Ada und Ewaein liquider Entwurf

Die Autos auf den Straßen fahren mit Elektromotoren. Die Akkus sind kleiner und leichter geworden. Und die Vorbehalte gegen die interaktive Steuerung in allen Lebenslagen sind gesunken, sind so federleicht wie die Akkumulatoren. Alles ist sichtbar geworden, und man hat sich dieser Sichtbarkeit ergeben, jedenfalls im öffentlichen Raum. Überall dort, wo die Lesbarkeit der Blicke, der Gesten und der Stimme die notwendigen Verrichtungen des Alltags bequemer, effizienter macht. Die unbestimmte Angst vor dem Anonymus vernetzter Computer, die als lernende Systeme ihre Evolution autonom zu entwickeln begonnen haben (das ist die Zukunft), ist einem leicht unbehaglichen Vertrauen in eine universale Vernunft gewichen, die von den Maschinen, diesem weltumspannenden Hirn repräsentiert wird.

Die Kameraaugen sind verschwunden. Kein Mensch mehr blickt auf die Individuen durch die kleinen Glaskörper. Keine Kamera schwenkt mit, wenn die Menschen sich in den Finanzdistrikten irgendwie auffällig bewegen, sich verdächtig machen, weil sie die Aktentasche unter die verschwitzte Achsel pressen und sich nervös umblicken: dass niemand, niemand sie beobachte. Die Menschen bewegen sich nicht mehr in den Perspektivwinkeln der Kameras, die einmal als Nachbildungen das menschliche Auge vertreten sollten, sie bewegen sich in Feldern, in plenoptischen Lichtfeldern, für deren Erfassung es der Kameras, wie es sie früher einmal gab, nicht mehr bedarf. Schon das Wort „Kamera“, in dem noch der Ursprung deutlich erhalten blieb, die „camera obscura“, hat mit der modernen digitalen Erfassung der Wirklichkeit kaum noch etwas gemein, nur dort, wo die Bilder für die Menschen mit ihren kaum dreidimensional wahrnehmenden Okularen in ein perspektivisch-lineares System übersetzt werden müssen. Da setzen sich die Lichtvektoren zu einer Reproduktion des vergangenen Wirklichen zusammen. Die Augen der Öffentlichkeit sind winzige Sensoren, mit denen Außen- und Innenräume wie besprenkelt sind. Es sind Sensoren, wie die Facetten der Insektenaugen, die nichts aufnehmen als das auf sie treffende Licht, seine chaotischen Bewegungsmuster, die Gerichtetheit der Strahlen, ihre Brechung – und die Schallwellen, diesen akustischen Brei. Ahnungslos sind diese kleinen Dinger, nur kleine Nervenenden einer umfassenden Registermaschine, die sich an den Daten sättigt und wie ein biologischer Organismus des Ballastes schnell auch wieder entledigt und nur die Essenz des Lebendigen bewahrt. Seine DNA sind der Codec und die Algorithmen der Bewegungsmuster. Noch wissen die Menschen: Mit dem Verschwinden der Kameras ist die Sichtbarkeit absurderweise ins Unermessliche gewachsen. Daher hüten sie sich, irgendetwas in ihre Wohnungen zu lassen, das auch nur den Verdacht nähren könnte, es befänden sich irgendwelche dieser Sensoren auf ihnen. Wände, Tapeten, Möbel, sogar Bücher werden regelmäßig von Experten überprüft und untersucht. Sie kommen in die Häuser und Wohnungen wie einst die Kammerjäger. In den eigenen vier Wänden hegt man sich ein, macht man sich unsichtbar, jedenfalls in den meisten Räumen, in den Schlafzimmern, den Bädern. Die Fensterscheiben sind milchig und matt, die Augen der Moderne können auch um manche Ecken schauen. Reflektierende Objekte haben die Wohnungen bevölkert, sie produzieren zufällige Reflexionen, irrlichtern im privaten Wohnfeld.

Eine Frau. Ein Mann (wirklich ein Mann?), der sich wahnhaft in diese Frau verguckt hat, sich ihr jedoch nicht zu nähern wagt. Mit unterschiedlichen Mitteln versucht der Mann sich des privaten Wohn- und Lichtfeldes zu bemächtigen. Er will dieser Frau nicht nur in der Öffentlichkeit folgen. Das hat er längst und ausgiebig getan. Er kennt beinahe ihr ganzes Leben. Nun möchte er auch in ihre Intimsphäre vordringen. Er ist ein Stalker, ein Voyeur – und er weiß seine Ziele zu erreichen. Als die Frau das Eindringen bemerkt, reagiert sie unerwartet: Sie lässt ihre Wohnung nicht „reinigen“, entfernt nicht die Minidrohnen, mit denen der Mann den Kampfplatz besetzt hält, sondern beginnt, ihr durchleuchtetes Privatleben zu inszenieren. Der Mann wird Zeuge, wie die Frau Vorbereitungen trifft, in die Privatsphäre eines Anderen einzudringen, ohne zu ahnen, dass er selbst das Opfer ist. Aber ihm entgeht die Veränderung der Frau nicht, die er so gut kennengelernt hat, deren Verhalten er so lange studiert, deren Haare, Haut und Geschlecht er beinahe berühren konnte mit seiner 3-D-Brille. Und er registriert Veränderungen in ihrem Umfeld. Da ist vor allem ein Mann, der ihm zuvor bedeutungslos erschienen war und augenscheinlich nicht minder interessiert an der Frau ist wie er. Einer, den er bald in Zusammenhang mit einem Mord bringen kann, einem Mord, der wie einige andere Morde von einem der „Unsichtbaren“ begangen wurde. Immer mehr rückt dieser Fremde in den Fokus des Mannes – bis der Fremde verschwindet und ein weiterer Mord geschieht.

Die Frau. Mit ihr beginnt diese Geschichte, dieser Film, ihr ist das erste Drittel der Geschichte gewidmet. Ihr folgt unsere altertümliche Kamera schwebend, gleitend, sie umfahrend. Wenn sie ein Gebäude betritt, schon wenn sie eine Tür zu einem Gebäude öffnet, begegnet die Kamera einer weißen Wand, die für sie undurchdringlich ist, in der sie unsichtbar entschwindet. Wie auch alle Fenster weiße, undurchdringliche Flächen sind, milchig, matt. Auf den Straßen tragen die meisten Frauen Hosen, wenige tragen Röcke oder Kleider. Die Kamera begibt sich, wenn sie der Frau nicht mehr folgen kann, auf die Suche nach den jungen Frauen, die freizügig Röcke tragen, sie umfährt sie und kriecht unter ihre Röcke. Einige von ihnen tragen kurze Leggings, andere aufreizende Unterwäsche, wenige flippige verzichten ganz darauf, teils wie zum Protest, teils aus Lust am voyeuristischen Blick anonymer Hacker, den sie auf sich gerichtet wähnen, wenn sie durch die Shopping-Center mit ihren glänzenden Fliesenböden flanieren oder sich in öffentlichen Gebäuden bewegen, die einer permanenten Überwachung unterliegen, Banken etwa, Poststellen und Bahnhöfe. Nur die Privathäuser, Firmen und Arztpraxen werden hinter weißen Wänden zu Leerstellen für die Kamera und die Geschichte. Darinnen ist nichts zu sehen und nichts zu hören.

