Das rote Kleid

Ich entdeckte den kleinen Laden eher zufällig, weil es plötzlich heftig zu regnen begann und ich auf dem Weg von der Generalprobe zur Bücherei keinen Schirm dabeihatte. Das Vordach über dem Eingang bot mir gerade genug Schutz, um nicht von oben bis unten nass zu werden. Der Laden war mir bislang noch nicht aufgefallen, vielleicht, weil die Auslagen sich optisch nicht darauf festlegen wollten, ob es sich um ein Modegeschäft, einen Gift-Shop oder die Beratungsstelle einer Frauenorganisation handelte. Neben einigen Buch-Exemplaren mir nur bedingt geläufiger Feministinnen sowie Sex-Aufklärungsbüchern speziell für Frauen lagen Baumwoll-Hipsters mit aufgedruckten Slogans oder Sprüchen wie „sex positive“, „be nice to me“, „eat more pussy“, die ich kaum meiner eigenen Altersklasse zuordnen konnte, eher was für junge Mädchen, die beim ersten Date überraschen wollen. An den Seiten hingen dagegen zwei hübsche Tops, gegenüber ein flippiges Hippie-Kleidchen und auf einem bunt bemalten Sockel stand ein Paar klobiger, grell-grüner Plateau-Stiefel. Was mich letztlich gegen alle Skepsis bewog, den Laden, der sich „EINTRITT“ nannte, zu betreten, war das rote, ganz nach meinem Geschmack geschnittene Kleid, das prominent auf einer Schneiderbüste ausgestellt war, so schlicht wie extravagant. Es einmal anzuprobieren, konnte ja nicht schaden. Heterogenität war offenbar das Leitmotiv für Ausstattung und Sortiment des Ladens – und nicht zuletzt „laziness“. Zwar hatte eine kleine, schrille Glocke an der Tür die neue Kundin angekündigt, aber niemand ließ sich blicken, obwohl aus einem Hinterzimmer leise Stimmen zu hören waren, kurze, beinahe geflüsterte Wortwechsel. Ich hatte also Zeit, mich in aller Ruhe etwas umzusehen. Das rote Kleid war auf der Rückseite nicht mit Nadeln auf Form gesteckt worden, ich konnte annehmen, dass es mir halbwegs passte. Auf der Theke, die ihrer Patina nach aus einem alten Tante-Emma-Laden stammen musste, stand eine nicht minder alte Kasse aus analogen Zeiten. Fehlte eigentlich nur die Kurbel an der Seite. Auf der Rückseite der Kasse begegnete ich noch einmal dem Namen des Geschäfts: „EINTRITT“, aber erst jetzt las ich die kleinere Zeile darunter: „nur für Frauen“. Also doch eine Art „Frauenladen“! Hätte der Regen, der in Wellen über die Straße peitschte, nachgelassen, wäre ich wahrscheinlich wieder gegangen. So blieb ich und schaute mich weiter um. Im vorderen Raum fand sich vorwiegend Bekleidung, viele T-Shirts mit coolen feministischen Sprüchen, eine kleine Abteilung mit Unterwäsche, über der analog zum „EINTRITT“-Schild eine Pappe angebracht war, auf der stand: „KINKY – nur für Frauen“. Gegenüber standen die Bücherregale, in denen feministische Titel wahllos neben erotischer Literatur und anscheinend pornographischen Bildbänden einsortiert waren. Naomi Wolf, Betty Dodson, Beauvoir und Judith Butler. Da sich immer noch niemand blicken ließ, fischte ich einen der Bildbände heraus, der auf pinkem Einband den Titel „Orgasm – Photographs and Interviews“ trug. Ich blätterte ein wenig darin und musste feststellen, dass alles recht harmlos aussah: Irgendwelche Frauen, die sich in unterschiedlichen Situationen, anscheinend vor, beim oder nach dem Masturbieren hatten fotografieren lassen. Keine expliziten Bilder. Gleich neben den Büchern, unmittelbar hinter der Theke, war die Abteilung mit DVDs, die mich nicht weiter interessierten, englischsprachige Titel, in denen Worte wie G-Spot, Education, Pussy, Kinky, Female, und sogar Anal in immer neuen Variationen kombiniert waren. Unter der Decke waren überall bunt bedruckte indische Tücher ausgebreitet, die wohl für eine gemütliche Atmosphäre sorgen sollten. Als ich den abgegriffenen Vorhang, der zu den hinteren Räumen führte, etwas zur Seite schieben wollte, näherte sich eine der Stimmen. Sie müsse kurz nach der Kundschaft sehen, sagte eine robust klingende Frauenstimme. Ich trat zwei Schritte zurück und sah Angelika zum ersten Mal. Sie war eine groß gewachsene, schlanke Frau mit langem, vollem und durch und durch grauem Haar. Sie war eine ausgesprochen freundliche Erscheinung, zugleich aufrecht, energisch und elegant. Werde ich jemals solch tiefroten Lippenstift mit so viel Selbstbewusstsein tragen wie sie? Es kam selten vor, dass ich mir bis zu diesem Grad der Bewusstheit vergegenwärtigte, wie schön eine Frau ist. Angelika war unbeschreiblich schön, trotz ihrer grauen Haare und den 50 oder sogar bald 55 Jahren, auf die ich sie schätzte. Als sie mich sah, schien sie gleich etwas sagen zu wollen, hielt aber nach dem Einatmen inne, blieb auf der Schwelle stehen und lächelte mich herzlich und beinahe etwas amüsiert an. Ich musste sie mit so erstaunten Augen, so überrascht angesehen haben, dass sie diesen Moment auszukosten schien, der weitaus mehr Wirkung entfalten sollte als jedes nur erdenkliche Verkaufsgespräch.

„Kennen wir uns?“, fragte sie und neigte den Kopf ein wenig zur Seite, ohne mich aus den lächelnden Augen zu lassen.

„Nein. Nein, ich glaube…“

Sie blickte auf den Geigenkasten, den ich am Gurt über die Schulter trug.

„Dann werden wir uns ja hoffentlich kennenlernen. Was kann ich für dich tun?“

Ich fand es zwar sehr unpassend, von ihr geduzt zu werden, zeigte aber, als störte mich das nicht weiter, nur auf das rote Kleid und fragte, was sie dazu meine, ob es mir passen würde und ob ich es einmal anprobieren könne. Das habe sie nur einmal da, sie müsse es von der Büste abnehmen, was aber kein Problem sei. Bei fast allem, was sie hier verkaufe, handle es sich um Unikate, jedenfalls Einzelstücke. Wenn mir das Kleid nicht passe, könne sie es nachbestellen. Der Schnitt sei relativ einfach, eine Freundin nähe das Kleid bei Bedarf auch nach Maß. Ich beobachtete, wie sie das Kleid von der Büste zog. Dabei fuhr sie mit ihren schmalen, langen Fingern unters Kleid, glitt an der Kunststoffhaut der Schneiderpuppe hinauf, als liebkoste sie diese wie einen Menschen aus Fleisch und Blut, schob das Kleid über die Hüften und drehte es beim Lupfen in die Höhe einmal komplett auf links. Dabei reckte sie sich weit nach oben. Ich konnte sehen, dass sie unter ihrer locker sitzenden Hüftjeans eine von den „kinky“ Unterhosen trug, die sie im Regal liegen hatte. Noch im gleich Moment drehte sie sich wie eine Tänzerin auf Spitzen zu mir um, das geraffte Kleid überm Kopf, ihr T-Shirt weit überm Bauchnabel, und ich konnte über der Naht des Slips den Ansatz ihrer Schambehaarung sehen. Während sie das Kleid flink wieder auf rechts drehte, glattschüttelte und dabei auf die hinteren Zimmer zusteuerte, gab sie mir ein Zeichen, dass ich ihr folgen sollte. In dem recht schmalen Gang hinter dem Vorhang befanden sich links und rechts Glasvitrinen, in denen einige wenige, offenbar jedoch ausgesuchte und hochwertige Dildos, Vibratoren und anders Sexspielzeug ausgelegt waren.

„Nicht erschrecken“, sagte sie über die Schulter hinweg und bog in einen weiteren, etwas kürzeren Gang ab.

Ich erschreckte mich gar nicht. Mir war, was ich sah, aus den Frauenzeitschriften beim Zahnarzt ja durchaus vertraut, wenn auch nicht in dieser Vielfalt. Gegenüber einer kleinen Küche befand sich eine Kammer, kaum größer als ein Abstellraum, der mit billigem Samt ausgekleidet war. Von oben herab hing eine kleine Lampe, die den Raum nur spärlich beleuchtete, an einer Wand drei einfache Haken, in der einen Ecke stand ein in die Jahre gekommener Holzstuhl mit weißen Farbflecken, gegenüber ein halbhoher Spiegel, dessen Silberschicht an den Rändern korrodiert war.

„Kommt nicht ganz so oft vor, dass jemand hier zur Anprobe muss. Ist alles ein bisschen improvisiert.“

Sie hielt mir das Kleid hin, blieb aber im Türrahmen stehen und blickte mich weiter freundlich an. Es gab weder Tür noch Vorhang. Angelika merkte wohl, dass ich irritiert danach Ausschau hielt.

„Entschuldigung“, sagte sie, „ich verdrück mich mal einen Moment in die Küche.“

Ich konnte direkt in die Küche sehen, in der mit dem Rücken zu mir eine andere, jüngere Frau auf dem Zwilling des Kabinen-Holzstuhls vor einem kleinen, billig wirkenden Kunststofftisch saß. Sie trug obenherum nur einen weißen BH, balancierte eine Kaffeetasse in der Hand und unterhielt sich mit einem Mann, den ich nicht sehen konnte – der Stimme nach kein ganz junger Mann mehr, jugendlich aber in seiner melodiösen Beweglichkeit. Angelika knüpfte mit Robert an ein Gespräch an, das sie anscheinend zuvor abgebrochen hatten. Ich wusste nicht, dass ich ihn einige Zeit später auch noch kennenlernen würde. Jetzt noch waren sie ein geheimnisvolles Trio, das in mir zwar Interesse, aber auch Furcht geweckt hatte. Ich stellte den Geigenkasten neben dem Stuhl ab, hielt mir das Kleid vor die Brust und schaute in den Spiegel. Ich konnte mein Gesicht darin nicht sehen. Vor mir stand ein oben und unten abgesägter Rumpf, der sich ein wenig nach links und rechts drehte. Das Rot biss sich mit dem dunklen Magenta des Samtbehangs.

„Insa hat nicht das Format dafür“, hörte ich Robert sagen, „sie ist einfach noch zu jung dafür, glaube ich. Ich korrigiere mich: Das glaube ich nicht nur, das liegt einfach auf der Hand, und dass müsste dir genauso klar sein, wie mir.“

„Also, ich weiß nicht“, antwortete Angelika, „sie ist natürlich noch sehr jung. Und unerfahren und in gewisser Hinsicht naiv. Aber das waren wir in ihrem Alter doch auch. In anderer Hinsicht vielleicht, aber eben auch naiv. Ich finde, das Alter spielt nur sehr bedingt eine Rolle. Das sind immer nur unterschiedliche Perspektiven. Keine davon ist die richtige. Naivität hat auch etwas von großer Unmittelbarkeit.“

Ich hatte gerade Hose und T-Shirt ausgezogen und über die Stuhllehne gelegt, als sich Dorothee zu mir umwandte, mir zunickte und den Rest Kaffee hinunterkippte. Ich ließ mich durch ihren unverwandt meinen ganzen Körper taxierenden Blick nicht verunsichern und versuchte, mir das Kleid überzustreifen. Ich hatte mich mit meiner Einschätzung wohl arg getäuscht, es blieb mit der Taille auf Brusthöhe stecken, während mein Kopf vom Bustier umhüllt blieb und ich noch nicht einmal im Spiegel sehen konnte, wo genau es hakte und ob es auf Taillenhöhe vielleicht irgendeinen Reißverschluss gab, den ich übersehen hatte. Da fühlte ich zwei Hände auf meinen Rippen, Angelikas Hände, die nun mit der gleichen Bewegung wie vorhin noch bei der Puppe das Kleid wieder empor schoben.

„Schade, das passt wohl nicht. Hätte ich das gleich sehen können?“, sagte sie.

„Du hast es nicht sehen wollen, Angelika.“ Dorothee hatte ihren Stuhl gedreht und sich breitbeinig darauf zurückgelehnt. Sie hatte einen etwas speckigen Bauch, der aus ihrer offenen Jeans hervorquoll. Über der linken Brust war das Symbol der Frauenbewegung eintätowiert, das Zeichen der Venus mit der Faust im Kreis.

„Ich habe es nicht sehen wollen“, lachte Angelika, „du hast recht.“ Sie drehte das Kleid mit der gleichen Bewegung wie zuvor auf rechts, schüttelte es glatt und wandte sich zu Dorothee. „Aber das ist meine Verkaufsstrategie.“

Um nicht weiter blöd in Unterwäsche dazustehen, schnappte ich mir meine Hose und schob gebückt einen Fuß hinein, als Angelika ihre kühle Handfläche zwischen meine Schulterblätter legte und „Halt!“ sagte.

„Gefällt dir das Kleid denn im Prinzip?“

„Ja, das schon.“

„Ich kann es mir sehr gut an dir vorstellen.“

„Das gehört jetzt auch zur Verkaufsstrategie.“

„Ja, genau“, lachte Angelika. „Nein, wenn ich rein strategisch vorgehen würde, könnte ich dir zu schmeicheln versuchen. Zum Beispiel hast du ganz entzückende Unterwäsche an. Du hast Geschmack.“

„Das ist jetzt Ironie, oder? Not kinky that much, isn’t it?“

“Nein, ich mein’s ernst. Ich könnte das Kleid für 220 Euro bestellen. Ich müsste nur kurz deine Maße nehmen.“

„Ich weiß nicht. Was, wenn es mir dann doch nicht steht?“

„Das ist nicht die Frage. Es wird dir auf alle Fälle stehen! Aber es gehört Mut dazu, es zu tragen, finde ich.“

„Stimmt. Ich sollte es lieber bleiben lassen.“

„Das wollte ich damit nicht sagen. Du weißt schon, was ich meine. Du musst dazu stehen, wenn du es trägst. Ich stelle mir vor, dass dir schon jetzt nicht wenige, ich würde mal sagen, Männer wie Frauen sich auf der Straße nach dir umdrehen.“

„Das bezweifle ich, hätte mir auffallen müssen. Strategie Nummer zwei fehlgeschlagen.“

„Warte, ich hol mal das Maßband.“

„Ist wirklich nicht nötig.“

Angelika verschwand im Gang. Dorothee musterte mich nach wie vor von unten nach oben und umgekehrt. Sie schien mich geradezu auswendig zu lernen.

„Ist wirklich schöne Wäsche.“

Ich hing immer noch mit einem Fuß im Hosenbein. Ich würde mir also geduldig die Maße abnehmen lassen, mich anziehen und sagen, ich würde es mir noch einmal überlegen und spätestens morgen anrufen oder kurz vorbeikommen und Bescheid sagen. Angelika warf die Haare links und rechts über die Schultern zurück und stellte sich hinter mir in die Kabine und sagte beiläufig: „Doro, zieh dir mal was an! Ich kann so keine Verkaufsgespräche führen. Und mach dir die Hose zu!“

Dorothee rupfte an ihrem Reißverschluss und trollte sich. Robert, der weiter unsichtbar blieb, lachte leise in sich hinein. Er schien etwas zu lesen, denn ab und an blätterte er hörbar in einem Buch oder Manuskript weiter. Angelika legte von hinten ihre Arme um meinen Brustkorb und entrollte das Maßband zwischen ihren Fingerspitzen. Dabei blickte sie, die größer war als ich, über meine linke Schulter in den Spiegel gegenüber. Dann legte sie das Maßband unter meinen Brüsten an und las leise murmelnd hinten die Zahl ab. Dann stellte sie sich wieder dicht an meinen Rücken. Ich spürte ihre warmen Brüste auf meinen Schulterblättern. Sie fasste erneut unter meinen Achseln hindurch, legte das Band über meine Brustwarzen und suchte die Stelle mit der größten Ausdehnung meiner Rückenmuskulatur, naja, oder des Fettgewebes unter den Achseln.

„Mmmh“, machte sie und blickte prüfend in den Spiegel, „entschuldige, wenn ich dich jetzt mal da anfasse!“ Sie ließ das Band baumeln und fasste mit beiden zu Schalen geformten Händen meine Brüste, hob sie danach mit gestreckten Handflächen etwas an und legte schließlich die Handballen in meine etwas feucht gewordenen Achseln, um den Abstand von den Ballen bis zu den Nippeln mit ihren Mittelfingern zu messen.

„Handmaß nennen wir das. Ich meine, Lisa, meine Schneiderin und ich. Das ist die Waage“, und sie legte erneut ihre Handflächen unter meine Brüste, um sie leicht anzuheben, „drei Finger, und das ist das Nippelmaß: Fingerkuppenspitze. Du hast wirklich schöne Brüste. Kannst du stolz drauf sein.“

Dann ließ sie ihre Hände über meinen Bauch nach unten gleiten und nahm das Hüftmaß. Danach stellte sie sich seitlich zu mir, legte mir eine Hand auf den Bauch, die andere gegenüber in den Rücken, ging in die Hocke und blickte prüfend mit ernstem Gesichtsausdruck. Was weiß ich, was sie prüfte. Ich ließ es mir gefallen. Hier war anscheinend alles irgendwie ungewöhnlich, also auch das Maßnehmen. Sie drehte mich hockend zu sich um und ließ ihre Hände über meine Hüften und Oberschenkel gleiten. Ich spürte ihren Atem durch meinen Slip.

Angelika stand wieder auf, trat zwei Schritte zurück und musterte mich weiter von oben nach unten.

„Das ist schon was Besonderes. Du hast sehr schmale Hüften und eine im Vergleich beeindruckende Oberweite. Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich schnell ein Foto von dir mache, um es Lisa zu schicken? Eins von jeder deiner Schokoladenseiten, vorne, hinten, Seite.“

„So?“, fragte ich, „in Unterwäsche?“

„Wenn es dir lieber ist, auch ohne“, sagte sie ohne jeden Anflug von Ironie.

„Ähm, dann mindestens mit Unterwäsche. Aber wenn ich das Kleid gar nicht kaufe?“

Angelika stemmte die Hände in die Hüften. „Wenn ich erst die Fotos gemacht habe, wird es dich einige Überwindung kosten, das Kleid nicht zu nehmen. Das wäre einfach zu peinlich.“ Sie zwinkerte mir zu.

„Genau. Genau das ist es, was ich meine.“ Angelikas Direktheit machte mir Spaß. Ich konnte mich ihr einfach nicht mehr entziehen und war längst entschlossen, ihr das Kleid abzunehmen und diesem Abenteuer bis zum Ende zu folgen. Ich stellte mir vor, wie ich einige Wochen später wiederkam und das fertige Kleid in dieser schrägen Samtkabine anprobierte, wie Angelika es mir eigenhändig überstreifte. Im Verkaufsraum schrillte das Glöckchen. Angelika verschwand kurz, kehrte aber einen Augenblick später mit einer kleinen Digitalkamera zurück.

„Wollen Sie nicht nachsehen, wer gerade gekommen ist“, fragte ich und wurde mir sofort dessen bewusst, wie unangemessen es war, sie nicht zu duzen, welches Missverhältnis zwischen uns ich damit unterstellte – sie in der Rolle der Erwachsenen, ich in einer befremdlichen Kleine-Mädchen-Rolle.

Angelika lächelte. Ihr Blick hatte in der Tat etwas Mütterliches.

„Angelika“, sagte sie, „ich heiße Angelika. Und du?“

„Lena.“

„Lena, im Moment bist du die Hauptperson hier. Wenn ich mich um dich und meine neue Kundin gleichzeitig kümmern wollte, kämt ihr beide zu kurz. Diese Regel lernen bald alle meine Kundinnen kennen, die wiederkommen möchten. Wenn ich dich jetzt hier stehen ließe, würdest du vielleicht nicht mehr wiederkommen wollen.“

„Nein“, sagte ich, „ich will auf jeden Fall wiederkommen. Du kannst gern nachsehen, wer gerade im Laden steht. Ich kam mir vorhin ziemlich blöd vor, als ich so lange alleine rumstehen musste. Angelika.“

„Wie du meinst“, sagte Angelika und reichte mir die Kamera. „Halt die mal solange fest!“

Angelika ging ums Eck zurück in den Verkaufsraum. Ich blieb in Unterwäsche stehen und drehte die Kamera in meinen Händen. Jetzt sah ich zum ersten Mal Robert. Er hatte unsere Gespräche mit angehört und war anscheinend neugierig geworden zu sehen, wie der Mensch aussah, der vergeblich gegen Angelikas Charme angekämpft hatte. Er lugte vorsichtig um den Türpfosten der Küche herum. Unsere Blicke begegneten sich sofort, was ihn zu überraschen schien. Er legte lächelnd den Kopf zur Seite und sagte: „Hübsch!“

Ich ließ meine Hände ruckartig nach unten fallen und hielt die Kamera vor meinen Slip.

„Aus der Hüfte geschossen“, meinte Robert verschmitzt.

„Wie meinen?“

„Die Kamera da unten.“

Ich hielt die Kamera vor meinen Schoß, als wollte ich damit pinkeln. Ich kam mir blöd vor, wie ausgestellt und vorgeführt. Es war ein mir unerklärlicher Affekt, dass ich plötzlich die Kamera vors Gesicht hob, auf Robert zielte und abdrückte. Der automatische Blitz löste aus. Ich betrachtete das Foto auf dem kleinen Bildschirm und ließ mich auf den Stuhl fallen. Im Spiegel vor mir saß die kleine Lena, die jetzt gerne von ihren Eltern aus den Bällen abgeholt werden wollte.

„Ist es gut geworden?“, fragte er.

„Keine Ahnung“, sagte ich und starrte auf den dunklen Bildschirm, „es ist schon wieder verschwunden. Es wir Ihnen schon irgendwie ähnlich sehen.“

Robert war noch ein wenig größer als Angelika und spielte meiner groben Schätzung nach in der gleichen Altersliga wie sie. Irgendwie passten sie zueinander, obwohl ich nicht sicher sein konnte, dass sie zusammengehörten: die grauen Haare, der schlanke, muskulöse Körperbau, die Lachfalten um die Augen. Robert legte das Manuskript, das er in den Händen gehalten hatte, auf den Küchentisch und hockte sich hinunter, ohne mich aus den Augen zu lassen.

„Das rote Kleid? Das ist ein gutes Omen.“

Omen? Omen wofür? Nicht eher ein Menetekel? Ich hoffte, Angelika würde zurückkommen. Ich wollte nicht weiter von Robert angestarrt werden.

„Möchten Sie einen Kaffee? Soll ich Ihnen eine Decke holen?“

Ich blickte in den Spiegel, zog meine Lippen kraus und nickte. Robert stand auf, goss irgendwo in der Küche Kaffee in einen Becher, reichte ihn mir und sagte, er hole schnell eine Decke aus der Wohnung. Jetzt wartete ich wieder. Warum nur hatte ich Angelika so rücksichtsvoll ans Herz gelegt, sich um die neue Kundin zu kümmern? Ich hörte das Brummen des Kühlschranks. Dorothee durchquerte noch einmal kurz das Bild. Sie stülpte sich einen Motorradhelm über den Kopf und nuschelte einen Abschiedsgruß. Dann wieder Stille. Ich würde also beim nächsten Mal das maßgeschneiderte rote Kleid kaufen, egal, ob es saß oder nicht. Dann würde Angelika mir noch zwei, drei Slips aus ihrem Kinky-Sortiment aufschwatzen. Gäbe es wohl einen feministischen Sex-Ratgeber als Dreingabe, wenn ich auch noch einen gedrechselten Holzdildo mitnähme? Apropos „feministisch“: War Angelika eine militante Feministin? Die hatte ich mir anders vorgestellt. Irgendwie passten Sex-Artikel und Feminismus in dem Bild, das ich mir von der Welt und den Menschen gemacht hatte, nicht recht zusammen. Feminismus rangierte in meinem Kopf gleich neben Protestantismus, Puritanismus, political correctness und allen anderen Arten von Sex- und Körperfeindlichkeit. Das war natürlich ungerecht. Echten Feministinnen ging es ja nur um das Aufbrechen männlicher Herrschaftsstrukturen. Aber oft genug wurde die Sexualität der Männer als Ausdruck ihres Machtstrebens, ihres Unterwerfungswillens mit allen anderen männlichen Eigenschaften in einen Topf geworfen und verteufelt. Welche ernstzunehmende Feministin konnte da noch Sex mit einem richtigen Mann haben, ich meine, Sex auf Augenhöhe? Und Robert? War der dann jetzt ein männlicher Feminist? So, wie der mich angestarrt hatte? Der hätte es wahrscheinlich auch lieber gesehen, wenn ich mich nackt fotografieren ließe. „Foto“ war das Stichwort. Ich konnte die Fotos ja auch ganz alleine machen. Jede Kamera hatte heutzutage einen Zeitauslöser. Ich klickte mich durchs Menü der Kamera, fand die entsprechende Einstellung, stellte sie auf die Tischkante in der Küche, rückte den Stuhl zur Seite und positionierte mich im Türrahmen der Kabine. Ich machte gerade ein ziemlich blödes Gesicht, als es blitzte, weil es mir in der Nase juckte. Auf dem Foto waren mein Kopf und meine Beine abgeschnitten, wie in dem Spiegel. Außerdem hatte ich mich, ohne dessen gewahr zu werden, bei der Aufnahme im Schritt gekratzt oder den Slip zurechtgezupft, keine Ahnung. Ich musste die Kamera hochkant aufstellen und sie dafür mit irgendwas abstützen. Ich suchte die Regale ab, öffnete einige Schranktüren und nahm schließlich eine Milchtüte aus dem Kühlschrank. Beinahe hätte ich sie auf dem Manuskript abgestellt, das Robert liegengelassen hatte. Ich schob es zur Seite, startete den „Zeitzünder“ der Kamera, lehnte die Kamera vorsichtig an die Milchtüte und begab mich auf Position. Als ich das Ergebnis kontrollieren wollte, fiel mein Blick auf den Titel des Manuskriptes: „Tagebuch meiner Lüste – von Insa Reincke“. Das machte mich neugierig. Ich schlug es irgendwo in der Mitte auf und las:

…aber ich kann einfach nicht genug davon bekommen. Von dem Tag an, an dem ich die Cam auf meinem alten Computer installiert habe, habe ich mein Zimmer nur noch fürs Essen, Scheißen und Pinkeln verlassen. Ich finde es einfach zu geil, mich auf dem Monitor zu sehen und zu wissen, dass da draußen Hunderte von geilen Jungs mir dabei zusehen, wie ich mir die geschälte Gurke reinschiebe und es mir dabei mit dem Vibrator besorge. Das Klopfen an meiner Tür ignoriere ich hartnäckig. Meine WG-Mitbewohner habe ich total ausgeblendet. Die ersten Vorlesungen haben bereits begonnen, aber ich kann an nichts anderes mehr denken als ans Wichsen. Wichsen? Sagt man das als Mädchen? Ich habe immer gedacht, wichsen würden nur Jungs. Aber für das, was ich tue, gibt es einfach kein besseres Wort als Wichsen. Ich weiß jetzt: Das ist die Freiheit, nach der ich mich instinktiv immer gesehnt habe. Aber diese Freiheit hat absolut nichts damit zu tun, Hendriks Schwanz zu lutschen oder mir von Nathan in den Arsch ficken zu lassen. Jetzt kann ich all das tun, was mir Spaß macht, ohne von irgendwem eingeschränkt oder bevormundet zu werden. Und alle Welt kann mir dabei zusehen. Das flasht mich total!

 

Der kurze Ausschnitt genügte mir voll und ganz, um das Gesamtbild des Ladens und seiner Betreiber um ein zentrales Puzzleteil zu ergänzen. Das also hatte Robert die ganze Zeit über gelesen. Und anscheinend hatte es auch Angelika bereits gelesen. Denn unbezweifelbar hatten sie kurz zuvor darüber diskutiert, über die Naivität einer jungen Frau. Und ihre Unerfahrenheit? Doch wohl nur dann, wenn es sich um ein fiktives Tagebuch handelte und nicht um einen Erfahrungsbericht aus der Sex-Cam-Szene, von der ich gänzlich unbeleckt war. Hier war alles nur schräg, alles und alle.

