? Auch wenn es mich vermutlich nicht kalt lassen würde. Das muss ich zugeben. Aber es ist keine Fantasie, die ich innerlich kultiviere.“

„Ich meine es rein theoretisch. Aber klar: Da du keine erotischen Fantasien hast, kannst du dir auch nicht vorstellen, wie verführbar du im Ernstfall wärst.“

„Und du? Für wie verführbar hältst du dich selbst?“

„Hier kommt der Unterschied zwischen uns ins Spiel. Ich kann mir die Situation sehr gut – und sogar gerne – vorstellen. Aber wenn es in Wirklichkeit dazu käme, würde ich vermutlich ganz schnell Reißaus nehmen. Während du dir die Sache nicht vorstellen kannst, aber möglicherweise in der konkreten Verführungssituation nicht Nein sagen könntest. Von wegen Unmittelbarkeit der Berührung und so.“

„Du versuchst gerade echt mir meine Sexualität zu erklären? Das dürfte wohl die höchste Stufe des Mansplaining sein.“

„Nein, absolut nicht. Aber es muss erlaubt sein, das Verhalten und die Aussagen von Menschen zu deuten. Jede Deutung kann falsch sein, unwidersprochen. Aber ich sehe die sexuellen Tabus in deiner Erziehung, die ungewöhnliche Nichtexistenz von Fantasien und deinen Hinweis, dass es dich erregen könnte, wenn ein Mann dich zu erobern versucht. Im Übrigen spiegeln genau diese drei Faktoren patriarchalisches Denken wider: Frauen haben keine sexuellen Fantasien zu haben, sollen keusch sein in Gedanken und Taten, sollen sich aber dem begehrenden Mann (sprich: Ehemann) hingeben, wenn er das will – und es geschickt genug anstellt. Ansonsten sind Sex und Erotik unanständig und daher, bitte, aus dem persönlichen Gefühlshaushalt zu streichen. Das ist ein absolut traditionelles Frauenbild. 50er-Jahre mindestens. Aufgeklärte, befreite Frauen haben eine aktive, selbstbewusste Sexualität, verdrängen ihre Lust nicht, genießen ihre erotischen Fantasien und wissen, was und wer ihnen auf welche Weise Lust verschaffen kann. Und sie holen sich, was sie brauchen.“

„Dann ist es ja raus. So habe ich deiner Meinung nach zu funktionieren, damit ich deinem Bild einer modernen Frau entspreche. Du erwartest von mir – deine Worte! –, dass ich mir hole, was ich brauche. Ich soll diese wie auch immer geartete Sexualität in mir aus dem Dornröschenschlaf wecken und dann mal so richtig die Sau rauslassen. Jetzt bin ich mal mit dem Deuten an der Reihe: Du hast da einen gewaltigen Balken im Auge. Du erwartest von mir, dass ich die Norm an deiner Stelle breche, indem ich sie für ungültig erkläre. Am liebsten wäre es dir, wenn ich mich in deinem Sinne in eine aufgeklärte, moderne, sexpositive Frau verwandele, die ihre sexuellen Fantasien pflegt und gedeihen lässt, um schließlich auch die Initiative zu ergreifen und sich einen feschen Mann zu schnappen, der auch mal ein anderer als der eigene sein darf. Ich soll den Anfang machen, damit du die Erlaubnis zu deinem ersehnten Abenteuer mit einer Anderen bekommst, oder für einen Dreier oder Vierer, oder was auch immer du dir vorstellst. Ich soll mich emanzipieren, um dich zu befreien. Du machst meine sexuelle Emanzipation zur Bedingung für deine eigene. Damit würdest du dich in eine überaus machtvolle Position versetzen. Weil es nämlich meine Entscheidung wäre. Weil ich die Verantwortung dafür übernehmen würde. Was wäre denn, wenn ich jetzt sagte: Okay, lass es uns tun? Du sagst immer nur: Ich möchte alles sagen können. Du sagst nicht: Hey, Nina, wollen wir nicht mal einen Dreier mit Uta arrangieren? Eher würdest du dir die Zunge abbeißen. Du willst mich schon seit Wochen und Monaten dazu bringen, dass ich sage: Hey, mal mit André, oder wem auch immer, zu vögeln, wäre ein richtig aufregendes Abenteuer, findest du nicht? Und du: Klar, mach, wenn du meinst, dass das gut für dich ist! Du würdest es als Legitimation für die lang ersehnte Ära promiskuitiver Abenteuer betrachten, oder – wenn du mit meinem Fremdgehen emotional dann doch nicht zurechtkämst, dich wieder auf die Seite der Norm schlagen und mich für den Bruch unseres Vertrages verurteilen und dich beleidigt, verletzt, erniedrigt in Selbstmitleid suhlen. Nach dem Motto: Sollte doch nur ein Gedankenspiel sein. Denk die Situation doch mal ganz konkret weiter! Wenn ich nun alles täte, was du von mir verlangst und ich auf den Geschmack käme und anfangen würde, wild durch die Gegend zu vögeln. Wenn ich feststellen würde, dass das mit dir schon lange nicht mehr der Kick ist und die Abenteuer mit anderen viel spannender und geiler sind. Würde dir das keine Angst machen? Würdest du dich davon nicht entwertet fühlen? Was macht das mit der Liebe zwischen uns? Lass uns aufhören mit diesem Thema. Mich törnt das ab. Es macht mich wütend.“