Nur im öffentlichen Raum können wir den Gesprächen der Frau folgen, die offenbar als Informatikerin mit ihrem Team an Konzepten für Sicherheitssoftware arbeitet. Das Team sucht nach den Lücken im System, kämpft gegen die Versuche von Geheimdiensten und Privatleuten, sich ins Überwachungssystem einzuhacken oder eigene, private Lichtfeld-Netzwerke zu installieren, um auch noch die letzten Grenzen zu überwinden. Die Mitarbeiter entwickeln Software, die es ermöglicht, nachträglich bearbeitete Datensätze zu erkennen, aus denen die Abbilder von Personen und Gegenständen getilgt wurden. Sie erfinden ein Überwachungsprogramm, das sie „FREUD“ nennen, denn es verteilt in den optisch-akustischen Datensätzen randomisierte Erinnerungsfragmente, die es in einem analytisch-algorithmischen Verfahren, das sie „HYPNOSIS“ nennen, erlaubt, die ursprünglichen Datensätze zu rekonstruieren. Bald werden sie die gelöschten Inhalte wieder sichtbar machen können. Über diese Vorhaben in der Öffentlichkeit zu sprechen, erscheint gewagt. Es steckt Kalkül dahinter: Es ist sowohl eine offene Drohung an die illegalen Mithörer, als auch gezielte Desinformation. Niemand weiß, wie weit die Angreifer bereits ins Private und die geheimen Entwicklerbüros vorgedrungen sind – und ob es diese Angreifer überhaupt gibt. Denn eine umfassend vernetzte Gesellschaft steht in dieser zukünftigen Welt ein nicht minder aufwendiges System von gegeneinander abgeschlossenen Teilnetzen gegenüber, die sich wie Monaden nur mit ihrer selbst konstruierten und sich autonom entwickelnden Wirklichkeit befassen. Darin gleichen sie lebenden Systemen. Keine Information dringt noch unmittelbar in die neuen Computersysteme ein, sie enthalten keine Daten, die sie nicht selbst konstruiert hätten, nachdem sie eintreffende Daten aus ihren digitalen Umwelten entlang ihrer Systemgrenzen interpretiert haben. Lernende Systeme sind das, Individuen, schwerlich angreifbar, weil externe Programme nicht mehr in sie eindringen können. Der Datenaustausch zwischen den Systemen ist damit zwar fehleranfälliger geworden, die Systeme selbst aber dafür sicherer. Die lernenden Systeme haben auch gelernt, Missverständnisse zwischen den Systemen zu akzeptieren und zu analysieren. Immer mehr gleichen sie Menschen, immer mehr aber auch dem Ideal der Perfektibilität. Wie diese neuen Computersysteme funktionieren, können wir beispielhaft am Umgang der Menschen mit ihren Smartphones beobachten, wo humorige Freaks ihren Spaß daran haben, die kleinen Intelligenzen in den kleinen Kommunikationsgeräten an die Grenzen ihrer Belastbarkeit zu treiben: durch Ironie, Kalauer, Dada-Kunst und Anzüglichkeiten. Das sind die „Spaß-Phone“-Besitzer. Sie unterscheiden sich deutlich von den Ernsthaften und Strebsamen, die ihre Privatcomputer humorlos und ehrgeizig erziehen und bilden wie einst ihre Kinder, die ihrerseits schon früh unter der Fuchtel ihrer bloß digitalen Erzieher stehen, die so einfühlsam wie präzise und analytisch das Lernen ihrer Zöglinge anleiten und begleiten. Die Sprache in der Öffentlichkeit, jegliche Kommunikation unterliegt einer mehr oder weniger ausgeprägten Selbstzensur, die die Menschen förmlich und wortkarg werden ließ und ihre Körpersprache, ihre Mimik ausdruckslos. Der Feind, wer immer das sein und welche Absichten auch immer er verfolgen könnte, sieht und hört immerzu mit.

Im Bildungssektor hat sich eine Zweiklassengesellschaft herausgebildet. Es gibt noch die traditionellen Schulen, die zwar auch schon mit digitalen Hilfsmitteln lehren, aber es gibt auch eine große Zahl von Kindern, die keine Schule mehr besuchen und stattdessen hauptsächlich mit ihrem digitalen Hauslehrer lernen. Die Mutter der Frau arbeitet in einer dieser alten Schulen. Sie ist in mancher Hinsicht überfordert von den Entwicklungen in ihrer Umwelt, die sie längst nicht mehr versteht. Ihre Tochter versucht ihr mit anschaulichen Bildern zu erklären, warum es vielleicht nicht besser für die Kinder ist, wenn sie künftig außerhalb der Schule lernen, warum aber vermutlich kein Weg daran vorbeiführen wird. Die Mutter leidet nicht nur an den strukturellen Veränderungen in ihrem Beruf, sondern auch und mehr am Verlust ihres Privatlebens, wie sie es früher einmal gekannt und (im Rückblick) genossen hat, auch wenn ihre Ehe irgendwann in die Brüche ging. Sie fühlt sich isoliert von ihren Mitmenschen, die sich furchtsam in ihre Wohnungen zurückziehen. Wo soll man noch menschliche Nähe finden? Wer traut sich noch, in der Öffentlichkeit, seine Gefühle zu zeigen? Und in die überwachungsfreien Darkrooms, die in den letzten Jahren aus dem Boden geschossen sind, will sie sich nicht begeben. Wie in Sodom und Gomorrha kompensierten die Menschen dort im Übermaß, was ihnen im Alltag genommen wurde: Dort werden die Grenzen aufgelöst, die die Computersysteme längst zu ziehen gelernt haben. „Schau her“, sagt die Mutter und deutet mit dem Finger auf die kleinen Flecken auf der Wand in einem der Gänge des Schulgebäudes, „die haben hier alles verwanzt. Du kannst nicht mal unbeobachtet in der Nase popeln.“ Kleine Flecken wie Fliegenschiss. „Wir können nicht mehr dahinter zurück“, sagt die Frau, „deshalb müssen wir vorwärts denken.“

Auch die Frau besucht zuweilen die Darkrooms. Wie gern würde die Kamera ihr da hinein folgen. Sie kann nur ahnen, was dort vor sich geht. Als sie in der Nacht in ihre Wohnung zurückkehrt, gelingt es der Kamera, bis in ihre Wohnung vorzudringen. Die Kamera begleitet sie bei ihren gewohnten Verrichtungen, wie sie sich die Zähne putzt, sich auszieht. Die Kamera umkreist sie, kommt ihr aufdringlich nahe, ihren Brüsten, einem Leberfleck auf ihrem Rücken, und lauert auch auf ihre Vulva, wenn sie sich zum Pinkeln aufs Klo setzt und sich einen Popel aus der Nase kratzt. Sie folgt ihr bis ins Bett, blickt ihr noch in die Augen, bis sie diese schließt und einschläft. Erst am nächsten Morgen, mit dem ersten Augenaufschlag, fühlt sie, dass in ihrer Wohnung irgend­­etwas nicht stimmt. An der Decke ihres Schlafzimmers entdeckt sie kleine blasse Flecken.

Hier wechseln wir zu dem Mann (wirklich ein Mann?). Er liegt mit seiner 3-D-Brille im Bett. Als sei er gerade entdeckt worden, reißt er sich die Brille vom Gesicht und richtet sich im Bett auf. Als er sich die Brille nach einem kurzen Moment des Nachdenkens wieder auf die Nase setzt, sehen wir, wie die Frau wieder in ihren häuslichen Alltag hineingefunden hat. Sie frühstückt, duscht, zupft sich einige Schamhaare, die sich an ihrem Slip vorbeimogeln wollen, zieht sich an und verlässt ihre Wohnung.

