Wovon Donata die Nase voll hat (wenn sie genauer darüber nachdenkt) … und wie die Geschichte auch ganz anders konstruiert sein könnte

Zunächst einmal die gemeinsamen Fernsehrituale mit Thomas. Mehrmals die Woche. Sie hat sich so sehr daran gewöhnt, dass sie sich auch dann vor die Glotze setzt, wenn Thomas nicht dabei ist. Die Nachrichten (Tagesschau), diese komprimierte Welt, abgestimmt auf eine anonyme Mehrheit, die glaubt und glauben möchte, dass nichts sonst in und mit der Welt geschieht, nur das, was dort verhandelt wird, aufgeblasen, für wichtig erklärt. Das ist doch auch nur eine Blase, eine ziemlich mickrige Blase. Wir werden eingelullt und gleichgeschaltet. Wirtschaft ist wichtig, das, was die Reichen bewegt, die Profite der großen Unternehmen, die „to big to fail“ sind. „Dauernd werden Gesichter von Leuten gezeigt, deren Namen ich mir zu merken habe, weil sie angeblich so furchtbar wichtig sind. Das geht immer mehr an mir vorbei.“

„Lügenpresse“ – das wäre zu radikal und maßlos, es so zu nennen. Komfort-Presse wäre das bessere Wort. Die Tagesschau ist die Komfortzone der Information. Tut nie richtig weh. Und dann der Krimi um 20:15 – der tut auch nicht richtig weh. Wir wollen ja nicht so sehr schockiert werden, dass wir danach nicht mehr schlafen können. Oder die gepflegten Dramen, die nicht weniger vorhersehbar gestrickt sind als die Krimis. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich die Erfahrungen, die die Autoren und Regisseure in ihren Filmen verarbeiten, vor allem aus anderen Filmen speisen. Das sieht man unter anderem an den Sexszenen, denn heutzutage müssen die Darsteller für wenigstens eine Minute im Bett landen. Gespielte Leidenschaft, die wohl ganz besonders groß sein muss, wenn die Frau auf dem Mann reitet und den Kopf in den Nacken wirft, damit der Busen straffer sitzt. Vergleichbar mit der Standardszene, wenn ein Darsteller aus einem Alptraum aufschreckt und sich ruckartig im Bett aufrichtet. Ich bin noch nie auf diese Weise aus einem Alptraum aufgewacht. Totaler Schwachsinn. Überhaupt: Alpträume! Die vermeintlich tiefsten und komplexesten Charaktere sind immer die mit ner Macke, einer schweren Kindheit, oder sie sind einsame Wölfe, die jahrelang mit einer Trennung nicht zurechtkommen. Am besten, sie haben Partner und Kinder bei einem Mord verloren und halten sich trotzdem tapfer aufrecht, schauen aber die ganze Zeit sehr melancholisch drein oder sind zu sympathischen Zynikern mutiert. Ich kann mittlerweile innerhalb der ersten zwei Minuten eines Films erkennen, in welche Richtung die Chose geht und mit welchen Klischees ich zu rechnen habe. Ich habe noch nie einen Darsteller heimlich in der Nase popeln gesehen, oder wie sich jemand unter der Dusche die Schamhaare rasiert und dabei in Kauderwelsch vor sich hin singt. Es gibt im wirklichen Leben so oft völlig irrsinnige Situationen und Handlungen, die eigentlich für einen außenstehenden Beobachter überhaupt nicht nachvollziehbar sind und an sich auch gar keine Bedeutung haben, aber eben eine Persönlichkeit ausmachen. Wenn ich zum Beispiel morgens im Bad stehe, nur mit BH bekleidet und mit Cedric über seine Hausaufgaben diskutiere, oder über Gott und die Welt. Vielleicht würde ich lieber so etwas im Fernsehen sehen wollen.

Diese Müdigkeit am Abend. Wenn du keine Energie mehr hast, auch nur irgendwas zu machen. Thomas hat mal vorgeschlagen, stattdessen Karten zu spielen. Wie bitte? Bauernskat, oder was?