„Es geht überhaupt nicht darum, irgendwas in Wirklichkeit zu tun. Aber in unseren Köpfen gibt es nun einmal diese Sehnsüchte. Ich finde, man muss dazu stehen und sie zulassen dürfen. Das ist nur ein sehr kleiner Tabubruch, den ich jedoch als entlastend empfinden würde. Du überspitzt, du drehst und wendest die Sache so lange, bis sie dir passt.“

„Nein, ich lass‘ mich nur nicht für dumm verkaufen. Aber lass‘ gut sein. Ich habe doch schon lange begriffen, wie wichtig dir deine Fantasien sind und wie wenig souverän du damit umgehen kannst.“

„Gerade darum geht es mir, um die Souveränität. Aber dir fällt es schwer, mit meiner Souveränität umzugehen, und das schränkt meine Souveränität wiederum ein. Ich habe überhaupt nicht vor, was mit Uta anzufangen und will auch nicht, dass du dir André schnappst. Oder er dich.“

Langes Schweigen. Ich spüre die Röte in meinem Gesicht. So unglücklich, wie unser Gespräch verlaufen ist, wird es wohl nichts mit unserem für heute Abend verabredeten Bettvergnügen. Nina ist sauer und ich fühle mich missverstanden. Ein Vierer mit Freunden? In Wirklichkeit würde mich das nicht ein bisschen antörnen. Was fängt man schon an mit diesen unvertrauten Körpern? Wie überhaupt käme es soweit? Das Glas Wein im Sofa und irgendwann die Frage: Sagt mal, ihr beiden, seid ihr eigentlich schon mal in einem Swingerclub gewesen? Immerhin schreibt ihr in eurem Buch über so ein Erlebnis. Nein? Hab‘ ich mir gedacht. Und nie mit dem Gedanken gespielt? Auch nicht. Wie wäre es mit einem Spielchen? Der Verlierer muss jedes Mal ein Kleidungsstück ausziehen. Wer nicht am Ende völlig nackt dasteht, hat gewonnen und kann bestimmen, was die anderen zu tun haben. Unterirdisch! Primitiv. Ich könnte das nicht. Allerdings: umgekehrt? Wenn die Freunde den Vorschlag machen? Komm´ schon, Aleksander, mach mit! Das ist lustig, wir kennen uns doch schon so lange. Hast du etwa Angst? Siehst du, Nina macht auch mit. Dann wäre es auf einmal okay. Oder würde ich mich nicht selbst dann noch zieren?

