Mal ehrlich – oder besser: im Ernest! – viele Köche verderben den Brei, oder? Besonders wenn der Topf, in den man seine Zutaten wirft, ein Roman ist. Könnte man meinen. Aber wenn man das Gewese und Geraune der Pseudoexperten um den modernen Roman vorübergehend ignoriert, die Apologeten romantischer Genialität links liegen lässt und den verderblichen Brei zurück in die Metaphernschatzkiste stopft, können wir uns genügend Platz für ein üppiges Buffett verschaffen, zu dem viele Hände, jedenfalls mehr als zwei oder vier beitragen können. Denn auch ein gelungenes und erfülltes Leben lebt keiner für sich allein. Und an einem Roman – sei er noch so druckfrisch und seine Autorin so jung wie Büchner, Jesus oder Sally Rooney – haben schon Dezennien vor seiner Entstehung ungezählte Hände geschrieben. Eine Tatsache, die die Frage aufwerfen könnte, ob eine Autorin mehr Köchin oder mehr Konsumentin im Supermarkt der sprachlichen Diskurse ist. Wir fragen aber nicht und beschließen an dieser Stelle mal in autoritärem Ton, dass der Geniekult, der gegenwärtig die Eigentümlichkeiten der Schaumgeborenen aus dem diskursiven Meer an die Ufer der Buchläden spült, obsolet ist. Schon lange. Haben aber ein paar Leute, die es besser wissen müssten, leider wieder vergessen.

Also noch einmal zurück zum Bild: Im Sternerestaurant legen wir uns brav die Serviette auf den Schoß, nippen kundig und kompetent am Burgunder, geraten außer uns beim Anblick einer Mikrokomposition aus Mousse, Juice, Filet und glasierter Zuckererbse und steigern uns autosuggestiv in gustatorische und olfaktorische Ekstase, während wir die augeklügelte Komposition zu Brei kauen. Kann man machen, ist geil und ist vergleichbar mit dem Besuch eines exquisiten Swingerclubs, in dem du auch an einem Abend ein halbes Monatsgehalt lassen kannst. Die Party kannst du aber auch gut und gerne zuhause haben, wenn du dich traust: Jeder bringt mit, was er hat und kann. Und alle kosten von allem und jedem. Rezepte werden ausgetauscht, der Wein fließt in Strömen, man lacht, schweigt, hört zu, diskutiert, tanzt, umarmt sich, tröstet, nimmt die letzte Olive und teilt sie mit den feuchten Lippen dieser Person mit der zerlaufenen Wimperntusche und dem nass verschwitzten T-Shirt. Fühlt sich gut an. Für beide.

Einen Roman nicht allein zu schreiben, nicht der „Einzige und sein Eigentum“ sein zu wollen, bietet eine große Chance, die nämlich, am Leben der Anderen in viel größerem Maße und weitaus intensiver Anteil zu nehmen, als wir es uns in unserer Schamkultur gemeinhin erlauben. Klingt nach faulen Kompromissen? Stimmt nur, solange man weiter einem Geniekult anhängt, der heute ein Marketing-Gag des kapitalistisch organisierten Buchmarktes ist: Was sich als Unterhaltung für die breite Masse nicht verkaufen lässt, preist man eben als einzigartiges Machwerk eines ebenso solitären Machers an, dessen Genialität (oder Singularität) eben nur diejenigen Leser begreifen und genießen können, die sich selbst für verkappte und unverstandene Genies halten. Funktioniert. Besonders gut funkt’s zwischen den jugendlich-übermütigen (oder besser: übermutigen) Schreiberinnen und den überjugendlichen Mittfünfzigern, die sich als Leserinnen unterkomplexer Pubertätsprosa wieder so richtig jung fühlen können. Unsere Zeit ist einfach zu liquide geworden, um in ihr noch Platz für die Alten und Weisen einzuräumen, deren Wissen und Gewissheiten uns bereits gestern als vorgestrig erschienen, während unsere Kinder doch die Zukunft sind, seien es nun die Literaten, Informatiker oder Ingenieure. Klar ist, dass sie unsere Zukunft bauen werden. Wir folgen ihnen blind.

„Liquid Love“ heißt der Roman, den uns vor wenigen Wochen unsere Freunde zur Probelektüre überlassen haben. Die Sache ist durchaus pikant, denn in der Anfangsphase haben wir selbst an diesem Experiment teilgenommen, das vor etwa drei Jahren begonnen hat. Da war es noch ein Projekt von „UtaundAndré“ und „NinaundAleksander“ gewesen. Auf die Umstände, die dazu führten, dass UtaundAndré vor einem Jahr beschlossen, die Geschichte noch einmal neu aufzurollen und etwa siebzig bis achtzig Prozent neu zu schreiben, können und wollen wir an dieser Stelle nicht eingehen. Aber wir weisen in aller Deutlichkeit darauf hin, dass es andere Umstände waren als die, die das Autorenteam in „Liquid Love“ auseinandertrieb. Denn in der Tat: „Liquid Love“ handelt von zwei Paaren, die sich als höchst heterogenes Kollektiv an das Experiment wagen, einen gemeinsamen Roman zu schreiben. Das war das Schöne und Aufregende an dieser Konstellation: dass wir selbst wagten, was unsere fiktionalen Figuren taten. Und es gab eine klare Vereinbarung: no more autofiction. Davon kriegen wir nämlich mittlerweile das Kotzen. (Also geht uns auf unserem Blog bloß nicht auf den Leim!)