Jetzt habe ich das Schreiben, wenigstens das Schreiben, endlich das Schreiben. Ich möchte gar nicht mehr damit aufhören. Aber ich will auch endlich raus! Raus aus dem Mief, aus meinem eigenen und aus Thomas‘ Mief, aus unserer Komfortzone.

Thomas hängt sich in letzter Zeit fast jeden Abend vor seine Computerspiele, WOW, LOL oder was auch immer, genau wie die Jungs. Manchmal fühle ich mich, als sei ich von lauter Autisten umringt, die so langsam mit ihren Computern verwachsen. 3-D-Brille. Sich mit der 3-D-Brille aus der Wirklichkeit herauskatapultieren. Das würde mir nicht genügen. Das ist auch nur ein Gefängnis.

Ich habe mit der Zeit die halbe Wohnung mit Pflanzen vollgestellt. Blumengießen als Hobby. Ich bin eine richtige Orchideen-Expertin geworden, habe mich aber auch eine Zeitlang in meinen Gummibaum verliebt und jedes Blatt einzeln poliert. Jetzt hab ich es satt und würde die Dinger am liebsten irgendwo aussetzen. Wie einen Hund oder eine Katze auf einem Autobahnparkplatz. Bin ich froh, dass wir den Kindern keinen Hund erlaubt haben! Thomas hätten sie sogar fast soweit gekriegt. Und wer hätte den dann immer Gassi führen dürfen? Ich weiß auch nicht, warum es ausgerechnet Hundebesitzer sind, denen ich mit größter Verachtung begegne. Vielleicht, weil mir meine Kinder manchmal zu viel werden und die Hundebesitzer sich freiwillig einen Dauerpflegefall ins Haus holen, deren Häufchen sie in schwarzen Plastiksäckchen auffangen müssen, die die Polster vollhaaren, stinken und in den Kleiderschrank pissen. Gott, war ich froh, als ich das letzte, halbverbrauchte Windelpaket der dreiundvierzigjährigen Nachbarin in die Hand drücken konnte, voller Stolz darüber, dass ich mit der Kinderkacke endlich durch war, als die erst damit anfing, obwohl ich beinahe ihre Tochter hätte sein können. Geiles Gefühl. Aber wenn ich diese aufopferungsvollen Tierhalter sehe, bekomme ich ein schlechtes Gewissen, weil ich insgeheim schon den Tag herbeisehne, an dem Luis und Cedric aus dem Haus sein werden. Ich muss wohl mehr als nur ein Tierhasser sein. Ich liebe meine Kinder, ganz bestimmt, ich liebe sie über alles, aber sie haben mir auch die wertvollste und vitalste Phase meines Lebens geraubt, oder sagen wir: eingenässt, zugebrüllt, vollgekrümelt. Wie frustriert muss man sein, wenn man sich gleich im Anschluss an die Elternzeit in die Abhängigkeit von einem schwachsinnigen, sabbernden Säugetier begibt, das nicht mal ordentlich aufs Klo gehen kann? „Es gibt nichts Beruhigenderes, als einen Hund zu haben. Nur mit einem Hund kannst du nach dem Stress des Tages wirklich runterfahren.“ Wer sich zu solchen Sätzen hinreißen lässt, wäre wohl der geeignete Kandidat, um nach der Arbeit meine multimorbide und inkontinente Oma zu pflegen. Die freut sich auch sehr über Streicheleinheiten und will gerne mit dem Rollstuhl herumgefahren werden. Der Vorteil: Mit ihr kann man bei Bedarf sogar Mühle spielen.

Einkaufen, kochen, jeden Tag die gleiche Prozedur, immer muss ich mir was ausdenken. Sarah, wie läuft das eigentlich bei euch. In der Woche bist du ja im Prinzip unterwegs. Gehst du da immer essen? Und Justus? Kocht der für sich allein? Würde ich wohl eher nicht tun. Leider bin ich nicht nur für mich allein verantwortlich.