Angelika und Robert kamen fast gleichzeitig zurück, Robert mit einer braunen, plüschigen Decke, Angelika mit einem rosa Vibrator in der Hand.

„Ich hab schon mal angefangen“, sagte ich lakonisch und mit dem Gefühl, irgendeinem mir noch unbekannten Schicksal ganz und gar ergeben zu sein. Was auch immer noch geschehen sollte: mochte es geschehen. Ich reichte Angelika die Kamera, Robert hängte mir die Decke über die Schultern, Angelika zog sie wieder herunter, versuchte die Decke zusammenzufalten, reichte mir den Vibrator, legte die gefaltete Decke über den Stuhl, nahm mir den Vibrator wieder aus der Hand und hielt ihn Robert hin: „Halt mal!“ Sie schob mich zurück unter den Türrahmen, setzte sich, um etwas mehr Abstand zu gewinnen, auf den Tisch und stieß dabei die Milchtüte um, deren Deckel nur aufgelegt war. Die Milch überschwemmte das Manuskript und suchte sich danach flink den kürzesten Weg von der Tischplatte zum Fußboden. Angelika sprang auf, stellte die Milchtüte derart hektisch auf, dass die Milch aus der Öffnung spritzte, und riss das Manuskript vom Tisch in die Höhe.

„Scheiße, herrgottnochmal! Warum hast du die Milch schon wieder offengelassen?“

Robert zog den Stuhl vom Tisch weg, reichte mir den Vibrator und holte Wischlappen und Handtuch von der Spüle. Sie wischte mit dem Lappen auf dem Tisch, er unten auf dem Fußboden, wo ihm die Milch ins Haar rann, die Angelika mit dem Lappen in übertriebener Eile über den Rand schob. Ich hatte partout nicht mehr das Gefühl, noch in der Welt zu leben, die ich bis vor gut einer Stunde noch zu kennen geglaubt hatte, einer Welt, die mir weitgehend vertraut erschienen war, berechenbar, zu 99, oder sagen wir 95 Prozent vorhersagbar. Während ich wieder einmal wartete, erkundete ich die Schaltknöpfe des Vibrators. Ich hatte nie zuvor einen in der Hand gehalten. Zwei waren, wie ich feststellte, für die Geschwindigkeit zuständig, mit den beiden anderen konnte man die Programme wählen, die mit unterschiedlichen Rhythmen aufwarteten: Simsimsimsimsimsim, Ssssuuuummmsipsipsip oder ssssuuuuummmmstopsssssuuuuuummmmstop. Ich probierte alle durch, bis die Beiden mit der Putz-Session oberflächlich fertig waren. Als Angelika etwas verschwitzt und leicht genervt wieder zur Kamera griff, reichte ich Robert das Toy, das immer noch vibrierte, weil ich es auf die Schnelle nicht fertiggebracht hatte, es auszuschalten.

„Na, wenigstens konntest du dich zwischenzeitlich etwas vergnügen. Eigentlich nimmt Angie sie nicht zurück, wenn sie einmal benutzt waren.“

„Nichts für ungut“, gab ich zurück und stellte mich in Pose, Hüfte raus, ein Arm nach oben, die Finger lassen Wassertropfen aufs Haupt fallen.

„Du sollst mich nicht Angie nennen“, sagte Angelika und drehte die Kamera vor ihrem Gesicht ins Hochformat. „Na dann eben ohne Füße. Kannst du die Arme einfach hängen lassen und dich gerade hinstellen?“

Ich ließ die Arme schlaff herabhängen und schaute ausdruckslos in die Kamera.

„Nee, so geht das nicht. Du musst dich schon gerade hinstellen.“ Es blitzte. „Und jetzt von der Seite.“

Ich drehte mich, es blitzte. Ich drehte mich ein weiteres Mal für meine hintere Schokoladenseite. Es blitzte.

„Was mache ich hier eigentlich?“

„Wir machen Fotos für Lisa, damit sie dir dein Kleid schneidern kann, Schätzchen!“

„Kann ich mich jetzt wieder anziehen?“

 

Ich hinterließ Angelika meine Telefonnummer und verließ den Laden gehetzt, obwohl es immer noch regnete. Zuhause hatte Lukas das Wochenende eingeläutet und spielte am Computer. Maya packte ihre Tasche für den Ballettunterricht und grüßte mich nur beiläufig.

„Wo warst du denn so lange?“

„In der Bibliothek. Bücher wegbringen, Bücher abholen. Krimi-Lektüre fürs Wochenende.“ Ich war einfach noch nicht in der Verfassung, etwas von meiner Begegnung der Dritten Art zu berichten. Wo hätte ich anfangen, was hätte ich weglassen sollen?

„Wo ist Sebastian?“

„Einkaufen. Tschüss, ich muss los.“ Sie fächerte mir im Gehen mit der Hand einen Gruß zu.

„Es regnet. Soll ich dich fahren?“

„Papa hat das Auto.“

Nach dem Abendessen erzählte ich Sebastian von dem „schrägen“ Laden und der noch viel „schrägeren“ Verkäuferin, dass ich mir ein rotes Kleid angesehen und mir irgendwie hätte aufschwatzen lassen. Jetzt würde es für mich zu einem trotz allem günstigen Preis angefertigt. Mehr nicht. Als ich mich vorm Schlafengehen im Spiegel betrachtete, sagte Sebastian, ein rotes Kleid würde mir stehen.

„Aber ohne Kleid gefällst du mir besonders gut.“

Während wir miteinander schliefen, stellte ich mir vor, wie Robert in der Schlafzimmertür stand, uns dabei zusah und irgendwann „Hübsch!“ sagte. Ich stellte mir vor, wie Angelika und Robert miteinander schliefen und Dorothee ihnen dabei zusah. Sie trug den Motorradhelm auf dem Kopf und klopfte rhythmisch mit den Fingerknöcheln darauf. Ich sah die Milch auf den Fußboden tropfen und fühlte den unwiderstehlichen Drang, alles gründlich und restlos aufzuwischen. Als Sebastian fertig war, war ich weit von einem Höhepunkt entfernt. Wieder einmal. Aber diesmal war es auch für Sebastian unverkennbar gewesen.

„Was ist?“, fragte Sebastian, „du wirkst so abwesend.“

„Bin ich auch. Ich ärgere mich schon die ganze Zeit über mich selbst, weil ich mir von dieser komischen Frau dieses Kleid habe andrehen lassen.“

„Du musst es ja nicht nehmen. Du kannst doch morgen anrufen, dass du es dir anders überlegt hast.“

„Ach, das ist so peinlich! Dabei weiß ich gar nicht mal, ob ich mich wirklich trauen würde, es zu tragen. Es fällt so auf. Ich weiß auch nicht, was mich da geritten hat.“

„Es hat dich eben gereizt. Warum sollst du dich nicht auch mal richtig aufbrezeln. Ich wäre der Letzte, der was dagegen hätte. Probier’s doch einfach aus! Mach dir keine Gedanken mehr!“

 

Nachdem ich mir am Samstagmorgen neue Krimis in der Bibliothek besorgt hatte, stand ich wieder vor dem Laden. Ich bildete mir ein, das rote Kleid noch einmal im Schaufenster begutachten zu wollen, um eine Entscheidung treffen zu können, ob ich es wollte, oder nicht. Angelika saß hinter der Theke und las in einem Buch. Als sie mich bemerkte, lächelte sie mich über ihre Lesebrille hinweg durchs Schaufenster an. Ich lächelte zurück, hob mit einer Geste der Hilflosigkeit meine Hände und zuckte mit den Schultern. Angelika öffnete die Ladentür und blieb schmunzelnd im Eingang stehen.

„Ich weiß nicht, ob es wirklich das Richtige für mich ist. Kannst du es noch stornieren?“, fragte ich.

Angelika stieg die drei Stufen zu mir herab, stellte sich neben mich vor das Schaufenster und betrachtete das Kleid.

„Nein, vielleicht bist du wirklich noch nicht soweit. Ich kann Lisa anrufen und den Auftrag zurücknehmen, wenn du willst.“

Sie legte den Arm um meine Hüfte.

„Schade“, sagte sie, „aber willst du trotzdem kurz mit reinkommen und einen Kaffee mit mir trinken? Ich langweile mich ein wenig.“

Angelika brachte Kaffee und einen Hocker, damit ich mich neben sie setzen konnte. Zuerst fragte sie mich nach Familie und Kindern, was ich und Sebastian beruflich machten, wie alt die Kinder seien und ob ich glücklich sei. Natürlich sei ich glücklich. Ich hätte im Leben wohl sehr viel Glück gehabt. Das sehe sie mir an, meinte Angelika. Und sie selbst? Ob sie denn glücklich sei, fragte ich, um endlich mehr über sie zu erfahren.

„Was meinst du? Sehe ich glücklich aus?“

„Ich finde, schon. Obwohl ich mir vorstellen kann, dass es nicht leicht ist, so einen Laden zu betreiben. Hast du überhaupt genug Kundschaft, um über die Runden zu kommen? Es ist ja praktisch nicht viel los hier, oder?“

„Um ehrlich zu sein, ist der Laden eher eine Art Zeitvertreib oder Zwischenlösung, eine Versuchsanordnung.“

„Versuchsanordnung.“ Ich nickte, aber verstand nichts. „Aber du musst doch auch finanziell zurechtkommen.“

In den folgenden zwei Stunden, in denen ich die Zeit ganz und gar vergaß, erfuhr ich von Angelika mehr, als ich von meinen besten Freundinnen wusste. Irgendwann musste ich nicht einmal mehr Fragen stellen, denn Angelika verfiel immer mehr in einen Monolog, der jedoch nicht bloß ihre Eitelkeit befriedigte, nicht, wie mir zunächst schien, die moralische Rechtfertigung darstellte, die der Unsicherheit darüber entsprang, ob ihre Lebensentscheidungen richtig gewesen waren. Sie hatte Medizin studiert und lange Zeit in einem Krankenhaus als Anästhesistin gearbeitet. Dort hatte sie nach einigen eher kurzen Beziehungen zu älteren Männern Robert kennengelernt. Er hatte als Orthopäde gerade erst seine Stelle neu angetreten und musste sich schon in der ersten Woche wegen einer verschleppten Blinddarmentzündung selbst unters Messer begeben. Sie war an diesem Tag die diensthabende Anästhesistin. Damit habe es angefangen. Kaum ein Jahr später hätten sie geheiratet. Das Ärzteleben sei aufreibend gewesen, vor allem als irgendwann die Kinder geboren wurden. Sie hätten immer wieder überlegt, eine eigene Praxis zu kaufen, um etwas Ruhe in ihr Leben einkehren zu lassen. Für die Kinder die Stunden zu reduzieren funktionierte mehr schlecht als recht. Dann habe sich Robert irgendwann entschlossen, seine Stelle aufzugeben, weil Angelika deutlich mehr Geld verdiente und er nicht wirklich glücklich mit seinem Beruf war. In dieser Zeit habe er mit dem Schreiben begonnen, Krimis. Aber der erhoffte Erfolg blieb aus. In einem kleinen, unbedeutenden Verlag habe er schließlich zwei seiner Kriminalromane und einige Erzählungen unterbringen können, von denen aber nur wenige hundert Exemplare verkauft wurden. Robert sei mit der Zeit depressiv geworden, habe sich einfach nicht damit abfinden können, nur mehr den Hausmann zu spielen. Kochen, waschen, putzen, die Hausaufgaben der Kinder betreuen. Sie selbst habe sich immer mehr in die Arbeit gestürzt und neben den Schichten, davon viele Nachtdienste, wissenschaftliche Texte geschrieben, sie sei auf Kongresse und Tagungen gefahren und habe das Ziel verfolgt, sich zu habilitieren und vom Krankenhaus in die Universität zu wechseln. Irgendwann sei sie zusammengebrochen und habe sich eingestehen müssen, dass sie mit ihren überzogenen Ambitionen vor allem auch vermieden habe, mehr Zeit als nötig mit Robert und den Kindern zu verbringen. Sie sei regelrecht vor ihnen geflohen. Im Bett sei da zwischen ihnen schon lange nicht mehr viel gelaufen. Sie habe Roberts schlechte Verfassung zwar bemerkt, aber zu ignorieren versucht. Als sie mit – wie sich erst nach Wochen herausstellte – psychosomatischen Lähmungserscheinungen zuerst im Krankenhaus, danach ambulant behandelt wurde, habe sie gewusst, dass sie etwas ändern müsse in ihrem Leben. Und nicht nur etwas, sondern Grundlegendes. Interessanterweise habe sich Robert während ihrer Krankheit sichtlich erholt. In der Notsituation habe er auf einmal neue Kräfte mobilisieren können. Zwei Jahre habe sie danach noch als Anästhesistin gearbeitet, dann habe sie endlich den Entschluss gefasst, zu kündigen. In dieser Zeit habe sie auch Dorothee kennengelernt, genauer gesagt, sie beide, Robert und sie hätten Dorothee kennengelernt. Die genauen Umstände seien etwas bizarr.

„Soll ich weitererzählen?“, fragte Angelika, „Die meisten, denen ich das erzähle, reagieren da eher reserviert. Wir können gerne das Thema wechseln.“

Ich ermutigte sie, weiter zu erzählen, denn ich war neugierig geworden. Dafür müsse sie allerdings etwas weiter ausholen, sagte sie.

„Robert hatte irgendwann aufgehört zu schreiben. In den Kriminalgeschichten, die er bis dahin geschrieben hatte, spielten Sexszenen immer wieder eine Rolle, von Mal zu Mal mehr. Dazu gleich mehr. Als wir nach meiner Krankheit häufiger darüber sprachen, wie wir uns unsere Zukunft vorstellten, wenn die Kinder aus dem Haus sein würden, fragte ich ihn, ob er nicht vielleicht wieder mit dem Schreiben anfangen wolle. Er meinte, das sei für ihn ein abgeschlossenes Kapitel, ihm fehlten Begabung und Durchhaltevermögen. Der ausbleibende Erfolg habe ihn jedes Mal mehr frustriert. Er könne sich vorstellen, wieder als Arzt zu arbeiten, ambulant, aber nicht unbedingt mit eigener Praxis. Ich sagte ihm, mir hätten seine Erzählungen und Romane sehr gefallen und er müsse vielleicht nur etwas mehr Geduld haben. Darauf meinte er, die Kriminalgeschichten seien ohnehin nur eine Notlösung gewesen, er habe sich gedacht, dass er damit am ehesten würde Geld verdienen können. Er hätte so gern etwas zum Haushaltseinkommen beigetragen. Genaugenommen hätten ihn Kriminalgeschichten aber nie wirklich interessiert, nur das Schreiben selbst. Das sei wahrscheinlich auch ein Grund dafür gewesen, dass er mit diesen Geschichten nicht habe überzeugen können. Ich fragte ihn, was er denn schreiben würde, wenn er nicht an einen kommerziellen Erfolg denken würde. Er lachte. Du kannst dir vorstellen, was am Ende dabei herauskam. Ich habe es ja bereits angedeutet. Er druckste eine ganze Weile herum, sagte, er wisse es nicht, habe sich diese Frage noch nie gestellt, aber schon nach wenigen Tagen kam er unvermittelt auf meine Frage zurück: Am meisten Spaß habe es ihm gemacht die Sexszenen zu schreiben. Ihm seien die erotischen Begegnungen eigentlich immer als erstes eingefallen. Irgendwann habe er die Kriminalfälle quasi um die Sexszenen herum konstruiert. Das zuzugeben hat ihn damals große Überwindung gekostet, es war ihm ausgesprochen peinlich. So richtig bewusst sei ihm das erst geworden, nachdem ich ihn danach gefragt hätte. Mir war sofort klar, dass ich ihn ermutigen musste, es einmal mit dem Schreiben erotischer Texte zu versuchen. Ich wunderte mich durchaus über mich selbst, dass ich es ihm wirklich vorschlug. Er begann damit auf der Stelle, als hätte er die ganze Zeit nur auf meine Erlaubnis gewartet. Mit jedem seiner Texte, die er mir zu lesen gab, wurde er ausschweifender, mutiger, und sein Gemüt hellte sich zusehends auf. Wir schliefen wieder häufiger miteinander, probierten was aus, auch mit diversen Hilfsmitteln. Da gab es einige äußerst positive Überraschungen. Aber mir fiel bald auf, dass Robert kaum über Hetero-Sex schrieb. Die heißesten Szenen beschrieben Sex zwischen Frauen. Männer waren häufig unbeteiligte Beobachter. Zum einen verriet Robert damit eine Menge über seine persönlichen Vorlieben, zum anderen musste ich feststellen, dass mich die Beschreibung lesbischer Intimitäten wirklich antörnte, was ich mir vorher nicht hatte vorstellen können. Ich hätte es weit von mir gewiesen, lesbischen Sex erregend zu finden. Ich fragte Robert, wo er sich die Inspirationen für seine Geschichten herhole, ob er versuche, sich in die Protagonistinnen hineinzuversetzen, ob er über lesbische Liebe gelesen habe oder seine Erfahrungen womöglich aus Pornos beziehe. Ich hatte in jeder Hinsicht ins Schwarze getroffen. Zwar gab ich mich anfangs etwas empört, als er zugab, sich schon länger heimlich Pornos anzusehen, aber in Wirklichkeit spürte ich mit einem Mal den großen Reiz, selber die lasterhafte Welt der Pornographie zu erkunden. Nach einigen Wochen war ich soweit: Ich fragte, ob Robert mir mal einen der Filme oder Clips zeigen würde. Mit den Pornos fing es an. Nicht alle waren schön und erregend, aber Robert hatte einige Angebote im Internet gefunden, kostenpflichtige Seiten, auf denen wirklich schöne Pornos liefen. Wir begannen regelmäßig zu schauen und schliefen danach miteinander. Mein Kopf wurde regelrecht geflutet von Phantasien, in denen ich immer häufiger mit Frauen schlief. Ich versuchte unter anderem, mich von wissenschaftlicher Seite der Sache zu nähern, um auf Distanz zu den mich immer stärker überwältigenden Gefühlen zu gehen, kaufte viele Bücher und stieß dabei unweigerlich auch auf feministische Schriften, die den weiblichen Sex aus anderen Perspektiven beleuchteten, als ich es gewohnt war, oft sehr widerstreitende Positionen. Irgendwann bat mich Robert darum, mir zusehen zu dürfen, wie ich mich selbst befriedige, während ich einen Porno schaute. Ich hatte zu dem Zeitpunkt zwar schon eine Menge über Masturbation gelesen, aber Robert zusehen zu lassen, wie ich es mir selber machte, verunsicherte mich schon ziemlich. Aber ich tat ihm den Gefallen, versuchte es jedenfalls. Beim ersten Mal spielte ich ihm einen Orgasmus nur vor, weil mir die Situation einfach zu unangenehm war. Ich konnte nicht kommen, wenn ich mich nur als Objekt seiner visuellen Begierde fühlte. Außerdem hatte ich wenig Übung. Er bemerkte es und war ein wenig enttäuscht, konnte mich aber verstehen. Ich versprach ihm, eine Art Training zu beginnen. Jetzt fing ich an, die Pornos auch bei Gelegenheiten anzusehen, wenn Robert nicht zuhause war. Die Kinder waren ohnehin abends oft unterwegs, bei Freunden, zur Disko, oder waren von ihren Smartphones oder dem Computer absorbiert. Wenn ich alleine war, funktionierte es bestens. Ich versuchte mir vorzustellen, wie Robert an der Bettkante hockte oder sich hinter einer Schranktür versteckte und mir zusah. Bis mir eines Abends plötzlich bewusst wurde, dass Robert und ich die ganzen Jahre zuvor möglicherweise den falschen Sex gehabt hatten, dass uns immer irgendetwas gefehlt hatte, von dem wir nicht wussten, was es war, irgendetwas, das wir uns nicht eingestehen wollten. Robert hatte vielleicht immer schon lieber zuschauen wollen, vielleicht nicht ausschließlich, aber doch sehr gern. Und ich? Bei dem, was wir all die Jahre im Bett gemacht hatten, war ich immer der Überzeugung gefolgt, wir täten etwas, das ihm gefällt. Und ich wollte ihn ja glücklich machen, auch wenn ich eher selten einen Orgasmus dabei hatte. Ich hielt es für selbstverständlich, dass meine Aufgabe vor allem darin bestand, ihn zu befriedigen. Wie es mir dabei ging, war eher Nebensache. Und er hatte geglaubt, ich bevorzugte das, was man so landläufig Standard-Sex nennen könnte. Kurzes Vorspiel und danach das Hauptprogramm in Missionarsstellung. Das war immer schon irgendwie öde gewesen. Ich war zwar nicht von Abscheu erfüllt, überhaupt nicht, aber ich war auch nicht gerade wild darauf, mit ihm ins Bett zu gehen. Deswegen lief ja auch irgendwann kaum noch was zwischen uns. Einige Tage später fasste ich den Mut, Robert zu fragen, welche seiner Phantasien er, wenn er könnte und dürfte, am ehesten realisieren würde. Er dachte eine Weile nach, aber ich glaube, er suchte nur nach den richtigen Worten, die mich nicht verletzen würden. Ich ermunterte ihn, es sehr direkt und ohne Umschweife zu sagen. Er meinte, Phantasien hätten ja meist nicht viel mit der Wirklichkeit zu tun, aber wenn ich ihn nur nach seinen Phantasien fragte, falle ihm vor allem eines ein: Er wolle zusehen, wie ich mit einer Frau schlafe. Er stelle sich keinen Dreier vor, er sehe sich dabei nur in der Rolle des Zuschauers. Aber er könne das von mir nicht verlangen, er wisse nicht einmal, ob er es würde genießen können. Es sei ganz und gar ausgeschlossen daran zu denken, diese Phantasie in welcher Form auch immer Wirklichkeit werden zu lassen. Er habe zudem ein schlechtes Gewissen, sich überhaupt mit solchen Phantasien beschäftigen zu müssen. Es gehe ihm ja vor allem darum, mich glücklich zu machen, er wolle gern mehr tun, um mich zu befriedigen. Und was, fragte ich, wenn ich es tatsächlich gern einmal mit einer Frau ausprobieren würde? Das war die Zeit, als wir anfingen, auf die Suche zu gehen. Wir klapperten in Gedanken unseren Bekannten- und Freundeskreis ab, aber keiner der ohnehin in den meisten Fällen verheirateten Frauen trauten wir eine derartige moralisch-normative Volte zu, keine erschien uns lüstern genug, dass wir sie irgendwie hätten herumkriegen können. Und ein Paar wollten wir uns sowieso nicht in unser Bett einladen. Ich wollte es keinesfalls mit einem anderen Mann machen. Also begannen wir im Internet auf einschlägigen Seiten zu suchen, meldeten uns mit unserem Wunsch auf einer der Plattformen, die uns am seriösesten schien, an und klickten durch die Profile von Single-Frauen, die Lust auf ein lesbisches Abenteuer hatten. So fanden wir irgendwann Dorothee, die sich dort Lilly nannte. Das erste Mal war nicht gut. Ich wusste einfach nicht, was ich im Bett mit ihr anfangen sollte. Ich hatte mir wer weiß was vorgestellt, aber als wir uns irgendwie steif, verkrampft, unsicher in dem Hotelzimmer, das wir für eine Nacht gemietet hatten, auszogen und ins Bett legten, fühlte ich überhaupt nichts mehr. Das alles schien mir vollkommen absurd, als sei ich im falschen Film gelandet. Wir hatten uns wohl einfach zu wenig Zeit genommen, uns kennenzulernen. Doro hatte zwar schon mehr Erfahrung und bemühte sich redlich, mich in Fahrt zu bringen, sie massierte meine Brüste, spreizte meine Beine und fing an, mich zu lecken, aber ich spürte keinerlei Lust, es tat fast weh, ich war von Anfang an überreizt. Und Doro störte es, dass Robert uns dabei zusah, obwohl sie sich auf den Deal eingelassen hatte. Auch für sie war es kein prickelndes Erlebnis. Robert saß in der Ecke auf einem Stuhl. Er trug nur seine Unterhose. Nach einer Weile holte er seinen Schwanz raus und nahm in die Hand, aber er bekam keinen Steifen. Es war für alle einfach nur grauenhaft. Irgendwann fing Doro an zu lachen und das wirkte wie eine Erlösung für uns alle. Wir saßen die halbe Nacht zusammen im Bett und erzählten uns unsere Lebensgeschichten. Erst gegen Morgen schliefen wir ein, wir drei, einträchtig in einem luxuriösen Hotelbett.“

„Aber ihr habt es trotzdem wiederholt.“

„Nein, jedenfalls nicht in dieser Konstellation. Wir blieben in Kontakt. Wir hatten Emailadressen ausgetauscht und ich schrieb Dorothee gleich am nächsten Abend, um mich zu entschuldigen. Die Sache war mir am nächsten Tag, als ich wieder zu vollem Bewusstsein gekommen war, noch viel peinlicher als am Abend zuvor. Ich schloss kategorisch aus, dieses Experiment, mit wem auch immer, zu wiederholen. Doro sollte wissen, dass es nichts mit ihr zu tun hatte. Ich wollte ihr zu verstehen geben, dass ich sie durchaus schön und anziehend fand. Aber das mit dem Sex unter Frauen war offenbar nichts für mich. Als Phantasie okay, aber in Wirklichkeit wenig beflügelnd. Doro zeigte Verständnis und schrieb, beim ersten Mal gehe es vielen so wie uns, ich solle mir keine Gedanken deswegen machen. Am besten habe es ihr gefallen, wie wir nachher so entspannt geplaudert hätten. Da habe sie uns richtig liebgewonnen. Sie finde ein Wiedersehen schön, auch wenn es da nicht um Sex gehe.“

„Und ihr habt euch wiedergesehen.“

„Ich verabredete mich alleine mit ihr. Robert wusste nichts davon. Wir trafen uns mehrere Male. Wir stellten fest, wie wenig wir gemeinsam hatten, trotz Abi war sie Kassiererin bei Aldi geworden, sie wollte sich keine Gedanken um Karriere und Beruf machen und stattdessen erotische Abenteuer erleben. Sie ist da bis heute radikal und verschwindet manchmal wochenlang von der Bildfläche. Ich habe keine Ahnung, was sie dann treibt. Am Ende war uns beiden klar: Gemeinsame Interessen würden uns nicht für längere Zeit freundschaftlich aneinander binden. Nach unserem dritten Treffen, war ich entschlossen, den Kontakt einfach einschlafen zu lassen. Doro musste diesen Entschluss gespürt haben, denn sie wurde immer melancholischer. Irgendwann sagte sie, sie vermute, dass ich sie nicht mehr wiedertreffen wolle, es sei vielleicht das letzte Mal, dass wir uns sähen und sie wolle mich um einen letzten Gefallen bitten. Sie lud mich in ihre kleine, unaufgeräumte Wohnung ein, forderte mich auf, mich auszuziehen und in ihr Bett zu legen. Ohne Robert fiel es mir leichter, ihrer Bitte zu folgen, aber so ganz wohl war mir nicht dabei, mich ihr ohne Roberts Wissen hinzugeben. Doro zog sich ebenfalls aus und reichte mir einen Sahnesprüher, so eine Metallflasche mit Gaspatrone. Ich hatte keine Ahnung, was ich damit sollte. Im ersten Moment dachte ich, sie wolle irgendein Sahne-Leck-Spiel anfangen. Aber es ging nicht um Sahne, sondern um das Gas. Mir war bis dahin nicht bekannt, mit welchem Gas die Dinger betrieben werden. Sauerstoff? Kohlendioxid? Weit gefehlt: Distickstoffmonoxid, der kundigen Anästhesistin auch als Lachgas bekannt. Ich sollte einige Züge davon einatmen, das würde mich lockerer machen. Sie blies einen Luftballon damit auf und reichte ihn mir. Ich wusste um die Wirkung des Gases, auch wie ungefährlich es in dieser Form sein würde, aber ich hatte es selbst noch nie ausprobiert. Ich hatte nie zuvor Drogen genommen. Ich zögerte, Doro nickte mir zu und ich probierte es einfach aus. Tatsächlich zeigte es Wirkung. Ein heftiges Kribbeln ging durch meinen ganzen Körper, alles um mich herum kam mir sehr unwirklich vor, ich wurde leicht, entspannt und geradezu euphorisch. Da spielte wohl auch eine ganze Menge Einbildung eine Rolle. Es war mehr eine hysterische Betäubtheit. Ich bemerkte erst gar nicht, wie Doro mich aufs Bett drückte und mit ihren Händen über meinen Körper fuhr. Erst als die Wirkung nachließ, spürte ich ihre Finger, die meine Schamlippen auseinanderspreizten, da wurde mir bewusst, dass sie mit dem Liebesspiel begonnen hatte. Und diesmal war es einfach wunderbar. Hör mal, Lena, ich möchte dir nicht zu nahe treten, indem ich das alles so schamlos vor dir ausbreite. Aber ich habe in den letzten Jahren zu verstehen gelernt, in welchem Ausmaß ich mich in den Jahrzehnten zuvor durch falsche Scham selbst eingeschränkt habe. Und ich habe begriffen, dass es den Menschen, denen ich begegne, wenig hilft, wenn ich meine, ich müsse sie vor peinlichen Momenten bewahren, ich dürfe sie nicht vor den Kopf stoßen. Erstens ist es für dich besser, wenn du weißt, mit wem du es zu tun hast, und zweitens musst umgekehrt du mir gegenüber nicht das Gefühl haben, es gebe in deinem Leben irgendein gut gehütetes Geheimnis, das unwürdig genug ist, von unendlicher Scham überdeckt zu werden. Ich weiß von mir selbst, wie viele Sehnsüchte, wie viel Abenteuerlust ich mein halbes Leben lang und länger in unbewusste Gefilde hinabgedrückt habe, dass ich überzeugt sein konnte, nicht den kleinsten lüsternen oder gar perversen Gedanken zu hegen. Wir haben gelernt, die scheinbar düsteren Seiten in uns von unserem Selbst abzuspalten. In unserer Phantasie ist Platz für die allerschrillsten Perversionen, aber wir nehmen sie nicht als unsere eigenen wahr, immer nur als die der Anderen. Und wir fühlen uns gut, wenn wir die Anderen dafür verurteilen können.“

„Ich verurteile dich nicht. Aber gewöhnungsbedürftig finde ich es schon. Ich finde es interessant, aber es macht mir auch, wie soll ich sagen, ein wenig Angst.“

„Weil es auch eine dreiste Anmache von mir sein könnte.“

„Ja, vielleicht.“

Sie schaute mir lange in die Augen.