In ausgedehnten Chats, Spiegelfechtereien in den Nächten und an freien Wochenenden konstruierten wir im freien Spiel unsere Alter Egos (sagt man so im Plural?), die wiederum – jetzt wird’s kompliziert – die Figuren zweier Liebesgeschichten im Jahr 2050 entwerfen. Pjotr und ich halten diese Konstruktion nach wie vor für „genial“, wenn man „genial“ ausnahmsweise als ungeplantes und emergentes Produkt betrachtet, das aus vergleichsweise chaotischer, tabuverletzender und überhaupt regelwidriger Kommunikation hervorgeht. Wer redet schon mit seinen Freunden über heimliche sexuelle Vorlieben, die persönlichen Mechanismen des Selbstbetrugs, die offenen flanken des eigenen Narzissmus, die den eigenen Alltag und die darin wimmelnden Mitmenschen beschädigenden Fehlleistungen, denen lange antrainierte Verhaltensschemata zu Grunde liegen? Doch, es gibt sie: Charlotte und Martin! Die haben auf Spotify Freundschaft mit dem Rest der deutschsprachigen Welt geschlossen. Aber wir waren dann doch was anderes als „CharlotteundMartin“ und „BarbaraundMarkus“.

Wir waren „SarahundJustus“ und „DonataundThomas“ oder auch „ThomasundSarah“, „JustusundDonata“, oder SarahJustusThomasDonata. Und dann auch PaulMarieBirtheErnest at Zwanzigfünfzig. Ah, ja, dürfen wir’s an dieser Stelle verraten? Ernest verdankt seinen Namen nicht, wie Sarah schreibt, einer Laune, sondern dem Widerwillen von Justus, die Verantwortung für eine der vier Hauptfiguren der Zukunftsgeschichte zu übernehmen. Wir alle haben ihn anfangs nicht sonderlich gemocht. Nach Egon und Erwin hieß er der Alliteration wegen irgendwann Ernest. Eine vorübergehende Notlösung. Aber im Ernst: Irgendwann fing der Name Ernest an uns Spaß zu machen.

Wie jetzt? Wer jetzt? Fassen wir die Geschichte mal kurz zusammen, ohne zu viel zu verraten, und zwar in der Version, die wir in den letzten Wochen mit großem Vergnügen und vielen Überraschungsmomenten gelesen haben: Sarah erzählt uns ihre Geschichte. Das ist wichtig (und neu gegenüber der letzten Version, bei der wir noch deutlich mehr unsere Finger im Spiel hatten). Sarah ist die fiktive, autofiktional erzählende Hauptfigur, die das gesamte Material arrangiert – und vermutlich auch manipuliert (letztlich eine unzuverlässige Erzählerin). Es ist die Geschichte einer kinderlosen Ehe mit Justus, einem wenig erfolglosen Schriftsteller in einer auf Dauer gestellten Schaffenskrise, die Sarah erzählt. Soweit das Klischee. Als erfolgreiche Geschäftsfrau, die seit Jahren ihren einkommensschwachen Mann aushält, aber den Vorteil hat, die meiste Zeit beruflich im Ausland (Rumänien) zu verweilen, könnte durchaus zufrieden sein und sich als moderne, emanzipierte Frau wähnen, würde sie im Alter von etwa vierzig Jahren nicht Torschlusspanik befallen und ihr die fixe Idee einimpfen, jetzt noch schnell ein oder zwei Kinder zu kriegen. Justus ist not amused, sieht er sich doch schon als Kindermädchen für die dauergestresste, dauerabwesende und dauerberufstätige Mutter. Da könnte er wohl die eigene Karriere vollständig knicken. Kennt man. Allerdings: Justus ist ohnehin unfruchtbar. Glück im Unglück, könnte man sagen. Aber Sarah ist zu allem entschlossen. In der Überzeugung, seine hassgeliebte Angetraute und solvente Ernährerin befinde sich bereits in den Wechseljahren und mit einer nachhaltigen Konzeption sei nicht mehr zu rechnen, beginnt Justus erotische Ränke zu schmieden. Er sieht die – gerade für einen Spätfünfziger – belebende Gelegenheit, gemeinsam auf dem verruchten Parkett des Partnertauschs zu debütieren. Eine unrühmliche Episode, die Sarah längst vergessen hat, als sie beide anlässlich eines Projekts für Sarahs Modelabel die Fotografin Donata kennenlernen. Justus jedoch sieht endlich die Gelegenheit für ein amouröses Abenteuer gekommen, mit Donata und ihrem Mann Thomas. Während er die Schnapsidee befeuert, gemeinsam einen Roman zu schreiben, verfolgt er systematisch sein Ziel, Sarah mit Thomas zu verkuppeln – und sich selbst mit Donata. Kann natürlich nicht gut gehen.