Wäsche sortieren, waschen (macht glücklicherweise die Maschine. Welch ein Fortschritt der Menschheit!), aufhängen (immer noch manuell, der Trockner funktioniert nur für Unterwäsche und Socken, hab keine Lust die T-Shirts zu bügeln, also hänge ich sie halbtrocken auf den Wäscheständer), zusammenlegen, in die Schränke sortieren, nebenbei den Müll in den Kinderzimmern auflesen. Bin ich mit dem Mist durch, liegt schon wieder ein neuer Haufen im Wäschekorb. Mittlerweile meinen auch unsere männlichen Mitbürger, sie müssten jeden Tag die Wäsche wechseln, während ich mir angewöhnt habe, meine Hosen auch mal eine ganze Woche zu tragen, im Wechsel mit einer anderen, damit niemand denken muss, ich sei eine ungepflegte Schlampe. Ich möchte mal einen ganzen Tag lesen können – oder schreiben. Ohne irgendeinen Gedanken an etwas anderes verschwenden zu müssen. Oder fotografieren. Einfach mal wieder einen ganzen Tag raus mit der Kamera – und dann noch die ganze Nacht. Ohne hinterher schief angesehen zu werden oder mir Vorwürfe anhören zu müssen. „Wir haben uns solche Sorgen gemacht! Wo bist du denn gewesen?“ Sollte eigentlich normal sein, dass man mal für zwei, drei Tage weg ist, einfach so. Finde ich. Ich hab nicht den blassesten Schimmer, was da draußen wirklich vor sich geht. In den Clubs, bei den Tankstellen, die die ganze Nacht geöffnet haben, in den Edel-Restaurants, in die du dich quasi einkaufen musst, um sie besuchen zu dürfen, wie das ja schon lange bei den Golf-Clubs üblich ist. Absteigen, Hotels, die ihren letzten Stern vor zehn Jahren verloren oder im Gulli versenkt haben. Ich möchte Leben einatmen, das ich dann in meinen Texten wieder ausatmen kann. Ich hab davon viel zu wenig, bin abgeschottet in meinem kleinbürgerlichen Mini-Wunderland, dieser Gummizelle, in der man sich weder die Knie noch den Kopf stoßen kann. Wisst ihr, ich habe Lust, mich endlich mal wieder so richtig dreckig zu machen, nicht nur wie in Kindertagen, sondern auch im übertragenen Sinn. Wir sind alle so verdammt moralisch geworden und möchten am liebsten mit einer weißen Weste sterben. Was das Klima und die verdammte Fleischesserei betrifft, möchte ich auch lieber mit weißer Weste sterben, aber es gibt so viele Dinge im Leben, da kommt es auf eine weiße Weste überhaupt nicht an. So viele Dinge, von denen ich noch gar nicht weiß, dass sie möglich wären.

Die scheinbar so wichtigen Dinge im Leben: die Hausaufgaben der Kinder, die Fünf in Mathe, die Sechs in Religion erfüllt mich sogar ein wenig mit Stolz, Toastbrot zum Frühstück, die richtige Marmelade (ohne Stückchen), nie warmes Essen ohne Fleisch, Spülmaschine ein- und ausräumen, saugen, wischen, staubwischen, Fenster putzen. Klar, die Aufgaben ließen sich auch besser verteilen, sind ja vier Personen im Haushalt. Aber sind das überhaupt „Aufgaben“? Wessen Aufgaben? Wofür? Mein Vorschlag: Immer genug Spaghetti, Tomaten, Olivenöl, Toastbrot und Käse im Haus haben. Reicht doch eigentlich. Und Obst. Und Rotwein. Nichts geht über einen kleinen Rausch. Und spätestens ab 19 Uhr haben alle frei. Ich hab oft Lust, nur in Unterwäsche in der Wohnung rumzulaufen, vor allem im Sommer, und wenn mir kalt wird, einfach den flauschigen Mantel drüberzuziehen, irgendeine billige Kunstfaser, aber ich liebe ihn einfach. Die Rotweinflasche auch mal schon am Vormittag öffnen, verrückte Fotos machen, ihr wisst schon, wie in Rumänien, und noch ein bisschen extremer, auf dem Teppich im Wohnzimmer liegen und stundenlang an die Decke starren. Ohne so Sätze hören zu müssen wie: „Mama, geht es dir nicht gut?“ Oder: „Kannst du dir mal was Richtiges anziehen? Ich kriege gleich Besuch.“ Ich müsste auch nackt in meiner Wohnung herumlaufen können. Es ist doch meine Wohnung. Nicht mein Problem, wenn die Besucher damit nicht umgehen können. Ich krieg manchmal so einen Rappel, da würde ich mir am liebsten alle Kleider vom Leib reißen, weil mir darin zu eng wird, weil ich ersticke, Beklemmungen kriege. Ich bin schon lange nicht mehr so gewesen, wie ich eigentlich bin, so, wie ich mich fühle. Eigentlich noch nie. Wie ich mich richtig fühlen soll, versteht ihr? Das Leben kann sich richtig oder falsch anfühlen. Die meiste Zeit fühlt es sich vollkommen falsch an. Ich will produktiv sein, mich für eine Sache verausgaben – und mich dann eine Zeitlang einfach gehen lassen. Ist das ein Privileg der Promis?