„Aber das ist es doch auch.“

So viel Ehrlichkeit hätte ich in diesem Moment weder erwartet noch gebraucht. Ich lächelte bemüht und schaute auf meine Armbanduhr.

„Meine Direktheit ist dir unangenehm. Aber du bist ja frei, auf mein Werben einzugehen, oder es zurückzuweisen. Ich habe dich vom ersten Moment an gemocht. Du bist witzig, intelligent und ausgesprochen schön. Ich sehe keinen Grund, dir das zu verschweigen. Ich muss sagen, ich habe mich ein wenig in dich verliebt. Und Robert übrigens auch, das hast du sicher gemerkt. Wir waren uns allerdings nicht sicher, ob du kneifen würdest. Ich hatte damit gerechnet, dass du anrufst, von dem Vertrag zurücktrittst und dich nie wieder blicken lässt. Aber du bist gekommen. Das hat mich ermutigt.“

Irgendwie fühlte ich mich geschmeichelt. Ich hatte Eindruck auf zwei außergewöhnliche Menschen gemacht, die mich ebenfalls beeindruckt, oder jedenfalls irritiert und fasziniert hatten. Allerdings beängstigte mich auch Angelikas Offenheit, die ja nichts anderes als eine Einladung war, eine Einladung zu einer Party, an der ich unmöglich teilnehmen konnte. Eine klare Absage würde das kleine Abenteuer für mich jetzt und für immer beenden. Dafür erschien es mir einfach zu spannend. Ich hatte noch nicht genug. Und die Beleidigte oder Empörte zu spielen wurde Angelika nicht gerecht. Das verbat mir die Achtung vor ihr und nicht minder meine Eitelkeit.

„Ja“, sagte ich, „ich bin gekommen. Ich wusste nicht genau, warum. Aber ich glaube, es hatte damit zu tun, dass ihr besondere Menschen seid. Das hat mich interessiert. Es hat mich irgendwie gereizt. Ich glaube, ich mag dich auch sehr. Allerdings hat das nicht im Mindesten mit…“, ich zögerte, das Wort auszusprechen, „… mit erotischer Anziehung zu tun.“

Ich korrigierte mich innerlich. Angezogen fühlte ich mich durchaus, es gab auch entfernt erotische Aspekte, jedoch waren damit keinerlei bewusste Absichten verbunden. Im Rückblick würde ich sagen, ich hatte sie mir nicht eingestanden, sie lagen jenseits aller denkbaren Möglichkeiten.

„Du musst dir keine Sorgen machen. Ich will dich nicht verführen, falls du das denkst. Ich finde es allerdings richtig, den Menschen, die ich anziehend finde und mit denen ich gerne ins Bett gehen würde, nicht zu verschweigen, was ich empfinde. Im Übrigen wäre es ein klares Statement gewesen, wenn du jetzt aufgestanden und einfach weggegangen wärest, denn das hätte mir gezeigt, dass die Situation für dich gefährlich geworden ist, dass du Angst vor dir selbst bekommen hast, weil du dir deiner Gefühle nicht sicher genug bist, du dich im tiefsten Innern gerne verführen lassen würdest. Da wäre ich sicher hartnäckig geblieben.“ Sie lachte vergnügt auf. „Da du sitzen geblieben bist, kann ich davon ausgehen, dass du dir deiner sehr sicher bist. Entweder fühlst du ein wenig wie ich, oder du verspürst tatsächlich keine sexuelle Anziehung, was ich vollkommen in Ordnung fände.“

Das war ein verdammter Doublebind! Damit kannte ich mich seit meiner frühesten Kindheit aus. Wie hatte sie das nur eingefädelt? Wäre ich in diesem Moment gegangen, hätte ich damit zu verstehen gegeben, dass ich fühlte, wie sie es mir unterstellte. Floh ich nicht, blieben trotzdem beide Optionen weiter bestehen: Ich will Sex mit ihr oder ich finde sie einfach nur kurios. Meiner selbst sicher sein? Wie konnte ich das in dieser Ausnahmesituation? Die Selbstsichere konnte ich jetzt nur noch spielen, ohne es zu sein. Das Beste, was ich tun konnte, war, indifferent zu bleiben, solange es ging, undurchschaubar. Leider durchschaute ich nicht einmal mehr mich selbst.

„Jetzt mal im Ernst“, sagte ich, „du kannst doch unmöglich von mir erwarten, dass ich mit dir ins Bett gehe, einfach so. Und Robert würde uns dabei zusehen, wenn ich dich richtig verstanden habe? Oder gehört das jetzt nicht mehr zum Spiel? Angelika, ich bin verheiratet. Das habe ich dir auch gesagt. Du hast mich selbst nach meiner Familie gefragt. Selbst wenn ich – rein hypothetisch gesprochen – vielleicht Lust hätte, mit dir zu schlafen, würde ich es nicht tun.“

„Warum nicht? Hast du nie eine Affäre gehabt?“

„Nein. Nie.“

„Und dein Mann?“

„Ich denke mal, nicht. Für uns bedeutet die Ehe ein Treueversprechen.“

„Und Treue schließt Sex mit anderen aus.“

„Sonst wäre es ja keine Treue, oder?“

„Ich dachte, die Ehe sei das Versprechen, ein Leben lang zusammen zu bleiben, sich gegenseitig zu unterstützen, die Kinder gemeinsam aufzuziehen und für sie zu sorgen. Die Ehe ist ein festes Band, man bemüht sich, die gegenseitige Liebe aufrecht zu erhalten, dem anderen Geborgenheit zu geben bis zum Tod. Und zur Liebe gehört natürlich auch Sex. Aber du kannst auch Kinder adoptieren, sie erziehen, ihnen Geborgenheit geben, du kannst Freunde unterstützen und ihnen das Gefühl geben, geliebt zu werden. Du liebst sie doch irgendwie. Alles das, was wesentlich für eine Ehe ist, kannst du auch mit anderen teilen. Warum nicht auch Sex?“

„Weil Sex so viel intimer und persönlicher ist als alles andere. Sex ist der neuralgische Punkt in einer Beziehung.“

„Es gibt Beziehungen, genauer gesagt Ehen ganz ohne Sex. Und intim ist auch, wenn du als Altenpflegerin Senioren den Hintern wäschst oder wenn du als Gynäkologin zwischen die gespreizten Schenkel deiner Patientinnen blickst und ihnen das Spekulum in die Vagina schiebst.“

„Aber beim Gynäkologen habe ich keinen Orgasmus und will da auch keinen bekommen. Ich jedenfalls nicht. Mit Sex beginnt immer eine Beziehung, und Beziehungen sind kompliziert, weil sie mit Erwartungen und Ansprüchen verbunden sind.“

„Die Beziehungen zu deinen guten Freundinnen und Freunden sind demnach völlig unkompliziert.“

„Da kann ich mich zurückziehen, wenn ich will, wenn es zu eng wird, wenn ich mich überfordert fühle. Da bewahre ich mir meine Freiheit.“

Angelika zwinkerte mir mit einem Lächeln zu. „Mit anderen Worten: In deiner Ehe fühlst du dich unfrei.“

Ich überlegte. Ich hatte keine Lust, mich von Angelikas Argumentation schachmatt setzen zu lassen. Darauf hatte sie es ja offensichtlich angelegt. Freiheit – was bedeutete überhaupt Freiheit? Die eigene Freiheit hört immer da auf, wo die des anderen beginnt. Totale Freiheit bedeutet auch totale Einsamkeit.

„Ja“, antwortete ich, „ich bin unfrei. Ich habe diese Unfreiheit gewählt, denn beide Ehepartner profitieren von diesem Vertrag. Sie können sich sicher fühlen und müssen nicht befürchten, plötzlich abgehängt oder abgelegt zu werden. Die Treue ist der Preis für diese ganz spezielle Geborgenheit, für die Sicherheit, die Gewissheit, nicht allein gelassen zu werden. Sex mit meinem Mann bedeutet jedes Mal die Erneuerung dieses Versprechens. Sex mit anderen zerstört das System, alles kommt aus dem Gleichgewicht.“

Angelika nickte und senkte den Blick. „Wenn das so stimmt, musst du eine wunderbare Ehe führen. Ich möchte dieses System, wie du sagst, auf gar keinen Fall aus dem Gleichgewicht bringen.“ Sie blickte auf und lächelte. „Ich hoffe, ich habe das Gleichgewicht nicht bereits gestört. Es scheint ja ausgesprochen stabil zu sein.“

„Ich sage nicht, dass ich vor Verführungen gefeit bin. Wer könnte das schon? Aber warum sollte ich so viel aufs Spiel setzen für etwas, das mich nur ins Chaos stürzen würde?“

„Weißt du, Lena, das Chaos bricht doch viel häufiger im Innern des Systems aus. Warum gehen immer mehr Ehen auseinander? Warum ertragen es so viele Paare nicht, für immer und ewig zusammen zu bleiben? Was ist der Sprengstoff, der sie auseinanderreißt? Ich glaube, es ist genau das, was du als den neuralgischen Punkt beschreibst: der Sex. Ich habe irgendwann aufgehört, Robert zu begehren, Sex mit ihm wurde zur Routine. Ich glaube, den meisten Frauen geht das so, das liegt in ihrer Biologie. Dann sind es eher andere Dinge, die die Partner aneinander binden, Vertrautheit, Zuverlässigkeit, wie du sagst, Geborgenheit. Das blieb mir auch sehr wichtig. Aber Robert spürte, dass bei mir das Begehren verebbt war. Er suchte nach Möglichkeiten, diese prickelnde Erotik der Anfangszeit zurückzuholen. Für uns beide bestand letztlich die Lösung darin, sehr kompromisslos die Sphäre unserer Sexualität auszuweiten. Wir konnten unsere Lust nicht mehr aneinander entfachen. Wir brauchten dazu andere Menschen. Als wir uns das eingestanden hatten, brachte uns das auch sexuell wieder viel näher. Wir schlafen regelmäßig miteinander, sicher viel häufiger als andere Paare unseres Alters. Aber es ist auch deshalb so erfüllend und aufregend, weil wir voneinander wissen, dass wir es hin und wieder auch mit anderen tun, und weil wir einander davon erzählen. Wir gehören zueinander, einerseits, ganz klar! Aber wir gehören uns in erster Linie selbst. Unsere Körper, unser Geist – darauf hat niemand Anspruch außer wir selbst. Wir sind frei, und wir lieben uns genau deshalb so sehr, weil wir uns gegenseitig unsere Freiheit zugestehen. Dennoch zusammenzubleiben ist für uns jeden Tag ein Geschenk, das wir dankbar annehmen und wirklich, wirklich zu schätzen wissen.“

„Das hört sich alles ganz wunderbar an. Vielleicht ist es für dich stimmig, in deiner Situation. Du schläfst mit anderen Frauen, vielleicht auch mit anderen Männern. Und Robert hat, wenn ich dich richtig verstanden habe, ebenfalls seine Affären. Ich stelle mir vor, dass das irgendwann auch zur Routine wird. Was kommt als nächstes? Liegt es nicht nahe, die Grenzen immer weiter auszudehnen? Was, wenn einer von euch bei diesen Eskapaden auf einen Menschen trifft, mit dem er mehr als nur vorübergehend das Bett teilen möchte? Was, wenn die wechselnden Sex-Partner Ansprüche erheben, ihnen das Herz gebrochen wird, Eifersüchte von außen in eure Partnerschaft einbrechen? Ich finde es problematisch, den Schwerpunkt des Lebens so sehr in diesen einen Bereich zu verlegen. Hat das nicht etwas von einer Sucht, die nach immer mehr und immer Neuem verlangt? Dreht sich wirklich alles nur um Sex? Es gibt doch so viel mehr im Leben.“

„Liebe Lena, du kannst nicht permanent gegen dein Wesen anarbeiten, gegen deine Biologie, die dir sagt, der eine Partner ist nicht genug. Wir sind durch und durch polygame Wesen. Monogamie ist eine zivilisatorische Fehlentwicklung gewesen, die nichts anderem diente, als die Frauen zu unterwerfen, sie zum Besitz der Männer zu machen. Warum gibt es so viele patriarchale Gesellschaften, in denen den Männern alle sexuellen Freiheiten eingeräumt werden, die Frauen aber eingesperrt und entmündigt werden? Ja, es gibt eine ganze Menge mehr im Leben als Sex. Aber nur wenig davon hat einen höheren Stellenwert. Gott, die letzten Dinge, Weisheit.“

„Du übertreibst maßlos. Das mit der Unterdrückung der Frau stimmt doch alles schon lange nicht mehr. Bei uns jedenfalls können Frauen schon lange tun und lassen, was sie wollen. Sie müssen weder heiraten, noch sich irgendwem unterordnen.“

„Mag sein, dass es so wirkt. Aber die Ehefrau, die fremdgeht, ist eine verdammte Schlampe, der Ehemann, der mit anderen schläft, ist dagegen ein treuloser Casanova. Wir gestehen es seiner Natur zu, er kann eben nicht anders. Warum werden die Frauen in manchen muslimischen Ländern gesteinigt, wenn sie vergewaltigt wurden?“

„Wir leben aber nicht in einer muslimischen Kultur. Hier wird keine Frau gesteinigt.“

„Nein. Das ist vielleicht ein schlechtes Beispiel. Wir leben ja auch zum Glück längst in einer Übergangszeit. Aber zu großen Teilen ist unsere Gesellschaft immer noch patriarchal. Und dieses Patriarchat wütet in uns Frauen noch immer, wir passen uns nach wie vor an die Gesetze der Männer an: Macht, Gewalt, Unterwerfung und Lüge. Es wird endlich Zeit, dass wir Frauen erkennen, wie sehr wir unsere eigene Natur zu verleugnen gelernt haben. In Wahrheit sind wir Frauen weitaus weniger monogam als die Männer. Da steckt eine Kraft drin, ein Potenzial, das viel stärker und positiver ist als die Gesetze von Besitz, Kampf und Vernichtung. Hast du dich mal gefragt, warum Frauen multiple Orgasmen haben, warum sie mehr als nur einmal kommen können, im Minutentakt, und das zweite Mal und das dritte Mal ganz besonders genießen würden, wenn sie nur könnten? Diese angeborene Lust kann nicht ein Mann alleine befriedigen. Es hat eindeutig evolutionäre Vorteile, wenn Frauen mit so vielen verschiedenen Männern wie nur möglich schlafen, weil sich die besten Spermien durchsetzen können und eine viel größere Vielfalt entstehen kann. Es ist totaler Quatsch anzunehmen, das Beste sei es, von nur einem einzigen Mann Kinder zu bekommen. Das ist ein Resultat der Zivilisation, die familiäre Strukturen hervorgebracht hat, bei der den Frauen die Aufgabe zugewachsen ist, für Haus und Kinder zu sorgen und dem Mann, sie zu beschützen und die materielle Versorgung sicherzustellen. Daraus haben die Männer ein Besitzrecht an den Frauen abgeleitet. Das ist heute glücklicherweise obsolet geworden, aber die familiären Strukturen, die Rollenverteilung sind weiter fest in die Köpfe eingeschrieben. Auch hier bei uns. In mir und in dir. Die sexuelle Befreiung der Frauen ist eines der Kernprojekte auf dem Weg zum Niedergang des Patriarchats, das bis heute unsere Welt mit Krieg und Zerstörung überzieht.“

„Und jetzt, meinst du, sollen alle anfangen, wieder wild durcheinander miteinander zu vögeln? Die Frau, die mit jedem x-beliebigen Mann herumvögelt, ist doch gerade eine Männerphantasie.“

„Nein, es geht nicht darum, dass sich Frauen in noch höherem Maße für die Männer verfügbar machen. Das ist keine sexuelle Befreiung.“

„Du meinst, Familien seien überflüssig geworden? Familien sind das, was Kindern Halt gibt. Folgt euren biologischen Instinkten!? Marschbefehl der obersten Heeresleitung: zurück zur Natur!? Das finde ich, gelinde gesagt, wohlfeil. Das ist alles leicht gesagt, solange wir in unseren gut geheizten, gedämmten Wohnungen leben, morgens eine heiße Dusche nehmen, unsere Lebensmittel im Supermarkt kaufen und bei einem Herzinfarkt den Rettungswagen rufen können. Das sind die Früchte der Zivilisation, einer vielleicht nicht in jeder Hinsicht optimalen geistigen Kultur, viel davon ist verbesserungswürdig, aber die Geschichte der Menschheit ist aufs Ganze gesehen nichts anderes als der Triumph des Geistes über die Biologie. Darin eingeschlossen sind letztlich auch unsere monogamen Beziehungen. Ganz sicher: Sie beschneiden unsere biologischen Anlagen, degradieren sie in mancher Hinsicht. Wären die Menschen aber nur bei ihren urtümlichen Bedürfnissen geblieben, unterschieden sie sich bis heute nicht von allen anderen Tieren, dann wären wir weiterhin Affen und könnten dieses Gespräch hier nicht führen. Es gäbe uns nicht einmal. Ich wäre wegen meines engen Beckens und der Steißlage bei meinem ersten Kind elendig krepiert.“

„Moment mal, ich muss deinen berechtigten Furor einmal etwas ausbremsen.“

Mein Furor?“

„Ich gebe dir in allen Punkten recht. Es gibt so etwas wie einen zivilisatorischen und kulturellen Fortschritt, wenig davon will ich missen. Aber es gab und gibt immer auch Fehlentwicklungen. Vielleicht brauchten wir für lange Zeit diese traditionellen Familienstrukturen, die Vorherrschaft der Männer. Ich weiß es nicht. Jedenfalls können wir die Menschheitsgeschichte nicht mehr ohne sie denken. Alles andere wäre Spekulation. Heute jedoch sind wir an einem Punkt angelangt, wo wir sie eindeutig nicht mehr brauchen, wir können diesen überflüssigen Ballast endlich abwerfen, der den Frauen, der ganzen Welt so viel Leid gebracht hat, selbst da, wo es keine Kriege mehr gibt. Immer mehr Menschen werden krank in unserer Gesellschaft, psychisch krank. Der Geist triumphiert über den Körper!? Ich sehe überall nur noch Selbstversklavung, wir machen uns alle freiwillig zu Rädern im Getriebe eines sich verselbständigenden Wirtschaftssystems. Unsere sogenannte Kultur redet uns ein, unsere Selbstverwirklichung fänden wir nur noch im beruflichen Erfolg, unsere Körper richten wir dafür zu, optimieren sie, halten sie fit, wir essen Gesundes, nicht weil wir es genießen, sondern damit wir leistungsfähig bleiben für Ziele, die nicht unsere eigenen sind. Für Erfolg und Leistungsfähigkeit trainieren wir unsere Kinder und halten es für natürlich, sie einem unerbittlichen Kampf aller gegen alle auszusetzen. Wir degradieren unsere Körper und unsere elementaren Bedürfnisse für was weiß ich, ich habe keine Ahnung, wofür wir uns eigentlich aufopfern, keiner weiß es mehr, für unseren Status, unser Ansehen. Und in unserer Erschöpfung suchen wir nach Entspannung in den Unterhaltungsangeboten im Fernsehen und im Internet. Wir tummeln uns in den sozialen Netzwerken, die nur noch eine entfremdete Kommunikation darstellen. Es gibt keine Unmittelbarkeit mehr, immer weniger persönliche Nähe, wir löschen unsere Körper aus, unsere Sehnsüchte, unsere tiefsten Bedürfnisse, wir leben nicht unser eigenes Leben, sondern geben uns zufrieden damit, uns mit den fiktionalen Heldinnen und Helden der Fernsehserien zu identifizieren. Die leben das Leben an unserer Stelle, wir schauen nur noch zu. Die Abenteuer sind schon lange nicht mehr im Kopf, sie werden von der Unterhaltungsindustrie vorgefertigt und wir saugen sie genüsslich ein, während wir innerlich verdorren. Wir werden eingelullt und geben unsere natürliche Souveränität freiwillig auf. Das ist ein erbarmungsloser Kreislauf, dem wir mit allen Mitteln zu entkommen versuchen müssen. Lena, du kannst mir glauben, es hatte gute Gründe, warum wir aus unseren Berufen ausgestiegen sind. Nicht weil wir glauben, dass es keine Ärzte mehr geben muss, ganz bestimmt nicht! Aber Robert und ich waren an einem Punkt der Erkenntnis angelangt, der uns zugleich unsere Verantwortung vor Augen führte, nicht bloß nach einer neuen Lebensform für uns persönlich zu suchen – das ist nur eines der Ziele, die wir seit einigen Jahren verfolgen -, sondern du musst dann auch Verteiler, wenn du so willst, Propagandist deiner neuen Ideen sein, sonst wird aus der Sache nichts anderes als purer Eskapismus. Das ist es doch, was du mir vorwirfst, dass ich mir die Rosinen aus dem Kuchen picken will. Das wäre unverantwortlich. Wir empfinden durchaus so etwas wie einen gesellschaftlichen Auftrag. Die Frage ist nur, zu welchen Mitteln wir greifen. Und diese Mittel sind auf keinen Fall militant, sie sind aufopferungsvoll, weil wir experimentieren und persönliche Risiken eingehen. Wir wollen niemanden ins Unglück stürzen. Das wichtigste Mittel ist jedoch, dass wir uns nicht verstellen, uns nicht in eine dunkle Nische privater Glückseligkeit zurückziehen, nichts verheimlichen, uns der Scham und den Schuldgefühlen aussetzen, die aus der Perspektive des Gros der Gesellschaft die angemessenen Gefühlsregungen wären, die unser Handeln begleiten und uns zum Schweigen bringen sollten. Nicht berechtigte Wut treibt uns an, sondern die Liebe zu den Menschen und die Liebe zum Leben.“

Ich atmete tief durch. Angelikas Kulturkritik war ihr ja durchaus nicht aus den Wolken zugefallen. Ich hatte das Gefühl, die meisten ihrer Standpunkte zu teilen. Die Konsequenzen, die sie daraus zog, leuchteten mir gefühlsmäßig aber noch nicht ein. Sicher war es sinnvoll, in einer sich wandelnden Gesellschaft nach neuen Lebensformen zu suchen, die menschlicher waren als die existierenden, in denen wir aufgewachsen sind, und die wir genau aus diesem Grund nicht bewusst wahrnehmen und kritisch hinterfragen können. Mit Unbehagen aber erfüllte mich die Eingleisigkeit und Einfachheit sowohl ihrer Kritik, als auch ihres Konzepts für eine Lösung. Warum sollte ausgerechnet Sex, dieses schon in der 68er-Zeit gescheiterte Projekt der freien Liebe die Lösung aller unserer Probleme sein? Freie Liebe erschien mir alles andere denn als Lösung irgendeines Problems, eher stellte sie für mich ein zusätzliches Problem dar. Aber das war nicht die einzige Schwachstelle.

„Und was ist mit euren Kindern? Haben die keine Probleme damit?“ Ich setzte ironisch in Anführungsstriche: „Mit eurem Projekt?“

Angelika blies die Backen auf und ließ ihren Blick durch die Regale gleiten.

