Eine interessante wissenschaftliche Frage wäre, ob die Ehe, dieses als lebenslanges Bündnis gedachte Verhältnis zweier Menschen nun Henne oder Ei des Kapitalismus sind. Folgte das oberste gesellschaftliche Prinzip der Kapitalanhäufung der Notwendigkeit, dem ehelichen Bund und vor allem der Versorgung der daraus hervorgehenden Kinder eine verlässliche ökonomische Basis zu verschaffen, oder folgte das bis heute anhaltende goldene Zeitalter des Kapitalismus auf die sich nach und nach etablierende Formation der genetisch definierten Groß- und später zum Standard gewordenen Kleinfamilie? Das ist keine triviale Frage, weil von ihrer Beantwortung auch abhängt, ob die immer noch vorherrschenden in den Familienbund eingeschriebenen patriarchalen Strukturen eher eine Frucht der gesellschaftlichen Differenzierung in Familien sind, oder die eines Kapitalismus, der emergent aus den Beziehungen der wirtschaftenden, Tauschhandel treibenden und Werte anhäufenden Einzelnen hervorgegangen ist.

Für uns Heutige ist es nachgerade unhinterfragbar, dass zur Einrichtung des eigenen, selbstständigen Lebens die Sorge um die ökonomische Basis gehört, denn ein moderner „Jäger und Sammler“, der sich einfach bei allem Vorhandenen, spontan Vorfindlichen bediente, gälte in den Augen der Mehrheit als Dieb, Parasit, Aus- oder Freibeuter. Noch der ewige Single glaubt, er bedürfe langfristig eines gewissen Konvoluts an Eigentümern, um ein menschenwürdiges Leben führen zu können. Und das geht weit über Dach, Koch- und Schlafstelle hinaus. Im Kleinen rekonstruiert er für sich allein, was einmal vor allem für den bürgerlichen Familienhaushalt konstitutiv und davor dem Adel vorbehalten war. Beinahe alle Produkte, die das kapitalistische Wirtschaftssystem hervorbringt, sind eingeflochten in das Gewebe, aus dem es besteht. Weder lassen sie sich wieder aus ihm herauslösen, um sie in das Sortiment eines neuen und ganz anderen gesellschaftlichen Gefüges in neuer Funktion und Wertung einzubinden, noch ließe sich ganz auf sie verzichten, weil ihre Abbilder zu ideellen Bausteinen der Subjekte geworden sind, weit mehr als nur Statusobjekte. Eigenheim, Auto, Einbauküche, Elektrizität, Wasserspülung, Heizsysteme, Computer, Musikanlage und Couchgarnitur stehen pars pro toto für das Ensemble von Einrichtungsgegenständen und Funktionen, mit denen wir die Puppenstübchen unserer begrenzten Lebenszeit auszustatten wünschen. Über sie, ihren Besitz und ihre private Verfügbarkeit definieren wir uns als Subjekte und verlinken sie kausal mit erhofftem Glück und Lebenserfolg. Das gelungene Leben ist eines, das nahezu Vollausstattung mit den verfügbaren Produkten suggeriert. Diesem Ziel sind alle Absichten und Tätigkeiten innerhalb der Familie untergeordnet, sogar das anfängliche Ehe- und Treue-Versprechen, nämlich als gegenseitige Absicherung für die gelingende kapitalistisch organisierte Zugewinngemeinschaft. Der Ehevertrag, der Einkommen und Besitztümer notariell differenziert und den jeweiligen Parteien im Vorhinein zuschlägt, ist demgegenüber kein Fortschritt. Vielmehr zeigt er die Fratze des Kapitalismus nur weniger verschleiert. Im Falle der Scheidung wird dann ja auch in der Zugewinngemeinschaft doch wieder aufgeteilt. Der Ehevertrag offenbart den berechtigten Zweifel an der romantischen Idee eines lebenslangen Liebesbundes, die immer noch als mystischer Grund der Eheschließung unterstellt wird. Deshalb bleibt der Ehevertrag auch weiterhin eine allgemein mit Argwohn betrachtete Seltenheit. Vergeht über die Jahre die Liebe zwischen den Partnern, unmerklich, weil sie der Gewöhnung und Verwöhntheit weicht, heißt es dann, die Paare müssten nun an ihrer Beziehung arbeiten, im besten Falle ihre Liebe wieder auffrischen, kennzeichnet gerade das Verb „arbeiten“ das kapitalistische Schema der Ehe: Es geht nur vordergründig um die Prolongation der Liebesgefühle, im Kern aber um die Sicherung von gemeinsam erworbenem Besitz, dem an Immobilien, Fahrzeugen, Möbeln, Ersparnissen, Versicherungen und