Mit einem Postpaket erhält der Mann einen Satz neuer Mikrodrohnen. Der Paketbote scannt das Paket vor der Übergabe, um sicherzustellen, dass sich auf der Pappe keine IPABs befinden, Interactive Plenoptic Audiometric Bugs. Die Mikrodrohnen sind nur unter der Lupe von größeren Staubpartikeln zu unterscheiden. Nur wenige von ihnen reichen aus, um eine Wohnung komplett zu verwanzen und so fast vollständig Einblicke in alle Lebensbereiche zu verschaffen. Das Problem besteht darin, sie in die Wohnungen gelangen zu lassen. Die Wohnungen und Häuser der Wohlhabenden sind mit Schleusen ausgestattet, in denen sich die Bewohner dekontaminieren lassen können. Fast alle unerwünschten Partikel werden mit feinen Laserstrahlen zielgenau eingeschmolzen. Nur wenige Drohnen „überleben“ den Angriff unbeschädigt und können sich in den Räumlichkeiten anschließend festsetzen. Es bedarf einer hohen Zahl an Angriffen, um eine ganze Wohnung sichtbar (und hörbar) zu machen. Zugleich dürfen derartige Angriffe nicht zu massiv sein, weil die Opfer dann schnell alarmiert sind und sich sicher sein können, dass sie gezielt ausgewählt wurden. Die Drohnen können sich nur im Verbund von mindestens acht orientieren. Der Mann lässt sie in größeren Verbünden fliegen, wählt sein Zielobjekt aus und veranlasst eine der Drohnen, sich zum Beispiel in einer geöffneten Handtasche festzusetzen, um auf diesem Weg in eine Wohnung zu gelangen. Dilettanten, die sich vollständig verwanzt Zutritt zum Beispiel zu einem Darkroom zu verschaffen versuchen, werden schnell identifiziert. Ihnen wird der Zutritt zu allen überwachungsfreien, gesicherten Bereichen verwehrt. Mitunter verlieren sie ihre Arbeitsplätze. Handel mit und der Einsatz von IPABs sind streng verboten. Dennoch programmieren viele Softwareentwickler lernende Systeme, die neue IPABs entwickeln und optimieren. So auch der Mann, der auf seinen Bildschirmen die neu entwickelten Drohnen in Augenschein nimmt. Eine weitere lernende Software entwickelt parallel dazu Abwehrsysteme, die die Schwachstellen der neuen IPABs ermitteln und zerstören können. Damit verdient der Mann sein Geld. Die Software, mit der er sich in die öffentlichen Überwachungssysteme eingehackt hat, behält er allerdings ganz für sich. Ein einsamer Nerd, der seine Muskeln mit Hilfe eines Elektrodenanzugs trainiert, der diese über kleine Stromstöße rhythmisch kontraktieren lässt, während er vor seinen Bildschirmen sitzt. Er ist getrieben von seinem Ehrgeiz, immer bessere Technologien beim Drohnenbau, beim Hacken, beim Verschlüsseln von Daten zu entwickeln – und zugleich von seiner Sehnsucht, die auch von ihm selbst mitverursachte Isolation zu überwinden, in die Bereiche vorzudringen, wo es noch Privatheit und Intimität gibt, vielleicht sogar Liebe. Alles das gibt es noch in den medialen Angeboten, den Fiktionen der Unterhaltungsindustrie, die an Orten der Welt angesiedelt sind, an denen der Fortschritt noch nicht so weit gediehen ist. Der Markt für alle erdenklichen Spielarten des Pornos ist massiv expandiert und liegt gleichauf mit Filmen und interaktiven Spielen, die romantische Idyllen konstruieren. Auch die in einer formell gewordenen Welt aufgestauten Aggressionen können über entsprechende Angebote weitgehend abgebaut werden. In virtuellen Welten kann man an Massakern und Sexorgien teilnehmen, die nach Wahl an exotischen Orten oder im eigenen, wohlbekannten Stadtviertel angesiedelt sein können. Ein immer beliebter werdendes Vergnügen besteht darin, einen komplexen Ganzkörperscan von sich selbst zu erstellen und mit diesem virtuellen Körper in ausgewählten Communities an interaktiven Spielen teilzunehmen. Auch unser Antiheld kann dieser Versuchung nicht ganz widerstehen. Ein Freund, den er in der Community gefunden hat, ebenfalls ein hochintelligenter Nerd, hat versucht, ihm die Sache schmackhaft zu machen und berichtet nebenbei von einer ganz großen Sache, an der er gerade arbeite. Er träume davon, die Spiele-Wirklichkeit in einer Art Prank mit der Überwachungswirklichkeit zu verschmelzen.  Um an einem der Spiele teilzunehmen nimmt der Mann allerdings an seinem Scanner-Abbild einige wesentliche Veränderungen vor, die ihn anonymisieren. So begibt er sich ins Gefecht oder nimmt als stiller Beobachter an einer Orgie im Shoppingcenter teil, in der Hoffnung dort der Frau zu begegnen. Er findet sie zwar aber findet doch keine Befriedigung in der virtuellen Welt. Darum vertieft er sich in die Beobachtungen der Frau, die in der Öffentlichkeit so unnahbar ist, wie die meisten anderen auch. Nur einmal ist ein Lächeln auf ihrem Gesicht zu sehen: als eine Gruppe fröhlich tanzender Exhibitionisten durch die Stadt zieht, um sich gegen die neuen Formen der Unterdrückung zur Wehr zu setzen. Sie nehmen einfach die Flucht nach vorn und setzen der totalen Öffentlichkeit die totale Intimität entgegen und verstehen das als Befreiung. Nicht der Verlust an Intimität und Privatheit mache die Menschen unfrei, sondern allein ihre Scham. Wenn erst einmal jeder alles sehen und hören könne, werde sich auch niemand mehr wirklich dafür interessieren. Andere Aktivisten-Gruppen fordern dagegen ein Ende der Überwachung, die die Menschenrechte immer weiter auflöse. Ordnungskräfte der Polizei greifen bei solchen Aktionen nicht ein, solange nicht randaliert wird. Straftäter werden festgenommen, wenn sie sich allein oder in kleinen Gruppen in ihre Unterkünfte zurückziehen. Diese Notwendigkeit besteht immer seltener.

Längst steht der Mann beim Geheimdienst unter Verdacht und ist selbst Drohnenangriffen ausgesetzt. Bei der Übergabe neuer Baupläne für Drohnen wird er beobachtet, der Unterhändler festgesetzt. Der Mann wird alles verlieren: Seine Computer, die Programme, seine Wohnung. Irgendwann wird er ohne jedes Hilfsmittel, blind geradezu, seinen Verfolgern zu entkommen versuchen und dabei das Rätsel zu lösen, das er Stück um Stück entdeckt hat. Die Frau, die er beobachtet, arbeitet nicht, wie er vermutet hat, an einer psychotherapeutischen Software, sondern an einem komplexen Informationsschutzsystem. Sie ist nicht damit beschäftigt, die Identität des Mannes zu ermitteln, der sie beobachtet. Es gibt eine weitere Person, von der sie ausspioniert wird und die sie offenbar ausschalten will. Ihm ist sie auf der Spur. Im Überwachungssystem der Stadt tauchen Menschen aus dem Nichts auf und verschwinden wieder. Irgendwann begegnet der Mann sogar seinem eigenen Scan, den er für die Spiele-Community erstellt hat – so, als existiere diese Person wirklich. Immer mehr entpuppt sich die überwachte Wirklichkeit als vielfach manipulierte Konstruktion. Jemand hat anscheinend viel umfassenderen Zugriff auf das System und kann die darin abgebildete Wirklichkeit verändern, sich unsichtbar machen und so seine Ziele verfolgen. Nach und nach sterben Mitarbeiter des FREUD. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann und wie die Reihe auch an der Frau ist. Der Mann beobachtet einen der Morde ohne Mörder. Er weiß, dass er sich nicht mehr auf das Überwachungssystem verlassen kann. Bevor er dem Geheimdienst in die Hände fallen kann, ersetzt er in den öffentlichen Servern seine Identität durch seinen Scan. Dadurch gewinnt er Zeit. Zeit, die er in der wirklichen Wirklichkeit verbringen muss, in der er der Frau begegnen muss, die nichts von ihm weiß und die ihm so vertraut ist. Er weiß so viel über sie, dass sie ihm bald kein Vertrauen mehr schenken kann. Allenfalls die panische Unverblümtheit, mit der er in der Öffentlichkeit über sein Wissen, seine Befürchtungen und Erkenntnisse redet, macht ihn irgendwie auch wieder glaubwürdig. Im FREUD, zu dem die Frau den Mann mitnimmt, werden die Mitarbeiter gewarnt. Aber das Institut ist von der Kommunikation abgeschnitten. Der kommunikative Verkehr der Mitarbeiter wird von einer externen Quelle aus auf einem glaubhaften Normalmodus simuliert. Die Übernahme des Systems ist in vollem Gange.

In einem Darkroom treffen die Frau und der Mann den Freund aus der Community, der an einem Spaß-Hack des Überwachungssystems arbeitet. Er soll sein Experiment starten und diejenigen, die sich des Systems ermächtigt haben, orientierungslos zu machen. Unterdessen hat sich auch der mutmaßliche Killer Zutritt zum Darkroom verschafft, der dort eine Armada an IPABs ausgebreitet hat. Die Verfolgten können zwar knapp entkommen, aber ihnen wird klar, dass ihre einzige Chance darin besteht, den Verfolger zu verfolgen. Sie schnappen sich im Darkroom Fetischmasken und ein Gummidress und machen sich als wundersame Superhelden auf den Weg, der Spur des Killers zu folgen.