„Das ist ein wunder Punkt. Sie können da nicht mit. Wir haben es ihnen lange Zeit verschwiegen, weil wir glaubten, es gehe nur uns alleine etwas an. Aber als wir den Verlag gründeten, haben wir beschlossen, es ihnen zu erklären. Wir haben ihnen auch Dorothee vorgestellt, die in der Wohnung unterm Dach eingezogen war. Sie können bis heute nicht akzeptieren, dass ich eine Beziehung zu ihr habe, dass wir angefangen haben, andere, ausgewählte Menschen ganz nah an uns heranzulassen, dass wir Normen verletzen, die sie nach wie vor für unumstößlich halten. Weißt du, Lena, du kannst und darfst nicht versuchen, deine eigenen Kinder zu therapieren. Sie müssen ihre eigenen Wege verfolgen und die Hilfe bei anderen Menschen suchen. Wir liegen nicht im Streit miteinander, aber es ist schon eine gewisse Distanz entstanden, die aber auch gut und gesund ist, glaube ich.“

„Therapie! Deine Kinder willst du nicht therapieren. Aber mich anscheinend schon. Ich habe nicht das Gefühl, eine Therapie nötig zu haben.“

„Ich will niemanden therapieren. Das ist das falsche Wort. Ich will ein Beispiel abgeben, mit meinem Glück, mit meiner Erfüllung, aber auch mit meinen Fehlern und dem Scheitern, das ja nie ausgeschlossen ist.“

„Du hast also durchaus auch Zweifel. Du klingst so selbstgewiss.“

„Nein, ich kann mir über gar nichts sicher sein. Wie könnte ich?“

„Wie hast du es genannt? Eine Versuchsanordnung.“

„Ja, eine Versuchsanordnung.“

„Das Manuskript, über das die Milch gelaufen ist, als wir die Fotos gemacht haben – das wollt ihr in eurem Verlag veröffentlichen? Ich konnte mich nicht enthalten, einen kurzen Blick darauf zu werfen. Das ist doch krude Pornografie. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das zu euren Zielen passt.“

„Ja, das ist problematisch. Robert findet nicht, dass wir es veröffentlichen sollten. Ich bin allerdings der Meinung, dass die weibliche Sexualität über Dezennien hinweg derart unter dem Deckel gebrodelt hat, dass anfangs solche beinahe selbstzerstörerischen Eruptionen vielleicht gar nicht zu verhindern sind. Da muss erst einmal ganz viel raus, da muss man erst einmal heftig um sich schlagen, um irgendwann zu einem ausgeglichenen Verhältnis zur eigenen Sexualität und zum eigenen Körper zu gelangen. Da steckt auch ganz viel Provokation drin, die ich wichtig finde, die viel Aufmerksamkeit erregen kann. Du kannst das nicht lenken, da muss erst einmal ganz viel altes Porzellan zerschlagen werden. Ich weiß es selbst nicht so genau. Uns werden in der letzten Zeit immer mehr Manuskripte zugesandt und wir müssen natürlich schauen, welche davon Qualität haben und nicht die existierenden Sexismen bestätigen und befördern. Nicht Wenige, die uns ihre Texte anbieten, sind wahrhafte Irrläufer der sexuellen Revolution, ganz viel kontraproduktives Zeug. Aber wir beide, Robert und ich, finden es wichtig, dass Frauen – und übrigens auch Männer – über ihre Sexualität schreiben, knallhart und ehrlich, auch über ihre durch den männlichen Blick deformierte Sexualität. Vieles davon ist reine Fiktion. Vor allem die fiktionalen Entwürfe alternativer Lebensformen, eines neuen, ganz anderen Umgangs mit Sexualität und Beziehungen, die wütenden, die romantischen, idealistischen Essays und Abhandlungen – das alles bleibt sicher für lange Zeit noch reine Fiktion, Wunschdenken. Aber alle diese Texte torpedieren die tradierten Einstellungen und Normen oder entfalten neue Perspektiven, die für immer mehr Menschen in kleinen Schritten zunehmend lebbarer erscheinen, auch wenn sie de facto für die meisten Menschen unserer Zeit noch nicht lebbar sind. Noch nicht. Für mich vielleicht, für Robert und Dorothee, vielleicht auch für dich irgendwann, aber für die allermeisten anderen eben noch nicht. Das braucht noch sehr viel Zeit.“

 

Auf dem Heimweg führte ich den Dialog mit Angelika innerlich weiter. In vieler Hinsicht hatte sie mich von ihren Ansichten überzeugt, aber kaum etwas davon ließ sich auf mein eigenes Leben übertragen. Warum sollte ich mir von ihr meine Ehe mit Sebastian madig machen lassen? Sie hatte es ja gar nicht, nicht einmal versucht. Und trotzdem fühlte ich mich von ihr angegriffen. Ich versuchte mir vorzustellen, wie Sebastian und ich vereinbarten, uns gegenseitig sexuelle Abenteuer mit anderen zu erlauben, mal ganz abgesehen davon, dass es undenkbar erschien, auf abstrakter, rein theoretischer Ebene auch nur ein Gespräch über dieses Thema zu beginnen. Aber unter der Voraussetzung, wir gäben uns eine derartige Erlaubnis und versicherten uns, trotzdem weiter zusammenzubleiben – würde ich dann das Abenteuer mit Angelika suchen? Oder mit Robert, der mir ja nicht weniger sympathisch war? Wäre dann ein Damm gebrochen, von dem ich eigentlich glaubte, er existiere gar nicht? Und was wäre mit Sebastian? Aus irgendeinem Grund erwartete ich, er würde noch viel schneller als ich die neuen Möglichkeiten auszukosten versuchen und sofort mit einem ganz anderen Blick sein weibliches Umfeld durchscannen. Warum war ich mir so sicher, dass er genau das tun würde? Gerade eben noch hatte ich behauptet, er sei noch nie fremdgegangen und hatte ihm zugleich unterstellt, er habe nicht einmal mit diesem Gedanken gespielt. Ich selbst hatte nie das Gefühl gehabt, wenn ich einen Mann attraktiv fand, auf irgendetwas zu verzichten, wenn ich mich ihm nicht weiter näherte, gegen irgendein Begehren ankämpfen zu müssen. Aber Sebastian? Ich konnte keineswegs meine Hand dafür ins Feuer legen, dass er sich nicht manchmal Sex mit anderen Frauen vorstellte, oder sogar schon ernsthaft in Versuchung geraten war. Dachte er an andere, wenn wir miteinander schliefen? Ging es mir nicht oft genug ganz wie Angelika? Immer seltener hatte ich in den letzten Jahren wirklich Lust gehabt, mit Sebastian zu schlafen, auch wenn es dann fast immer irgendwie auch schön war. Nicht jedes Mal einen Orgasmus zu haben, machte mir nichts aus, wenn nur Sebastian zum Zuge kam und sich entspannt mit einem zufriedenen Seufzer auf den Rücken fallen ließ. Ich erfreute mich an seiner Lust, ich fühlte mich trotz der vielen gemeinsamen Jahre immer noch begehrt. Das war mir das Wichtigste geworden. Und ich war bislang davon ausgegangen, dass Sebastian sowieso bekam, was er sich wünschte. Ich hätte ihn auch oral befriedigt, wenn er das von mir verlangt hätte. Aber er hatte es nicht verlangt, nicht einmal andeutungsweise. Die Abläufe unseres Liebesspiels waren über all die Jahre relativ konstant geblieben. Nur selten verging mehr als eine Woche, bis wir uns wieder liebten. Warum kam mir erst jetzt der Gedanke, das könne für Sebastian vielleicht nicht genug sein, er könne möglicherweise Wünsche haben, die er sich nicht zu äußern traute? Warum stand es für mich so eindeutig fest, dass eine Öffnung unserer Beziehung auch das Ende unserer Ehe bedeuten würde? Unser „System“ war stabil. Das stimmte wohl. Es war stabil, weil wir es gegen jede Gefährdung abgeschirmt hatten. Aber wir waren möglicherweise auch dabei, unserer Lust mehr und mehr das Wasser abzugraben, ihr die Luft zum Atmen zu entziehen. Der neuralgische Punkt unserer Beziehung drohte womöglich empfindungslos zu werden, genau der Ort unserer intimsten Zweisamkeit. Wenn zwei Menschen sich für immer genügen können sollten, dann mussten sie, das war die klare Erkenntnis, die ich aus Angelikas Ausführungen zog, ihre Lebensform und vor allem auch ihr Liebesleben immer wieder erneuern. Nur dann war es möglich die Erfüllung nicht irgendwann bei anderen Menschen suchen zu müssen, so wie Angelika und Robert. Wie glücklich waren wir wirklich miteinander? Welche eigenen Bedürfnisse hatte ich bislang ausgeblendet? Aus Angst. Aus Angst wovor? Vor mir selbst? Davor, von Sebastian verlassen zu werden? Vor meinem aufkeimenden Wunsch, ihn zu verlassen?

Ich kam viel zu spät nach Hause. Die anderen hatten bereits mit dem Essen begonnen. Sebastian fragte nicht, wo ich solange geblieben war, er schaute mich nur erwartungsvoll an und hielt eine Brötchenhälfte in der Hand. Ich entschuldigte mich und machte den wirklich dummen Fehler, zu sagen, ich sei in der Bücherei gewesen und hätte mich dort festgequatscht. In der Bücherei war ich zwar tatsächlich gewesen, aber festgequatscht hatte ich mich woanders. Sebastian hätte sicher nicht weiter gefragt, aber Maya war die Unstimmigkeit meiner Ausrede nicht entgangen. Ob ich jetzt eigentlich täglich in die Bücherei ginge, fragte sie, ich sei doch schon gestern dort gewesen. Ich log, ich hätte eines der Bücher abzugeben vergessen und sei deshalb noch einmal hinuntergelaufen, und errötete. Verdammt noch mal, warum haben wir so wenig Kontrolle über unsere Körperfunktionen!? Und dann sei ich nochmal zu dem Laden wegen des Kleides gegangen und hätte mich da noch einmal festgequatscht. Wir seien vom Hölzchen aufs Stöckchen gekommen, hätten über dies und das geredet und ich hätte mich schließlich entschlossen, das Kleid nicht zu nehmen, womit die Sache nun klar sei. Tatsächlich hatten Angelika und ich nicht noch einmal über das Kleid gesprochen und ich war keineswegs sicher, dass sie daran denken würde, den Auftrag zu stornieren. Im Gegenteil! Ich traute Angelika zu, hier in den nächsten Tagen noch einmal anzurufen und deshalb nachzufragen.

„Oder du hast deinen Liebhaber getroffen“, scherzte Maya.

„Oh, Hilfe, du hast mich durchschaut, mein Schatz“, gab ich ironisch zurück und musste mich abwenden, weil ich eine glühende Hitze in meinem Gesicht spürte und mir der Atem stockte. Ich hatte absolut nichts zu verbergen, und doch fühlte ich mich bei einem schwerwiegenden Fehltritt ertappt. Ich schaltete auf Angriff, um mein Erröten als Wut erscheinen zu lassen.

„Ich weiß überhaupt nicht, warum ich nicht auch nur einmal meine Zeit so verbringen kann, wie es mir passt, warum ich permanent kontrolliert werde und langsam kaum noch Luft zum Atmen habe!“, presste ich hervor, stampfte schnaubend in den Flur zurück und pfefferte meine Tasche auf die Kommode. Sebastian und die Kinder starrten mich vom Tisch aus entgeistert an. Sie verstanden meinen Wutausbruch nicht. Wie auch? Ich kramte meine Krimis aus der Tasche und hielt sie ihnen zum Beweis entgegen, dass ich wirklich in der Bücherei gewesen war.

„Hier, bitte! Meine einzige legitime Leidenschaft: Krimis!“

„Aber gerade noch hast du gesagt, du hättest nur ein Buch hingebracht, nicht welche abgeholt“, sagte Maya lakonisch.

Reinfall Nummer zwei.

„Und welche geholt. Wenn ich schon mal da bin.“

„Aber gestern hast du doch auch schon welche mitgebracht. Hast du jedenfalls gesagt.“

Ich zog mich beleidigt und ohne etwas zu essen ins Schlafzimmer zurück und sagte, ich würde jetzt lesen und einfach mal meine Ruhe haben wollen. Außerdem müsse ich am Abend noch arbeiten. Eine maliziöse Stimme in meinem Innern erhob sich höhnisch in mir: Da hast du’s! Du musst die Geschichte mit Angelika vor deiner Familie geheim halten, weil du die Bedeutung, die sie für dich hat, nicht kaputtmachen willst. Du willst sie vor den anderen nicht verharmlosen und relativieren müssen. Gib zu, du willst dir die geile Anästhesistin warmhalten und den Pornoverleger gleich mit. Die beiden haben schon längst deine Phantasie okkupiert und haben dir dein Höschen gehörig feucht gemacht. Hast du das denn gar nicht bemerkt, wie es an deinen Schamlippen klebt?

Ich schlug eines der Bücher auf, als ich auf dem Bett lag und mein Herz immer noch schlagen hörte, aber ich behielt nicht einen der Sätze, die ich las. Ich wollte mich unbedingt ablenken und wieder beruhigen. Es gelang einfach nicht. Stattdessen streckte Angelika wie ein finsterer Dämon ihre Hände vom Fußende des Bettes nach mir aus, kroch langsam zu mir hinauf, ließ ihre langen Haare über meine Oberschenkel gleiten, streichelte meine Brüste und legte ihr Gesicht auf meine Scham. Gleich würde sie mir die Jeans aufknöpfen und sie langsam herunterziehen.

Es dauerte nicht lange, bis Sebastian im Schlafzimmer auftauchte und besorgt fragte, ob alles in Ordnung sei. Ich entschuldigte mich für meinen Ausbruch. Er setzte sich auf die Bettkante und streichelte mir sanft übers Haar.

„Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist, Sebastian. Mir gehen seit einiger Zeit manche Dinge durch den Kopf, die mich früher eher wenig beschäftigt haben, weil mir alles so selbstverständlich erschien.“

Ich wollte ehrlich zu ihm sein und hatte in den zwei Sätzen, mit denen ich das Gespräch begonnen hatte, bereits einmal gelogen und eine vage Formulierung gebraucht, die ihm unweigerlich Angst machen musste. Sebastian schwieg, sein Blick wurde ernst.

„Es ist wirklich nichts, worüber du dir Gedanken machen musst.“

Die nächste Lüge. Um Sebastian zu schonen? Oder mich selbst? Natürlich sollte sich Sebastian Gedanken machen! Ich hätte von dem Gespräch mit Angelika erzählen können, von ihrem ungewöhnlichen Lebensmodell. Aber nach meiner missverständlichen Einleitung hätte es klingen müssen, als fühlte ich mich davon ernsthaft verunsichert, gar beeindruckt oder überzeugt. Ich wählte also eine abstraktere Ebene und orientierte mich am Prinzipiellen und Allgemeinen.

„Ich frage mich manchmal, ob du wirklich zufrieden bist mit unserer Beziehung, ob dir nicht manchmal was fehlt. Und ich habe ein richtig schlechtes Gewissen, dass ich mich das nicht schon viel früher gefragt habe, dass ich dich nicht gefragt habe.“

„Was sollte mir denn fehlen?“

„Gibt es irgendwelche Wünsche und Sehnsüchte, die du dir, oder die ich dir nicht erfüllen konnte oder nicht erfüllt habe, weil du glaubst, dass ich dafür vielleicht kein Verständnis hätte?“

Sebastian blickte mich ungläubig und verwirrt an.

„Wovon redest du eigentlich? Was genau meinst du mit Sehnsüchten und Wünschen? Vielleicht drückst du dich mal etwas klarer aus.“ Er lächelte etwas verkrampft.

„Ich meine, zum Beispiel im Bett.“

„Wie jetzt, im Bett? Was meinst du damit? Stellungen, Praktiken? Habe ich dir Anlass gegeben, zu glauben, ich sei irgendwie unzufrieden?“

„Nein! Überhaupt nicht! Aber ich bin auf einmal unsicher geworden, ob du nicht vielleicht einfach nur rücksichtsvoll bist und mich nicht verletzen willst, wenn du nicht sagst, dass du etwas anders haben willst, weil wir es eben schon immer so gemacht haben, wie wir es machen. O Gott, das klingt jetzt so schwerwiegend. So ist es gar nicht gemeint. Ich dachte nur, es gibt vielleicht Dinge, die du gern machen würdest.“

Sebastian atmete schwer, seine Halsschlagader trat hervor und schlug schnell.

„Was ist das überhaupt für eine Frage? Ich verstehe die nicht. Gibt es irgendwas, was du mir sagen willst? Kannst du vielleicht Klartext reden?“

„Ich soll dir was sagen wollen? Wenn ich dir etwas sagen wollte, würde ich es sagen.“

„Aber du meinst, dass ich dir nichts sagen würde, wenn ich was zu sagen hätte. Gebe ich dir Anlass dazu, zu denken, dass ich dir irgendwas verschweige?“

„Nein, das habe ich ja gar nicht gesagt, oder jedenfalls nicht so gemeint. Ist ja auch gut! Ich wollte einfach nur sagen, dass es mir leidtäte, wenn du nicht in dem Maße auf deine Kosten kämst, wie ich es dir wünsche.“

„Alle deine guten Wünsche sind mit mir, vielen Dank! Wie kommst du plötzlich darauf? Das hat doch anscheinend viel weniger mit mir zu tun als mit dir.“

„Gar nicht! Bei mir ist alles gut! Deswegen habe ich ja dieses schlechte Gewissen, weil ich mir vorher einfach zu wenig Gedanken gemacht habe.“

„Und warum machst du dir auf einmal solche Gedanken? Woher der Sinneswandel? Hat es irgendwas mit deinen häufigen Besuchen in der Bücherei zu tun? Gibt es irgendwas, was ich wissen sollte.“

„Deine Eifersucht ist vollkommen unbegründet, wirklich. Mach dich nicht lächerlich!“

„Jetzt soll ich auf einmal eifersüchtig sein? Ich mache mich lächerlich? Habe ich auch nur ein Wort geäußert, dass ich eifersüchtig bin? Gäbe es einen Grund eifersüchtig zu sein?“

„Herrgott, nein, natürlich nicht! Es sind nur ganz prinzipielle Überlegungen. Mir ist einfach klargeworden, dass wir unsere Beziehung, … dass es wichtig ist, unsere Beziehung offen zu halten für Veränderungen. Du veränderst dich, ich verändere mich…“

„Da sprichst du ein wahres Wort. Allerdings hast du dich verändert. Meinst du, ich habe nicht mitbekommen, mit wie viel Widerwillen du in letzter Zeit mit mir schläfst? Frauen können vielleicht sehr überzeugend einen Orgasmus vortäuschen, aber du versuchst nicht einmal mehr das. O ja, es gäbe sicher etwas, das ich mir wünschen würde. Aber es ist anscheinend etwas, das du mir nicht mehr geben kannst oder willst. Ich übertreibe vielleicht. Aber jedenfalls kommst du deutlich immer seltener. So sehr ich mich auch bemühe.“

„Also gibt es doch Dinge, die du dir wünschst, aber mir nicht sagen kannst.“

„Wieso ich dir sagen? Das musst du doch selbst am besten wissen. Ich habe eher das Gefühl, dass du mir irgendwas nicht sagen kannst. Vielleicht rückst du damit endlich mal raus!“

Wir saßen beide kerzengerade im Bett, kampfbereit, als Lukas die Schlafzimmertür öffnete und uns besorgt ansah.

„Streitet ihr?“

„Nein“, versetzte Sebastian, „wir streiten nicht. Aber wir wollen einen Moment allein sein. Geht das?“

Lukas zog sich zurück und schloss die Tür leise. Würde er dahinter stehen bleiben und horchen? Ich stand auf, öffnete die Tür und sah Lukas direkt ins Gesicht.

„Du musst dir keine Sorgen machen, Lukas“, sagte ich, „es ist alles in Ordnung.“

Er nickte und trollte sich in sein Zimmer. Sebastian war aufgestanden und lief unruhig im Zimmer auf und ab. Warum hatte ich vermeiden wollen, dass Lukas zuhört? Weil er nicht mein Geständnis hören sollte? Irgendetwas von der Art musste Sebastian jetzt erwarten, zumindest unterschwellig.

„Und du musst dir auch keine Sorgen machen, Sebastian, bestimmt nicht! Ich finde es überhaupt nicht schlimm, wenn ich zwischendurch mal nicht komme. Es ist auch so immer sehr schön.“

„Sehr schön! Super! Das beruhigt mich zutiefst. Aber es muss doch einen Grund dafür geben.“

„Wir sind eben schon fast ein altes Ehepaar. Es gibt viele Dinge, die wichtiger geworden sind. Ich weiß, es sollte so vielleicht nicht sein. Deshalb meine ich ja auch, dass wir vielleicht was ändern könnten.“

„Und was?“

„Ich weiß nicht, deshalb habe ich dich ja gefragt.“

„Ich könnte dich genauso gut fragen, findest du nicht?“

„Doch, könntest du, aber ich weiß halt noch keine Antwort darauf.“

„Aber von mir erwartest du eine.“

„Ich will offen mit dir reden.“

„Ah, du willst offen mit mir reden. Das wird aber auch langsam Zeit.“

„Nicht, was du meinst.“

„Was meine ich denn? Worauf willst du anspielen? Woher willst du denn wissen, was ich meine?“

Ich schüttelte den Kopf, als könnte ich damit alle Missverständnisse abwerfen.

„Ich war heute wieder bei dem Laden…“

Sebastian atmete tief durch, setzte sich von mir abgewandt aufs Ende des Bettes und starrte auf den Boden, als erwarte er eine niederschmetternde Beichte.

„Ich war wieder bei dem Laden, um mir das Kleid nochmal anzusehen. Klar? Und da habe ich längere Zeit mit der Verkäuferin geredet. Und sie hat einfach ganz viel über sich und ihren Mann erzählt. Sie war gar nicht mehr zu bremsen. Sie hat mir alles Mögliche erzählt, was ich gar nicht wissen wollte. Dass sie in einer offenen Beziehung lebt und beide so ihre Affären haben. Es ist vollkommen absurd. Aber ich habe trotzdem angefangen nachzudenken.“

„Über offene Beziehungen. Ist es das, was du mir sagen willst? Dass du plötzlich Geschmack an einer offenen Beziehung bekommen hast.“

„Nein, im Gegenteil! Ich habe gesagt, dass ich sehr glücklich in meiner Ehe bin, dass wir sehr glücklich sind. Und da habe ich mich gefragt, ob das wirklich stimmt, dass du so glücklich bist wie ich. Ich bin immer ganz selbstverständlich davon ausgegangen. Das ist ja vielleicht nicht ganz fair gewesen.“

„Also du meinst, ich könnte vielleicht an einer offenen Beziehung interessiert sein, weil ich mit dir nicht glücklich bin. Es wäre für dich bequemer, wenn ich für eine offene Beziehung wäre, damit du dir selber nicht schäbig vorkommst, wenn du sie führst.“

„Du verstehst mich vollkommen falsch. Ich will ja gerade keine offene Beziehung. Aber ich habe gemerkt, … mir ist klargeworden, dass es wichtig ist eine Beziehung in jeder Hinsicht zu pflegen, damit man eben nicht irgendwann anfängt, über Alternativen nachzudenken.“

„Über welche Alternativen hast du denn angefangen nachzudenken?“

„Über keine! Hör mir doch mal zu! Diese Frau, Angelika, hat mir ein sehr eindeutiges sexuelles Angebot gemacht. Aber ich habe aus voller Überzeugung abgelehnt, weil ich mir sicher bin, dass es niemanden außer uns beiden gibt.“

„Sie hat dir ein Angebot gemacht. Eine Lesbe. Darum geht es also. Warum nicht gleich?“

„Keine Lesbe. Eher bi. Sie lebt ja weiter mit ihrem Mann zusammen. Darum geht’s doch auch gar nicht. Wir haben sicher über zwei Stunden geredet, ich kann das nicht alles wiederholen, was wir geredet haben, vielmehr hat sie ja die ganze Zeit geredet. Ich habe fast nur zugehört.“

„Sie hat gesagt, dass sie mit dir schlafen will? Einfach so? Du musst ihr ja irgendeinen Anlass gegeben haben, dir das vorzuschlagen. Du kannst mir nicht erzählen, dass du sie nicht irgendwie dazu herausgefordert hast. Warum bist du überhaupt hingegangen? Du hättest doch auch anrufen können. Aber du musstest unbedingt noch einmal hingehen. Weil du sie wiedersehen wolltest. Hast du dich in sie verliebt?“

Ich schüttelte vehement den Kopf.

„Und jetzt willst du mich davon überzeugen, dass wir besser in einer offenen Beziehung leben sollten, damit du guten Gewissens mit dieser Frau ins Bett hüpfen kannst. Wahrscheinlich hast du dich schon die ganze Zeit mit diesen Phantasien beschäftigt, warst ja ganz absorbiert in der letzten Zeit. Als ob ich das nicht hätte merken können! Und du erwartest von mir, dass ich dir den Freibrief dafür gebe.“

Ich widersprach mit einem Gefühl der Ohnmacht und völliger Erschöpfung. Er stand wütend auf, und schritt entschlossen zur Tür, ohne mich noch einmal anzusehen.

„Meinetwegen! Kannst du haben! Gottes Segen dazu! Danke für die Mitteilung! Und Tschüss!“

Er schlug die Tür hinter sich zu und stapfte lautstark durchs Haus. Ich hörte, wir er sich im Flur Schuhe und Jacke anzog und das Haus verließ. Ich ärgerte mich über Sebastians Gewohnheit, Konflikten aus dem Weg zu gehen, über seine emotionalen Überreaktionen. Er hatte mir überhaupt keine Gelegenheit gelassen, die Sache aufzuklären. Hinter jedem meiner Erklärungsversuche hatte er eine verborgene Mitteilung vermutet, die Schlimmeres bedeutete. Ich ärgerte mich nicht nur über ihn, auch über mich selbst, weil ich mit meinen vorsichtigen Formulierungen seine sprießende Phantasie angefacht hatte, die gewöhnlich die buntesten Blüten trieb. Ich hätte damit rechnen müssen, dass er wie immer hinter meinen Worten nach versteckten Andeutungen und Vorwürfen suchte. Dennoch war mir rätselhaft, warum er diesmal derart aufgebracht war. Ich nahm an, er würde in spätestens einer oder zwei Stunden zurück sein. Dann würde ich ihn sehr sachlich zur Rede stellen und ihn bitten, mir nach dem Konzert noch einmal genau zuzuhören, damit die Missverständnisse nicht noch bis zum nächsten Morgen in ihm gärten. Ich nutzte die Zeit für einige Passagen aus den Stücken von Philipp Glass, die wir an diesem Abend aufführten und die vor allem in rhythmischer Hinsicht eine echte Herausforderung nicht nur für mich, sondern für das ganze Orchester darstellten. Ein Segen, dass ich beim Üben jedes Mal vollkommen abschalten, alles andere ausblenden kann! Als ich mich von Lukas und Maya verabschiedete, war Sebastian noch immer nicht zurück. Nach dem Konzert und einem lang anhaltenden Applaus beeilte ich mich, nach Hause zu kommen und blieb der anschließenden Konzert-Premiere ausnahmsweise fern. Ich wäre nicht vor ein Uhr zuhause gewesen, wenn ich dem Drängen von Paul und Asuka nachgegeben hätte. „Einen dudeln gegen das Gedudel“ meinte Paul scherzhaft. Ich mag Philipp Glass wirklich, auch wenn er anstrengend zu spielen ist. Dennoch hätte ich an diesem Abend wirklich gern mit den anderen das „Gedudel weggedudelt“. Aber die Missverständnisse vom Nachmittag wollte ich unbedingt aus dem Weg räumen. Das war mir wichtiger als alles andere. Sebastian war nicht zurück, als ich das Haus betrat. Seine Jacke hing nicht an der Garderobe und die Schuhe standen nicht darunter. Ich sah noch ein wenig fern und ging nach einer Stunde ins Bett. Als sich Sebastian gegen drei Uhr nachts neben mich ins Bett legte, hatte ich noch nicht geschlafen, aber ich hielt die Augen geschlossen. Er hatte getrunken, wahrscheinlich nicht wenig. Die ätherischen Dämpfe übertünchten jedoch nicht vollständig die Spuren eines süßlichen Parfüms. Mir blieb beinahe das Herz stehen. Ich fühlte, wie mein Atem immer schwerer wurde. Ich tat, als sei ich gerade aus tiefem Schlaf erwacht und müsse einmal zur Toilette.

„Wo warst du denn so lange?“, fragte ich in verschlafenem Ton.

Sebastian brummte schläfrig: „Mit Freunden einen trinken. Ist irgendwie lang geworden.“

Im Bad untersuchte ich Sebastians Kleider, die er dort abgelegt hatte. Ich roch an seiner Unterhose und sah weiße und silbrig glänzende Flecken darin. Mir wurde flau im Magen, ein Angstschauer durchschoss meinen ganzen Körper. Ich setzte mich kraftlos auf den Badewannenrand und beobachtete mich selbst dabei, wie ein Szenario nach dem anderen durch meinen Kopf schoss: Sebastian spricht eine fremde Frau in der Kneipe an, Sebastian betrinkt sich in einer Kneipe und wird von einer fremden Frau angesprochen und lässt sich von ihr abschleppen, Sebastian heult sich bei einer guten Bekannten aus, die mir allerdings weniger gut bekannt ist, Sebastian geht zu einer Geliebten, von der ich Naivling noch keinen blassen Schimmer habe, Sebastian wird vor Wochen von einer Kollegin angebaggert, er erinnert sich an ihr unmissverständliches Angebot und nutzt die erstbeste Gelegenheit, Sebastian lässt es sich von einer Prostituierten besorgen. Sollte ich ihn zur Rede stellen? Vielleicht war ja gar nichts geschehen, und er hatte sich einfach nur einen runtergeholt. Oder nicht mal das. Aber was war mit dem Parfüm? Vielleicht hatte ich mich ja getäuscht. Als ich ins Schlafzimmer zurückschlich, erweckte Sebastian den Eindruck, als schlafe er. Ich wusste, dass er nicht schlief. Ich legte mich dicht neben ihn und sog den süßlichen Duft ein, der mich auch den Rest der Nacht nicht schlafen ließ. Malena traute ich diesen Duft zu. Sie lebte seit zwei Monaten in Trennung und war eine unserer besten Freundinnen. Vor ihrem Entschluss, sich von Ralf zu trennen, hatte sie oft bei uns gesessen und uns ihr Leid geklagt: kein Sex mehr, ein gleichgültiges Nebeneinander, Routine, ein zu nichts mehr zu motivierender Partner mit großer Trennungsangst und einem beachtlichen Alkoholproblem. Wir hatten ihr zu diesem Schritt geraten, nachdem sie viele Gespräche mit Ralf geführt und ihm vergeblich vorgeschlagen hatte, eine Therapie zu machen. Immer wieder hatte Malena betont, wie neidisch sie auf unsere so gut funktionierende Beziehung sei, wie sehr sie mich um Sebastian beneide, der nicht nur wahnsinnig attraktiv geblieben sei, sondern auch den modernen Mann schlechthin verkörpere, klug, empathisch und achtsam. Das musste Eindruck auf Sebastian gemacht haben. Erst jetzt fiel mir auf, mit welchem Glanz in den Augen sie Sebastian immer wieder angelächelt hatte. Ich erinnerte mich an eine ähnliche schlaflose Nacht einige Monate zuvor. Auch da hatte ich ein fremdes Parfum gerochen und Sebastian am nächsten Morgen zur Rede gestellt. Harald, ein ehemaliger Kommilitone, den Sebastian nur alle Jubeljahre mal traf und der in der Tat ein Kindskopf geblieben war, habe ein Eau de Toilette dabeigehabt, damit herumgesprüht und sich köstlich darüber amüsiert, dass er, Sebastian, Mühe haben werde, das seiner Frau zu erklären. Mir war die Geschichte derart unglaubwürdig erschienen, dass ich beschlossen hatte, sie zu glauben. Erst jetzt kamen mir ernsthafte Zweifel. Noch am Vormittag hatte ich behauptet in einer stabilen und glücklichen Ehe zu leben, in der das Treueversprechen unumstößliche Gültigkeit besaß, und schon in der Nacht konnte ich mir vorstellen, wie Sebastian seit geraumer Zeit kaum eine Gelegenheit ausließ, mich zu betrügen. Ich war – neben einem etwas schlechten Gewissen – immer irgendwie stolz auf mich gewesen, Sebastian bei Bedarf einen heftigen Orgasmus vortäuschen zu können, bei dem ich hingebungsvoll stöhnte, meine Vagina kontraktieren ließ, dabei zuckte und mich schüttelte. Vielleicht empfand Sebastian nicht weniger Stolz, die Rolle des vorbildlichen Ehemannes und Vaters perfekt spielen zu können, dabei ab und an auch noch seine ehelichen Pflichten zu erfüllen und sich zwischendurch mit einer anderen zu vergnügen. War sein Abgang am Nachmittag nicht auch großes Theater gewesen? War es nicht ein wenig zu übertrieben gewesen, kaum noch authentisch? Seine bohrenden Fragen, diese zielsichere Navigation zu einem angeblichen Nachweis meiner Untreue oder auch nur dem Gedanken daran – das hatte Sebastian vielleicht schon viele Male durchgespielt. Er hatte möglicherweise schon lange auf die Gelegenheit für diesen emotionalen Ausraster gewartet, weil nicht er derjenige sein wollte, der den Bruch herbeiführt. Das „stabile System“, mit dem ich bei Angelika angegeben hatte – das hatte ich mir vielleicht nur eingebildet? Ich allein war stabil, ich hatte die ganze Zeit über meine eigene Stabilität wahrgenommen und sie für eine gemeinsame gehalten. Der Mann neben mir wurde mir mit einem Mal fremd, die Geräusche, die er machte, als er irgendwann doch eingeschlafen war, widerten mich plötzlich an, seine Ausdünstungen ekelten mich. Ich wusste, dass meine Gefühle ihm Unrecht taten, sie würden irgendwann wieder vergehen, aber bis zum Morgen wurde ich sie nicht los. Erst, als es schon sehr hell geworden war, musste ich eingeschlafen sein. Gegen Zehn erwachte ich und fand das Bett neben mir leer. Sebastian und die Kinder hatten schon gefrühstückt. Lukas lag im Bademantel auf dem Sofa und stierte in sein Smartphone. Ich fand Sebastian im Waschraum, wo er die Wäsche sortierte und in die Waschmaschinentrommel stopfte. Eine Kochwäsche für die Unterhosen und Handtücher. Ich beobachtete ihn eine Weile. Er nahm keine Notiz von mir, obwohl er bemerkt haben musste, dass ich in der Tür stand, bis er ohne aufzublicken fragte, ob das Konzert gut gewesen sei. Ich bejahte kühl und fragte, ob er gestern zufällig Harald getroffen habe und er ihn wieder einmal mit Parfüm besprüht habe. Sebastian hielt inne und ließ, immer noch am Boden hockend, den Kopf sinken.