Mode: Jede Frau versucht ihren eigenen Stil zu entwickeln. Kann man wahnsinnig viel Energie drauf verschwenden. Aber hast du mal deinen eigenen, ganz persönlichen Stil gefunden, dann ist das eine verdammte Zwangsjacke, aus der du nicht mehr rauskommst. Ich will lieber alles ausprobieren dürfen, mich den einen Tag exzentrisch schminken, mich in ein sexy Outfit werfen, das so enganliegend und sexy ist, dass ich schon fast komme, wenn ich mich im Spiegel ansehe. Nennt man das Autoerotik? Und am nächsten Tag in Omas altem Mantel herumlaufen, der mir viel zu groß ist und aussieht, als bestünde er aus Mäusefell. Ich hoffe nicht, dass dafür wirklich 500 Mäuse dran glauben mussten. Den einen Tag mausgrau, den andren bereit zum Karneval. Lederklamotten. Ich hab immer mal wieder von einem superkurzen Lederrock geträumt, unter dem ich super sexy Wäsche trage. Ich hab mich nie getraut. Was könnte der Herr Oberlehrer denken – und seine Kollegen? Die Nachbarn im Haus? Würde ja bald heißen, ich würde mir auf dem Strich was dazuverdienen. Warum ist mir das nicht scheißegal? Dabei könnte das sogar wirklich eine spannende Erfahrung sein, wenn ich es recht bedenke, mal eine Zeitlang die Edelprostituierte zu geben. Ich möchte einfach nicht mehr festgelegt sein auf eine Rolle. Klar, ich könnte mich einfach über alle Erwartungen hinwegsetzen. Warum tue ich das nicht? Sollte ich! Aber es ist so verdammt schwer, und ich frage mich, warum das so ist. Warum wir nicht tun können, wonach uns ist. Es schadet doch niemandem, es tut doch niemandem weh, wenn ich in der Stadt unter meinem Kuschelmantel nur einen Bikini trage.

Ich hab vor einiger Zeit in einem Anfall vormittags Nacktselfies gemacht. Ich habe alle Vorhänge zugezogen und es genossen, splitterfasernackt durch die Wohnung zu springen. Ich hab Musik angemacht, richtig laut. Trotzdem habe ich die ganze Zeit Angst gehabt, jemand könnte mir zusehen. Oder jemand klingelt an der Tür, um sich wegen der Musik zu beschweren, oder ein Kind kommt vorzeitig von der Schule nachhause, weil es krank geworden ist. Was für ein Irrsinn! Oder jemand entdeckt die Fotos auf dem Apparat oder auf dem PC, Thomas zum Beispiel. Sogar das wäre mir peinlich. Und unter dieser Last, wegen dieser permanenten Unsicherheit weiß ich schon gar nicht mehr, was das für Fotos werden sollen, was ich mir überhaupt dabei gedacht habe. Am liebsten wäre mir, es gäbe jemanden, mit dem ich das zusammen machen könnte, Fotos machen, sich gegenseitig fotografieren, systematisch alle denkbaren Tabus überschreiten. So wie die großen Fotografen und Fotografinnen. Kennt ihr Bettina Rheims? Francesca Woodman? Unangepasstheit als tägliche Übung. Ich glaube, ich weiß gar nicht, wovon ich mich noch, von was allem ich mich noch befreien könnte und müsste, weil ich so wahnsinnig betriebsblind geworden bin. Wir sind doch alle betriebsblind geworden und können schon deshalb nicht mehr wissen, wie wir wirklich leben wollten. Ich jedenfalls fühle mich total berechenbar, sogar für mich selbst. Ich kann mich noch nicht mal selbst überraschen. „Jeder Mensch ist einzigartig“, heißt es immer wieder. Soll wohl ein Trost sein. Aber es stimmt einfach nicht. Ich bin nur das Abbild von den meisten anderen, eine vorprogrammierte Mischung aus vorgegebenen Zutaten, mehr nicht. Wie Curry-Pulver. Da gibt es bestimmt sehr viele unterschiedliche Mischungen, mit mehr oder weniger Knoblauch und Kurkuma, aber es bleibt doch immer Curry und schmeckt nach Curry. Aber ich möchte auch mal Chili sein und Garam Masala und Niespulver. Und Dynamit, Nitroglycerin.