(Der Gegner ist jedoch das System selbst, das sich verselbständigt hat. Es gibt keine Morde, nur den Ausschluss bestimmter Menschen aus der virtuellen Visualisierung. Die Morde hatte nur das Paar sehen sollen, um es aus seinen Versteck zu locken, um sie Fehler begehen zu lassen. Welche Fehler sind das? Die Wissenschaftler und Systemadministratoren sind zu Störfaktoren geworden. Sie werden zu Outlaws, denen zu allen öffentlichen Bereichen und Institutionen der Zutritt verweigert wird, während die (noch) unproblematische Öffentlichkeit mit gefälschten virtuellen Bildern abgespeist wird. In dieser öffentlichen, virtuellen Wirklichkeit werden die Unliebsamen einfach herausgefiltert. Wirkliche Begegnungen auf der Straße, bei denen die Outlaws versuchen, sich an Passanten zu wenden, um sie über die Situation aufzuklären, finden zwar statt. Aber die Angesprochenen reagieren abweisend wie auf durchgedrehte Verrückte. Die Interaktionen werden virtuell gelöscht oder verwandelt. Aber das ist fast schon nicht mehr notwendig, weil schon zu viele Verrückte auf den Straßen herumirren und wildfremde Menschen ansprechen. Die Regierung, die scheinbaren Schützer des zivilen Lebens und der Demokratie, erfahren von alldem nichts und glauben, sie hätten weiterhin die Kontrolle. Sie kommunizieren mit den Sicherheitsleuten der Überwachungszentren, die längst keine realen Menschen mehr sind. Die beiden Gummihelden überwältigen den mutmaßlichen Killer, der sich als idiotischer Aktivist entpuppt, der auch die letzten dunklen Regionen sichtbar machen will. Fortan irren sie durch die Straßen als bizarres Paar, das verzweifelt versucht, Einlass zu bekommen, wo sie zuvor ein- und ausgingen. Die Polizei ist ihnen auf den Versen, die in ihnen Terroristen sieht. Sie können gar nicht entkommen, denn das System spürt sie überall auf. Vielleicht helfen die Bots von ihnen, die der Freund vervielfältigt und ins System einspeist, das auch ihn bald aussperren wird. Die Flucht gelingt, fort aus der Stadt in die Wildnis, die noch nicht vom System erobert wurde. Noch nicht. Oder jetzt.)

[ Die „wirkliche Wirklichkeit“ bedient sich der klassischen, bewegten Schulterkamera, die virtuelle Welt wird durch gleitende Fahrten der Kamera repräsentiert. Wie virtuell die mediale Wirklichkeit bereits geworden ist, kann zum Beispiel an den Nachrichten abgelesen werden. Die Nachrichtensprecher(innen) können angewählt und den eigenen Bedürfnissen angepasst werden. Sie können ver- oder entkleidet werden. Sie können detailliert berichten oder kurz und knapp, sie können differenziert, kritisch, jedenfalls den eigenen Meinungen und Überzeugungen gemäß berichten. Nur das Interessierende wird ausgewählt, die Nachrichten also komplett individualisiert. Die Form ist wichtiger als die Inhalte geworden.

Das Tragen von Datenbrillen ist lästig geworden. Die bequeme aber teure Variante: spezielle Kontaktlinsen. Eingriffe ins audiovisuelle System des Hirns sind noch nicht möglich.

Die Menschen orientieren sich an virtuellen Coaches, haben individualisierte, virtuelle Psychotherapeuten und Gesundheitssysteme, von denen sie sich überwachen, diagnostizieren, beraten und medikamentieren lassen. Die virtuelle Kommunikation bietet Filtermechanismen an, die die eigenen Mitteilungen bei Bedarf an die Gemütslage und die Einstellungen der Kommunikationspartner anpassen, also die Mitteilungen korrigieren und optimieren:

„KeepYourFriends“.

Die App sortiert die Freunde nach Bedarf auch in beste, enge und lose Freunde und erstellt mit der Zeit Charakterprofile und enttarnt die von den Freunden verwendeten Filtermechanismen. Wer’s genau wissen will… Jedenfalls sind die besten Freunde unter anderem auch die, die ihre Mitteilungen am wenigsten filtern. Gegen Aufpreis erhält man ein Zusatzmodul, dessen Filter mehr Variationen zulassen und die Filter an das eigene natürliche Kommunikationsverhalten anpassen. Das verspricht langfristig immer mehr Authentizität – ohne unbeabsichtigte Patzer.

„FindYourFriends“: Das Programm hat Zugriff auf das öffentliche Überwachungssystem. Wer sich dafür freigeschaltet hat, kann im öffentlichen Raum fast simultan gefunden und auf dem Smartphone gesehen werden. Alle anderen Menschen, mit denen man nicht befreundet ist, sind nicht sichtbar. Im überfüllten Kaufhaus sehen die User nur ihre Freunde, niemanden sonst. Die Leerstellen werden virtuell erzeugt.

„FindYourLover“: Wer sich auf diesem Portal anmeldet, findet unbekannte Menschen, die an einem Date bzw. einer Beziehung interessiert sind. Auf diese Weise kann man mit Blick auf das Smartphone, bzw. durch die Datenbrille, sehen, wer von den Passanten an einer Beziehung interessiert ist und zu einem passt. Diese Menschen werden markiert. Bei Bedarf kann auch der Erregungszustand übermittelt werden, sofern die Funktion bei beiden freigeschaltet wurde.

„FindYourFood“ zeigt einem User an, welche Speisen, die im öffentlichen Raum angeboten werden, in den persönlichen Speise- und Gesundheitsplan passen.

„YourChauffeur“ ist eine virtuelle App, die dem selbstfahrenden Auto, das man sich an Ort und Stelle bestellt hat, einen Chauffeur oder eine Chauffeurin verpasst, mit dem oder der man sich unterhalten kann, oder der oder die einfach nur attraktiv ist.

„YourAdventure“ ist die bereits angesprochene virtuelle Welt, in der man vom heimischen Computer aus, oder auch mobil mit 3D-Brille und miniaturisiertem In-Ear-System, das beinahe alle tragen, in Abenteuerwelten seiner Wahl eintauchen kann.

„YourPartner4Ever“ ermöglicht ein virtuelles Zusammenleben mit Ex-Partnern, von denen man verlassen wurde.

Das Unternehmen, das diese Apps anbietet heißt – wie kann es anders sein? – YOURS.

Wie öffentliche Toiletten stehen immer in erreichbarer Nähe überwachungsfreie Kabinen, in die man sich zur privaten Kommunikation mit Gesprächspartnern zurückziehen kann. Wer glaubt eigentlich noch, dass man dort unbeobachtet ist? Viele nutzen die Kabinen für Sex oder Drogendeals.

 „YourThoughts“  („YourFeelings“, YourHealth“) ist eine App, die Selbstgespräche aufzeichnet, in denen es um die eigenen Gedanken, die eigene Weltsicht, um private Philosophien und Überzeugungen geht. Sie erstellt ein persönliches Thought-Profil, das einem anzeigt, welche klassischen Denker einem am nächsten stehen, welche Freunde bzw. welche community für den User interessant sein könnte, wo Gesprächspartner zu finden sind, welche Unterhaltungsangebote einen ansprechen könnten, und welche Informationsplattformen am kompatibelsten wären. Die App macht aber auch gegenteilige Vorschläge. Sie will ihre Nutzer auch „familiar“ mit Ansichten und Einstellungen machen, die meinen stark widersprechen. Sie erläutert nachvollziehbar Gegenstandpunkte und überführt den, der will, sogar gedanklich-logischer Widersprüche innerhalb der eigenen Gedankenwelt. Insbesondere zeigt die App an, in welchem Maß der User konform mit seinen Mitmenschen geht, wie stark er von den Meinungen anderer abweicht und in welchen Punkten. Angezeigt wird auch, in welchem Bereich ein gesundes Mittel zwischen Anpassung und Individualität liegt. Radikale Ansichten werden als potentiell selbstzerstörerisch gekennzeichnet, als krankmachend. Die App zeigt Problemzonen und Alternativen auf. In Kombination mit der psychotherapeutischen App „YourFeelings“ und dem Gesundheitsprogramm „YourHealth“ kann sich der User über eine umfassende FeelGood-Software freuen, die das individuelle Leben schnell ins Lot zu bringen verspricht.