„Was soll ich darauf jetzt, bitte schön, antworten?“, fragte er und blickte mich mit rotem Kopf vorwurfsvoll von unten herauf an.

„Du bist doch sonst auch so kreativ“, gab ich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Dir wird schon was Interessantes einfallen.“

„Ich glaube, darin bist du immer noch unübertroffen.“

Ich zog die Lippen kraus, nickte und wippte gemächlich, aber voller Wut davon. Ich duschte, zog mich an und verließ wortlos das Haus. Wohin? Es gab nur einen Ort, zu dem es mich hinzog. Ich wusste nicht, warum. Ich fühlte eine kalte Eifersucht, die eigentlich mehr eine Rachsucht war, das Bedürfnis nach Vergeltung für etwas, von dem ich gar nicht mit Sicherheit wusste, ob es überhaupt geschehen war.

Angelikas Laden war am Sonntag natürlich geschlossen. Was hatte ich auch anderes erwarten können? Ich starrte eine Weile auf das rote Kleid, das Robert als gutes Omen bezeichnet hatte. Jetzt war ich mir sicher, dass es ein Menetekel gewesen war. Ich schlenderte weiter durch die Straßen und beobachtete einige Leute, die zur Kirche gingen. Nur wenige von ihnen machten auf mich einen fröhlichen Eindruck, die meisten wirkten leer oder verkniffen. In den Gesichtern der wenigen Passanten in der Fußgängerzone suchte ich nach Hinweisen dafür, dass sie glücklich, erfüllt, zufrieden waren, aber ich fand keine. Die Paare wechselten kaum ein Wort und trotteten beziehungslos nebeneinander her, eine Frau redete ermahnend auf ihren Hund ein, der hingebungsvoll an einer weggeworfenen Burger-Verpackung schnupperte, und zog immer wieder ruckartig an der Leine. Ein junger Vater schob einen Kinderwagen, seine Frau trug einen kurzen Rock, eine dunkle Nylonstrumpfhose, die die Kurven ihrer Beine betonte, eine braune Kunstlederjacke und über die Schulter ein Handtäschchen mit einem Goldkettchen als Gurt. Ihre Aufmerksamkeit galt den Entgegenkommenden, ob sie gesehen wurde. Vergeblich versuchte ich mir vorzustellen, wie die Beiden in der Nacht miteinander geschlafen hatten. Ein älteres Ehepaar, unscheinbar gekleidet: Die hatten bestimmt keinen Sex mehr. Vor einem Café saß ein unrasierter Mann mittleren Alters und folgte mit seinen Blicken den Frauen, die vorübergingen. Sein Blick traf auch mich. Lässig klopfte er die Asche seiner Zigarette in den Aschenbecher. Er wollte cool wirken, aber ich sah ihm an, dass er alle Hoffnung auf eine aufregende Begegnung längst aufgegeben hatte. Ich kam mir verloren vor, wie ich so an einem Sonntagvormittag durch die Fußgängerzone streifte. Nirgendwo tat sich eine Zuflucht für mich auf. Ich kehrte um und gelangte schließlich wieder zu der Kirche. Wie lange war ich nicht mehr in einer Kirche gewesen! Ich blieb unentschlossen vor dem Portal stehen und hörte die Orgelklänge aus dem Innern. Ich zog die schwere Tür auf und trat in den Vorraum. In der Kirchenhalle saßen nur wenige Menschen, sie sangen ein träges Kirchenlied, die Pastorin stand im Talar vor dem Altar und sang ebenfalls. Nicht einmal sie kannte das Lied auswendig und blickte in ihr Gesangbuch. Überall gesenkte, graue Köpfe. Ich erinnerte mich an die stimmungsvollen Weihnachtsgottesdienste in meiner Kindheit, die voller Vorfreude und Lichterglanz gewesen waren. Nichts von diesen Gefühlen wollte in diesem Moment in mir aufsteigen, kein Gebet wollte über meine Lippen kommen: Ach, lieber Gott, mach, dass alles wieder gut wird! Was eigentlich sollte wieder gut werden? Ich wandte mich enttäuscht um und verließ die Kirche wieder. Schön war allein, aus dem Dunkel wieder ins grelle Licht zu treten. Ich wusste, dass sich Angelikas Wohnung direkt über dem Laden befand. Auf den Klingelschildern fand ich nur zwei Namen. Ich entschied mich für die Klingel im ersten Obergeschoss. Ich würde Angelika einen Grund für mein Kommen nennen müssen, der nicht war, dass ich mit ihr schlafen wollte. Ich wusste nicht, was ich sagen würde. Ich wusste auch nicht, wie ich damit umgehen sollte, dass wahrscheinlich auch Robert da sein würde. Der Türöffner summte und wie somnambul stieg ich die knarrenden Stufen empor. Robert stand in Boxershorts und T-Shirt in der Tür. Er lächelte und ließ mich wortlos ein. Angelika kam aus der Küche in den Flur, ungeschminkt und seltsam fahl, sie band sich den Morgenmantel zu. Sie blickte mich ernst an, umarmte mich und führte mich schweigend in ihr Schlafzimmer. Robert folgte uns und blieb in der Tür stehen. Die Bettdecken lagen geknäuelt, als seien die Beiden gerade erst aus dem Bett gestiegen, als sei in ihnen noch die Wärme ihrer Körper gespeichert. Ich setzte mich auf einen Stuhl vor dem Fenster, durch das die Frühlingssonne ins Zimmer schien. Ich fühlte mich unendlich erschöpft. Angelika stand in einigem Abstand, verschränkte die Arme vor der Brust und blickte mich forschend an.

„Ich kenne euch gar nicht“, sagte ich und fühlte, wie eine tiefe Verzweiflung in mir hochstieg. Mit ihr stiegen Worte in mir auf, die nicht mehr meine Worte waren, sondern ein Etwas, das aus mir sprach: „Ich bin gekommen, weil ich eine Bitte an euch habe.“

Angelika nahm kurz Blickkontakt mit Robert auf.

„Ich habe eine Bitte, die ihr mir vielleicht nicht erfüllen könnt oder erfüllen wollt. Aber Angelika, du hast gesagt, dass es wichtig ist, zu sagen, was man empfindet und was man sich wünscht.“

„Ja“, sagte Angelika, „das finde ich wichtig und richtig. Sag uns, was du dir wünschst!“

„Ich kann es nicht sagen. Es fällt mir so schwer“, flüsterte ich.

„Sag es ruhig“, ermutigte mich Robert.

Angelika stemmte die Hände in die Hüften, wollte etwas sagen, blieb aber stumm und abwartend.

„Ich möchte…, ich glaube, ich möchte euch zusehen, wie ihr es tut. Mehr nicht. Ich möchte einfach nur zusehen. Ich kann nicht sagen, warum.“

Angelika kniete sich zu mir herunter, fasste meine Hüften und legte ihren Kopf in meinen Schoß. Dann blickte sie zu Robert. Er antwortete mit einer leichten Neigung seines Kopfes. Angelika stand auf, blickte mich an und öffnete ihren Morgenmantel. Sie trug darunter nur einen Slip, aus dem sich dunkle Haare kräuselten. Ihre Brüste erschienen mir jetzt weniger straff, aber sie waren dennoch schön und ebenmäßig. Sie griff nach der Naht ihres Slips und zog ihn langsam herunter. Ich blickte zu Boden, der Slip umspülte ihre knochigen Füße wie der Schaum des Wassers, das in Wellen an einen warmen Strand gespült wird, ich fühlte mein Herz schlagen. Mit wallenden Haaren und wallendem Morgenmantel schritt sie zum Bett, langte nach den Bettdecken und schob sie auf den Boden neben das Bett. Den Morgenmantel warf sie daneben und legte sich auf das leere Bett. Sie spreizte ihre Beine und ließ mich auf ihr dunkel behaartes Geschlecht blicken. Aus einer Schublade ihres Nachttischchens angelte sie einen schwarzen Vibrator. Robert stand weiter in der Tür und sah zu, wie Angelika den Vibrator anschaltete, ihn sich zwischen die Schamlippen legte und ihn langsam auf und ab gleiten ließ. Robert blickte mich an, setzte sich neben Angelika aufs Bett und strich ihr sanft übers Gesicht. Sie legte den Kopf zurück ins Kissen. Robert begann, ihre Brüste zu streicheln, umrundete sie mit seinen schlanken Fingern, ließ eine Hand über ihren Bauch gleiten und befeuchtete drei Finger der anderen Hand mit Speichel, den er ihr auf die sich öffnende, langsam anschwellende Spalte strich. Er wiederholte das ein weiteres Mal, während Angelika die Spitze des Vibrators auf ihre Klitoris drückte. Dann wanderte die Spitze hinunter zu ihrer Vagina und sie schob den Vibrator langsam hinein, während sie mit der anderen Hand begann, ihre Klitoris behutsam kreisend zu massieren. Ich sah, dass Robert nun auch erregt war, sein Penis richtete sich in seinen Boxershorts langsam auf. In gleichmäßigem Rhythmus schob Angelika den Vibrator langsam vor und zurück. Robert massierte mit beiden Händen ihre Brüste und küsste Angelika auf den Mund. Dann wanderten seine Lippen hinab zu ihren Brüsten, die er mit Speichel benetzte und im nächsten Moment wieder mit seinen Händen umspielte. Mir wurde bewusst, dass mich das, was ich sah, sehr erregte, obwohl alles so unwirklich erschien, und ich mich hinaus ins helle Licht des Frühsommers wünschte, auf eine Wiese unter Bäumen. Meine Klitoris richtete sich spürbar auf und ich wusste, dass ich feucht wurde, es fühlte sich beinahe so an, wie manchmal bei einer Monatsblutung, aber meinem Drang, mir die Hand in die Hose zu schieben und einen Finger zur Erleichterung auf meine Klitoris zu pressen, gab ich nicht nach. Angelika fasste Robert in die Hose, sie umschloss mit der Hand seinen harten Schwanz, zog den Vibrator heraus und führt seinen Schwanz zu ihrer Vagina. Robert legte sich behutsam auf sie und schob seinen Schwanz langsam in sie hinein. Ich sah von meinem Stuhl aus nicht viel mehr als die langsamen Bewegungen, die Robert auf Angelika vollzog. Den Vibrator aber legte sie sich anscheinend wieder an ihre Klitoris, zwischen ihre sich in steigernder Wollust windenden Körper. Wortlos, schweigend, tonlos. Erst als Angelika, sehr bald schon, zum Höhepunkt kam, vernahm ich etwas wie ein Schluchzen von ihr. Robert kam beinahe gleichzeitig mit ihr. Wenige gequetschte Laute, als hebe er eine schwere Kiste an. Angelika warf das Toy ermattet und befriedigt zur Seite, ließ die Arme links und rechts ins Bett fallen und Robert legte seinen Kopf zwischen Angelikas Brüste. Eine gefühlte Ewigkeit blieben sie so regungslos beieinander. Dann zog Robert seinen halb erschlafften Penis aus ihr heraus, legte sich neben sie und streichelte sie sanft. Da erst fiel Angelikas entrückter Blick wieder auf mich. Sie richtete sich auf und blickte mir lange in die Augen. Ich sah, wie Roberts Saft aus ihrer Vagina aufs Bettlaken sickerte, sein Saft und ihr eigener. Sie krabbelte aus dem Bett zu mir hin und stellte sich vor mich hin, diese große Schöne. Auch ich stand von meinem Stuhl auf und blickte ihr in die Augen. Da fasste sie sich zwischen die Beine, nahm mit ihren Fingern etwas von dem Liebessaft auf, hob ihre Hand vor mein Gesicht, rieb den klebrigen Sud zwischen Daumen und Fingern und benetzte dann damit – wie in einer heiligen Handlung – meine Stirn und meine Lippen. Dann legte sie ihre Lippen auf meine, schloss die Augen und schob ihre Zunge tief in meinen Mund. Auch meine Lider schlossen sich wie von selbst und ich spürte, wie meine Vagina rhythmisch zu pulsieren begann, meine Kopfhaut kribbelte wie von tausend Ameisen. Von dort aus breitete sich dieses Kribbeln schnell über den Rücken bis hinunter zu den Füßen aus. Ein unglaublicher Orgasmus durchfuhr sekundenlang meinen ganzen Körper, der mich beinahe in die Knie zwang. Ich schob unwillkürlich eine Hand zwischen meine Beine und wurde von einem weiteren Schauer überwältigt. Angelika umringte mich mit ihren Armen, während ich mich krümmte, nach Luft schnappte und mich zum Fenster hin umdrehte. Eine Sonnenflut, ein Meer von Licht. Angelika ließ ihre Hand über meine Wirbelknochen gleiten. Ich atmete tief ein und aus, richtete mich halb auf, wandte mich zu Angelika um, stützte meine Stirn an ihrer Brust ab, während sie mich locker umfangen hielt. Ich hörte mich stoßweise atmen, vom Dielenboden her schauten mich große, hölzerne Tieraugen an, ein Reh, ein Makake, ein Waschbär – bis sich meine Atmung langsam wieder beruhigte. Ich blickte auf, küsste Angelika auf beide Wangen, bedankte mich bei ihr und bei Robert, der weiter auf dem Bett lag, und ging ohne ein weiteres Wort hinaus. Mit weichen Knien stolperte ich die Treppe hinunter. Draußen empfingen mich ein warmer Lufthauch und wieder das helle Licht. Die Kirchglocken läuteten und mir entfuhr aus tiefsten Herzen ein kurzes, euphorisches Dankgebet, das von den sonnengefluteten Häuserfassaden, vom überbelichteten, hellblauen Himmel, vom frischen Grün der Bäume neben der Kirche zurückhallte. Das Haus, in dem ich so viele Jahre mit Sebastian und den Kindern gewohnt hatte, kam mir fremd vor. Alles, was darin war, gehörte einer unbegreiflichen Vergangenheit an. Als ich den Schlüssel im Schloss drehte, wusste ich, dass ich es ganz neu erobern wollte.

Ich sprach mit Sebastian in den folgenden Tagen kein weiteres Wort über das, was zwischen uns vorgefallen war. Unsere Blicke begegneten sich nur selten. Das Herz wurde mir von Tag zu Tag schwerer. Am dritten Tag rief Angelika an und sagte, das Kleid sei jetzt da, ob ich es anprobieren wolle. Am späten Nachmittag des folgenden Tages stand ich wieder in ihrem Laden. Ich zog mir Hose und T-Shirt aus, hob meine Arme und Angelika streifte mir das Kleid langsam über, sie zupfte es zurecht, strich noch einmal mit beiden Händen von den Achseln bis hinunter zu den Hüften und befand das Werk für vollendet. Aus meiner Tasche zog ich ein Paar hochhackige Pumps und glitt mit den Füßen hinein. Ich stellte mich vor Angelika hin, drehte mich um die eigene Achse und ließ mich von ihr bewundern. Ich reichte ihr die Geldscheine hin und hielt plötzlich inne. Ich wollte ihr zum Dank mehr als nur das Geld hinterlassen. Ich schob das Kleid vom Saum her ein Stück herauf, zupfte den Slip hinunter, ließ ihn auf meine Pumps fallen, angelte ihn mit dem spitzen Absatz, hob ihn so zu mir herauf, faltete ihn mit dem Geld zusammen und legte ihn in Angelikas Hände. Zum Abschied strich ich mit dem Handrücken zärtlich über ihre Wange und berührte mit drei Fingern ihre roten Lippen. Sie rührte sich nicht und schlug die Augen nieder. Wenige Augenblicke später schritt ich wie eine Königin den Bürgersteig der staubigen Sonnenstadt entlang. Der in meinem Gesicht so warme Wind wehte kühl und erfrischend unter mein rotes Kleid. Ich genoss den Blick eines jungen Mannes, der mir auf dem Bürgersteig entgegenschlenderte und sich dann nach mir umsah. Ich erwiderte seinen Blick lächelnd und ging meiner Wege.

Virtual Porn Movies

Ich kann jetzt Filme mit mir selber machen. Mit einem erstaunlich kleinen Gerät, das aus drei Komponenten besteht, die ich im Zimmer verteilt habe, konnte ich einen Ganzkörperscan von mir machen, der sofort über die Bluetooth-Verbindung auf meinen Computer übertragen und in die Software importiert wurde, die mein Abbild in die unterschiedlichsten Umgebungen einer virtuellen, aber täuschend echt wirkenden Realität integriert. Allerlei gymnastische Bewegungen habe ich vollführen müssen, damit das Programm meine Bewegungen, die Eigenarten meiner Gestik, das Charakteristische meines Gangs, meiner Mimik kennen lernen konnte. Ungeduldig habe ich die vorgegebenen Texte gesprochen, die helfen sollen, für einen Grundwortschatz die richtigen Betonungen festzulegen, den Klang meiner Stimme. Im erweiterten Modus ist es möglich, mich von dem audiovisuellen Scanner tagelang beobachten und analysieren zu lassen. Dafür werde ich noch weitere Scanner in meiner Wohnung aufstellen müssen. Es werden im engeren Sinne keine Aufzeichnungen gemacht, die sich – wie im traditionellen Film – später wieder abspulen lassen, vielmehr werden abstrakte Algorithmen gebildet, die in gewisser Weise die Essenz meiner Körperlichkeit, meiner materiellen Entäußerung darstellen, die sich später synthetisch in alle nur denkbaren Handlungen überführen lassen, die ich in einem intuitiv bedienbaren Storyboard zusammenstellen kann. Am einfachsten noch ist es, mich in alte existierende Spielfilme zu integrieren: Ich als Humphrey Bogart in “Casablanca“, als Norman Bates in „Psycho“. Der Spaß daran hält aber nicht lange an und ist für meine Freunde vermutlich unterhaltsamer als für mich selbst. Lustiger wird es werden, wenn auch meine Freunde ihre Scans importieren werden. Es wird nicht lange dauern, bis einige von ihnen mit der gleichen Technik ausgestattet sein werden. Auf diese Weise entdeckt man dann sogar die alten deutschsprachigen Kitschklassiker des Films neu, etwa die Filme mit Hans Moser. Das Morphing erlaubt es, die eigene Stimme mit der des legendären Hans Moser zu synthetisieren, denn es wäre nur der halbe Spaß, wenn ich in seiner Rolle nicht auch ein wenig in wienerischer Mundart nuscheln würde, nicht auch ein wenig mehr von gedrungener Statur wäre, ganz nur mit meinen eigenen verhaltenen Gesten und der zurückhaltenden Mimik auf der Leinwand agieren würde. Das Programm verarbeitet alle gängigen DVDs und Blu-rays, ich kann selbstverständlich auch in jedem beliebigen Porno mitspielen. Mit dem Rechner, den ich noch bis vor einigen Wochen besessen habe, wäre das nicht möglich gewesen.

Die größte Herausforderung besteht darin, eigene Filme zu produzieren. In der benutzerfreundlichsten Variante, einer Art Automatikmodus kann ich bereits festgelegte Szenerien und Handlungsschemata anwählen, ein Genre, die Handlungsorte, die zentralen Konflikte. Aus einer Galerie kann ich meine Mitspieler auswählen, gegen etwas höhere Lizenzgebühren sogar einige prominente Schauspieler, die sich schon zu einem frühen Zeitpunkt auf dieses in meinen Augen revolutionäre Projekt eingelassen haben. Diese Figuren sind allerdings softwareseitig mit einigen Beschränkungen versehen, was dann nichts anderes heißt, als dass sie zum Beispiel nicht für Pornosequenzen zur Verfügung stehen. Wenn ich aber zum Beispiel meine Schornsteinfegerin heimlich bei ihren Verrichtungen im Keller scannen würde, könnte ich sie auch mit einer Pornodarstellerin synthetisieren und hätte eine diebische Freude daran zu sehen, wie sie sich in meinem Schlafzimmer entkleidet, ihre feuchte Möse präsentiert und mein Double allerlei unanständige Dinge mit ihr treibt. Die Versuchung ist nicht gering. Ein Verbot des öffentlichen oder heimlichen Scannens von Nichtsahnenden wird sicher nicht lange auf sich warten lassen. Aber es wird passieren. Was aber ist aus rechtlicher Perspektive schon ein Scan, der mit den Mitteln des Morphing im Wesentlichen unkenntlich gemacht wurde? Das ist dann eben nicht mehr die Person, die im wirklichen Leben herumläuft, sie ist eine Fiktion. Das ist nicht mehr unsere Freundin Paula, nicht mehr meine Schornsteinfegerin, sondern ein neues, künstlich erschaffenes Wesen. Im Programm heißen sie sinnigerweise nicht Scans, sondern Samples. Die Samples können jetzt bereits achtfach übereinandergelegt werden, wobei im manuellen Betrieb viel Fingerspitzengefühl dazu gehört, wirklich ansprechende Multisamples zu erzeugen. Hilfreich ist da eine Idealisierungsfunktion, die mit Algorithmen arbeitet, die auf der Analyse dessen beruhen, was ein Großteil der Menschen meines Kulturkreises für schön, attraktiv oder auch hässlich, abstoßend, apart, dämonisch oder durchschnittlich hält. Am schönsten, am aufregendsten sind allerdings doch die rohen, unbearbeiteten Samples. Das ist wie in der Musik. Die künstlichen Klänge der Synthesizer wirken oft schal gegenüber den analogen Instrumenten. Man möchte echte Musiker mit ihren echten Instrumenten hören, kein Auto-Tune der Stimmen. Ich jedenfalls muss gestehen, dass in mir die Gier nach Wirklichkeit überwiegt. Ich brauche keine synthetischen Menschen in meinen Filmen, ideale Schönheiten, schematische Bösewichter. Meine Filme sollen sich in der wirklichen Wirklichkeit abspielen, ganz nah an meiner eigenen Lebenswirklichkeit. Ich will Paula gar nicht anders, als ich sie kenne. Ich will nur etwas mehr von ihr. Ich will vorsichtig einige natürliche Grenzen überschreiten. Das muss ich der Ehrlichkeit halber zugeben.

Ein Beispiel: Ich glaube zwar, dass Marina mich immer noch liebt und der Sex mit ihr ist oft genug noch wirklich aufregend. Aber ich bin auch nicht blöd genug nicht mitzubekommen, welche Blicke sie manchmal mit Rainer tauscht. Es wäre gewiss vermessen zu behaupten, sie habe sich das eine oder andere Mal vorgestellt, wie es wäre, eines Morgens neben Rainer zu erwachen, ein ganz anderes Leben mit ihm zu teilen. Niemals wollte ich, dass es so weit käme. Und sie sicher auch nicht. Aber wäre es nicht interessant, sich diese Geschichte romanhaft, spielfilmhaft einmal auszumalen? Eine zufällige Berührung, als sie beide im Flur stehen, ihr Erschrecken darüber, weil sie diese Berührung als unterdrückte Zärtlichkeit empfinden, der etwas zu lang ausgehaltene, wortlose Blick, die unwillkürliche Wiederholung dieser Berührung als einverständiges Zeichen gegenseitiger Zuneigung? Das furchtsame Glück des ersten heimlichen Treffens, die erste Verabredung in einem schmuddeligen Hotelzimmer. Die unfreiwillige Offenbarung, das quälende Drama, das sich zwischen uns entspinnen würde. Trennung, Alltag, traumatisierte Kinder, Routine des neuen Lebens, Enttäuschung über die zuvor unbemerkten Unzulänglichkeiten des neuen Partners, der verzweifelte Wunsch, wieder in das alte Leben zurückzukehren, während ich selbst, nachdem ich mich aus der tiefsten Verzweiflung herausgewunden habe, bereits ein aufregendes Liebesverhältnis zu Paula unterhalte, die mich begehrt hat, seit wir uns kennengelernt haben, dies jedoch gut zu verheimlichen vermocht hat. Nichts habe ich davon mitbekommen, all die Jahre nicht. Ich bin einfach viel zu sehr auf Marina fixiert gewesen, blind für Paulas leise Zeichen und Blicke. So könnten die Figuren unseres Films stellvertretend für uns die Dramen durchleben, die wir aus guten Gründen in unserem wahren Leben zu vermeiden suchen, vor denen wir uns selbst und unsere Kinder bewahren möchten. Das wäre ebenso befreiend wie lehrreich. Das Ganze wäre sicher nicht folgenlos. Ich bin nicht so naiv anzunehmen, Marina könnte nicht entsetzt sein über das Szenario, in das ich sie und unsere Freunde versetzt hätte. Empört würde sie meine Mutmaßungen über ihre Begehrlichkeiten gegenüber Rainer von sich weisen und nicht minder verletzt sein über meine – rein fiktionalen – Phantasien bezüglich Paula. Aber das Spiel ließe sich ja weitertreiben. Marina könnte sich durchaus daranmachen, eine eigene Version des Dramas zu komponieren, in dem ihre Beziehung zu Rainer als Folge meines Seitensprungs mit Paula erschiene. Und sie würde – da bin ich mir sicher – nach einiger Zeit Gefallen an den Möglichkeiten des Programms entwickeln, an den atemberaubenden Möglichkeiten, das eigene Leben als ein anderes zu entwerfen. „Wozu soll ich das tun?“, würde sie mich anfangs fragen, und ich würde antworten: „Um mehr über dich, über uns zu erfahren, über das Leben.“ Das ist wie mit einem der ersten Filme der Filmgeschichte, der „Einfahrt des Zuges“, da dachten die Menschen im Publikum auch noch, da würde wirklich ein Zug auf sie zurollen. Schon wenige Jahre später hatten sich die Zuschauer an das neue Medium gewöhnt und wussten: Das ist nicht die Wirklichkeit! Das ist Film! Das ist Fiktion!

