Seit einiger Zeit beschäftigt sich Nina mit der Frage, ob Pornografie sich eigentlich mit Feminismus verträgt. Sie meint, nein. In einer Vielzahl von Online-Magazinen, die Nina in den letzten Wochen durchstöbert hat, wird Frauen eine neue, oder nicht mehr ganz so neue Form eines sogenannten „sex-positiven Feminismus“ und einer damit korrespondierenden „feministischen Pornografie“ angepriesen. Frauen, so scheint es, leben in einem Zeitalter der letzten Stufe sexueller Befreiung. Sogar halbwegs seriöse Frauenzeitschriften bringen Artikel darüber, wie und wie oft Frauen sich am besten selbst zu befriedigen haben. Das sei gesund und frische den Teint auf. Statistiken fluten die Medien, in denen zu erfahren ist, dass bereits mehr als dreißig Prozent der Frauen Pornos im Internet schauen. Rückständig wäre, wer sich jetzt nicht in die einschlägigen Seiten einklickte, die frauenfreundliche Pornografie versprechen, in der es vorrangig um die Lust der Frauen und ihre sexuellen Phantasien geht. Pornografie von Frauen für Frauen. Aber die Frauen in diesen sogenannten frauenfreundlichen Pornos würden sich doch auch nur zu Objekten männlichen Begehrens machen, meinte Nina neulich. Ja, sagte ich, aber die genießen das vielleicht trotzdem. Das sei kein Argument, fand Nina, über Jahrhunderte hinweg hätten Frauen gelernt, ihre Wünsche an denen der Männer auszurichten. Das immer noch herrschende Patriarchat habe die Frauen derart umfassend unterworfen, dass sie nicht einmal mehr den Funken einer Ahnung hätten, welche Bedürfnisse ihre eigenen und welche ihnen einfach nur eingetrichtert worden seien. Jahrtausende, sagte Nina, haben Frauen nicht das geringste Bedürfnis verspürt, anderen beim Sex zuzusehen, und auf einmal würden Frauen geradezu pathologisiert, wenn sie sich nicht dafür interessieren und sich nicht wie ihre Männer vor den Bildschirm setzen und zu scheinbar aufgeilenden Szenen masturbieren. Anders als Nina fand ich die Sache nicht so eindeutig. Die ist doch viel komplizierter, sagte ich. Erstens werden die Frauen ja von anderen Frauen dazu ermuntert, und zweitens wäre es ja möglich, dass Frauen sich gerade deshalb nicht oder sehr viel weniger für Pornografie interessierten, weil ihre Sexualität eigentlich immer unterdrückt oder jedenfalls in Schach gehalten wurde. Und gewiss, da habe sie Recht, Frauen hätten im Laufe der Jahrhunderte oder Jahrtausende gelernt, die von Männern aufgestellten Normen als ihre eigenen zu verinnerlichen: Eine anständige Frau sollte möglichst keine sexuellen Gelüste haben, sollte beim Sex niemals die Initiative ergreifen, hat möglichst eine passive, erduldende Rolle zu spielen und die Arbeit dem Mann zu überlassen, der ja als einziger mit einem ernstzunehmenden Sex-Werkzeug ausgestattet ist. Es sei doch vielleicht ganz gut, wenn Frauen so nach und nach eine eigene Vorstellung von ihrer Sexualität entwickelten, ihren Wünschen und Phantasien. Woher willst du denn wissen, dass die anderen Frauen, für die du ja nicht sprechen kannst, nicht vielleicht doch ein größeres Interesse an Sex und Pornografie entwickeln, wenn sie sich nur erst einmal darauf einlassen. Und warum sollten sie, fragte Nina. Sollen sie ja gar nicht. Aber dürfen sie nicht? Nina ließ nicht locker: Niemand sagt, dass Frauen kein Interesse an Sex haben, aber warum sollen sich Frauen Pornos anschauen, aus denen sie doch auch nur wieder lernen, dass sich Frauen Männern unterzuordnen haben, sich zu Objekten der männlichen Begierde machen müssen, um ihre wahre Bestimmung zu finden. Sieht doch ganz so aus, als würde den Frauen mit wachsender Vehemenz nahegelegt, den Sinn ihres Lebens im Sex zu suchen. Mag ja sein, sagte ich zu Nina, aber sei doch mal ehrlich: Fändest du ein Leben ohne Sex nicht auch ziemlich sinnlos?