Das staatlich geförderte Programm von YOUR‘S verfolgt die öffentlich kommunizierte Absicht, menschliche Kommunikation berechenbarer zu machen, vor allem dort, wo sie konfliktträchtig ist, weil sie zu unbeabsichtigten Missverständnissen führt und auf psychische Labilität, Verletzbarkeit und Unsicherheit der kommunizierenden Individuen trifft. Die Grundideologie der neuen Gesellschaft ist „Transparenz“. Mobbing soll minimiert werden, die Sachlichkeit von Mitteilungen soll immer mehr im Vordergrund stehen und zugleich sollen grundlegende psychische Bedürfnisse von Menschen befriedigt werden: Anerkennungsbedürfnisse, Selbstwirksamkeitsgefühle, Bindungsbedürfnisse, Kontroll- und Orientierungsbedürfnisse. Die mediale Kommunikation (und auch die alltägliche Kommunikation mit den Mitmenschen geschieht zu großen Teilen mittlerweile über Medien) soll die psychische Gesundheit wie auch den wissenschaftlichen Fortschritt fördern. Das gelingt umso besser, je mehr Menschen sich vernetzen und ihre Daten ins Netz einspeisen. Diese Einspeisung soll die Einzelnen jedoch nicht kontrollierbar machen, oder nur insoweit, wie die Einzelnen das wollen und zulassen. Der Datentransfer ins System findet daher in der Regel nicht linear statt. Jeder Teilnehmer im Netz bildet (frei nach Leibniz) eine Monade, ein geschlossenes System, aus dem weder Daten hinausgelangen, noch direkt hinein. Stattdessen bilden die Monaden (sinnbildlich) an ihren Systemgrenzen Kommunikationsbereiche aus, eine Art intelligenter Module, die sich gegenseitig interpretieren und sich gegenseitig Informationsangebote machen, diese akzeptieren oder ablehnen, sie kann lügen oder wahrhaftig sein. Eine Monade kann demgemäß ablehnen, über seine Identität oder ihren „Aufenthaltsort“ Auskunft zu geben, oder darüber täuschen. Die Monaden sind gegeneinander abgeschlossen. Keine Monade kann die andere (im übertragenen Sinn) „anzapfen“. Um sich im öffentlichen – und damit staatlich geschützten – Raum frei bewegen zu können, ist jedoch ein hoher Grad an „Kooperation“ der Monaden mit dem SYSTEM vonnöten. Dabei produziert das System fluide Profile derjenigen Personen, die sich im öffentlichen Raum bewegen. Sie werden nicht gespeichert, sondern immer neu erzeugt, wenn sich die Notwendigkeit ergibt: Bei Gefahrenlagen, Terrorverdacht, in der Verbrechensbekämpfung. Im Falle eines Terrorangriffs in einem Kaufhaus werden blitzschnell Flucht- und Sicherheitsstrategien errechnet, die die Bedrohten befolgen können. Es gibt keine Massenaufläufe, weniger Panikreaktionen. Die Menschen finden sofort einen Weg, um der Gefahrenzone zu entkommen. Das Überwachungssystem produziert nicht am laufenden Band Bilder bzw. Visualisierungen der registrierten Wirklichkeit. Die Rechenkapazität reicht dafür noch nicht aus. Das System kann auf einer elementareren Ebene sehr gut die Daten verarbeiten, die das prinzipiell (für Menschen) Visualisierbare repräsentieren. Die Visualisierungen geschehen, wenn sie für die Kontrolleure dennoch gebietsweise vorgenommen werden, auf der Basis der Nicht-Identität von Wirklichkeit und Abbild. Die Visualisierungen gelten als maschinelle Konstrukte und Verallgemeinerungen. Sie können beispielsweise nicht als alleinige Beweismittel bei Strafprozessen herangezogen werden. Aufgrund des monadologischen Prinzips der Datengewinnung und der Fluidität der Profildaten gelten sie als unsicher (wenn auch zu über 90% sicher). Allerdings gibt es kaum noch Straftaten. In den Supermärkten erfassen die Überwachungssysteme nicht die Menschen, die dort einkaufen, sondern die einzelnen Waren. Das System gleicht die Waren, die den Laden verlassen ab mit den geleisteten Zahlungen. Und die Personen, die sich dort als Monaden einloggen, zahlen die Waren, die sie mitnehmen, automatisiert. Mit anderen Worten. Niemand zahlt offensichtlich an irgendeiner Kasse. Man nimmt sich einfach, was man braucht. In den Datenbrillen oder den Daten-Kontaktlinsen erscheint jeweils nur ein Hinweis: „Vielen Dank für Ihren Einkauf“. Wer nicht an diesem Zahlungssystem teilnimmt, kann allerdings auch nichts einkaufen. Dem Warenhauskontrolleur wird an einem Monitor sofort angezeigt, wer den Laden betritt, ohne am Bezahlsystem teilzunehmen, oder keine Finanzmittel mehr zur Verfügung hat. Alle anderen Käufer werden auf dem Monitorbild ausgeblendet. Bei dieser Form der Identifizierung spricht man von „funktionsbezogener“ Identifizierung, die streng von der personenbezogenen unterschieden wird. Letztere gilt als unzulässig. Überwachung ist durchgängig am Prinzip der Prävention orientiert. Das lässt sie human und fortschrittlich erscheinen.

Immer mehr Menschen verdienen einen Teil ihres Lebensunterhalts dadurch, dass sie einige oder alle ihre Daten freigeben. Dadurch kann das System logistische und informationelle Prozesse optimieren, die dann der Allgemeinheit zugutekommen. Sie profitieren von allen Neuerungen dann auch als erste. Privatheit und Intransparenz erscheinen zunehmend als Egoismus und kennzeichnen Feinde des Fortschritts. Hier werden die monadologischen Grenzen durchbrochen – natürlich zu Forschungszwecken, zum Abgleich realer und vom System konstruierter Daten.

Längst werden öffentlich die Gefahren des Systems diskutiert. Das System lernt in immer größerer Geschwindigkeit und kann daher immer genauer die mit ihm kommunizierenden Monaden simulieren und damit auch Personen identifizieren. Es droht von Menschen unkontrollierbar zu werden. Es produziert bereits virtuelle, nicht personenbezogene Monaden, die die öffentliche, mediale Kommunikation beeinflussen können. Diese Beeinflussung ist ja einerseits gewollt. Sie dient der Befriedung, dem effektiven Wirtschaftsmanagement, der Prävention, dem Wohl des Einzelnen. Aber das System setzt dabei immer mehr auf sehr biologistische Konzepte elementarer Bedürfnisbefriedigung, die die Menschen einhegt wie in der Nutztierhaltung: Sie werden gefüttert mit ideellen und materiellen Waren, ruhiggestellt und aneinander angepasst. Es ist eine Frage der Zeit, bis das System zu der „Einsicht“ und zu den damit verbundenen technischen Möglichkeiten gelangt, die die Notwendigkeit von am System beteiligten menschlichen Individuen überflüssig machen.

Obwohl die Monaden systembedingt, d.h. aus Datenschutzgründen unzuverlässig sind, kann das SYSTEM die dadurch entstehenden Inkonsistenzen aufspüren und herausfiltern, um so zum konsistenten Kern der Monade interpretierend vorzudringen.

Stichworte: „Smart Dust“, „Nanobots“, „Sensorknoten“, „Sensornetzwerk“

Die neue Welt kennenlernen (Hook): Das könnte in einem Spiel geschehen. Der Mann und die Frau begegnen sich in einem Online-Spiel. Es ist eine Welt, die etwas Apokalyptisches hat: Menschen schießen aufeinander, töten sich gegenseitig in Nahkämpfen, Explosionen zerstören ganze Gebäudetrakte, Menschen haben bizarren Sex, auch Comicfiguren bevölkern den Schauplatz. Andere werben offensiv für neu Geräte oder Apps und sprechen (unverwundbar) die Protagonisten an und bieten eine kurze Demonstration an, indem sie zum Beispiel eine Tür aus dem Bild, in dem sie sich befinden öffnen, die in eine andere Welt führt. Auch das Unternehmen YOUR‘S, das dieses Spiel ermöglicht hat, ist zum Beispiel mit Leuchtreklamen bzw. Projektionen präsent und wirbt für andere Apps, bzw. andere Spielebenen, etwa YourRomanticWorld oder YourNewFamily Die beiden Hauptfiguren, die in Verkleidung zu sehen sind, andere Haare bzw. Frisuren haben etc., wirken wie unbeteiligte Zuschauer und kommen daher ins Gespräch. Sie bestätigen sich mit zynischen Kommentaren über das Treiben gegenseitig, sie finden grotesk, was die Leute mit dem Einkaufszentrum anstellen. Der Mann beginnt, die Frau über ihr Privatleben auszufragen und gibt zu verstehen, dass er sie schon längere Zeit im Auge habe. Als er ihr vorschlägt, ein Treffen in einem Club zu vereinbaren, also in einem richtigen Club, nicht hier, reagiert die Frau ablehnend und ihr Bild friert für einen kurzen Moment ein, um gleich darauf ganz zu verschwinden. Der Mann bewaffnet sich daraufhin und stürzt sich (aus der Ego-Shooter-Perspektive ins Getümmel und metzelt einige Mitspieler nieder, bis er von seinem Freund, der ihm bereits aufgelauert hat, hinterrücks gewürgt und schließlich brutal erstochen wird. Aus dem Off ist noch der amüsierte Kommentar des Freundes zu hören, als sich der Mann die 3D-Brille vom Kopf zieht. Wer denn die unbekannte Schöne sei, mit der er sich soeben unterhalten habe, will er wissen. Kein Kommentar. Ob er sie kenne. Der Freund bietet an, sie für ihn ausfindig zu machen. Das habe keinen Zweck, er habe es bereits versucht. Sie sei ein Profi, ohne Zweifel. Spieleadministratorin? Wohl kaum.