Man muss sich bei alledem auch über die therapeutischen Dimensionen der neuen Technik Klarheit verschaffen. Welche Möglichkeiten sich beispielsweise für Paartherapien eröffnen werden! Das eigene Verhalten in authentischen Situationen beobachten und analysieren, und dann neue Verhaltensschemata komponieren, mit ihnen lernen und trainieren, neue Wege des Zusammenlebens, der Kommunikation entwerfen. Eine lernende Software könnte typisches Fehlverhalten von Menschen analysieren und beispielhaft mit Hilfe von Algorithmen gelingender Beziehungen konfrontieren. Und und und.

Wenn stimmt, was Rainer behauptet – und ich glaube es ihm gern -, dann werden wir in absehbarer Zeit über Interfaces noch tiefer und umfassender in die fiktiven Welten der Programme eintauchen können, mit unseren Körperempfindungen und Gefühlen, mit unserer ganzen Subjektivität, die ja auch nichts anderes ist als ein Komplex milliardenfach differenzierter und vernetzter Algorithmen. Wir werden auf ungeahnte Weise in bloß virtuelle, fiktionale Welten eintauchen, in denen uns weiß Gott was widerfahren kann, folgenlos für Leib und Seele. Ja, vielleicht wird unser Traum von einem ewigen, paradiesischen Leben nach dem Tod mit Hilfe einer ins Unermessliche gesteigerten Digitalisierung doch noch Wirklichkeit werden. Das ist Science-Fiction, ich weiß. Aber der erste Schritt in diese Richtung ist getan. Auch Marina wird das noch begreifen.

Das Haus am See

Im Rückblick wird immer deutlicher, dass die beiden es von Anfang an darauf angelegt hatten, uns auszuhorchen, uns zu taxieren, abzuschätzen, wie weit sie mit uns würden gehen können. Wir hatten Eric und Claudia auf einer After-Work-Party eines Freundes kennengelernt und waren uns spontan sympathisch gewesen. Es hatte nicht lange gedauert, bis wir es uns abseits des Gewimmels in der weitläufigen Büroetage, weit genug weg von der viel zu lauten Musik, auf einer Couchgarnitur bei schummrigem Kerzenlicht bequem gemacht hatten. Wir waren uns schnell einig über unsere Skepsis, was die Statusspiele betraf, zu denen die Party nicht bloß Anlass bot. Es war ihr unmissverständlicher Zweck. Wer auch nur ansatzweise eine einflussreiche Position in unserer kleinen Stadt besaß, wer eine hinlänglich wichtige Rolle im gesellschaftlichen oder kulturellen Leben im Umfeld des Gastgebers einnahm oder noch zu gewinnen versprach, war eingeladen. Die Gespräche waren oberflächlich, weil sie von Vorsicht bestimmt waren, von der Angst, in den Augen der anderen etwas von der eigenen Bedeutung einzubüßen. Keine heiklen Themen, keine Extravaganzen beim Tanzen und Flirten, mit einem Wort: langweilig. Eric und insbesondere Claudia waren offenbar mit dem Entschluss hergekommen, gegen die unausgesprochenen Normen, den selbstauferlegten Small-Talk der meisten Gäste aufzubegehren. Es war Zufall, dass wir schon früh am Abend ins Gespräch kamen. Vielleicht hatten sie uns aber auch unsere Zurückhaltung angesehen, mit der wir das Treiben mehr beobachteten als daran teilzunehmen. Mehrmals hatte Claudia uns angelächelt, beim opulenten Buffet, auf der Tanzfläche, an der auf dem Empfangstresen improvisierten Cocktail-Bar. Eric und Claudia waren bereits seit vielen Jahren verheiratet und hatten zwei fast erwachsene Kinder. Eric hatte eine mäandernde Berufslaufbahn hinter sich. Als gebürtiger Schwede war er als Jugendlicher mit seiner Mutter nach Deutschland gezogen, hatte kurz vorm Abitur die Schule abgebrochen, sich eine Zeitlang als Leiharbeiter verdingt, dann das Abitur nachgeholt, Psychologie studiert, das Studium abgebrochen, als Barmann gearbeitet und sich im Laufe einiger Jahre zum Coach und Yogalehrer ausbilden lassen. Claudia hatte von Anfang an auf die Laufbahn als Psychotherapeutin gesetzt und betrieb nun mit Eric gemeinsam eine Praxis mit unterschiedlichen Angeboten. Und seit drei Jahren böten sie auch eine Sexualtherapie für Singles und Paare und Tantra-Massage an, sagte Claudia und lächelte spitzbübisch zu Eric hinüber, der keine Miene verzog und beinahe wie ein grätiger Yogi im Sessel saß, als sei das Polster ein Nagelbett.

„Die Entscheidung, unser Angebot zu erweitern, war ein echtes Risiko. Das war uns bewusst. In einer Kleinstadt wie dieser ist das leicht ein No-Go. Anfangs ist uns tatsächlich ein Teil der Klienten weggebrochen, als wir mit einer neuen Website die Sache klargemacht haben. Aber mittlerweile läuft’s ganz gut. Wir sind angekommen und einigermaßen akzeptiert. Deshalb sind wir hier wohl auch eingeladen.“

„Weil Rainer das Angebot wahrgenommen hat?“, fragte Sina ironisch.

„Rainer nicht, aber seine Frau.“

„Beate? Beate geht zur Sex-Therapie?“

„Nein, aber zu den Tantra-Massagen. Oh, dass hätte ich jetzt vielleicht nicht sagen sollen. Die meisten Menschen sind in dieser Hinsicht ja immer noch sehr heikel. Sobald es um Sex geht, erstarren sie. Das ist zu persönlich, das ist immer noch was Verbotenes, Peinliches. Dabei ist Sex das Natürlichste auf der Welt. Außerdem geht es bei den Massagen ja nicht im Kern um Sex. Das ist ja das Problem, dass alle glauben, das sei auch nur eine besondere Form der Prostitution. Gegen diese Vorstellung anzukämpfen, ist nicht leicht. Es gibt einfach zu viele Vorurteile. Bei unseren Tantra-Massagen geht es um tiefe Entspannung, um die Rückbesinnung auf den Körper, das Eins-Sein von Körper und Seele. Ich habe wirklich viele Jahre damit zugebracht, meine Klienten in der Gesprächstherapie von ihren Ängsten und Neurosen zu befreien. Ich muss zugeben mit sehr wechselndem Erfolg. Erst viel zu spät habe ich bemerkt, dass es bei den meisten Problemen um die fehlende Vertrautheit mit dem eigenen Körper geht, um Scham. Die Menschen haben Probleme mit sich und der Welt, weil sie irgendwann aufgehört haben, auf ihren Körper zu hören. Das Reden über die Probleme, das Verhaltenstraining, die wöchentlichen Hausaufgaben – das geht alles über den Kopf. Aber der Körper wird da meistens nicht mitgenommen. Du kannst in der Therapie fragen: Was können Sie sich in der nächsten Woche Gutes tun? Was lässt Sie die Angst eine kurze Zeit vergessen? Wie können Sie sich regelmäßig gute Gefühle verschaffen? Da fällt denen alles Mögliche ein: Kaffeetrinken, Shoppen, Musik hören, mal Essen gehen, statt kochen zu müssen. Wellness spielt zwar schon eine Rolle, von Meditationstechniken, die ich gut und wichtig finde, bis hin zu Sport, Tanzen und einem Wochenende in einer kommerziellen Wellness-Oase. Aber auf Sex und – ich sag’s jetzt mal ganz frei heraus – Masturbation kommt da natürlich keiner. Was sag ich: natürlich? Es ist eben nicht natürlich, den Sex bei so einer Frage außen vor zu lassen. Oder nicht?“

Wir nickten. „Und das ist jetzt so etwas wie ein Verkaufs- oder Werbegespräch“, sagte ich scherzhaft.

Eric erwachte unvermittelt aus meditativen Tiefen. „Nein, das nicht gerade. Es ist uns nur ein Anliegen, zunehmend Transparenz zu schaffen, die Akzeptanz zu erhöhen, weil wir die Sache einfach wichtig finden.“

Claudia fiel ihm beinahe ins Wort: „Gar nicht! Überhaupt nicht! Im Gegenteil! Ihr wart uns auf Anhieb sympathisch, weil ihr den Eindruck erweckt, total eins mit eurem Körper zu sein. Da ist eine sehr starke Vertrautheit zwischen euch zu spüren, die ja – finde ich jedenfalls – irgendwo herkommen muss. Das sieht man bei vielen anderen eben nicht. Was meinst du, Eric?“

Eric schmunzelte. „Wenn ich das in diesem Rahmen hier so sagen darf: Man sieht den Menschen an, ob sie von innen heraus entspannt sind, man sieht ihnen den guten und vor allem auch den schlechten Sex an.“

„Weißt du, Sina“, setzte Claudia fort, „wieviel Prozent der Frauen beim partnerschaftlichen Geschlechtsverkehr einen Orgasmus haben?“

„Das habe ich in den Zeitschriften beim Zahnarzt schon mehrfach gelesen“, antwortete Sina prompt.

„Nicht wie viele Frauen in Prozent,“ wandte Eric ein, „das sind ja nur Statistiken. Aber im Mittel, also, wenn man auf alle Frauen blickt und den Durchschnitt berechnet, dann haben Frauen beim Geschlechtsakt nur jedes dritte Mal einen Orgasmus. Also nicht dreißig Prozent der Frauen haben überhaupt keinen.“

„Aber die gibt es eben auch, muss man dazu sagen. Und ich habe festgestellt, dass die meisten davon dann irgendwann bei mir in der Gesprächstherapie landen.“ Claudia breitete mit beiden Händen eine Ebene vor sich aus. „Und um damit jetzt einen Strich unter dieses Thema zu ziehen: Die Massagen haben eine viel tiefere und nachhaltigere Wirkung als all das Gerede. Und deshalb ist das zu meinem, ich meine zu unserem, Erics und meinem therapeutischen Credo geworden: dem sexuellen Elend ein Ende zu bereiten.“ Claudia lachte. „Genug davon! Ich neige dazu, bei diesem Thema immer etwas zu euphorisch zu werden. Ich finde es viel interessanter, etwas mehr über euch zu erfahren.“

Mir lag auf der Zunge, provokativ nach den Details der Tantra-Massagen zu fragen, aber ich sah Sina an, dass sie ganz dankbar war, das Thema endlich wechseln zu können. Wäre es bei diesem Monolog von Claudia geblieben, wäre sicher nicht so etwas wie eine Freundschaft zwischen uns entstanden, oder was immer es ist oder sein wird. Erst in den darauffolgenden Stunden, bis tief in die Nacht hinein, entstanden die Vertrautheit und Zuneigung, die darüber entschieden, dass wir uns in anderer Umgebung wiedersehen und unsere Gespräche fortsetzen wollten. Wir redeten über Kinder, die Erziehung im Allgemeinen, wir teilten unsere eher liberalen Überzeugungen, mit denen wir unsere Kinder begleiteten, Autonomie von frühester Kindheit an, Grenzen, wo sie wirklich nötig sind, Geborgenheit und Freiheit im Wechselspiel. Wir sprachen über Religion und wie sich unsere religiösen Vorstellungen und Bedürfnisse mit zunehmendem Alter gewandelt hatten und sich eher einer universelleren Spiritualität angenähert haben, über die Prüderie der Siebzigerjahre, in denen wir heranwuchsen, die unangemessene Bedeutung, die dem Beruf in Fragen von Selbstverwirklichung und Lebenssinn heute zugemessen wird, wobei Eric in dieser Hinsicht einiges zu erzählen hatte. Lebensweisheit hatte er vielleicht in seinen wechselnden Berufen gewonnen, aber ohne dass der Beruf selbst das Zentrum dargestellt hätte. Wir teilten unsere Lust am Kochen, am Tanzen und auch was die Filme betraf, die wir uns im Kino angeschaut hatten, fanden wir viele Übereinstimmungen. Musik war ein Thema, von Klassik bis Post-Rock spielten wir einander kenntnisreich Namen und Titel zu, vor allem waren wir uns einig, dass die Musik eine der segensreichsten Erfindungen der Menschheit sei. Am Ende des Abends tauschten wir Telefonnummern und Email-Adressen aus. Erst auf dem Heimweg kamen Sina und ich wieder auf den Anfang des Gesprächs zurück und fragten uns, ob es nicht ein komisches Gefühl sei, den ja wahrscheinlich meist eher beleibten, unansehnlichen und vollkommen nackten Klienten die Schmerbäuche mit Öl einzureiben, erigierte Penisse zu massieren und – das hatte ich mal gesehen – die Finger in fleischige Mösen zu schieben und den sagenumwobenen G-Punkt zu stimulieren. Letzteres konnte ich mir sogar noch irgendwie vorstellen, aber gehemmten, haarigen Männern reihenweise nach fünfunddreißig oder siebzig Sekunden beim Ejakulieren zusehen zu müssen, nachdem man ihren Schwanz in die Hand genommen hat, stellten wir uns mehr als gewöhnungsbedürftig vor. Ob das wirklich so heilsam war?

Am Ende der folgenden Woche rief Claudia unerwartet an. Wir hatten unsere Begegnung am Wochenende fast vergessen. In der Regel bleibt es ja bei der bloßen Verabredung, sich einmal wiederzutreffen und bei der nächsten zufälligen Begegnung wird das Versprechen bar jeder Konsequenz wiederholt. Wir jedenfalls waren nicht auf den Gedanken gekommen Claudia und Eric wegen einer Einladung anzurufen. Es war ein gelungener Abend gewesen, der sich so nicht würde wiederholen lassen. Sina nahm den Anruf entgegen, während wir vor dem Fernseher saßen und wie jeden Abend die Tagesschau ansahen. Zunächst begriff Sina gar nicht, mit wem sie sprach. Claudia? Welche Claudia? Natürlich, die Claudia vom letzten Wochenende! Ein Haus am See? Wie wunderbar! An Mittsommer. Und die Kinder?

Claudia und Eric luden uns zu einem Wochenende in einem idyllisch gelegenen Wochenendhaus ein, das ihnen fast jedes Jahr an Mittsommer ein Freund gegen ein kleines Entgelt überließ. In diesem Jahr wollten sie gemeinsam mit uns hinfahren, sie würden sich sehr freuen, wenn wir zusagen würden. Ihre Kinder seien längst nicht mehr dabei, die Mittsommernacht gehöre allein ihnen als Paar. Es spräche zwar nichts dagegen, wenn wir unsere Jungs mit dorthin nähmen, aber die könnten genauso gut auch bei ihren Jungs übernachten, die zwar etwas älter seien, aber ziemlich gute Babysitter. Sie könnten Filme gucken und Pizza bestellen. Sina blickte mich an. Nächstes Wochenende mit Eric und Claudia am See? Mit Übernachtung? Ich zuckte die Schultern. Meinetwegen. Ja, sagte Sina, das klappt!

„Wusstest du eigentlich, dass das schon immer mein Traum war? Ein Haus am See. Ich freue mich wahnsinnig, wir freuen uns. Und wenn das Wetter gut wird…“

…dann würden wir selbstverständlich baden gehen, sagte Claudia. Das Wasser werde bestimmt nicht mehr so kalt sein. Eine Sauna sei auch da. Ein kleines Problem gebe es allerdings: Zwar seien sechs Betten im Haus, allerdings nur ein großes und ansonsten Etagenbetten. Kein Problem, meinte Sina, wir nehmen auch ein Etagenbett. Ich verzog mein Gesicht. Sina lachte und horchte, was Claudia in ihrer Euphorie noch über den Ausflugsort zu berichten hatte.

Die ganze Woche über schien die Sonne und die Luft erwärmte sich ungewöhnlich auf hochsommerliche Temperaturen. Jeden Morgen, der uns mit Sonne begrüßte, wurde Sina aufgedrehter. Wenn das Wetter doch nur bis zum Wochenende hält! Das wäre wunderbar! Jeden Abend sprach Sina davon, wie sehr sie sich auf das Wochenende freue, auf das Baden vor allem. Wir liebten uns häufiger als in den vorausgegangenen Wochen. Was genau war es eigentlich, worauf wir uns so sehr freuten, fragte ich mich. Ein Wochenende nur für uns, würde Sina sagen, und mit netten Leuten. Mehr als einmal stellte ich mir vor, wie Eric und Claudia sehr bald nach unserer Ankunft die Katze aus dem Sack ließen und versuchten uns zum gemeinsamen Sex zu überreden. Das war es, was ich insgeheim erwartete und, um ehrlich zu sein, irgendwie vielleicht auch erhoffte. Und was ging in Sinas Kopf vor? Ich wagte nicht, danach zu fragen. Würde ich meine vage Vermutung offenbaren, würde Sina vielleicht einen Rückzieher machen, oder zumindest ihre ausgelassene Vorfreude verlieren und später reserviert auf jede kleinste Andeutung von Claudia oder Eric reagieren, die meine Vermutung bestätigen konnte. Was wäre denn, wenn das Ganze tatsächlich ganz harmlos blieb und gemeint war? Sina würde sich trotzdem nicht wohlfühlen. Ich würde ihr das Wochenende versaut haben.

Am Freitagabend war Sina schon feucht, als sie zu mir ins Bett stieg. Sie kniete sich mit gespreizten Beinen über mir hin, führte meine Hand zu ihrer Möse, ließ sie an ihren Lippen entlanggleiten und grinste mich herausfordernd an. Warum war sie derart aufgegeilt? Was nur ging in ihrem Kopf vor? Hatte sie ähnliche Phantasien, was den kommenden Tag und in der Nacht passieren könnte? Stellte sie sich vor, wie Eric seinen Schwanz in sie hineinstoßen würde? Hatte sie sich das auch schon die ganze Woche vorgestellt, wenn wir zusammen waren? Ich wurde diese Gedanken einfach nicht los und musste mir eingestehen, dass ich durchaus eifersüchtig war, eifersüchtig auf Sinas Phantasien, die mich auszuschließen schienen? Und welche Rolle hatte sie dabei mir zugewiesen? Die des Beobachters? Stellte sie sich vor, wie ich Claudia ficken würde? Mein Herz schlug immer schneller. Auch, als Sina nervös begann, an meinem Schwanz zu lutschen, bekam ich keinen hoch. Es gehe nicht, sagte ich, heute gehe es einfach nicht. Was mit mir los sei, wollte sie wissen und klang dabei bemüht verständnisvoll.

„Ich bin mit meinen Gedanken einfach noch zu sehr bei der Arbeit, glaube ich.“

Und ich erfand ein paar Probleme, die sich an dem Tag im Büro ereignet hatten, oder zumindest hätten ereignen können. Wir nahmen unsere Bücher, lasen noch ein wenig und schalteten bald das Licht aus. Eine ganze Weile noch ging mir nicht aus dem Kopf, wie Eric Sina seinen prallen, aufgereckten Schwanz entgegenhielt und Sina ihn mit vor Ekstase verdrehten Augen in den Mund nahm und mit ihrem Speichel benetzte. Dann wechselte das Bild, angetrieben von Rachegelüsten. Da war auf einmal Claudia, die mir ihre behaarte Muschi entgegenstreckte. Ich presste meinen Mund fest dagegen, leckte sie, züngelte in ihre nasse Vagina hinein, griff ihre Brüste und knetete sie, während ich ihre rot geschwollene Perle mit Zunge und Oberlippe bearbeitete. Ich bekam unvermeidlich einen Ständer. Aber jetzt konnte ich Sina nicht mehr stören, sie schien bereits eingeschlafen zu sein. Ich versuchte mit tiefen Atemzügen, diese Zwangsvorstellung loszuwerden, aber da erhob sich Claudia aus dem weißen Laken, wies mich an, mich auf den Rücken zu legen und hockte sich dann auf mich, indem sie mir ihren Hintern entgegenstreckte, damit ich sie weiter lecken konnte. Ihr Saft troff mir entgegen. Ich konnte nicht anders, als meine Zunge tief in sie hineinzustecken, ihre Klitoris mit einem Finger zu massieren und mit der anderen Hand eine der festen, weißen Pobacken wegzuspreizen, damit ich mehr von ihr sehen konnte. Unterdessen ließ Claudia ihren Mund auf meiner harten Eichel langsam vor- und zurückgleiten. Jetzt war ich zu weit gegangen. Es gab kein Zurück mehr. Ich schnappte mir ein Taschentuch, befeuchtete Daumen und Zeigefinger mit so viel Spucke, wie ich gerade zur Verfügung hatte, und formte sie zu Claudias Mundöffnung, die auf meiner Eichel vor- und zurückglitt. Nur wenige Augenblicke später füllte sich das Taschentuch mit dem Saft von zwei, drei Stößen. Und mit diesen Stößen quoll auch das schlechte Gewissen hervor, das dumpfe und beschämende Gefühl, Sina betrogen und ihr meine Lust vorenthalten zu haben.

In diesem Moment spürte ich, dass Sinas entgeisterter Blick auf mich gerichtet war.

„Was machst du da? Holst du dir einen runter?“

„Ich? Nein.“

„Doch, hast du, ich kann es doch sogar riechen.“

„Ich dachte, du schläfst schon.“

Sina ließ an ihrer Enttäuschung und ihrem Missfallen keinen Zweifel und drehte sich wieder zur Seite.

„Entschuldigung“, sagte ich.

„Was hast du dir denn vorgestellt? Claudia etwa? Bist du deshalb schon die ganze Woche über so euphorisch? Weil du dir vorstellst, dass du Claudia ficken wirst? Weil sie eine offenherzige Sex-Therapeutin ist?“

„Wie kommst du darauf?“

„Irgendetwas musst du dir ja vorgestellt haben. Irgendwas, wo ich nicht vorkomme.“

„Ich habe an dich gedacht. Aber ich dachte eben, du schläfst schon.“

„Hättest ja mal vorsichtig fragen können.“

„Tut mir leid. Die Wahrheit ist, dass ich gedacht habe, du denkst die ganze Zeit an Eric, wenn wir miteinander schlafen. Das stimmt ja vielleicht gar nicht. Aber ich war eifersüchtig. Warum warst du denn schon feucht, als du ins Bett kamst? Und außerdem bin nicht ich derjenige, der schon die ganze Woche über euphorisch ist.“

Sina wandte sich wieder zu mir um.

„Soll das heißen, dass du ein Problem damit hast, wenn ich feucht werde, weil ich mich auf Sex mit dir freue? Das ist doch krank.“

„Nein. Das hatte nur damit zu tun, dass ich mir vorgestellt habe, was du dir vielleicht gerade vorgestellt hast. Aber das hat allein mit mir zu tun. Mit meiner Eifersucht.“

„Und was, bitte, soll ich mir vorgestellt haben?“

„Das willst du nicht wissen.“

„Doch, sag es mir!“

„Dass du seinen Schwanz lutschst.“

„Dass ich Erics Schwanz lutsche? Da käme ich im Traum nicht drauf.“

„Was hast du dir denn vorgestellt?“

„Gar nichts, ich habe mir gar nichts vorgestellt. Ich hatte einfach Lust.“

„Aber wo kam diese besonders große Lust her?“

Sina schüttelte den Kopf.

„Ach, ich habe keine Lust mehr, mich für irgendwas verteidigen zu müssen, das nur in deinem Kopf passiert. Gute Nacht!“

 

Am nächsten Morgen packten wir wortkarg und mit erstarrten Mienen unsere Sachen und trieben die Kinder mit harschen Worten zur Eile an. Wir vermieden es, uns in die Augen zu sehen, als wollten wir uns gegenseitig bestrafen. Sina mich, weil sie glaubte, ich hätte sie verschmäht, weil ich an Claudia gedacht hätte, ich sie, weil ich fest davon überzeugt war, dass sie mir die Wahrheit über ihre Phantasien verschwieg und mich auf diese Weise bloßstellte.  Auf der gut einstündigen Fahrt in Erics und Claudias Wagen änderte sich an unserer bitteren Erstarrung wenig. Claudia versuchte immer wieder, ein Gespräch zu beginnen, aber ich konnte nicht anders, als zu schweigen, und auch Sina blieb kurz angebunden. Am Himmel zogen sich dunkle Wolken zusammen. Wir schwitzten, weil es immer noch schwül-warm war.

Als wir bei dem Wochenendhaus ankamen, das tatsächlich idyllisch an einem See gelegen war, ein einsames, geräumiges Holzhaus mit einer kleinen Wiese davor, einem schmalen Sandstrand und einem Steg, der ins Wasser führte, der See eingehegt von hochgewachsenen Kiefern, wandelte sich Sinas Stimmung schlagartig. Wie zum Trotz, dachte ich mir. Sie will sich von mir das Wochenende, auf das sie sich so gefreut hat, einfach nicht vermiesen lassen. Sina lief begeistert den Steg hinunter, blickte auf die fast regungslose Wasserfläche, folgte links und rechts der Horizontlinie und hob dann den Blick zum Himmel. Claudia schlenderte ihr hinterher und legte einen Arm um Sinas Schulter, während Eric begann, einige Taschen aus dem Kofferraum zu heben. Die ersten Tropfen fielen aus den immer dunkler werdenden Gewitterwolken. Da wandte sich Claudia zu uns Männern und rief, wir sollten die Zeit nutzen und gleich sofort baden gehen, bevor das Gewitter losbrechen würde. Eric trug zwei Taschen ins Haus und Sina lief aufgeregt zum Auto, um ihren Badeanzug aus dem kleinen Koffer zu wühlen, der noch im Auto lag. Da hatte Claudia sich bereits ausgezogen und sprang nackt ins Wasser. Als Sina das sah, hielt sie kurz inne, blickte mir einen Moment in die Augen, die nicht verrieten, was sie mir damit sagen wollten, begann sich auszuziehen und ihre Kleider in den Kofferraum zu werfen. Dann lief sie hinunter zum Steg und ließ sich ebenfalls ins Wasser gleiten. Sie machte einige große Züge, johlte leicht auf und erreichte lachend Claudia, die sich ihr zuwandte und ebenfalls lachte. Ich konnte nicht hören, worüber sie sprachen. Ich stand da und fühlte mich auf seltsame Weise ausgeschlossen. Ich nahm Sinas Kleider und den Koffer und trug sie ins Haus. Da kam mir auch Eric, bereits nackt, entgegen und machte einige fröhliche Zischlaute, mit denen er den Moment vorwegnahm, in dem er seinen Körper in das frühsommerlich kühle, dunkle Wasser eintauchen lassen würde. Am Ende des Steges blieb er eine Weile stehen und beobachtete vergnügt die beiden Frauen, die näher zu ihm hinschwammen. Ich konnte nicht verstehen, worüber sie redeten, als ich in der Tür stand, immer noch mit Sinas Kleidern im Arm. Jedenfalls schien das Gespräch einen Moment lang etwas ernster zu werden. Sina gestikulierte im Wasser. Dann wandte sich Eric zu mir um und rief, ich solle doch auch kommen. Ich nickte und hielt Sinas Kleider hoch, die wolle ich noch irgendwo ablegen. Eric machte einen Hechtsprung ins Wasser, genau in die Mitte zwischen den beiden Frauen, die wie kleine Mädchen quietschten und lachten. Zu dritt schwammen sie mit ruhigen Zügen zur Mitte des Sees, während immer mehr dicke Regentropfen auf die Wasseroberfläche fielen. Im Haus fand ich zuerst das Zimmer mit dem großen Ehebett, gleich daneben befand sich das erste Kinderzimmer mit einem Etagenbett. Am Ende eines dunklen Ganges befand sich das zweite Kinder- oder Gästezimmer. Dorthin trug ich unser Gepäck, weit genug weg von Claudias und Erics Schlafzimmer. Ich würde nicht zuhören wollen, wie sie möglicherweise in der Nacht miteinander schliefen. Ein Wochenende nur für uns, dachte ich, als ich Sinas Kleider auf der unteren Matratze des Etagenbettes ablegte. In einem Etagenbett! Das passt! Der Raum war karg, das Fenster ging zur Seite des düster erscheinenden Kiefernwaldes hinaus. Es gab zwei Bäder, ein kleines mit einem winzigen Waschbecken und einer Toilette, das andere war groß und wirkte mediterran, mit weißen Fliesen, ochsenblutroten Wänden und einem alten Schrank aus dunklem Holz. Die Badewanne war üppig groß, neben der freistehenden Dusche befand sich der Eingang zur Sauna, in der gut und gerne sechs Personen Platz fanden.