Neulich im Park hat mir so ein Typ hinterhergeschaut, da kam mir der Gedanke, wie es wäre, ihm meine Titten zu zeigen, also mein T-Shirt hochzuziehen und für einen Moment meine Titten zu lüften, nur so. Ich hab eigentlich keine exhibitionistischen Neigungen, es geht auch nicht wirklich um Sex oder Erotik, aber ich fühle diese Gier, alles Einengende von mir weg zu stoßen. Und da fällt mir eben sowas ein. Ich hatte aber einen BH an und außerdem: Was wäre denn passiert, wenn ich es getan hätte? Du darfst ja gar nicht zeigen, wie schön du bist, obwohl die ja irgendwann perdu ist, die Schönheit. Verboten sogar dann, wenn dich jemand wirklich sexy findet und es einfach genießen würde, das zu sehen, für einen Augenblick. Für einen Augenblick des Glücks. Diese – wahrscheinlich sogar berechtigte – Angst, der könnte das als Aufforderung betrachten. Dabei will ich ihm nur eine kleine Freude bereiten – und mir. Diese Panik im Schwimmbad oder am Strand, dass sich vielleicht ein paar Härchen aus dem Slip herauskräuseln. Igitt, wie unanständig! Was sollen die Leute bloß denken! Lieber gleich alles komplett wegrasieren. Dabei finde ich meinen Busch wirklich schön. Was habe ich mich als Kind gefreut, als da endlich Haare zu wachsen anfingen! Und jetzt sind sie auf einmal pfui-bäh?

Die Geschichten, die wir Menschen uns erzählen, handeln fast immer vom verlorenen Paradies. Von der verlorenen Kindheit, der verlorenen Unbeschwertheit. Am Anfang der Dramen schwimmen ihre Helden noch bei Dämmerlicht und sanfter Sommerabendwärme in Seen und Flüssen. Am Ende blicken sie noch einmal wehmütig auf den Anfang zurück, bevor sie untergehen, bevor alles untergeht. Ich träume von einer Geschichte, die umgekehrt aufgebaut ist, einer Geschichte, die mit dem Untergang beginnt und mit dem Schwimmen in Seen und Flüssen endet. Gab es das schon mal? Eine Geschichte, die mit Chaos, Tod, Leid und Verzweiflung beginnt und dann immer besser und besser wird, bis alles gut ist?