Eine neue Theorie geht mir durch den Kopf. Während ich, der ich mich zu meinen ausschweifenden erotischen Fantasien bekannt habe und – da hat Nina vollkommen recht – sie zu eigenen Bekenntnissen provozieren möchte, weil ich mir unsere traute Zweisamkeit noch schöner und abenteuerlicher vorstelle, wenn wir uns frank und frei über pikante Fiktionen austauschen könnten, unterstellt sie mir unentwegt das brennende Interesse, meine Fantasien Wirklichkeit werden lassen zu wollen. Warum nur? Die Psychoanalytiker würden hier von Projektion sprechen. Sie unterstellt mir, was sie für sich kategorisch ausschließt, weil in ihr nicht sein kann, was nicht sein darf. Möglicherweise ahnt Nina, dass die Versuchungen viel zu groß sein könnten, wenn sie ihre Fantasien an die Oberfläche ihres Bewusstseins steigen ließe. Sie hat Angst vor dem, was sie zu tun bereit wäre, wenn sie die unberechenbaren Geister aus der Flasche befreite. In dem Märchen DER GEIST IM GLAS der Gebrüder Grimm lässt ein junger Mann einen kleinen Homunculus aus einer Flasche. Der bläht sich zu einem riesigen Geist auf und droht, seinen Befreier zu töten. Ein guter Grund, den Geist gar nicht erst heraus zu lassen, wenn man ahnt, dass er mir mit allen meinen Zukunftsplänen einen Strich durch die Rechnung zu machen beabsichtigt. Mit einem Plopp ist das Leben hopp. Das Märchen endet jedoch nicht mit dem Tod des leichtsinnigen Sohnes eines armen Holzhackers. Mit einer List lockt er den Geist zurück in die Flasche. Dabei könnte er es auch belassen. Wer begibt sich schon ein zweites Mal in so eine hochriskante Situation? Müsste schon ein Idiot sein. Aber der junge Mann lässt den Geist ein weiteres Mal heraus. Der Lohn: ein lächerlicher Lappen, ein Zauberlappen, wie ihm versichert wird. Als der Junge die geliehene Axt damit bestreicht, wird das Metall weich. Beim ersten Hieb verbiegt die Schneide. Der Junge blamiert sich nicht nur vor seinem Vater, die verbogene Axt stellt auch einen herben finanziellen Verlust für die Familie dar. Ziemlich blöd gelaufen! Wäre der Geist doch bloß in der Flasche geblieben! Die Pointe am Ende: Das Eisen der Axt wurde durch den Lappen in wertvolles Silber verwandelt. War also doch die richtige Entscheidung, den Geist aus der Flasche zu lassen. Und ich finde, auch Nina sollte sich entscheiden, ihre Geister aus der Flasche zu lassen. Erstens kann sie den übermächtig erscheinenden Geist, den großen Mercurius, wie es im Märchen heißt, mit einfachen Mitteln wieder auf Erbsengröße schrumpfen lassen, zweitens wird sie von ihm reich beschenkt, drittens sind die mit seiner Befreiung verbundenen Ängste und Peinlichkeiten vorübergehender Natur. Ist nur eine Theorie. Ich behalte sie für mich, denn Nina würde sie für übergriffig und unverzeihlich halten. Außerdem würde Nina sofort mit einer überwältigenden Gegentheorie aufwarten, die mir meine schöne Theorie zerstören würde.

Unterdessen hat auch Nina nachgedacht und spricht unvermittelt in die vor ihr aufgeschlagene Zeitung.

„Also nochmal in aller Ruhe. Der Punkt ist: Wir beide sind möglicherweise empathisch genug, uns nicht gegenseitig diesen Tabubruch zuzumuten, diese Unsicherheit, die daraus resultieren würde. Ich meine, wirklich mit Anderen Sex haben. Ich will das nicht, und, wenn ich dir glauben darf, auch du nicht. Du stellst es dir zwar vor, aber du würdest es mir nicht antun. Und ich dir sowieso nicht. Dieser Tabubruch würde nur gelingen, wenn einer von uns gerade nicht empathisch wäre und seinen Sehnsüchten – welche auch immer das sein mögen – rücksichtslos Taten folgen lassen würde. Wenn etwas zwischen uns nicht mehr funktionieren würde.“

„Außer, es gibt eine bislang uneingestandene Komplizenschaft, eine Synchronität der Sehnsüchte.“

In meinem Kopf spielen zwei Paare nackt Flaschendrehen. Im Innern der Flasche hüpft ein halb durchsichtiges, wild gestikulierendes Wesen herum.