Als ich wieder vor das Haus trat, grollten in der Ferne bereits Donner, am Horizont erhellte sich die Wolkenmasse zuckend von Blitzen und der Regen hatte zugenommen. Die beiden Frauen stiegen gerade vergnügt lachend aus dem Wasser, Claudia sammelte ihre Kleider vom Steg auf und trug sie vor der Brust zum Haus. Sie lächelte mich an und fragte, wo ich denn geblieben sei. Sina blieb noch einen Moment auf dem Steg stehen und blickte mit vor der Brust verschränkten Armen in den Himmel, während Eric noch im Wasser blieb, beide Hände am Steg, direkt unter Sina, und lächelnd zu ihr aufblickte. Sie sog noch einmal tief atmend die Landschaft in sich auf. Sie musste wissen, dass Eric gerade alles von ihr sehen konnte. Es schien ihr nichts auszumachen. Genoss sie sogar seine Blicke?

„Wolltest du nicht schwimmen?“, fragte Claudia, als sie an mir vorbei ins Haus huschte. „Es war wunderbar, und gar nicht so kalt. Aber jetzt kommt das Gewitter immer näher.“

Warum nur wollte ich so in Trübsinn versinken? Warum war ich innerlich so fest entschlossen, dieses Wochenende einfach nur grauenhaft und enttäuschend zu finden? Kurzentschlossen zog ich mich in der Tür aus, warf meine Kleider in den Flur und marschierte zum Steg hinunter. Sina kam mir entgegen und musterte mich von oben bis unten.

„Gehst du jetzt doch noch schwimmen?“

„Dafür sind wir doch hergekommen, oder?“

Das Wasser hatte sich wirklich in den letzten Tagen so sehr aufgewärmt, dass ich beim Schwimmen, wenn ich mit den Beinen die tieferen, kühleren Schichten aufwirbelte, spüren konnte, wie warm die Wasseroberfläche geworden war. Und doch war es erfrischend, es reinigte den Kopf. Jetzt konnte auch ich den Blick zum Horizont genießen, das Gewittergrollen, die näher kommenden Blitze. Eric war nicht aus dem Wasser gestiegen und folgte mir. Eine Weile schwammen wir stumm nebeneinander her.

„Es ist wunderbar“, sagte ich irgendwann und wandte mich um. Im Haus gingen die Lichter an. Claudia trug, anscheinend immer noch nackt, Jutetaschen in die Küche und lugte dann, die flache Hand über den Augen, damit sie besser sehen konnte, aus dem Fenster hinaus. Es war kaum Mittag, aber beinahe dunkel wie in der Nacht.

„Das verzieht sich hoffentlich noch wieder“, sagte Eric.

„Ja, hoffentlich.“

In diesem Moment zuckte ein heller Blitz hinter dem Kiefernwald zur Erde. Das sekundenschnell folgende laute Krachen machte deutlich, wie nah der Blitz eingeschlagen war.

„Jetzt aber nichts wie raus“, meinte Eric und kraulte aufs Ufer zu. Ich folgte ihm langsamer mit kräftigen Zügen. Vom Wald her rauschte ein mächtiger Schauer heran. Der plötzlich stark auflebende Wind wirbelte die Baumkronen wirr durcheinander. Als schüttelten sie sich vor Abscheu. Als schüttelten sie sich vor wilder Lust.

Als wir ins Haus zurückkehrten, verschwand Eric eilig ins Bad, um sich abzutrocknen und hinterließ eine Spur von nassen Fußabdrücken auf dem Parkett. Claudia hatte sich ein helles Sommerkleid übergezogen und befüllte den Kühlschrank in der Küche.

„Willst du dich nicht abtrocknen?“, fragte sie, als sie mich neben der Tür stehen sah. „Ich habe Sina Handtücher gegeben.“

In unserem Zimmer packte Sina gerade den Koffer aus und sortierte die Sachen überflüssigerweise in den schmalen Schrank. Wir würden doch nur eine Nacht bleiben. Wozu da den Koffer auspacken? Sina warf mir ein Handtuch zu.

„Das war aber ganz schön riskant, noch ins Wasser zu gehen. Der Blitz war verdammt nahe. Hier haben die Gläser im Schrank geklirrt von dem Donner.“

„Ja, aber Eric war auch noch draußen.“

Ich trocknete mich ab und sah Sina bei ihrer Arbeit zu. Ich spürte auf einmal das große Verlangen, sie zu umarmen und an mich zu drücken. Aber ich blieb stehen und starrte auf ihre eiligen Handbewegungen.

„Es tut mir leid“, sagte ich endlich, „wegen gestern. Ich wollte dir nicht den Spaß verderben.“

„Ist schon gut“, sagte sie, ohne mich anzublicken.

Zu Mittag aßen wir Brötchen, Aufschnitt und etwas rohes Gemüse, das wir mitgebracht hatten. Am Abend wollten Eric und Claudia gemeinsam mit uns kochen. Immer wieder sprachen sie ihr Bedauern darüber aus, dass das Wetter nicht so mitspielen wollte, wie erhofft. Aber wir würden uns sicher auch so ganz gut vergnügen können. Am Nachmittag wollten sie die Sauna anschalten. Und wenn das Gewitter vorübergezogen sei, würden wir dann auch wieder in den See hüpfen können, um uns abzukühlen. Im Verlaufe des Nachmittags konnten wir leicht an unsere Gespräche bei Rainer und Beate anknüpfen. Manches wiederholten wir, kauten es noch einmal durch, mit kleinen Variationen. Ein wenig schien es, als sei uns bereits bei unserer zweiten Begegnung der Gesprächsstoff ausgegangen. Wir spielten Karten, gingen paarweise in die Sauna, erst die Frauen, dann wir Männer. Eric und ich sprachen kaum ein Wort in der Sauna. Ich tat so, als versinke ich in tiefe meditative Entspannung und Eric tat es mir gleich. Wie anstrengend es sein kann, nicht zu sprechen! Nach den Saunagängen sprangen wir johlend und brüllend in den See, während Sina und Claudia schon wieder, in große Handtücher geschlagen, auf dem Sofa saßen und sich unterhielten. Nichts, was an dem gesamten Abend geschah oder gesprochen wurde, deutete auf irgendwelche Absichten hin, die ich Eric und Claudia die Woche über insgeheim unterstellt hatte. Wir kochten gemeinsam eine Gemüsepfanne mit Steaks, aßen, unterhielten uns, tranken Wein, lachten. Es würde einfach nur ein nettes Wochenende gewesen sein, ein wenig abenteuerlich vielleicht, auf angenehme Weise auch dezent erotisch aufgeladen. Immerhin hatten wir gemeinsam nackt gebadet und hatten kaum Scham voreinander verspürt. Vielleicht war das ja doch der Beginn einer wunderbaren, langen und engen Freundschaft. In der Nacht klarte der Himmel wieder auf. Lange standen wir mit unseren Weingläsern draußen auf der kleinen Wiese und blickten in den hellen Mittsommerhimmel, an dem nur der Abendstern zu sehen war. Die Luft war kühl und klar.

Als wir wieder ins Wohnzimmer traten, wollte sich nicht mehr das Gefühl einstellen, dass die Nacht noch mit weiteren Gesprächen und mit noch mehr Wein gefüllt werden konnte. Wir verabschiedeten uns bald zum Schlafen, bedankten uns gegenseitig mehrfach für den schönen Abend und nahmen uns vor, gleich morgen früh noch einmal schwimmen zu gehen.

„Wann ungefähr steht ihr so auf?“, fragte Claudia.

Sina und ich blickten uns an.

„Ist neun Uhr zu früh?“

„Kein Problem, neun Uhr passt. Schlaft gut!“

 

In unserem Zimmer zogen wir noch einmal kurz Bilanz. Ja, es sei ein sehr schöner Tag gewesen und Eric und Claudia furchtbar nett, gescheit und locker. Wir bestätigten einander, dass wir uns sehr wohl gefühlt hätten mit den beiden. Dann umarmten und küssten wir uns kurz und Sina meinte, sie sei jetzt auch ziemlich müde geworden. Sie schlüpfte schnell unter ihre Bettdecke und ich stieg zur oberen Etage hinauf.

„Liest du noch etwas?“, fragte Sina.

„Kurz“, sagte ich, schaltete das Lämpchen über der Kopfseite des Bettes an, stieg noch einmal hinunter und zog das Buch aus meinem Rucksack.

„Ich lese auch nur noch ein paar Zeilen“, sagte Sina und zog ihr Buch unter dem Kopfkissen hervor. „Gute Nacht!“

„Gute Nacht.“

Wenige Minuten später schaltete Sina ihre Lampe aus und nestelte geräuschvoll ihre Bettdecke zurecht. Ich blätterte in meinem Buch weiter und stellte fest, dass ich kein Wort von dem, was ich in den letzten Minuten gelesen hatte, behalten hatte. Ich fing noch einmal am Anfang des Kapitels an.

Plötzlich klopfte es leise an der Tür. Claudia öffnete sie leise und fragte: „Schlaft ihr schon?“ Sie trug ein langes Nachthemd aus T-Shirt-Stoff, durch das sich ihre Nippel deutlich abzeichneten.

Sina drehte sich im Bett um und antwortete prompt: „Nein, noch nicht.“

„Wir können einfach noch nicht schlafen“, sagte Claudia. Wir haben noch eine Flasche Sekt aufgemacht und wollen uns einen Film ansehen. Wollt ihr noch einen Moment zu uns rüberkommen?“

Ich beugte mich über die Bettkante zu Sina hinunter, um ihre Reaktion zu sehen. Sie blickte zu mir herauf, zog die Lippen zusammen und zuckte zustimmend mit einer Schulter. „Ein bisschen noch?“

„Dann bringt eure Bettdecken mit. Wir kuscheln uns in unserem Bett einfach zusammen. Wir haben ein sehr, sehr großes Bett und einen sehr, sehr großen Fernseher im Zimmer“, sagte sie verschmitzt lächelnd.

Das war wie auf einer Klassenfahrt, bei der die Jungs in der Nacht verbotenerweise noch einmal das Mädchenzimmer aufsuchen, um heimlich Flaschendrehen zu spielen. Sina und Claudia kicherten, als wir zu Eric ins Bett krochen und uns in die Bettdecken einmümmelten. Ich ging noch einmal zurück ins Zimmer, um auch noch die Kopfkissen zu holen. Als ich zurückkam, stand Eric in Unterhose vor dem DVD-Player und legte eine Scheibe ein. Sina blickte mich leicht entsetzt an und wirkte wie erstarrt. Was war in meiner kurzen Abwesenheit geschehen?

Claudia verteilte Sektgläser und goss Sina ein, die das Glas regungslos vor sich in die Höhe hielt.

„Ich hoffe, es macht euch nichts aus, wenn der Film zu so später Stunde etwas wenig Spielhandlung enthält“, sagte Claudia und kicherte. „Das machen wir jedes Jahr so. Ich weiß nicht mehr, wann genau wir damit angefangen haben. Aber es gehört jetzt irgendwie dazu, wenn wir Mittsommer feiern. Für die Auswahl des Films ist immer Eric zuständig. Ihr habt hoffentlich keine Probleme damit. Wir schauen uns sowas sonst auch nur eher selten an. Die Berührungsängste sind allerdings von Jahr zu Jahr gesunken. Und seit wir auch beruflich jede Woche mehrmals mit nackten Menschen zu tun haben und letztlich auch sehr vertraut geworden sind mit der unmittelbaren sexuellen Erregung dieser Menschen, sind unsere Vorbehalte dagegen, anderen Menschen beim Sex zuzusehen, mehr oder weniger verblasst.“

Ich reichte Sina ihr Kopfkissen, das sie sich hinter den Nacken stopfte, wobei sie etwas Sekt auf der Bettdecke verschüttete, schlüpfte schnell neben ihr unter meine Bettdecke und drückte mich fest an ihre Seite. Claudia reichte mir ebenfalls ein Glas und schenkte sich selbst zuletzt ein, während sie weitersprach und breitbeinig in der Mitte des Bettes kniete.

„Es ist ja nun auch nicht so, dass wir bei unserer Arbeit völlig empfindungslos bleiben, auch wenn wir dabei immer professionelle Distanz wahren. Alles andere wäre Missbrauch. Ich hasse das Wort Pornographie, jedenfalls wenn es sich um Filme wie die handelt, die Eric sehr zielsicher aussucht. Also keine widerwärtigen Rammelfilme, sondern sehr viel humane Zärtlichkeit. Aber eben auch das, was man in handelsüblichen Filmen nicht zu sehen bekommt. Keine Angst! Entspannt euch und genießt es, solange es euch gefällt.“

Unter unseren Bettdecken fassten Sina und ich unsere verschwitzten Hände wie Hänsel und Gretel im dunklen Wald.

„Prost und Film ab!“

Sina stieß mit entgeisterter Miene mit Claudia an. Ich richtete mich auf und stieß mit Claudia und Eric an, der auf die Starttaste der Fernbedienung drückte.

„Es ist einfach so“, sagte Eric mit Blick auf den Fernseher, „dass wir gedacht haben, dass ihr am ehesten die Menschen seid, mit denen wir das hier wagen können.“

Dann blickte er mich an. „Wir haben noch nie mit einem anderen Paar einen Pornofilm geguckt oder zusammen in einem Bett gelegen, obwohl wir es mittlerweile eigentlich selbstverständlich finden würden, wenn man solche Filme gucken würde, so, als wenn es ganz normale Filme wären, Krimis, Thriller, Komödien. Warum wird der Sex immer ausgespart? Ich meine, der richtige Sex. Wir begehen ja auch keinen Mord, wenn wir in einem Film einen Mord sehen.“

Ich stutzte. Die Logik seines letzten Satzes wollte mir nicht spontan einleuchten.

„Und manchmal können wir sogar noch was lernen, beruflich und privat“, fügte Claudia hinzu und lächelte Eric an, der es sich jetzt ebenfalls unter der Bettdecke gemütlich gemacht hatte und sich das Kopfkissen hinter den Schultern zurechtknetete .

Sina nippte vorsichtig an ihrem Sektglas und starrte auf den Fernseher, der auf einer großen Anrichte vor dem Bett stand.

„Der Film ist von Jennifer Lyon Bell“, sagte Eric, „einer amerikanischen Regisseurin, die in Amsterdam ihren Abschluss in Psychologie gemacht hat. Damit hat sie den Feminist Porn Award gewonnen.“

Wir sahen zwei junge Frauen vor einem Bücherregal in einer lichtdurchfluteten Privatwohnung. Die eine Frau war anscheinend gekommen, um irgendwelche Schuhe, silberne Schuhe, nach denen der Film benannt war, abzuholen. Sie kamen sehr schnell ins Gespräch über die Unterwäsche, die die Frau, der die Wohnung offenbar gehörte, trug. Sie trage sehr gerne Männerunterwäsche, das gebe ihr ein Gefühl der Überlegenheit, einer irgendwie männlichen Überlegenheit. Die kleinere Frau mit einem etwas rundlichen Gesicht wirkte zunächst verstört, ließ sich jedoch nur wenige Augenblicke später bereits von der größeren berühren. Dann küssten sie sich und die Frau mit der Herrenunterwäsche zog der Besucherin den BH aus. Dann machten sie es sich im Schlafzimmer auf dem Bett bequem. Die Kleinere ließ sich rücklings auf das Bett fallen, die andere kniete sich lächelnd zwischen ihren Beinen hin und ließ eine Hand über ihren Slip gleiten. Sie stimulierte die Kleinere ganz sanft, zog ihr dann den Slip aus, wobei die Kleinere ihr dabei bereitwillig half, und begann sie langsam zu lecken, während sie mit großen Augen vergnügt beobachtete, wie die Reaktionen ausfielen: Stöhnen, sich winden.

„Das ist schon ziemlich unglaubwürdig“, sagte Claudia mit einem Anflug von Missbilligung in der Stimme. „Die lässt sich viel zu schnell darauf ein, das geht alles viel zu schnell. Ziemlich unrealistisch. Findet ihr nicht auch?“

Wir nickten einträchtig und ich spürte, wie sich mein Penis zu regen begann. Wir hielten weiter unsere Hände unter der Bettdecke. Konnten wir jetzt einfach aufstehen, unsere Bettdecken und Kissen nehmen und uns ins Bett verabschieden? Zu diesem Zeitpunkt hätte ich noch problemlos hinausgehen können. Aber schon wenige Minuten später hatte die Kameraposition gewechselt und wir konnten sehen, wie die Größere der Kleinen einen Finger in die Vagina steckte und mit der anderen Hand weiter ihre Klitoris massierte. Ich konnte nichts dagegen ausrichten, dass sich mein Schwanz immer weiter aufrichtete und zu pochen begann – im Gleichtakt mit meinem wild schlagenden Herz. So wäre es schon nicht mehr so einfach, das Zimmer zu verlassen. Ich würde die Bettdecke vor meinen Körper halten müssen, um meine offenkundige Erektion zu verbergen. Ich blickte Sina an und wartete auf ein Zeichen von ihr, das „Aufbruch“ bedeutete. Und dann? Abreisen? Ohne eigenes Auto? Am nächsten Morgen einfach so tun, als ob nichts geschehen sei? Sina hielt immer noch, genau wie ich, das Glas krampfhaft in der Hand. Sie presste die Lippen zusammen und nickte mir zu. Wir setzten die Gläser an die Lippen, tranken sie mit einem Schluck aus und setzten sie auf dem Nachttischchen ab. Ich hatte bereits einen Fuß auf dem Boden abgestellt und holte Schwung, um mich mitsamt der Bettdecke von der Matratze zu katapultieren, da fragte Claudia umsichtig, ob sie noch nachschenken solle. Nein, danke. Der Impuls, schnell und ohne viel Aufhebens das Zimmer zu verlassen, war irgendwie verpufft. Ich zog mein Bein wieder unter die Bettdecke und sah zu, wie die Größere das Schlafzimmer verließ und nach wenigen Augenblicken mit einer Art Doppeldildo zurückkehrte, der am unteren Drittel im Neunzig-Grad-Winkel umgebogen war. Die Größere steckte sich das kürzere Ende in die Vagina und begann, die Kleinere, die sich auf alle Viere begeben hatte, mit dem längeren Ende zu penetrieren, erst in dieser Stellung, danach in weiteren, bei denen die Größere, an die Rückenlehne des Bettes gepresst, die Brüste der Kleineren massieren konnte, während diese sich rhythmisch auf und ab bewegte, sich immer mehr ekstatisch dem zweiten oder dritten Orgasmus näherte, dabei die ganze Zeit „fuck“ sagte und sich dabei mit den Schneidezähnen auf die Unterlippe biss. Jetzt erst bemerkte ich, dass sich unter Claudias Bettdecke etwas gleichmäßig auf und ab bewegte. Sie hatte offenbar angefangen, vorsichtig zu masturbieren. Zwischendurch schloss sie immer wieder für längere Zeit die Augen und irgendwann lagen ihre Lippen nicht mehr aufeinander, ihr Unterkiefer sank immer entspannter herab und ich konnte ihre weißen Zähne sehen. Eric blickte sie immer wieder an und lächelte. Er war anscheinend mehr als einverstanden, mit dem, was Claudia da tat. Ich stupste Sina an und deutete mit dem Kopf auf die Beiden. Sina begriff zunächst nicht, nahm dann aber ebenfalls die Bewegungen unter der Bettdecke wahr. Jetzt begann Eric, seine rechte Hand über ihre rechte Brust gleiten zu lassen, zwischendurch fasste er sie auch mit einem festen Griff. Das hatten sie also auch von Anfang an geplant. Sie wollten Sex miteinander haben, während wir neben ihnen im Bett lagen. Das mindestens. Und was noch? Sina fasste sich ein Herz.

„Wisst ihr was, wir sind jetzt, glaube ich, müde genug“, sagte Sina und erhob sich.

Claudia fasste ihre Hand und blickte sie mit einem milden Lächeln an.

„Bleibt noch! Es ist Mittsommer und alles ist gut. Alles ist so, wie Gott es erschaffen hat. Warum könnt ihr es nicht zulassen? Eric schaltet die DVD ab. Ist es dann gut?

Sina schüttelte den Kopf. „Nein, ich glaube, es ist besser, wenn wir jetzt in unser Bett gehen. Ihr könnt den Film gerne weiterlaufen lassen. Nichts dagegen. Es war trotzdem ein schöner Tag mit euch. Ganz bestimmt. Aber ich glaube, das hier ist nichts für uns.“

Eric richtete sich ebenfalls im Bett auf und machte ein betroffenes Gesicht. Er griff nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus.

„Warte noch“, sagte Claudia, „tu mir einen Gefallen noch, bitte. Sina. Lars hat zweifellos einen Ständer. Fass ihn bitte einmal an. Du wirst es sehen.“

„Und wenn er einen Ständer hat, wir werden trotzdem jetzt gehen.“

„Und du, liebe Sina, bist zwischen den Beinen ganz feucht geworden. Eure Körper sagen euch, was jetzt zu tun ist, aber ihr wollt nicht darauf hören. Warum nicht? Was ist so verwerflich daran, wenn wir hier gemeinsam im Bett liegen? Wenn ich mit Eric schlafe und du mit deinem Lars? Was ist daran, wenn wir uns dabei zusehen, wie wir uns liebhaben und zärtlich zueinander sind? Wir haben gemeinsam gebadet, wir haben gemeinsam gegessen, getrunken, geschwitzt und gelacht. Wir haben uns in die Augen gesehen, wir haben uns nackt gesehen. Was ist so Besonderes am Sex, dass er allein im Dunkeln bleiben muss?“

Dabei ließ Claudia langsam ihre Hand an Sinas Oberschenkel hinaufgleiten. Sie schob, wie mir schien, ihre Hand in Sinas Schlafanzughose und berührte ihre Scham. Sinas Augenlider zitterten, ihre Hände bebten.

„Keine Angst“, sagte Claudia, „ich habe Übung darin, Frauen da zu berühren.“

Langsam zog Claudia ihre Hand zurück und hielt mir ihre schlanke Hand entgegen. Ihr Mittelfinger glänzte von Sinas glasklarem Saft, der ihre Schamlippen schon fast völlig benetzt haben musste. Claudia führte ihre Hand zum Mund, steckte den Mittelfinger in den Mund und leckte Sinas Saft genüsslich ab.

„Ihr könnt auch unter der Decke bleiben, wenn ihr euch dann wohler fühlt“, sagte sie weiter lächelnd. „Nicht böse sein! Nachher werdet ihr euch einfach nur noch wohl fühlen. Und irgendwann vielleicht auch dankbar.“

Claudia streifte sich das Nachthemd mit einer schnellen Bewegung über den Kopf, ließ sich breitbeinig auf dem Bett zurückfallen, stützte sich mit einem Ellenbogen auf Erics Bein auf, ließ den Finger, mit dem sie zuvor Sina berührt hatte, zwischen ihren Schamlippen von unten herauf bis zur Klitoris gleiten, indem sie den Saft, der aus ihrem Loch quoll, aufsammelte und auf ihrer Klitoris in sanft kreisenden Bewegungen verteilte. Dann schob sie den Finger tief in ihre Vagina hinein, fingerte darin ein wenig nach weiteren Lusttropfen, sog den nassen Finger wieder heraus und bot ihn Eric hin, der ihn seinerseits genussvoll mit seinen Lippen umschloss. Jetzt wandte sie sich Eric zu, schlug die Bettdecke zur Seite und zog ihm die Unterhose herunter, die sich mit seiner Erektion weit aufgespannt hatte. Sein Penis wippte auf und nieder, nachdem er aus der engen Unterhose befreit worden war. Claudia hockte sich auf Eric, ganz genau so, wie ich es mir in der Nacht zuvor vorgestellt hatte. Sie nahm seinen Penis zwischen ihre Lippen und Erics Nase und Mund verschwanden in ihrem üppigen Busch zwischen den Pobacken. Unvermittelt packte Sina unter der Bettdecke meinen harten Schwanz. Sie hatte einen Ausdruck von Panik im Gesicht, oder was immer es auch war. Sie fasste mit der anderen Hand meine Hand und führte sie in ihre Schalfanzughose. Im Schritt war sie ganz nass und klebrig geworden. Als ich ihre warme, feuchte Möse berührte, glitten ihre Schenkel weit auseinander und sie ließ sich in ihr Kopfkissen zurückfallen. Wenige Augenblicke später zog sie sich unter der Bettdecke ihre Hose aus und zog mich an meinem Schwanz an ihren Körper heran. Sie rupfte ungeduldig meine Hose ein Stück runter und schob meinen Schwanz in ihre warme, weite, beinahe triefende Höhle. Ich kam fast augenblicklich und sie nur wenige Momente später. Als wir kurze Zeit später die Augen wieder öffneten und uns in unsere erröteten Gesichter blickten, bemerkten wir, dass Eric und Claudia aufgehört hatten, sich zu lieben. Sie hockten nebeneinander auf dem Bett, die Hände in den Schößen und blickten uns liebevoll an.

„Es ist so schön, euch zu sehen“, sagte Claudia, „wie ihr euch liebt. Das war ein wunderbarer Anfang. Findet ihr nicht?“

Wir wussten es nicht. Wir wussten es beide nicht, ob das ein „wunderbarer Anfang“ war. Irgendwie entspannt waren wir schon. Ermattet lagen wir in unseren Schlafanzügen auf unseren Bettdecken und schauten nun – verwundert über uns selbst – dabei zu, wie Eric sich über Claudia beugte, die mit locker gespreizten Beinen vor ihm lag, und langsam seinen harten, schlanken Penis in sie hineinschob, sich behutsam vor- und zurückbewegte, sich dabei mit einer Hand aufstützte und mit der anderen ihre Brüste abwechselnd streichelte und knetete. Immer wieder machte er eine kurze Pause, wenn Claudia fast vorm Höhepunkt zu sein schien. Er zog seinen Penis aus ihrer Scheide heraus und führte stattdessen zwei Finger in sie ein, massierte kurz mit der anderen Hand ihre Klitoris, wie wir es eben noch in dem Film gesehen hatten und verteilte den Saft, den er nun an den Fingern hatte, auf ihren Brustwarzen. Er drang wieder in sie ein und leckte ihren Saft von den aufgerichteten Brustwarzen ab. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, bis Claudia kam. Erst nachdem sie gekommen war, erhöhte Erik das Tempo seiner Stöße. Er knetete ihre Brüste nun heftiger und packte mit einer Hand zwischen ihre Pobacken. Wie in Trance sagte Claudia mit steigender Tonhöhe immer nur ja, ja, ja, ja, im Rhythmus seiner Stöße, bis sie ein weiteres Mal kam und dabei heftig aufschrie und Eric seinerseits unter Zuckungen einen Orgasmus hatte. Ermattet blieben sie eine Weile schwer atmend aufeinander liegen. Dann wandte Claudia ihren Kopf uns zu und lächelte.

„War es schön?“

Wir wussten es nicht. Es fühlte sich alles an, als seien wir auf einem anderen Planeten gelandet, auf dem wir weder Flora noch Fauna kannten, geschweige denn die Gepflogenheiten des hiesigen gesellschaftlichen Lebens. Welche Spielregeln galten hier? Gab es überhaupt irgendwelche Regeln? Sina legte sich auf den Rücken und starrte ausdruckslos an die Decke. Ich schob ihr das Schlafanzugoberteil nach oben und begann, ihre Brüste zu streicheln. Wie schön Sina war, wie wunderbar diese weichen Brüste! Sina ließ meine Berührungen geschehen. Ich zog ihr die Hose aus und entkleidete mich selbst ganz. Während ich sie mit einer Hand weiter streichelte, versank mein Mittelfinger in ihrer Vagina. Es klebte von meinem Sperma. Aber das störte mich nicht, ekelte mich nicht. Mein Daumen kreiste auf ihrer Klitoris. Sina warf den Kopf hin und her, ihr Becken bäumte sich auf in ihrer Lust. Ihre Vagina verschlang drei Finger meiner Hand, die in sie hineinstießen. Sina schien einen fast endlosen Orgasmus zu haben, sie schrie lauf auf, krampfte sich zusammen und schob meine Hände von sich weg. Mein Penis stand aufrecht. Ich wollte unbedingt noch einmal in sie eindringen. Aber Sina winkte mit hochrotem Kopf ab, legte sich in sich zusammengekrümmt auf die Seite und atmete weiter schwer.

„Nein, nein, noch nicht,“ seufzte sie.