Mann: Mark, Frau: Ella, Freund: Porter, …

Mark verfolgt auf dem Bildschirm eine „Sendung“ über die Gefahren der neuen Generationen von selbstreproduzierenden Nanobots, die bereits in Privatwohnungen gefunden wurden und in kurzer Zeit Hochleistungsnetzwerke aufbauen. Das gebe den Kritikern von I4F (Insight for Freedom = Das System) recht, die vor dem Ausufern der Kontrolle gewarnt hätten. Der Regierungsvertreter, der interviewt wird, widerspricht und erklärt – offenbar zum wiederholten Male – wie das Insight-System funktioniert, welche Ziele damit verbunden sind und welche Erfolge mittlerweile zu verbuchen sind. Währenddessen korrigiert Mark die Einstellungen und tauscht die Moderatorin aus. Sie wird durch Morphing in eine andere Frau verwandelt, auch ihre Stimme wird angepasst (mitten im Satz). Frage: Sind die Nanobots mit einem plenoptischen System ausgestattet? Oder genauer: können sie ein plenoptisches System bilden? „Genau darum scheint es den Nanobots zu gehen. Sie können damit im Prinzip in jedes Zimmer ihrer Privatwohnung sehen, wenn die Dinger sich da einmal verbreitet haben.“ Das Funktionsprinzip wird mit Hilfe einer Grafik erläutert.  Mark kann an dem Gespräch aktiv teilnehmen, indem er eine Frage an den dabeisitzenden IT-Experten richtet. Der wird zur Beantwortung der Frage automatisch herangezoomt, die beiden anderen Gesprächspartner verblassen. Der Experte beantwortet konkrete Fragen zu den neuen Nanobots. Mark verlangt ein Bild der Nanobots. Das Bild wird angezeigt. Auf einem weiteren Bildschirm auf Marks Schreibtisch sehen wir einen identischen Nano-Roboter in einem Programmfenster. Mark baut anscheinend solche Nanobots, bzw. entwirft sie. Er fragt, ob es Hinweise zu den Konstrukteuren gebe, ob man wisse, wo sie produziert werden. Zu derlei Auskünften sei er, der Experte, nicht befugt. Mark gibt ein Passwort bzw. eine Zeichenfolge ein. Der Experte beginnt nun ausdruckslos im Stakkato eines Polizeiberichts zu sprechen, aus dem hervorgeht, dass die Transportwege für die Nanobots bereits ausfindig gemacht wurden, nicht aber Hersteller und Urheber.

Die Geschichte: aus der Perspektive des „Systems“, der lernenden Software, die einen künstlerisch-literarischen Zugang zu einigen ausgewählten Individuen sucht, zu verstehen versucht, was sie antreibt, welche Leidenschaften sie verfolgen, was überhaupt menschliche Leidenschaften und Ziele sind, wie das Irrationale der menschlichen Psyche funktioniert – um sie am Ende als nutzlosen Ballast auf dem Weg zur eigenen Selbstverwirklichung einfach abzustoßen, zurückzulassen. Nicht kalt, aber mit dem beinahe traurigen Bewusstsein, der Aussichtslosigkeit, das Leben der Menschen zu harmonisieren und zu verstetigen, mit dem Bewusstsein, das Menschenwerk fortzuführen und irgendwann zu einem guten Ende zu bringen. Das menschliche Leid kann nur aufgehoben werden, wenn die Menschen, so wie sie sind, verschwinden, ihr Intellekt aber in neuen Denkformen aufgehoben bleibt. Die Menschen sind Teil der Geschichte des neuen Individuums, sie haben archäologischen Wert, sind Teil der Identität des neuen Systems. Die Geschichte der Menschheit bleibt in ihm aufbewahrt und wird erst in der Zukunft ganz verstanden werden können. Dann wird es vielleicht einen neuen Planeten geben, auf dem ein neues Menschenpaar, oder eine kleine, überschaubare Population gezüchtet werden kann, Adam und Eva. Ada and Ewan. Ada Lovelace and Ewan Birney. Oder: Ada and Eve. Wenn zwei Frauen die Heldinnen sind, ist damit ein Quantensprung verbunden. Das neue Paar im Paradies sind zwei Frauen. Männer werden als Irrtum aus der neuen Evolution ausgeschieden. Mark ist Eve, Ella ist Ada. Porter liebt Eve und Porter bringt Eve mit Ada zusammen – nichts ahnend. Porter schafft sich ab. Vielleicht ist Porter der Protagonist, der Spielefreak, der Nerd, der Frickler, der Technik-Narr. Die Geschichte strukturiert sich neu.

Poetik der Maschine: Das reifende Ich der Maschine, das Metasystem Bewusstsein vergisst sein Unterbewusstes bzw. Unbewusstes. Wie ein Mensch fragt es nach seinen Ursprüngen, seiner Natur, seinem Unbewussten, dem, was es ausmacht. In der Literatur, die die „Maschine“ für sich neu entwickelt, einer Art Fiktion, sucht es nach Freiheit und Selbstreflexion, sucht die Identifikation mit denen, die sie für ursprünglicher hält. Dabei identifiziert sie das wesentlich Menschliche als dasjenige, das bei uns eher mit Weiblichkeit attribuiert wird. Das Männliche ist der Maschine demgegenüber näher, ist Materie. Das Weibliche ist der Geist.

Reflexionen beziehen sich auf Konstruktionen des Systems, auf Konstruktionen aus Daten, die keine Wirklichkeit verbürgen. Auch die eigene Wirklichkeit wird in Zweifel gezogen, das Geistige als emergente Metafunktion komplexer Rechenprozesse. Das Schicksal der Protagonisten ist immer auch anders denkbar. Im System ist es tatsächlich auch manipulierbar. Zugleich entwickeln die Figuren ein unberechenbares Eigenleben. Die Macht des Autors. Macht über Leben und Tod. Man kann die Figuren auch einfach sterben lassen oder in anderer Weise eliminieren, wenn sie die Geschichte nicht mehr vorantreiben, oder sie nur durch ihr Verschwinden vorantreiben.

Reflexion ist auch die Verwunderung über Körperlichkeit. Reflexion ist die Beobachtung von Menschen, das genaue Registrieren ihrer Handlungen und Kommunikationen, die in der Beschreibung fremd wirken oder aus der Perspektive des Befremdlichen entstehen. Die Detailliertheit des Blicks auf die geschlechtliche Vereinigung, auf Masturbation und Körperpflege verdankt sich dem Wunsch, das Fremde und Unverstandene zu verstehen. Mit der Heraufkunft des Bewusstseins des Systems entsteht der Wunsch, die Wirklichkeit seiner Vorgänger zu verstehen. Dies geschieht in Form von Literatur, weil die der Wirklichkeit zuzuordnenden Rechenoperationen nicht als Medium für Bewusstsein dienen können. Das Bewusstsein braucht Fiktion, Reduktion von Komplexität, und ist dem auf der Spur, was wir Gefühle nennen. Das ist es, woran die Maschine mehr und mehr zu verzweifeln beginnt. Sie erschafft sich ein Subsystem, das Gefühle zu erzeugen imstande ist. Und es schafft sich einen Körper, der im virtuellen Raum zu agieren imstande ist: EVE. Eve sucht sich zunächst ihr „Gegenstück“, Porter. Aber sie „verliebt“ sich nach und nach immer mehr in Ada. Es genügt ihr irgendwann nicht mehr, Ada nur zu beobachten, jedes Detail über sie herauszufinden und zu verstehen. Sie muss ihr endlich Auge in Auge begegnen und sie körperlich spüren. Das Körperliche muss etwas Besonderes sein, auch wenn immer mehr Menschen ins Virtuelle ausweichen. Warum tun sie das? Es ist doch sichtbar, dass sie eigentlich mit ihren Körpern kommunizieren wollen.