Renten. Meist dienen die eigenen Kinder als Rechtfertigung für den Erhalt der familiären ökonomischen Basis. Für sie scheinen fast alle Objekte des Puppenhauses angeschafft worden zu sein, denn die Kinder brauchen ein Heim, in dem sie sich wohlfühlen und gedeihen können, das alle Widerstände für die gelungene Erziehung der Heranwachsenden buchstäblich aus dem Weg räumt. Das fängt beim warmen Bad an, in dem die Säuglinge nicht frieren müssen, und hört bei Smartphone und Playstation noch nicht auf. Sie wachsen auf in einem Umfeld, das ihnen zu verstehen gibt, es komme bei allem, was Familie, überhaupt Leben in der Gesellschaft ausmacht, auf die materiellen Bedingungen und die Verfügbarkeit so vieler Produkte wie möglich an, auf Luxus und scheinbare Befreiung von Arbeit. Das ist die Sicherheit, die ihnen als individuelle Vermögen emotionale Stabilität, Bildungsbereitschaft, schulische wie berufliche Zielstrebigkeit und Produktivität verschaffen soll. Das sind die Bedingungen zukünftigen Glücks. Sind die Kinder einmal aus dem Haus, wird das kapitalistische Familiensystem weder aufgekündigt noch neu strukturiert, obwohl es doch durch Liebe und insbesondere durch die Notwendigkeiten der Erziehung der Kinder legitimiert wurde. Gehen die Kinder ihre eigenen Wege und sind die herzlichen Liebesgefühle verflogen, setzt sich der Alltag in der ehelichen Gemeinschaft doch einfach und nicht wesentlich verändert fort. Gelingt es nicht, die einstige romantische Liebe wenigstens durch innovative und abwechslungsreiche Sexualpraktiken zu ersetzen und entstehen Missgunst, Verachtung und Hass aufgrund des ausbleibenden Glücks, kommt es vielleicht zur Trennung, wenn nicht Mattig- und Gleichgültigkeit die Oberhand gewonnen haben und allabendlich der Fernseher zum angenehmen Verweilen aufruft, oder welche medialen Angebote auch immer. Und jede Trennung, jede Scheidung wird vor allem als schmerzlicher materieller Verlust wahrgenommen, nicht als Trauer über die verlorene Liebe. Scheidungen sind in der Regel erbitterte Verteilungskämpfe, bei denen es gilt, möglichst vieler Anteile der ehelichen Objekte und Gewinne habhaft zu werden, weil sie als je eigener Verdienst rekonstruiert werden. Die Erniedrigung, die zumeist beide Seiten dabei empfinden, verdankt sich der vagen und beschämenden Erkenntnis, dass nicht Liebe, sondern Ökonomie das eigentliche Band gewesen ist, das alles zusammenhielt. Diese einfache, immer schon in den Hinterköpfen schwelende Erkenntnis wird nur deswegen selten zu einer klaren, weil wir gelernt haben, sie mit einer Schicht von Emotion zu überdecken, die ihre Anlässe aus den Idealen bezieht, die ihrerseits schon das Ökonomische und Objekthafte der ehelichen Beziehung verschleiern sollen. Emotionen erfüllen wichtige gesellschaftliche Funktionen, sie stabilisieren noch den absurdesten zivilisatorischen oder kulturellen Standard, weil sie im Unterschied zum Gedanken, zu der aus geistigem Bemühen erlangten Erkenntnis, die sich immer auch als falsch erweisen kann, grundsätzlich Wahrheit zu verbürgen verspricht. Sie ist unmittelbar und nicht weiter in einander begründende oder sich widersprechende Teile zerlegbar, nur feststellbar, als mentales Phänomen nicht analysierbar, jeder Kritik enthoben. Sie zeigt sich positiv in der Euphorie, auch in Wut und Hass, negativ im schlechten Gewissen, das nur dem Wortlaut nach etwas mit Reflexion gemein hat. Mit dem schlechten Gewissen hat – in einem kruden Beispiel – etwa die Mutter zu kämpfen, die selbst in einem Akt der Barbarei genital beschnitten wurde und nun meint, bei ihrer Tochter diese Tradition fortsetzen zu müssen. Möglicherweise wird sie mit Inbrunst dafür kämpfen und die größten Hindernisse überwinden. Sie glaubt, ihr Gefühl gebe ihr das Recht dazu. Mit vergleichbar großer Inbrunst werden in unserer Kultur die Allermeisten die Institution der Ehe, vor allem aber die eigene Ehe verteidigen, weil sie als Norm mit starken Emotionen getränkt ist, selbst dann noch, wenn die Enttäuschung bereits groß ist.