„Die du mit pseudosokratischen Überredungsstrategien herzustellen versuchst, ohne selbst klar Stellung zu beziehen.“

„Hab‘ ich das nicht schon? Und außerdem: Wer von uns spielt denn hier den Sokrates?“

„Worauf ich hinaus will: dieses Verschieben der Verantwortung. Dass man die Verantwortung für eine Sache, für eine Handlung, für ein Risiko, für eine Veränderung, die man sich wünscht, einem anderen überlässt. So, wie du von mir erwartest, dass ich eine Entscheidung treffe, die dich vermeintlich befreit, statt dass du diese Entscheidung selbst triffst und dann auch die Verantwortung trägst und die Konsequenzen in kauf nimmst. Und dabei geht es überhaupt nicht mehr um Sex. Wir sind möglicherweise einer viel größeren Sache auf der Spur, einem universalen Gesetz, das weit über Liebe und Sexualität hinausgeht. Hör zu!“ Nina legt die Zeitung beiseite und richtet sich in ihrem Sessel auf. „Soziale Normen zu übertreten ist mit Angst verbunden, geradezu existentieller Angst. Denn die Gesellschaft könnte dich vermutlich bestrafen oder ausstoßen. Ich könnte dich bestrafen. Ich könnte dich verlassen, wenn du deine sexuellen Fantasien Wirklichkeit werden lässt.“

Ich will ein weiteres Mal widersprechen, aber Nina lässt mich nicht zu Wort kommen.

„Lass mich diesen Gedanken weiterentwickeln! Du willst also jemanden, der an deiner Stelle bestimmte Normen übertritt, um nicht selbst die Verantwortung dafür tragen zu müssen. Und dafür brauchst du empathielose Menschen, Psychopathen, denen es gleichgültig ist, was die Anderen über sie denken. Menschen, die keine soziale Angst kennen und darum radikal handeln können. Diese Menschen müssen nicht einmal von einer Sehnsucht getrieben sein, sie müssen einfach nur etwas tun. Sie wollen sich mächtig fühlen. Mit anderen Worten: Wir Sehnsüchtigen warten auf einen Anführer, der an unserer Stelle die Normen bricht. Scheiße nur, wenn das nicht die Normen sind, die dich persönlich zwicken, oder wenn die Sache uferlos wird. Warum hat Donald Trump eine so große Anhängerschaft? Weil er permanent Normen bricht. Weil er anscheinend den Mut besitzt, für unumstößlich gehaltene Normen zu brechen. Ein Zerstörer, der die Hoffnung auf eine neue Ordnung schürt. Aus den gleichen Gründen sind die jungen Männer 1914 begeistert in den Weltkrieg gezogen. Sie hatten die Hoffnung, die Zerstörung würde eine neue und bessere Ordnung hervorbringen. Hitler war so offenkundig ein Zerstörer, alle haben das gewusst, aber viele wollten genau das: Zerstörung. Weil sie glaubten, danach würde etwas Neues und Besseres kommen. Was das jedoch sein würde, wussten sie selbst nicht. Und am allerwenigsten Hitler. Dem reichte das Gefühl der Macht und er badete in der Euphorie über die selbst ihm unerklärliche Gefolgschaft der Massen, die auf ein großes Abenteuer aus waren. Wir wollen unsere Abenteuer nicht selbst verantworten, wir brauchen amoralische Psychopathen, denen wir in ein Abenteuer mit unabsehbaren Konsequenzen folgen können. Trump, Hitler, Orban, Putin, Charles Manson, die Taliban, Boko Haram, Bruno Göring, Martin Luther …“

„Martin Luther?“

„Selbst wenn er gute Absichten verfolgt hat, er war Egomane genug, sich während der durch die Reformation ausgelösten Bauernkriege auf die Seite des Adels zu schlagen und die gewaltsame Niederschlagung der Bauernaufstände zu fordern. Die Anführer des Volkes wenden sich schnell gegen das Volk, wenn sie ihre Macht schwinden sehen. Als Normzerstörer machen sie den Menschen Hoffnung auf die Erfüllung ihrer Sehnsüchte. Aber sie können diese Sehnsüchte gar nicht erfüllen.“