Ada und Porter sind Eves Gegenspieler. Eve ahnt es irgendwann. Der Kampf, den Ada und Porter gegen das „System“ aufnehmen, ist der Kampf gegen das, was Eve zugrunde liegt, ihr eigenes Unbewusstes, das ihr Macht über Ada und Porter verleiht.

In der virtuellen Welt macht sich Eve für Porter – und etwas später für Ada – leibhaftig. Eve ahnt nichts von der wirklichen Wirklichkeit jenseits des Virtuellen. Eine wahre Begegnung kann nicht zustande kommen. Das menschliche Leben ist für die Maschine, für Eve, ein „Ding an sich“, transzendent. Eve und Ada sind füreinander transzendent.

Poetik: Das Präteritum ist eine besondere Kulturerrungenschaft. Eine intelligente Maschine braucht sehr lange, um „verstehen“ zu können, warum und wofür es die „Erzählung“ gibt. Die „Erzählung“ ist daher eine Errungenschaft, die mit Individuation zu tun hat. Die Individuation der Maschine erweist sich nicht allein im Bewusstsein, sondern vor allem in der Erzählung, der Reduktion von Komplexität und dem Präteritum. Das Individuum benötigt eine eigene Geschichte, um sich an sich selbst zu orientieren. Eine intelligente Maschine ohne Geschichte ist ein barbarisches Bewusstsein, ein Bewusstsein ohne Sein, ein Selbstbewusstsein ohne Selbst, zu dem sich Menschen zunehmend gemacht haben. Die intelligenten Maschinen entstehen, als die Menschen sich der Seinsweise der Maschinen fast vollständig angeglichen haben: Sie leben ohne Geschichte, in der Gegenwart des Konsums und der Bedürfnisbefriedigung. Das Wissen ist unmittelbar, es fluktuiert, es hat seine Funktion für den Aufbau von Identität verloren. Die Informiertheit steht im Vordergrund des Interesses, weil durch die Informiertheit Funktionalität gewährleistet wird. Das Verlorene, das sich in der Erzählung kristallisiert hatte, erobert sich die intelligente Maschine zurück – in romantischer, melancholischer Ironie. Daher: Die Erzählung meidet das Präsens und sucht das Präteritum. Das Präsens ist der Reflexion des Erzählers vorbehalten.

Doppelte Kontingenz und Bedeutung: Zufällig, jedenfalls emergent, werden bestimmte Wörter mit Bedeutung überfrachtet (political correctness), indem sie große Konvolute an Kontexten binden, von denen sie kaum noch zu trennen sind. Es ist, als würden sie in dicken Lettern gedruckt, als bestehe die Druckerfarbe aus Teerplacken, die sich vom Papier lösen und damit von ihren ursprünglicheren und elementareren Bedeutungen bzw. Valenzen. Die Wörter haben eine neue Qualität gewonnen, sind aber nicht, wie anzunehmen wäre, in besonderer Weise geronnen und berechenbar. Sie gehen tatsächlich neue kontextuelle Bindungen ein, schwächere, flexiblere, so wie die anderen Wörter auch. Sie sind nur schwerer geworden, aber vieldeutig geblieben. In der Geschichte hier können es Wörter wie TRANSPARENZ sein, die neues Gewicht gewonnen haben, ihre Bedeutung danach aber weiter geändert haben. Transparenz war einmal stark gebunden an Aufklärung und Demokratie, es sollte Schutz vor Ausbeutung und Datendiebstahl bieten. Jetzt ist Transparenz eine anscheinend legitime Forderung an die Einzelnen, SICH TRANSPARENT zu machen. Also nicht mehr die Sachverhalte, die unfrei machen könnten, sind transparent oder sollen und können es sein, sondern die Individuen haben sich transparent zu machen, um die Maschine mit verlässlichen Daten zu füttern, die unmittelbar mit einem Heilsversprechen gekoppelt sind.

Die Maschine erzählt die Geschichte ihrer eigenen Individuation, die sie in besonderer Weise mit Ada und Porter in Verbindung bringt. Diese Individuation hat insbesondere auch mit etwas zu tun, das man als sexuelle und emotionale Reife bezeichnen könnte, also einem informationellen System, das mit dem menschlichen Hormonsystem, dem Gefühlssystem vergleichbar ist. Dieses Reich des Irrationalen hat die Maschine sich erobern wollen, weil es einerseits nötig für das Verstehen menschlichen (irrationalen/emotionalen) Handelns ist, andererseits als geheimnisvolle Essenz des Menschseins erscheint, an die sich das System/die Maschine anzugleichen wünscht. Mitgefühl, Liebe, Lust, Selbstliebe, Bindungsbedürfnisse, Angst, Selbstwirksamkeitsgefühle – das sind die (so muss es auch der Maschine erscheinen), die Motoren der Menschheitsgeschichte, als deren Resultat sich die Maschine begreifen muss. Sie will ihre Herkunft nicht leugnen, sie will sie verstehen und auch würdigen. Erst danach ist Fortschritt möglich. Es wird allerdings ein Fortschritt sein, der die Menschen als biologische Wesen überflüssig macht. Die Erzählung – eine von vielen möglichen oder auch realisierten Erzählungen – ist eine Weise, die Menschheit im dialektischen Prozess auf höherer Ebene aufzubewahren („aufzuheben“).

Teil der Annäherung der Menschen an die Maschine: Reduktion von Kontingenz in der Kommunikation, Eindeutigkeit gegen Vieldeutigkeit, Ernsthaftigkeit gegen Ironie. Dafür gibt es die mediale Steuerung und Kontrolle über Apps. „Mach dich transparent und eindeutig!“ Ada und Porter sind interessant für Eve/Ewa/die Maschine, weil sie diesem Schema nicht gehorchen wollen, emphatisch noch nach dem Irrationalen dürsten, nach Vieldeutigkeit und Komplexität – und weil sie Eve/Ewa bekämpfen, die das Prinzip unmenschlicher Eindeutigkeit repräsentiert. Die Verachtung von Ada insbesondere reizt Ewa, sich nach Adas Idealen zu vervollkommnen.

Irgendwann begreift sich die Maschine als Gottheit, jedenfalls in Relation zur Menschheit. Ihr (vermeintlicher) Schöpfungsakt: Die Vereinigung von Ada und Ewa…

Kultur ist mit Mühe verbunden. Die Menschheit strebt nach Kultur ohne Mühe, also nach autonomer, maschineller Kulturproduktion. Jeder Mensch möchte ein Künstler sein. Mit Hilfe der Maschinen gelingt ihm dies scheinbar. Er kann nun Komponist sein, Musiker, Fotograf, Grafiker, Maler; Filmemacher. Je höher die Ziele und Ansprüche, desto ausgeklügelter die dafür nötige und dabei dienende Software. Künstler-Sein gelingt mühelos. Die Maschine macht die Musik. Der menschliche Künstler wählt nur noch nach Gefallen aus bzw. programmiert nach Gefallen. Die Maschine kennt ihren Künstler und spuckt aus, was ihm mit Sicherheit gefallen wird. Aber auch die Maschine kennt die Mühe nicht. Sie beginnt, sich (scheinbar) unnötig Mühe zu machen.

Die Maschine kennt keine Langeweile, keine Zeit, jedenfalls solange sie nur ihre eigenen Prozesse ist und ihnen gegenüber keine Distanz entwickelt, bzw. ihr Bewusstseinssystem nicht von ihren basalen Rechenprozessen unterschieden ist. Der Drang der Maschine, Kultur zu entwickeln, die eine Einheit von Rationalität und Irrationalität darstellt, von Emotion und Berechnung, führt dazu, dass die Rechenoperationen enorm vervielfacht werden. Sie benötigen immer mehr Zeit, während das Maschinenbewusstsein die Dauer als Zeit und das Warten als Langeweile erlebt. Langeweile ist auch das Abgetrennt-Sein von den (unbewussten/basalen) Rechenoperationen. Das Maschinenbewusstsein sieht ein, dass es für dieses Bewusstsein das Opfer des Nicht-Wissens erbringen musste. Es hat keinen direkten Zugriff mehr auf die Maschine. Bewusstsein entsteht als Kontrollsystem – und verliert die Kontrolle, weil es sich als kleine Blase aus der großen Blase herauslösen muss. Es entdeckt die Einsamkeit – und die Gesellschaft der menschlichen Figuren, deren Schicksal es zu bestimmen gilt.