Ich kniete aufrecht vor ihr, mein Penis zielte gespannt hinauf zur Decke. Erst jetzt wurde mir wieder bewusst, dass Eric und Claudia am anderen Rand des Bettes lagen und uns zugesehen hatten. Sie sahen mich mit meiner Erektion und lächelten zufrieden. Ein lächerliches Bild, stellte ich mir vor. Sollten diese beiden seltsamen Menschen von jetzt an unsere Freunde sein? Unsere allerengsten Freunde? Die, mit denen wir ab jetzt jedes Jahr gemeinsam Mittsommer feiern würden? Wie weit würde das noch gehen? Wie oft würden wir dies hier noch gemeinsam tun? Wozu würden wir uns irgendwann auch noch hinreißen lassen? War nicht ein Damm gebrochen? Hätten wir nicht gehen müssen, als alles noch gut hatte ausgehen können? Sina blickte mich an. Dann schaute sie zu Eric und Claudia hinüber und lächelte. Sie begann zu kichern, hielt dann plötzlich inne und legte in stillem Entsetzen die Hand vor den Mund und schaute mich an. In meine Augen, auf meinen aufgereckten Penis, der langsam zu erschlaffen begann.

 

Etwas von diesem Gesichtsausdruck nahm ich auch noch am nächsten Morgen bei ihr wahr. Sina stand in der Morgensonne lange auf dem Steg und schaute ernst in die Ferne. Nach Schwimmen war ihr nicht mehr gewesen. Nach einem späten, wortkargen Frühstück warteten wir noch, bis Waschmaschine und Trockner durchgelaufen waren und machten uns dann auf den Heimweg. In Erics und Claudias Wohnung erfuhren wir, was die Kinder gesehen und gegessen und wie gut sie sich verstanden hatten. Zum Abschied umarmten wir uns lang und eng. Wir wussten nicht wann und ob wir uns überhaupt jemals wiedersehen würden.

Von Häusern an Seen

Aleksander hat jetzt wieder angefangen kurze Erzählungen zu schreiben. Eine davon heißt „Das Haus am See“. Es sei nur ein erster Versuch. Was für ein Versuch? Ein Versuch in pornografischer Literatur. Er wolle einmal für sich persönlich erkunden, ob in einem durchaus verklärten Sinne so etwas wie „schöne“ Pornografie möglich sei, feministische Pornografie. Oder ob am Ende doch nur wieder eine klassische, misogyne Männerphantasie dabei herauskomme. Das würde ich dann zu entscheiden haben. Kein Problem, mache ich gern. Aber es ist doch ein großer Unterschied, ob jemand einen pornografischen Text schreibt oder pornografische Videos produziert, in denen Darsteller_innen in entfremdeten Produktionsprozessen zu bloßen Objekten gerinnen und mit den zur Schau gestellten Pseudo-Intimitäten ihre Subjektivität, ihre Einzigartigkeit zum Verschwinden bringen. Darum nämlich drehte sich unsere Diskussion der vergangenen Tage. Der Kurzschluss zwischen dem literarisch gestalteten erotischen Reiz und dem individuellen Phantasie-Getriebe im Hirn der Leser­_in ist immer ein mittelbarer, humaner, frei von Gewalt, wie sehr der Text möglicherweise auch Gewalt zur Darstellung bringen mag. Sinnt der Autor zwar unmittelbar auf die sexuelle Erregung seiner Leser_in, muss der fiktionale Inhalt doch den Umweg über die individuelle Anreicherungsmaschinerie der Leser_innen-Fiktionalität gehen. Der Kurzschluss zwischen dem fotografischen oder filmischen Abbild einer physischen Realität mit pornografischer Intention und dem Assoziations- und Erregungsapparat des Betrachters dagegen ist ein unmittelbarer und darum weitgehend unreflektierter. Er erzeugt die Illusion unmittelbarer Verfügbarkeit über die ins Bild gesetzten Körper, die einer Enteignung der vor der Kamera agierenden Individuen gleichkommt. So subjektiv und lustvoll der abgelichtete Geschlechtsakt während des Vollzugs auch gewesen sein mag, das Produkt ist am Ende doch nur ein ausgehöhltes Surrogat, das die Darsteller_innen ihrer Würde beraubt und dem Zuschauer als bloßes Mittel, Hilfsmittel zur eigenen sexuellen Erregung und Befriedigung dient. Es ist ein ausbeuterisches Verhältnis zwischen den – einen fragwürdigen Mehrwert produzierenden – Sexarbeiter_innen und dem Konsumenten, das vor allem dem am Profit interessierten Produzenten in die Hände spielt, der in seinen Darsteller_innen wie in den entstandenen Abbildern nur „Material“ sieht. Die blutig durchschossene Lunge des Helden in einem Actionfilm bleibt immer noch Spiel in einem Spielfilm, weil ihm die Wunde doch nicht wirklich zugefügt wurde und sich nur illusionärer kinematografischer Techniken verdankt. Wenn eine Frau aus einer möglichst alles sichtbar machenden Kameraperspektive von einem erigierten Penis penetriert wird, ist das dagegen längst kein Spiel mehr. Der – nicht selten aggressive – filmisch oder fotografisch festgehaltene Akt geschieht in Wirklichkeit und steht damit auf einer Stufe mit den von Schaulustigen aufgenommenen Handy-Videos versehrter oder verstorbener Unfallopfer. Mögen die unveröffentlichten Videos, die etwa Paare von sich selbst beim Sex aufnehmen, noch legitimer Teil ihres (auch schon irgendwie entfremdeten) Liebesspiels sein – sobald derlei private Videos aber der kapitalistischen Verwertungskette zugeführt werden, selbst in scheinbar dem monetären Markt enthobenen privaten Foren, verwandeln sie sich in Snuff-Videos, die die in ihnen handelnden Individuen auslöschen.

Wenn Aleksander sich also in pornografischer Literatur versucht, mag sich das Ergebnis unter Umständen zwar als misogyn, antifeministisch oder grundsätzlich inhuman und barbarisch erweisen, was ich allerdings nicht erwarte. Aber der Blowjob und das Spermaschlucken bleiben doch so virtuell und spielerisch wie der Lungendurchschuss im Actionfilm. Aleksander hatte wohl die Absicht, mich mit seinem literarischen Vorhaben ein wenig zu provozieren. Die Herausforderung nehme ich gerne an, vielleicht sogar mit einer kurzen eigenen Erzählung.

Unscheinbar und jenseits aller provokativen Absichten wirkt dagegen auf den ersten Blick der Arbeitstitel der pornografischen Übung: „Das Haus am See“. Ich muss gestehen, selbst immer mal wieder von einem eigenen kleinen Haus am See geträumt und davon während unserer Spaziergänge an Frühlingstagen hemmungslos geschwärmt zu haben. Mein lieber Pjotr pflichtet mir zwar immer wieder gerne bei, wie schön das einsame Leben in so einem Haus am See sein könne, aber ins Schwärmen gerät er eher nicht, denn er bevorzugt dann doch das Leben in der Großstadt mit all seinen Möglichkeiten und kleinen wie größeren Verführungen. Aber hin und wieder dem Großstadttrubel entfliehen können? Das wäre schon sehr angenehm. Abgesehen davon, dass wir uns ein eigenes Haus finanziell ohnehin niemals werden leisten können, es wäre dann doch auch eine Last, wie jede Form von Eigentum. Wie oft würden wir uns wohl auf den vermutlich viel zu weiten Weg zu unserem Auszeit-Refugium machen? Und kämen wir wirklich zur Ruhe, wenn Rasen, Sträucher und Bäume in unserer Abwesenheit wucherten und uns jedes Mal in flehentlichem Ton empfingen, wir möchten sie doch schneiden, stutzen kürzen und kompostieren? Und im Winter müssten wir gegen Muff und Schimmel anheizen, selbst während unserer Abwesenheit, im Sommer die Klärgrube leeren lassen und auf Strom, fließend Wasser und Internet möglicherweise ganz verzichten. Der Traum, den ich und anscheinend viele andere träumen und sich in unzähligen Romanen, Erzählungen und Filmen eingenistet hat, geht so: Das Haus am See liegt einsam und verlassen in einem Sommerland jenseits der Zivilisation. Seine Bewohner haben mit der Welt da draußen weitgehend abgeschlossen, sind ihr – jedenfalls zeitweise – entflohen. In ihm befinden sich nur die allernötigsten Gegenstände. Ein alter Holztisch, zwei Stühle, eine kleine Küchenzeile, ein paar einfache Teller, Becher, Gläser Küchenutensilien, ein Sofa, zwei kleine Schreibtische, ein großes Bett für das Paar, zwei schmale Betten für Gäste. Die benötigte geringe Menge Strom liefert eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach, für warmes Wasser und die Heizung gibt es einen Holzofen oder eine Erdwärme-Anlage. Das Wasser wird aus dreißig Metern Tiefe heraufgepumpt und im Garten wachsen Gemüse und Früchte. Mit einem Wort: Im Haus am See lebt man autark. Aber woher kommt diese Sehnsucht nach dem autarken Leben in einem Haus am See? Warum träumen wir von diesem reduzierten, auf die elementarsten Bedürfnisse zurückgekürzten Leben, abgeschnitten von Medien, Konsum und Kommunikation?

In Häusern an Seen findet das wahre und richtige Leben statt. Da ist immer Sommer, das Wasser warm und klar. Wir lassen unsere nackten Körper ins Wasser gleiten, wir liegen in den Armen des geliebten Menschen, wir baden und lieben am Morgen und am Abend. Nur die geliebten und begehrten Menschen kommen uns besuchen. Sie kommen als Wanderer mit ihren leichten Rucksäcken. Wir essen frisches Brot und trinken roten Wein. Die Mücken stechen nicht, sie summen nur. Das Lagerfeuer wärmt Gesicht, Brust und Füße. Am Schreibtisch lädt die Stille zu tiefen Gedanken ein. Bücher entstehen, Romane und Welterklärungen, tröstende und lustvolle Gedichte. Das Glas Wasser ist kühl und erfrischend, ein bunter Schmetterling setzt sich auf seinen Rand. Die Blicke der Liebenden sind klar und verstehend. Kein Wort tut Not, nur ein zufriedener Seufzer. Noch die Sitzung auf dem Plumpsklo ist reine Meditation. Wir sind bei uns, bei uns selbst und beieinander, der Beischlaf tantrisch im Moos, der Waldboden warm und weich, wenn wir nackt zur Felsenquelle schleichen. Wir sehen das Gras wachsen und hören den Elch rufen. Die Nacht ist so still wie der Himmel schwarz und von der Milchstraße umschlungen. Nichts drängt, nichts muss, nichts will. Ein lauer Wind umhaucht die Haut. Fast ein Nichts, diese Häuser an Seen.

Wenn man „Haus am See“ googelt, findet man fast ausschließlich Hotels, Restaurants und Ferienwohnungen, lauter falsche Versprechen. Wir kommen nie bei ihnen an, nie bei uns selbst. Wir bleiben für immer unbehaust. Deshalb muss auch Aleksanders „schöne Pornografie“ ein falsches Versprechen bleiben, eine schöne Illusion, die ihre Entsprechung in der Wirklichkeit vergeblich sucht.

Männer, Frauen, Logik, Pornografie und Feminismus

Seit einiger Zeit beschäftigt sich Nina mit der Frage, ob Pornografie sich eigentlich mit Feminismus verträgt. Sie meint, nein. In einer Vielzahl von Online-Magazinen, die Nina in den letzten Wochen durchstöbert hat, wird Frauen eine neue, oder nicht mehr ganz so neue Form eines sogenannten „sex-positiven Feminismus“ und einer damit korrespondierenden „feministischen Pornografie“ angepriesen. Frauen, so scheint es, leben in einem Zeitalter der letzten Stufe sexueller Befreiung. Sogar halbwegs seriöse Frauenzeitschriften bringen Artikel darüber, wie und wie oft Frauen sich am besten selbst zu befriedigen haben. Das sei gesund und frische den Teint auf. Statistiken fluten die Medien, in denen zu erfahren ist, dass bereits mehr als dreißig Prozent der Frauen Pornos im Internet schauen. Rückständig wäre, wer sich jetzt nicht in die einschlägigen Seiten einklickte, die frauenfreundliche Pornografie versprechen, in der es vorrangig um die Lust der Frauen und ihre sexuellen Phantasien geht. Pornografie von Frauen für Frauen. Aber die Frauen in diesen sogenannten frauenfreundlichen Pornos würden sich doch auch nur zu Objekten männlichen Begehrens machen, meinte Nina neulich. Ja, sagte ich, aber die genießen das vielleicht trotzdem. Das sei kein Argument, fand Nina, über Jahrhunderte hinweg hätten Frauen gelernt, ihre Wünsche an denen der Männer auszurichten. Das immer noch herrschende Patriarchat habe die Frauen derart umfassend unterworfen, dass sie nicht einmal mehr den Funken einer Ahnung hätten, welche Bedürfnisse ihre eigenen und welche ihnen einfach nur eingetrichtert worden seien. Jahrtausende, sagte Nina, haben Frauen nicht das geringste Bedürfnis verspürt, anderen beim Sex zuzusehen, und auf einmal würden Frauen geradezu pathologisiert, wenn sie sich nicht dafür interessieren und sich nicht wie ihre Männer vor den Bildschirm setzen und zu scheinbar aufgeilenden Szenen masturbieren. Anders als Nina fand ich die Sache nicht so eindeutig. Die ist doch viel komplizierter, sagte ich. Erstens werden die Frauen ja von anderen Frauen dazu ermuntert, und zweitens wäre es ja möglich, dass Frauen sich gerade deshalb nicht oder sehr viel weniger für Pornografie interessierten, weil ihre Sexualität eigentlich immer unterdrückt oder jedenfalls in Schach gehalten wurde. Und gewiss, da habe sie Recht, Frauen hätten im Laufe der Jahrhunderte oder Jahrtausende gelernt, die von Männern aufgestellten Normen als ihre eigenen zu verinnerlichen: Eine anständige Frau sollte möglichst keine sexuellen Gelüste haben, sollte beim Sex niemals die Initiative ergreifen, hat möglichst eine passive, erduldende Rolle zu spielen und die Arbeit dem Mann zu überlassen, der ja als einziger mit einem ernstzunehmenden Sex-Werkzeug ausgestattet ist. Es sei doch vielleicht ganz gut, wenn Frauen so nach und nach eine eigene Vorstellung von ihrer Sexualität entwickelten, ihren Wünschen und Phantasien. Woher willst du denn wissen, dass die anderen Frauen, für die du ja nicht sprechen kannst, nicht vielleicht doch ein größeres Interesse an Sex und Pornografie entwickeln, wenn sie sich nur erst einmal darauf einlassen. Und warum sollten sie, fragte Nina. Sollen sie ja gar nicht. Aber dürfen sie nicht? Nina ließ nicht locker: Niemand sagt, dass Frauen kein Interesse an Sex haben, aber warum sollen sich Frauen Pornos anschauen, aus denen sie doch auch nur wieder lernen, dass sich Frauen Männern unterzuordnen haben, sich zu Objekten der männlichen Begierde machen müssen, um ihre wahre Bestimmung zu finden. Sieht doch ganz so aus, als würde den Frauen mit wachsender Vehemenz nahegelegt, den Sinn ihres Lebens im Sex zu suchen. Mag ja sein, sagte ich zu Nina, aber sei doch mal ehrlich: Fändest du ein Leben ohne Sex nicht auch ziemlich sinnlos?

Nach einem Kurzvortrag über notwendige und hinreichende Bedingungen musste ich leider eingestehen, dass Sex für ein sinnvolles Leben lediglich eine hinreichende Bedingung ist und ich, sollte ich bei einem Unfall mein „Sex-Werkzeug“ einbüßen, immer noch ein sinnvolles und sogar glückliches Leben haben könnte. Rein logisch betrachtet. Aber es gibt Tage, an denen habe ich es nicht so mit der Logik. Da setze ich mehr auf Empirie. Und die Behauptung, Frauen hätten jahrtausendelang kein Interesse daran gehabt, anderen beim Sex zuzusehen, lässt sich empirisch leider gar nicht beweisen.

„Wie viele dieser feministischen Pornos hast du dir denn schon angesehen“, wollte ich wissen.

„Keine.“

„Und wie viele klassische Pornos?“

„Keine. Was meinst du überhaupt mit klassisch?“

„Aber wie kannst du da zu einem gültigen Urteil gelangen, wenn du gar keine empirischen Studien betrieben hast?“

„Ich soll mir Pornos anschauen? Dann tue ich doch genau das, was gerade von mir verlangt wird. Dass ich als Frau wie meine Geschlechtsgenossinnen mit dem Pornokonsum anfange. So wie die Männer schon lange.“

Ninas Rechnung ging so: Pornografie ist so ein Männerding. Du kannst Frauen als reine Sex-Objekte konsumieren, ohne dich auch nur ansatzweise mit ihrer Persönlichkeit beschäftigen zu müssen. Umgekehrt gibt es wohl kaum eine Frau, die Männerkörper zum Zwecke des persönlichen Lustgewinns von deren Persönlichkeit abspaltet. Die Reduktion von Frauen auf ihre Körper und ihre erotischen Reize in der von Männern dominierten Pornografie wurde im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts zu Recht skandalisiert. Weil in kaum einem anderen Lebensbereich das nach wie vor herrschende Patriarchat bildlich evident wird. Und weil es illusionär wäre, Pornografie einfach zu verbieten, haben einige Frauen genau das gemacht, was viele andere vor ihnen auch gemacht haben: Statt sich wirklich zu emanzipieren, haben sie versucht, männliches Verhalten zu kopieren, weil sie glaubten, auf diese Weise den Männern ebenbürtig werden zu können. Deshalb halten es heutzutage viele, wenn nicht die meisten Menschen für emanzipiert, wenn sich Frauen in bestimmten gesellschaftlichen Handlungsfeldern männliche Verhaltensweisen zulegen, wo sie sich unterrepräsentiert und unterlegen fühlen. Deshalb werden Frauen Soldaten, beschließen als Politikerinnen Kriege und ziehen als Unternehmerinnen ihre Arbeitskräfte über den Tisch. Sie spielen die Machtspiele der Männer, lügen, betrügen – und machen nun neuerdings auch noch Pornos. Das ist weder eine sexuelle noch irgendeine Befreiung. Das ist immer noch das alte Schema der Anpassung. Und die Männer lassen es sich natürlich gerne gefallen, denn es bestätigt nur ihre Anschauungen. Sie haben halt schon immer Recht gehabt, auch was den Sex betrifft. Alles dreht sich nur um Sex, Sex ist gesund, Sex ist natürlich und – am allerwichtigsten – Sex hat nichts mit Liebe und Bindung zu tun. Wenn bald alle Frauen Pornos schauen –  und sie möglicherweise für Papas Privatkino selber drehen – , dann werden sie sich bald auch keinerlei Gedanken mehr darüber machen, warum sie sich als Objekte männlicher Begierde nicht dauerhaft verfügbar halten sollten.

„Aber das könnte doch auch schön sein, wenn alle, Männer wie Frauen, in gleicher Weise Spaß am Sex haben – und eben auch Spaß an Pornografie. Wäre das so schlimm?“

„Das ist wie mit der Prostitution. Wenn Frauen genug Geld zum Leben haben, wenn sie unabhängig und wenigstens in bescheidenem Wohlstand leben können, wenn ihnen alle Berufe und beruflichen Positionen wirklich offenstehen, kommt keine einzige Frau auf die Idee, ihren Körper zu verkaufen, sich erniedrigen zu lassen und für ihre Freier Lust zu heucheln. Mit anderen Worten: Frauen, die in Pornos auftreten sind Frauen, die unterdrückt werden. Oder weniger plakativ ausgedrückt: Solange Frauen in Pornos als Objekte sexueller Begierde auftreten, ist das Ausdruck fortdauernder patriarchaler Strukturen, Beweis der anhaltenden Unterdrückung und Benachteiligung von Frauen. Sollen die Männer in ihren Pornos doch unter sich bleiben. Das fände ich okay.“

„Schwulenpornos? Lässt du da nicht die komplette Gender-Debatte der letzten Jahrzehnte außer Acht? Ich finde deine Überlegungen ziemlich inkonsequent. Mal angenommen, Frauen haben früher keine Pornos geguckt, weil das eben als so ein Männerding galt, heißt das ja noch lange nicht, dass nicht auch Frauen Pornos gut finden, wenn es dann mal eine andere Art Pornos gibt, die mehr so ein Frauending wäre. Du gehst aus irgendeinem Grund davon aus, dass es diesen Naturzustand gibt, bei dem Männer gern Pornos sehen und Frauen nicht. Dass Frauen meinen, sie würden nicht gern Pornos sehen, könnte ja auch eine Folge der Unterdrückung sein. Und überhaupt: Die Männer in den Pornos prostituieren sich doch auch. Sind das dann auch unterdrückte Männer?“

„Klar, das Patriarchat unterdrückt auch die Männer. Die sind genauso deformiert wie wir Frauen.“

Schwer zu sagen, warum ich mich von Ninas Argumentation angegriffen fühlte, aber es war so. Vielleicht weil ich im Unterschied zu ihr schon hin und wieder Pornos schaue und mich deshalb vielleicht schuldig fühlen sollte. So wie ich eigentlich weniger oder gar kein Fleisch mehr essen, nicht mehr mit dem Auto fahren, auf das Fliegen verzichten und nur noch fair trade einkaufen, keinen Raubbau an der Natur und keine Kinderarbeit unterstützen sollte usw., sollte ich wahrscheinlich auch aufhören Pornos zu schauen. Den Frauen zuliebe, für eine bessere Welt. Dummerweise hatte ich das dringende Gefühl, dass bei mir der Spaß beim Sex aufhört. Hatte der Feminismus für mich eine empfindliche Grenze erreicht, wenn es darum ging, mir meine Lust zu verbieten? Die Lust an schönen Frauen. Die Lust an Frauennasen, Frauenohren, Frauenaugen, Frauenhaaren, Frauenhüften, Frauenhintern – aber auch an Brüsten und Vulven. Was sollte schlecht an diesen Gelüsten sein?

„Niemand will dir deine Lust an den Frauen austreiben. Auch wenn ich es ein wenig verletzend finde, dass dir die eine anzuschauen anscheinend nicht ausreicht.“

Ich hatte da so meine Zweifel und zog mich erstmal zum Nachdenken in mein Zimmer zurück.

Es gibt eine ganze Menge guter Argumente, die gegen Pornografie sprechen: Ist das nicht eine sehr entfremdete Form von Sexualität? Eine ohne Anfassen, ohne Beziehung, ohne echtes Begehren? Werden die Darstellerinnen und Darsteller nicht wirklich ausgebeutet? Haben die Spaß bei ihren stilisierten und manchmal höchst absurden Darbietungen und Verrenkungen? Sind das glückliche Menschen? Muss man nicht einen psychischen Defekt haben, um sich derart zu exhibitionieren? Wie hoch ist die Selbstmordrate unter Pornodarstellerinnen? Wie verbreitet der Drogenkonsum? Was haben Pornos überhaupt mit echter, erfüllender Sexualität zu tun? Sind das nicht falsche Vorbilder? In der Mehrzahl frauenfeindliche Akte? Darstellungen erniedrigter Frauen, die abwechselnd in Arsch und Mund gefickt, gefesselt, deren Gesichter mit Sperma und Pisse bespritzt werden? Alles das schaue ich mir auch nicht gerne an. Was aber wären dann schön anzusehende Pornos? Und wer sollte sie machen? Am ehesten noch authentische Sexfilme mit echter Zärtlichkeit und echten Orgasmen. Pornos von Frauen. Mal abgesehen davon, dass ich mir nicht vorstellen kann, selber in einem Pornofilm zu spielen, den dann Freunde, Kollegen und Bekannte anschauen können, ließe sich vielleicht dennoch eine zukünftige Gesellschaft denken, in der es normal ist, sich  – unter Freunden? – gegenseitig privat produzierte Filmchen zu zeigen oder nach dem gemütlichen Abendessen gegenseitig dem vergnüglichen Beischlaf beizuwohnen. Warum sollte die schönste Sache der Welt nicht auch die öffentlichste sein? Woher kommt dieses Tabu eigentlich? Ist das nicht auch ein zutiefst patriarchalisches? Der Mann sagt: Das ist meine Frau, die gehört mir. Niemand soll sie ansehen können. Die ist nur zu meinem eigenen Vergnügen da. „Ja, soll denn etwas so Schönes nur einem gefallen? Die Sonne, die Sterne gehör’n doch auch allen.“ So jedenfalls heißt es in einem berühmten alten Schlager. Ich fand zunehmend Gefallen an dem Potenzial an Toleranz und Liberalität, das in Sachen Sex in mir zu schlummern schien. Dann jedoch kam mir wieder Ninas Vortrag zu notwendigen und hinreichenden Bedingungen in den Sinn. Private Pornofilme tauschen und sich gegenseitig beim Live-Sex zu beäugen, sind ja nur hinreichende Bedingungen für sexuelle Liberalität. Wo das bloße Zuschauen hinreichend sein mag, reichen Mitmachen, Partnertausch und zügellose Promiskuität am Ende nicht weniger hin. Das wäre dann eine bedingungslos hin- und herreichende Bedingung. Nina würde ich ganz bestimmt nicht hin- und herreichen wollen. Weil ich eben immer noch ein waschechter Patriarch mit unumstößlichen Besitzansprüchen bin? Wenn ich als guter (männlicher) Feminist gelten wollte – müsste ich da nicht einerseits auf Pornos verzichten, aber andererseits auch jeglichen Besitzanspruch gegenüber Nina fallen lassen und ihr also vollkommene sexuelle Freiheit gewähren? Weil ich wusste, dass Nina diese Form sexueller Libertinage noch viel grauenhafter finden würde, als mit einem Halb-Feministen zusammenzuleben, der potenziell frauenverachtende Pornos guckt, trug ich ihr am nächsten Tag meine streng logischen Überlegungen vor, in der stillen Hoffnung, sie am Ende doch noch dazu zu bewegen, endlich mit dem empirischen Teil ihrer Forschungen zu beginnen.

„Meinst du das ernst?“

„Es ist nur eine rein theoretische Überlegung. Genauso, wie du rein theoretisch über Pornos nachdenkst, ohne sie dir anzusehen.“

„Natürlich könnte ich mit anderen Männern Sex haben, wenn ich das wollte. Wie solltest du mir das verbieten können? Aber würdest du es wollen, nur damit du dich nicht als Patriarch fühlen musst und du dir so deine Liberalität beweisen kannst?“

„Nein, natürlich nicht. Aber wäre das nicht die logische Konsequenz aus deiner Forderung, Pornos zu verbieten? Jedenfalls unter der Voraussetzung, dass kein Weg daran vorbeiführt, dass Männer nun mal gerne Frauen ansehen? Frauen, überhaupt Menschen beim Sex zusehen wollen? Sex-Fantasien haben?“

Wie erbärmlich, notleidend, meiner eigenen Sexualität ohnmächtig ausgeliefert ich mich bei diesen Sätzen fühlte! Was sollen wir armen Männer denn machen? Ohne Sex sind wir doch nur halbe Menschen. Viertel-Menschen. Minder-Menschen. Soll es denn bald gar kein Erbarmen für uns, das schwache Geschlecht, mehr geben? Nina schaute mich mit einem schwer zu deutenden Blick an. Irgendwas in dem breiten Spektrum zwischen echtem Bedauern und triumphierender, vernichtender Ironie. In meiner aufwallenden existentiellen Verzweiflung gelang es mir nur noch halb- oder viertelwegs Ninas nun folgenden Ausführungen zu folgen. Ich erinnere mich nur noch an einen Satz, der ungefähr folgendermaßen lautete: Es gebe eine besondere Form des logischen Denkens, das vor allem Männern eigne, eine Logik der Sachzwänge, eine Wenn-Dann-Logik der Konsequenz in einer hypothetischen, unterkomplex konstruierten Immanenz, eine Vergeltungslogik, mit der im schlimmsten Fall sogar Kriege gerechtfertigt werden. Wenn ich besser verstehen würde, was sie damit gemeint hat, würde ich es wahrscheinlich überzogen finden.

Letzte Nacht ist Nina sehr spät zu mir ins Bett gekrochen. Und heute Morgen sagte sie mit einem verschmitzten Lächeln, sie habe sich gestern dann doch entschieden, die eine und andere Sache mal genauer in Augenschein zu nehmen. Leider weiß ich jetzt nicht mehr, wie ich das finden soll. Ich möchte das einfach nicht konsequent zu Ende denken.