In einer lieblos gewordenen Ehe schlagen doch die Emotionen hohe Wellen, wenn einer der Partner des Fremdgehens überführt wird, oder auch nur der Verdacht entsteht. Die Eifersucht gibt sich als Kehrseite der Liebe. Oft ist aber die Eifersucht eher Wut und Enttäuschung über den Vertragsbruch, den die Untreue darstellt, nicht aber enttäuschte Liebe. In ihr scheint auch der Reflex auf, der Partner selbst sei etwas wie Besitz, also weniger Subjekt und mehr Objekt. Dennoch lautet der Vorwurf gegen den Treulosen, seine Liebe sei erloschen und habe das schon längere Zeit verschwiegen, habe nicht rechtzeitig über seine schwindenden Gefühle offen gesprochen, während die eigene Eifersucht als Beweis der eigenen immer noch lodernden Liebesflamme hinlänglich ausreicht, um den anderen verurteilen zu können. Wo beim Betrogenen zuvor alle Liebe erloschen schien, scheint sie im Gewand der Eifersucht mit voller Wucht zurückzukehren. Tatsächlich sind jedoch nicht Liebe und Partnerschaft bedroht, vielmehr drohen ökonomische Verluste, immer noch vor allem für die Frauen, die sich seltener aus einer Ehe verabschieden – trotz des Treuebruchs des Partners-, wo noch Kinder zu versorgen sind, dafür resoluter und ehrlicher die Partnerschaft beenden, wenn sie für ihre ökonomischen Bedürfnisse alleine sorgen können. Eifersucht, Hass und Verachtung, die in einer lieblos gewordenen Beziehung dem Treuebruch folgen und der den drohenden Wechsel des Partners in eine neue Lebensgemeinschaft indiziert, substituieren die bloße Sorge um Verluste und verlorenen Komfort, weil unsere Kultur die Idee, die Ehe sei vor allem eine ökonomische Versorgungsgemeinschaft, ächtet, heute weit mehr als zu früheren Zeiten, wo das Ökonomische noch im Vordergrund stand, aber allerdings auch Ehefrau und Kinder als Eigentum des Mannes begriffen wurden. Darum folgt auch so oft dem Fremdgehen die Trennung. Die ökonomischen Nachteile werden in Kauf genommen, damit die Ehe nicht als ein im Kern ökonomisches Verhältnis enthüllt wird. Kälte unterstellen wir der Frau, die in gelassenem Ton berichtet, ihr Mann schlafe mit anderen Frauen, aber es sei für beide Seiten von Vorteil, wenn die Ehe als Versorgungs- und Zugewinngemeinschaft erhalten bleibe. In der durchökonomisierten, kapitalistischen Welt möchte sich kaum jemand als bloße Funktion in diesem inhumanen Getriebe begreifen. Das ist eines der stabilsten Tabus unserer Zeit. Darum muss das Ideal der romantischen Liebesgemeinschaft so gut es geht aufrechterhalten werden, für sich selbst und für alle anderen.

