Der Spruch, man solle nicht mit dem Strom schwimmen, oder auch nur das im Ton zarten Protestes geäußerte Bekenntnis, man schwimme nicht mit dem Strom, hat ausgedient, seit jedem halbwegs gescheiten Menschen klargeworden ist, dass gegen den Strom zu schwimmen längst nicht mehr mit irgendeiner Anstrengung verbunden ist: Schwimmt man nicht mit diesem Strom, schwimmt man eben mit einem anderen. Es liegt auch gar keine Anfechtung mehr darin, sondern ist ein Reflex der sogenannten Meinungsfreiheit, die kaum noch mehr meint als eben diejenige Freiheit, die dem einen diese und dem anderen eine beliebig andere Meinung gewährt – keine saure Übung in Toleranz ist damit verbunden, nur Isolation der zum geistigen Stillstand tendierenden Individuen. Dabei ist die Melange aus Desinteresse an der Meinung anderer und ängstlicher Einhegung der eigenen Meinung die beste Voraussetzung dafür, wie ein Korken auf dem breiten Strom hinabzutreiben, der dann endlich doch nur eine Richtung kennt.

Der heimliche Totalitarismus, der in den unbewussten Köpfen nistet, weil in falscher Toleranz niemand mehr ernsthaft noch die dümmste Ansicht eines anderen zu zerpflücken wagt und die eigene Identität zu schützen sucht, indem er seine Meinungen nicht einmal mehr dem eigenen Verstand zur Prüfung vorlegt, hat – als ideologischer Bastard aus Golem und Leviathan – im flüchtigen Vergleich Ähnlichkeit mit dem, den wir gerne den Ameisenvölkern unterstellen. Der Ehrfurcht, die der gewaltige Ameisenbau einfordert, weil kein Herrscher einen Befehl erteilt und kein Architekt den Plan dafür erdacht hat, und doch alle emsig und scheinbar zielstrebig an seiner Vollendung und seiner funktionellen Instandhaltung arbeiten, folgt die bemitleidende Überheblichkeit derer, die sich im Besitz von Verstand und Bewusstheit wähnen, weil sie nicht bloß ein unbewusstes und genetisch vorgeprägtes Programm abspulen, wie die kleinen Krabbeltiere, sondern denkend über ihr eigenes Ich, als Gegenwärtige über Vergangenes und Zukünftiges stolpern – darum Pläne schmieden, Allianzen bilden, gegen Ströme schwimmen können.

Wer als Kind oder auch als neugierig gebliebener Erwachsener sich einmal für die Wege vereinzelter Ameisen interessiert hat (und die, die vom Wege abkamen, sind immer die sympathischsten gewesen), weiß um die anscheinend unsinnigsten Abwege, die sie nehmen können. Wie orientierungslos laufen sie abseits der Straße, wo die Masse wandert, wenn man sie als Masse betrachtet. Sie laufen quer, ein Stück vor, ein Stück des Weges zurück, irren umher, als suchten sie etwas, finden zuweilen sogar etwas, das sie mühsam ein kleines Stück zu tragen beginnen, bald wieder verlieren und sofort vergessen oder ignorieren, bis zufällig eine andere die Arbeit fortsetzt. Manch eine Ameise unternimmt eine weite, sinnlose Reise, die zu verfolgen dem Betrachter die Geduld fehlt, ahnend, dass sie von der Art sei, die sie an einem nahen oder fernen Sommertag durch seltsame Geheimwege quer durchs Wohnzimmer führt, von wo aus sie zielstrebig die Küche mit ihren süßen Vorräten erobert. Ob nun Unbewusstheit, göttliches oder natürlich komplexes Programm oder ein der menschlichen Wissenschaft unzugängliches Bewusstsein das soziale Kunstwerk hervorbringt – Ehrfurcht gebietet die Unschuld der Ameisenvölker; noch dann, wenn sie sich bekriegen und neben Sammlern auch Jäger sind, vergleichbar mit dem „paradiesischen“ Menschentum vor dem Sündenfall.

Die Religionen haben einiges ersonnen, um die Menschen, nachdem sie vom „Baum der Erkenntnis“ gegessen hatten, zu erretten, nämlich die „Trennung von Gott“ aufzuheben. Dass Ich und Welt, Ich und die Anderen, Ich und Gott auseinanderfielen, ist aber schon deshalb kaum zu revidieren, weil das Ich seiner geistigen Natur nach von jeglichem anderen unterschieden bleiben möchte – und muss. Der Mensch wird nicht mehr zur Ameise – wenn er auch zugleich, umherirrend wie sein irdischer Lebensgenosse, Großes miterschafft, das extraterrestrische Beobachter gönnerhaft anerkennen mögen. Er irrt, reflexiv, auf höherem Niveau. Und plant, und koaliert, und widersteht – das sind jedenfalls einige seiner wichtigsten Fähigkeiten.

Und er schwimmt in einem breiten Fluss: Lethe.

Was, wenn es auf höherer Stufe, wie in einer dialektischen Versöhnung von Natur und Bewusstsein, ein neues Ameisenleben geben könnte, in dem die aufgeklärten Ameisenmenschen sich mutig und ungeschützt auf Abwege begäben, Meinungen und Überzeugungen nicht mehr gegen Argumente abschotteten und sich nicht mehr höflich von der peinlichen Blöße fremder Ansichten abwendeten? Würde nicht auch dann eine Straße, ein großer Staat erkennbar werden? Würden nicht alle in einem großen Strom schwimmen, in dem zu schwimmen sich lohnte? In dem die Schuld des Menschengeschlechts sich verringerte?

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