2050 sind die Konstellationen andere. Dort schlüpft die temperamentvolle und als Mutter zweier pubertierender Jungs frustrierte Donata in die Rolle der Fotografin Marie, die in den Zwiespalt gerät, einerseits genetisch eine „Premiummutter“ zu sein, andererseits auch mit 35 Jahren weiter ihre Freiheit auszukosten und ein künstlerisches Dauerprojekt zu verfolgen, in dem es um das ewige Leben, den biologisch-medizinisch ermöglichten Jungbrunnen geht. Marie lernt einen jungen Wissenschaftler kennen, ist ganz hin und weg von dem smarten Typen, kämpft aber beharrlich gegen ihre retrospektiven, antifeministischen Bindungs- und Unterwerfungswünsche an. Eine Stoßmich-Ziehdich-Beziehung, bei der Marie erst viel zu spät mitbekommt, welche Interessen der Angehimmelte tatsächlich verfolgt hat, als er sich ihr näherte. Paul ist nämlich ein … Okay, wir wollen nicht zu viel verraten.

Dann sind da noch Birthe und Ernest. Neben der Liebe, die sie verbindet, gibt es ein Thema, das sie trennt. Und das hat mit Afrika zu tun, mit medizinischen Menschenversuchen, die in einem zukünftig überbevölkerten Nigeria durchaus glaubwürdig angesiedelt sind. Schon heute gelten Menschen in Westafrika oft viel unverblümter als hierzulande als handelbare Ware – insbesondere Kinder. Und Ernest scheint da seine Finger im Spiel zu haben – oder gehabt zu haben. Die Afrikakennerin Birthe, einst Mitglied einer Hilfsorganisation in Nigeria, wo sie Augenzeugin der Leiden beschnittener Frauen wurde, gerät während ihrer Recherchen zwischen die Fronten. Und zweifelt immer mehr an dem Bild, das Ernest von sich gezeichnet hat.

Die Fäden der beiden Liebesgeschichten werden erst recht spät zusammengeführt und sie haben vor allem mit der Frage der künftigen menschlichen Fortpflanzung zu tun. Werden KI-gesteuerte Automaten den Frauen das mühevolle, schmerzhafte Gebären von Kindern abnehmen? Werden die neuen Menschen genetisch designt? Wird es nicht darauf ankommen, die Menschen in einem Zeitalter, das für prinzipiell jeden Menschen ewiges Leben verspricht, die problematischen Individuen, wie wir sie kennen (und jeder für sich ist) mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln und Methoden zu optimieren? Die Menschen werden nicht nur ewig leben, sie werden auch zu KI-gesteuerten Hybriden werden müssen, weil sich der Kampf aller gegen alle weiter verschärfen wird.

Da bahnt sich also was an. Aber alle Figuren des Romans, auf beiden Zeitebenen, 2018 und 2050, sehnen sich angesichts ihrer Liquidisierung oder Fluidisierung ihrer Identitäten, angesichts ihrer, einer radikalen Individualisierung geschuldeten, Einsamkeit, nach Nähe, Geborgenheit, nach Befreiung aus normativen Zwängen ebenso wie nach Elternschaft und dem ruhigen und reduzierten Leben im „Haus am See“.

Das Haus am See: Ihm gehört der überraschende zweite Teil des Romans. Dieser Sehnsuchtsort wird der Schauplatz der vollständigen Zerrüttung und Auflösung. Sogar die beiden Zeitebenen stürzen ineinander. Wie zu hören war, haben bislang alle Probe-Leser über diesen zweiten Teil geklagt. Warum werden die spannenden Geschichten nicht aufgelöst? Warum dieser formale Bruch in der Erzählhaltung? Die Autoren hätten es sich damit zu einfach gemacht, der zweite Teil sei einfach zu clever – oder zu komplex.

Ihr Lieben, UtaundAndré, klar, dass Ihr Euch diese Kritik zu Herzen nehmt und überlegt, ob ihr ein weiteres Jahr dranhängen sollt. Unsere klare Empfehlung: Kriecht Euren Lesern nicht voreilig in den Arsch, indem Ihr sie mit auserzählten Geschichten und klischeehaften Kausalitäten befriedigt. Ihr kennt Eure zukünftigen Leser gar nicht. Kriecht vor allem nicht einer Buchbranche in den Arsch, die – ob U oder E – doch bloß ohnmächtig wie größenwahnsinnig den emergenten Marktmechanismen hinterherschielt. Habt Ihr zum Glück nicht nötig. Hey, das seid Ihr uns schuldig: Bleibt standhaft!

 

 

PS:

In 2017 und 2018 sind einige Romanpassagen und Episoden aus unserer Hand entstanden, die aus der aktuellen Fassung komplett oder weitgehend verschwunden sind. Einige dieser Dokumente kollektiven Schreibens möchten wir gern in nächster Zeit an dieser Stelle veröffentlichen. Sie bilden vielleicht so etwas wie eine Parallelwelt zu einem liquide gewordenen Roman, dessen Autoren unscharf werden im unberechenbaren Meer der Diskurse und Kommunikationen.

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