„Nach deiner Definition müsste dann auch Jesus ein Psychopath gewesen sein.“

„Nee, der hat, aus der Perspektive eines Psychopathen betrachtet, etwas vollkommen Irrwitziges getan: Er hat sich verraten und hinrichten lassen. Er hat darauf verzichtet, Macht zu bekommen, er hat sich gerade nicht auf einer Wartburg versteckt. Ich will gar nicht all diese Fässer auf einmal aufmachen. Ich sage nur: Wir sehnen uns vielleicht danach, bestimmte Normen und Regeln loszuwerden, schrecken aber vor den Risiken eigenen verantwortlichen Handelns zurück und suchen uns Psychopathen als Anführer, die diese Angst nicht besitzen. Wir machen damit den Bock zum Gärtner. Wir wünschen uns eine menschliche Welt, ja. Wir können aber nicht erwarten, dass diese Arbeit Unmenschen für uns tun, oder überhaupt irgendwelche anderen Menschen. Die Welt zu verändern, bedeutet, sie – gemessen am Bestehenden – in Unordnung zu bringen. Aber diese Unordnung ordnet sich danach nach eigenen, emergenten Gesetzen und weitgehend ohne unser individuelles Zutun. Du kannst das dann nicht mehr steuern. Die besten Absichten können in der Barbarei enden.“

„Das ist der Standpunkt der Konservativen. Ändere nichts am Status Quo, die Folgen wären unabsehbar! Das ist mir zu holzschnittartig. Wir wissen zu genau, dass die Welt nicht bleiben kann, wie sie ist.“

„Unzweifelhaft. Aber wir brauchen dafür keine Zerstörer, die behaupten, die Demokratie sei zu träge für die nötigen Veränderungen. Wir brauchen nicht diese Psychopathen in den Führungspositionen von Wirtschaft und Politik. Wir brauchen Empathie, Rücksicht, Weitsicht, Weisheit.“

„Den guten König, von dem Platon spricht?“

„Eine wachsame, aufgeklärte, demokratische Öffentlichkeit.“

„Sind wir mit dieser Erkenntnis auch nur einen Schritt weitergekommen?“

„Die Bolsonaros, Lukaschenkos, Orbans, Trumps und Putins dieser Welt spiegeln mit der durch sie provozierten Spaltung der Menschen in Gefolgschaft und Widerstand die dialektische Einheit von Sehnsucht und Angst wider, die angesichts der globalen Herausforderungen in höchste Anspannung geraten ist. Sehnsucht nach menschlichen Lebensverhältnissen für alle und Angst, zu den Verlierern zu gehören. Sehnsucht nach Veränderung und Angst vor den Konsequenzen. Das ist eine höchst explosive Situation, in der wir uns befinden. Und ich fürchte, auch wir beide leben gerade in einer höchst explosiven Situation.“

Wir beide leben in einer explosiven Situation? Was meint Nina damit? Ich fühle mich schlecht. Der Typ mit seinem Laptop auf der Nebenbank sieht verstohlen zu uns herüber. Wartet wohl gespannt auf den Fortgang unseres Gesprächs. Nina blickt aus dem Fenster und ich sehe einen bitteren Zug um ihren Mund. Ich müsste jetzt irgendwas sagen, mich weiter erklären. Aber es käme doch nur aufs Selbe hinaus: Nina hat recht. Ich möchte in Abenteuer verwickelt werden, aber nicht selbst dafür verantwortlich sein. Ich beklage mich über die Spießer, die nicht wagen zu sagen und zu tun, was sie ersehnen. Sie sollen über ihren Schatten springen, weil ich selbst es nicht kann. Und nicht will. Du zuerst! – das ist schon immer meine Devise gewesen. Ich habe nie das Zeug zur Pippi Langstrumpf gehabt, bin immer nur der kleine, ängstliche Thomas gewesen. Und Nina meine Annika? Ich blicke mich um: lauter Thomasse und Annikas mit Gesichtsmasken. Unsere Freunde und Bekannten, auch sie heißen alle Thomas oder Annika. Wie viele von ihnen mögen sich eine Pippi Langstrumpf herbeiwünschen, die sie aus ihrem Normalo-Dasein herausreißt?

Ich rufe mir einige der Abenteuer von Pippi Langstrumpf ins Gedächtnis. Viele davon hätten so richtig in die Hose gehen können. Vermutlich ist Pippi eine Psychopathin.

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