Ein Irrtum wäre zu meinen, man könne diesen vom Kapitalismus durchwirkten Sphären entkommen und ein richtigeres Leben ohne diese Substitution von Emotionen und Werten führen. Aber es ließe sich doch eine andere ökonomische Gewichtung denken, bei der Absicherung und moderater Wohlstand von staatlicher Seite unabhängig von ehelicher oder familiärer Bindung gewährleistet wären. Wenn etwa Mutterschaft mit einem Einkommen verbunden wäre und auch schon jedes Neugeborene nicht bloß mit Brosamen bedacht würde, die beinahe nur für die Monatsration an Windeln reichen; wenn der Gedanke, durch die Weitergabe der eigenen Gene an neue Menschen entstünde eine Art Eigentumsrecht an diesen, weil sie eben als Produkte, ökonomische Objekte begriffen werden, ersetzt würde durch die Anerkennung der Tatsache, dass der neue Mensch auch eine neue und einzigartige DNA besitzt, die sich nur unerheblich von der aller anderen Menschen unterscheidet und nur einen Funken weniger von der ihrer Spender.

Die wahrhaften Tragödien spielen sich dort ab, wo die Partner sich lieben und doch die tradierte Norm der ehelichen sexuellen Treue – um die Seitensprünge geht es ja in den meisten Fällen – im betrogenen Subjekt mit Übermacht die gebotene Trennung einfordert, obwohl die Partnerschaft in beinahe allem dem hochgehaltenen Ideal entspricht und damit dem ökonomischen Bund zwar nicht Hohn spricht, aber ihn doch übertrumpft: Vertrauen, Vertrautheit, Zuneigung, Begehren, Kennerschaft, Achtung, Anerkennung, Verehrung, Wertschätzung – Liebe. Niemand wäre befugt irgendeinem Menschen dies abzusprechen, wie deformiert er von den gesellschaftlichen Verhältnissen auch sein mag. Schuldlos schuldig scheinen die Partner zu werden, wo Liebe in Hass und Verachtung umschlägt, weil es das internalisierte, vom kapitalistischen Logos geformte, mindestens aber überformte Logos des Ehe- und Familiensystems gebietet und das fest Gefügte (mehr als „Marmor, Stein und Eisen“) zu spalten und zu zerreißen vermag, so dass die irren Kräfte walten können, die die verbliebenen Besitztümer zusammenscharren, mit scharfem Blick um den je eigenen Vorteil bedacht. Dabei müsste, trotz des verständlichen Schmerzes, der starke und liebende Bund doch eigentlich jeder Anfechtung genügend Widerstand entgegensetzen können. Mehr noch: Müsste – wenn es um lebenslange oder auch nur langdauernde Partnerschaft geht – nicht gerade dieses urtümlich Menschliche, das nach immer neuen Reizen und neuer Befriedigung suchende sexuelle Begehren, das doch im Widerspruch zu Treue und lebenslanger Partnerschaft zu stehen scheint, aus dem Kanon dessen entlassen werden, was als konstitutiv für Ehe und Familie gilt? Oder sind für diese Befreiung die emotionalen und normativen Gravitationskräfte einfach zu groß?

Am Ende steht wieder der zum „Single“ Vereinzelte. Er lebt in Beziehung zu den leblosen oder auch nur „animierten“, „virtuellen“ Objekten, er identifiziert sich mit ihnen. Das scheint ihm größtmögliche Freiheit zu bieten, ungebunden an Menschen, die zu lieben und von ihnen geliebt zu werden doch ein Stück vom menschenmöglichen Glück bedeuten würde. Er versteht sie, selbst zum Objekt unter Objekten geworden, die Anderen, nurmehr als Objekte einer unerkannten und ungestillten Begierde, Objekte, die retour geschickt oder gegen neue, bessere, passendere, im weitesten Sinne ergonomischere einfach ausgetauscht werden können. Nach Ehe und Familie folgt nur noch das Beziehungsgeschäft als Tauschhandel im Einverständnis mit dem Übermächtigen, das ohnehin schon total geworden ist.

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