Nach einem Kurzvortrag über notwendige und hinreichende Bedingungen musste ich leider eingestehen, dass Sex für ein sinnvolles Leben lediglich eine hinreichende Bedingung ist und ich, sollte ich bei einem Unfall mein „Sex-Werkzeug“ einbüßen, immer noch ein sinnvolles und sogar glückliches Leben haben könnte. Rein logisch betrachtet. Aber es gibt Tage, an denen habe ich es nicht so mit der Logik. Da setze ich mehr auf Empirie. Und die Behauptung, Frauen hätten jahrtausendelang kein Interesse daran gehabt, anderen beim Sex zuzusehen, lässt sich empirisch leider gar nicht beweisen.

„Wie viele dieser feministischen Pornos hast du dir denn schon angesehen“, wollte ich wissen.

„Keine.“

„Und wie viele klassische Pornos?“

„Keine. Was meinst du überhaupt mit klassisch?“

„Aber wie kannst du da zu einem gültigen Urteil gelangen, wenn du gar keine empirischen Studien betrieben hast?“

„Ich soll mir Pornos anschauen? Dann tue ich doch genau das, was gerade von mir verlangt wird. Dass ich als Frau wie meine Geschlechtsgenossinnen mit dem Pornokonsum anfange. So wie die Männer schon lange.“

Ninas Rechnung ging so: Pornografie ist so ein Männerding. Du kannst Frauen als reine Sex-Objekte konsumieren, ohne dich auch nur ansatzweise mit ihrer Persönlichkeit beschäftigen zu müssen. Umgekehrt gibt es wohl kaum eine Frau, die Männerkörper zum Zwecke des persönlichen Lustgewinns von deren Persönlichkeit abspaltet. Die Reduktion von Frauen auf ihre Körper und ihre erotischen Reize in der von Männern dominierten Pornografie wurde im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts zu Recht skandalisiert. Weil in kaum einem anderen Lebensbereich das nach wie vor herrschende Patriarchat bildlich evident wird. Und weil es illusionär wäre, Pornografie einfach zu verbieten, haben einige Frauen genau das gemacht, was viele andere vor ihnen auch gemacht haben: Statt sich wirklich zu emanzipieren, haben sie versucht, männliches Verhalten zu kopieren, weil sie glaubten, auf diese Weise den Männern ebenbürtig werden zu können. Deshalb halten es heutzutage viele, wenn nicht die meisten Menschen für emanzipiert, wenn sich Frauen in bestimmten gesellschaftlichen Handlungsfeldern männliche Verhaltensweisen zulegen, wo sie sich unterrepräsentiert und unterlegen fühlen. Deshalb werden Frauen Soldaten, beschließen als Politikerinnen Kriege und ziehen als Unternehmerinnen ihre Arbeitskräfte über den Tisch. Sie spielen die Machtspiele der Männer, lügen, betrügen – und machen nun neuerdings auch noch Pornos. Das ist weder eine sexuelle noch irgendeine Befreiung. Das ist immer noch das alte Schema der Anpassung. Und die Männer lassen es sich natürlich gerne gefallen, denn es bestätigt nur ihre Anschauungen. Sie haben halt schon immer Recht gehabt, auch was den Sex betrifft. Alles dreht sich nur um Sex, Sex ist gesund, Sex ist natürlich und – am allerwichtigsten – Sex hat nichts mit Liebe und Bindung zu tun. Wenn bald alle Frauen Pornos schauen –  und sie möglicherweise für Papas Privatkino selber drehen – , dann werden sie sich bald auch keinerlei Gedanken mehr darüber machen, warum sie sich als Objekte männlicher Begierde nicht dauerhaft verfügbar halten sollten.

„Aber das könnte doch auch schön sein, wenn alle, Männer wie Frauen, in gleicher Weise Spaß am Sex haben – und eben auch Spaß an Pornografie. Wäre das so schlimm?“

„Das ist wie mit der Prostitution. Wenn Frauen genug Geld zum Leben haben, wenn sie unabhängig und wenigstens in bescheidenem Wohlstand leben können, wenn ihnen alle Berufe und beruflichen Positionen wirklich offenstehen, kommt keine einzige Frau auf die Idee, ihren Körper zu verkaufen, sich erniedrigen zu lassen und für ihre Freier Lust zu heucheln. Mit anderen Worten: Frauen, die in Pornos auftreten sind Frauen, die unterdrückt werden. Oder weniger plakativ ausgedrückt: Solange Frauen in Pornos als Objekte sexueller Begierde auftreten, ist das Ausdruck fortdauernder patriarchaler Strukturen, Beweis der anhaltenden Unterdrückung und Benachteiligung von Frauen. Sollen die Männer in ihren Pornos doch unter sich bleiben. Das fände ich okay.“