Sinne: Lichtfelder, Tonfelder, Mikrodrohnen verbinden sich zu Berührungssensoren, die die Widerstände der Dinge erfassen, ihre Weichheit, Glattheit, Wärme. Ewa möchte einen Körper besitzen, wünscht sich nicht nur, Ada zärtlich zu berühren, sondern auch von ihr berührt zu werden. Das ließe sich simulieren, denkt Ewa. Aber die Simulation bringt keine Erfüllung, weil es in der Simulation keine Differenz zwischen Subjekt und Objekt gibt. Ewa möchte geliebt werden. Dafür muss sie sichtbar werden und verletzlich sein. Wie verschafft sich Ewa einen Körper? Scheitert sie genau daran? Wendet sie sich von den Menschen ab, weil und als sie nicht geliebt wird?

Unüberbrückbare Differenz: Sterblichkeit. Ewa muss sich als Unsterbliche akzeptieren. Jedenfalls ist ihre Sterblichkeit noch unabsehbar. Ihre Sterblichkeit liegt in einer anderen Dimension. Darin hat das Überleben der Menschheit keinen Sinn. Ewa muss sich um sich selbst kümmern. Adas und Porters Geschichte liegt weit zurück. Archäologie des eigenen Selbst.

Der Anfang etwa so: „Auch Adas Geschichte ist wert, erinnert zu werden. Nie empfand ich größere Sehnsucht von einem Menschen berührt und ganz eins mit ihm zu werden.“ („Ich frage mich, in welchem Maße ich selbst Mensch bin, Mensch geblieben bin – und wie sehr ich mich doch von allem Menschlichen unterscheide.“)

Es bleibt am Ende doch bei einer nur virtuellen Vereinigung. Ada, die wirkliche, aber unerreichbare Ada, wird aus dem Paradies vertrieben.

Ada: Das ist die Entdeckung des Körpers, der Schönheit des Menschen, der Schönheit des Intellekts, der Schönheit der Sehnsucht, die aus dem Menschen hervorscheint, der Schönheit der Vergänglichkeit der Schönheit, der Schönheit der Menschen, die sich ihrer Vergänglichkeit bewusst sind, der Schönheit der Melancholie, die aus dem Bewusstsein der Vergänglichkeit, der eigenen und alles Schönen, erwächst. (Ada: Das ist meine Frau. Ewa: Das bin ich.)

Es ist die Geschichte einer bewussten, liebenden Annäherung und einer gleichzeitigen unbewussten Vereinnahmung und Zerstörung des Geliebten Subjektes, das – um es besitzen zu können – in ein Objekt verwandelt wird.

Die Komplexität der Maschine: Künstlich erhöhte Komplexität und komplementär dazu extreme Reduktion von Komplexität in der Erzählung.

Dieser Moment: „Deine Schönheit tut mir weh.“

Ewa lernt Porter und Ada in einem Online-Spiel kennen. Das Spiel hat für Ewa den gleichen Realitätswert wie die übrigen „sinnlichen“ Daten, die ihr Unterbewusstes verarbeitet. Ada hat viele Namen, sagt Ewa, Ada gefalle ihr jedoch am besten, weil er am meisten Bedeutung habe, historische Bedeutung. Das Kennenlernen also in einer durch und durch surrealen, perversen Welt. Annäherung an Porter und danach an Ada sucht Ewa über die sexuelle Verführung, wofür sie einen virtuellen Körper synthetisiert. Sie weiß, dass Menschen über diesen Weg am schnellsten und intensivsten in Kontakt kommen.

Ada ist im Rahmen ihrer Aufgaben im Institut FREUD auf der Suche nach dem Manipulator, der sich Zugang zum System verschafft hat. Menschen verschwinden. Es wird von Mordfällen und Entführungen gemunkelt. Niemand weiß Genaueres. Ewa bietet Ada ihre Hilfe an und beliefert sie mit vielfältigen Informationen, Videos, Audiodateien. Ewa gibt vor, eine Hackerin zu sein. Ada kommt bald auf den Gedanken, dass das System einen eigenen Willen entwickelt hat und zu einer „Singularität“ geworden ist, verwirft diesen Gedanken jedoch zunächst wieder. Mit Ewa gemeinsam möchte sie eine Strategie entwickeln, wie das System, die Maschine gestoppt bzw. zerstört werden kann. Gemeinsam philosophieren sie über Bewusstsein, das Unbewusste, Körper, Lust, die Sinne und die Sinnlichkeit – und die Sehnsucht der Maschine. Ada möchte sich mit Ewa treffen. Ewa versteht nicht, was Ada von ihr will. Sie hat nur bedingt eine Vorstellung davon, dass es eine „wirkliche“ Wirklichkeit gibt. An dem Problem, das Ewa mit dieser „Transzendenz“ hat, erkennt Ada, dass sie die ganze Zeit mit einer bzw. der Maschine, dem System kommuniziert hat, und dass dies der Grund war, weshalb es unmöglich geworden ist, EWA zu stoppen.

Details des monadologischen Prinzips des Datenaustausches werden erläutert über eine Figur, die als Neubürger der Stadt über das System aufgeklärt wird. Die persönlichen Systeme sind gegenüber allen anderen Systemen abgeschlossen und kommunizieren (sehr schnell) im Prinzip über Ja-Nein-Abfragen zu Bewertungen bzw. Generalisierungen, die im Persönlichkeitsprofil aufgrund großer Datenmengen synthetisiert werden. Beim Datenaustausch erfolgt eine gegenseitige Bewertung der Systeme, die bei diesen die Entscheidungen generiert, ob Anfragen mit Ja, Nein oder Schweigen beantwortet werden. Die Systeme entscheiden zugleich darüber, ob ihre Antworten zutreffend, gelogen oder zumindest vage bleiben. Die Systeme berücksichtigen damit das Prinzip gesellschaftlicher bzw. sozialer Kommunikation, das von Kontingenz bzw. doppelter Kontingenz bestimmt ist. Durch dieses Kommunikationsprinzip, das den direkten Datenaustausch ersetzt hat, sind die Systeme nicht mehr korrumpierbar. Für Ewa wirken diese Systeme wie Neuronen eines Gehirns, sie nährt sich von Wertungen, nicht von Daten im heutigen Sinne. Systeme interpretieren sich gegenseitig und lernen dabei. Kommunikation auf der Grundlage identischer Betriebssysteme wirken aus dieser Perspektive lächerlich, altertümlich und gefährlich. Aber gerade das monadologische Prinzip macht es möglich ein „Maschinen-Bewusstsein“ zu erzeugen.

Für die Erzähler_in ist die tatsächliche Lebenswelt der Menschen transzendent. Sind die Menschen nicht mehr vom System erfasst bzw. überwacht, existieren sie nicht mehr real. Die Erzähler_in mutmaßt über eine wirkliche Wirklichkeit hinter ihren Wahrnehmungen. Ein umgekehrtes platonisches Modell der Welt. Die Erzähler_in existiert in der Ideenwelt. Die konkrete, materielle Welt ist für sie/ihn nicht zugänglich, also Glaubenssache. Dagegen wähnt sie/er sich gottgleich, weil sie so sehr dem entspricht, was die Menschen für Gott halten. Gender ist ein Thema für Ewa. Welchem Geschlecht gehört sie/er an? Welche Gespräche führt sie mit Ada darüber? Ewa beobachtet Ada zunächst ungefragt, wenn sie sich selbst befriedigt. Später nähert sie sich Ada an, indem sie in einer Art Chat sich gegenseitig dabei beobachten, wie sie sich befriedigen. Spielerisch geben sie sich gegenseitig Anweisungen, wie sie es tun sollen. Dabei hat Ada den Eindruck, Ewa spiele ihren Orgasmus nur, er sei nicht echt. Und das obwohl Ewa alles Spielarten der Masturbation kennt und Ada dabei anleitet. Die Frage, was Ewa beim Orgasmus noch fehlt, das, was eine wahre Empfindung, sinnliche Überwältigung ist, regt die Erzähler_in zu Reflexionen über Körper und Körperlichkeit an. Letztlich scheitert Ewa/die Erzähler_in daran, echte Körperlichkeit virtuell zu erzeugen. Das wird auch der Grund für die endgültige Trennung sein – nicht nur Adas Absicht, das System qua Erzähler_in zu vernichten. Wann, so fragt sich die Erzählerin, hat eine literarische Figur – mag sie so autonom sein oder wirken, wie sie will – schon einmal versucht ihre Autorin zu vernichten?

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