„Schwulenpornos? Lässt du da nicht die komplette Gender-Debatte der letzten Jahrzehnte außer Acht? Ich finde deine Überlegungen ziemlich inkonsequent. Mal angenommen, Frauen haben früher keine Pornos geguckt, weil das eben als so ein Männerding galt, heißt das ja noch lange nicht, dass nicht auch Frauen Pornos gut finden, wenn es dann mal eine andere Art Pornos gibt, die mehr so ein Frauending wäre. Du gehst aus irgendeinem Grund davon aus, dass es diesen Naturzustand gibt, bei dem Männer gern Pornos sehen und Frauen nicht. Dass Frauen meinen, sie würden nicht gern Pornos sehen, könnte ja auch eine Folge der Unterdrückung sein. Und überhaupt: Die Männer in den Pornos prostituieren sich doch auch. Sind das dann auch unterdrückte Männer?“

„Klar, das Patriarchat unterdrückt auch die Männer. Die sind genauso deformiert wie wir Frauen.“

Schwer zu sagen, warum ich mich von Ninas Argumentation angegriffen fühlte, aber es war so. Vielleicht weil ich im Unterschied zu ihr schon hin und wieder Pornos schaue und mich deshalb vielleicht schuldig fühlen sollte. So wie ich eigentlich weniger oder gar kein Fleisch mehr essen, nicht mehr mit dem Auto fahren, auf das Fliegen verzichten und nur noch fair trade einkaufen, keinen Raubbau an der Natur und keine Kinderarbeit unterstützen sollte usw., sollte ich wahrscheinlich auch aufhören Pornos zu schauen. Den Frauen zuliebe, für eine bessere Welt. Dummerweise hatte ich das dringende Gefühl, dass bei mir der Spaß beim Sex aufhört. Hatte der Feminismus für mich eine empfindliche Grenze erreicht, wenn es darum ging, mir meine Lust zu verbieten? Die Lust an schönen Frauen. Die Lust an Frauennasen, Frauenohren, Frauenaugen, Frauenhaaren, Frauenhüften, Frauenhintern – aber auch an Brüsten und Vulven. Was sollte schlecht an diesen Gelüsten sein?

„Niemand will dir deine Lust an den Frauen austreiben. Auch wenn ich es ein wenig verletzend finde, dass dir die eine anzuschauen anscheinend nicht ausreicht.“

Ich hatte da so meine Zweifel und zog mich erstmal zum Nachdenken in mein Zimmer zurück.

Es gibt eine ganze Menge guter Argumente, die gegen Pornografie sprechen: Ist das nicht eine sehr entfremdete Form von Sexualität? Eine ohne Anfassen, ohne Beziehung, ohne echtes Begehren? Werden die Darstellerinnen und Darsteller nicht wirklich ausgebeutet? Haben die Spaß bei ihren stilisierten und manchmal höchst absurden Darbietungen und Verrenkungen? Sind das glückliche Menschen? Muss man nicht einen psychischen Defekt haben, um sich derart zu exhibitionieren? Wie hoch ist die Selbstmordrate unter Pornodarstellerinnen? Wie verbreitet der Drogenkonsum? Was haben Pornos überhaupt mit echter, erfüllender Sexualität zu tun? Sind das nicht falsche Vorbilder? In der Mehrzahl frauenfeindliche Akte? Darstellungen erniedrigter Frauen, die abwechselnd in Arsch und Mund gefickt, gefesselt, deren Gesichter mit Sperma und Pisse bespritzt werden? Alles das schaue ich mir auch nicht gerne an. Was aber wären dann schön anzusehende Pornos? Und wer sollte sie machen? Am ehesten noch authentische Sexfilme mit echter Zärtlichkeit und echten Orgasmen. Pornos von Frauen. Mal abgesehen davon, dass ich mir nicht vorstellen kann, selber in einem Pornofilm zu spielen, den dann Freunde, Kollegen und Bekannte anschauen können, ließe sich vielleicht dennoch eine zukünftige Gesellschaft denken, in der es normal ist, sich  – unter Freunden? – gegenseitig privat produzierte Filmchen zu zeigen oder nach dem gemütlichen Abendessen gegenseitig dem vergnüglichen Beischlaf beizuwohnen. Warum sollte die schönste Sache der Welt nicht auch die öffentlichste sein? Woher kommt dieses Tabu eigentlich? Ist das nicht auch ein zutiefst patriarchalisches? Der Mann sagt: Das ist meine Frau, die gehört mir. Niemand soll sie ansehen können. Die ist nur zu meinem eigenen Vergnügen da. „Ja, soll denn etwas so Schönes nur einem gefallen? Die Sonne, die Sterne gehör’n doch auch allen.“ So jedenfalls heißt es in einem berühmten alten Schlager. Ich fand zunehmend Gefallen an dem Potenzial an Toleranz und Liberalität, das in Sachen Sex in mir zu schlummern schien. Dann jedoch kam mir wieder Ninas Vortrag zu notwendigen und hinreichenden Bedingungen in den Sinn. Private Pornofilme tauschen und sich gegenseitig beim Live-Sex zu beäugen, sind ja nur hinreichende Bedingungen für sexuelle Liberalität. Wo das bloße Zuschauen hinreichend sein mag, reichen Mitmachen, Partnertausch und zügellose Promiskuität am Ende nicht weniger hin. Das wäre dann eine bedingungslos hin- und herreichende Bedingung. Nina würde ich ganz bestimmt nicht hin- und herreichen wollen. Weil ich eben immer noch ein waschechter Patriarch mit unumstößlichen Besitzansprüchen bin? Wenn ich als guter (männlicher) Feminist gelten wollte – müsste ich da nicht einerseits auf Pornos verzichten, aber andererseits auch jeglichen Besitzanspruch gegenüber Nina fallen lassen und ihr also vollkommene sexuelle Freiheit gewähren? Weil ich wusste, dass Nina diese Form sexueller Libertinage noch viel grauenhafter finden würde, als mit einem Halb-Feministen zusammenzuleben, der potenziell frauenverachtende Pornos guckt, trug ich ihr am nächsten Tag meine streng logischen Überlegungen vor, in der stillen Hoffnung, sie am Ende doch noch dazu zu bewegen, endlich mit dem empirischen Teil ihrer Forschungen zu beginnen.

„Meinst du das ernst?“

„Es ist nur eine rein theoretische Überlegung. Genauso, wie du rein theoretisch über Pornos nachdenkst, ohne sie dir anzusehen.“

„Natürlich könnte ich mit anderen Männern Sex haben, wenn ich das wollte. Wie solltest du mir das verbieten können? Aber würdest du es wollen, nur damit du dich nicht als Patriarch fühlen musst und du dir so deine Liberalität beweisen kannst?“

„Nein, natürlich nicht. Aber wäre das nicht die logische Konsequenz aus deiner Forderung, Pornos zu verbieten? Jedenfalls unter der Voraussetzung, dass kein Weg daran vorbeiführt, dass Männer nun mal gerne Frauen ansehen? Frauen, überhaupt Menschen beim Sex zusehen wollen? Sex-Fantasien haben?“

Wie erbärmlich, notleidend, meiner eigenen Sexualität ohnmächtig ausgeliefert ich mich bei diesen Sätzen fühlte! Was sollen wir armen Männer denn machen? Ohne Sex sind wir doch nur halbe Menschen. Viertel-Menschen. Minder-Menschen. Soll es denn bald gar kein Erbarmen für uns, das schwache Geschlecht, mehr geben? Nina schaute mich mit einem schwer zu deutenden Blick an. Irgendwas in dem breiten Spektrum zwischen echtem Bedauern und triumphierender, vernichtender Ironie. In meiner aufwallenden existentiellen Verzweiflung gelang es mir nur noch halb- oder viertelwegs Ninas nun folgenden Ausführungen zu folgen. Ich erinnere mich nur noch an einen Satz, der ungefähr folgendermaßen lautete: Es gebe eine besondere Form des logischen Denkens, das vor allem Männern eigne, eine Logik der Sachzwänge, eine Wenn-Dann-Logik der Konsequenz in einer hypothetischen, unterkomplex konstruierten Immanenz, eine Vergeltungslogik, mit der im schlimmsten Fall sogar Kriege gerechtfertigt werden. Wenn ich besser verstehen würde, was sie damit gemeint hat, würde ich es wahrscheinlich überzogen finden.

Letzte Nacht ist Nina sehr spät zu mir ins Bett gekrochen. Und heute Morgen sagte sie mit einem verschmitzten Lächeln, sie habe sich gestern dann doch entschieden, die eine und andere Sache mal genauer in Augenschein zu nehmen. Leider weiß ich jetzt nicht mehr, wie ich das finden soll. Ich möchte das einfach nicht konsequent zu Ende denken.

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