[Die Umkehrung der Dramaturgie kommt der Sehnsucht nach Zerstörung des Gegenwärtigen gleich. Der darin zum Vorschein kommende Nihilismus ist ein dialektischer, weil er sich selbst zu einem neuen Sinn und zu einer neuen Fülle übersteigen will. Das geregelte, in vieler Hinsicht programmierte Mittelmaß des westlichen Durchschnittslebens kann kaum als ein zu Verbesserndes gedacht und entworfen werden. Es gibt immer nur graduelle und kaum spürbare Verbesserungen. Das selbstverschuldete oder auch schicksalhaft hereinbrechende Unglück bietet in der Phantasie die beste Kontrastfolie für das erdachte bzw. erst noch zu erdenkende Glück. Daher die Sehnsucht nach Zerstörung und Unglück, die irgendwann so überwältigend wird, dass man sich ihr dann auch handelnd unterwirft und das eigene Unglück wie das der anderen heraufbeschwört. Von dieser Art ist Donatas Sehnsucht. Sie findet eine Entsprechung in derjenigen, die Justus umtreibt. Und ist der Grund, weshalb die Autoren die Dystopie bevorzugen. Obwohl Donatas Gedankenspiele eine Lust an der Zerstörung offenbaren (sie nennt es Befreiung), folgt sie darin zugleich einer herrschenden Ideologie, für die das Neue immer besser ist als das Altbewährte. Kleidung, Autos, elektronische Geräte, Möbel, Accessoires werden mit immer höherer Frequenz ersetzt. Auch in bestehende Beziehungen hinein wirkt der Wunsch nach Erneuerung, allerdings ist der Bindungswunsch in der Regel sehr viel höher als die Sehnsucht nach einer neuen Beziehung oder nach außerehelichen Erfahrungen. Eine Beziehung aufzugeben käme dem Versuch gleich, das neue Auto selbst zu fertigen, oder ein besseres elektronisches Gerät selbst zu erfinden und zu bauen. Beziehungen sind kompliziert und stellen ein „Gut“ dar, in das bereits sehr viel „Arbeit“ investiert wurde. Der „Wert“ einer langjährigen Beziehung liegt weit über dem einer anvisierten neuen Beziehung. Bei Beziehungen stehen daher vor allem die Erneuerung bzw. Restrukturierung und die Selbstfürsorge im Fokus. Das können neue enge Freunde sein, die Entscheidung für neue Hobbies, Lektüre und Partnergespräche und das Experimentieren mit neuen sexuellen Praktiken mit dem Partner. Letzteres stellt viele Paare vor Probleme, da schon die Gespräche darüber die Bindung gefährden können. Der Partner, der ein Gespräch darüber beginnt, könnte damit zu verstehen geben, er sei unzufrieden mit dem partnerschaftlichen Sex – und sei es vielleicht schon immer gewesen. Sexuelle Phantasien können nur schwer ausgetauscht werden, weil sie im rückwärtigen Blick das bisherige Einverständnis und die Routine infrage stellen können. Phantasien könnten sich auch auf außerehelichen Sex beziehen und als Andeutung verstanden werden, die bestehende Bindung zu lockern oder gar aufzulösen.

Wenn es um Erneuerung geht, die mit Glücksgefühlen verbunden wird, geht es entweder um eine Erweiterung der häuslichen Produktpalette, um Wellness und Fitness, oder (in den letzten Jahren stark vermehrt) um die Optimierung des Sexlebens, um das herum sich ebenfalls ein großer, expandierender Markt gebildet hat. Auch wenn Donatas Befreiungsphantasien kaum auf neue sexuelle Erfahrungen bezogen sind, spielen sie doch (neben der künstlerisch-beruflichen Selbstverwirklichung) eine zunehmende Rolle, weil sie gerade in der Beglückung durch Konsum keine Lösung mehr sieht.]

Ein Chat: „Wart ihr denn schon mal in einem Pärchen-Club? Ich meine, ihr als kinderloses Ehepaar.“ „Ihr denn?“ „Ich habe mal Fotos in einem Swinger-Club gemacht.“ „Echt jetzt?“ „Sie hat nur in der Off-Zeit fotografiert, also danach, wenn die Putzkräfte die unappetitlichen Überreste beseitigen.“ „Du kannst nicht einfach bei laufendem Betrieb Fotos machen. Ihr würdet euch da ja auch nicht fotografieren lassen wollen. Ich hatte damals als junge Mutter leider keine Traute, mir das als Gast anzusehen. Ich hätte Thomas auch nicht fragen wollen, der fand’s sowieso schon komisch, dass ich diese Fotos gemacht habe.“ „Und jetzt?“ „Ich weiß nicht. Ich wäre ja vor allem an den Fotos interessiert.“ „Du würdest da nicht mitmachen wollen.“ „Erstmal eher nicht vorstellbar. Aber Marie müsste da eigentlich sehr erfahren sein. In der Zukunft könnte es normal sein, dass man mit seinem Partner in einen Swinger-Club geht.“ „Als Paar.“ „Ja, als Paar, weil du deine Partnerschaft ja nicht aufgeben willst. Wenn du einen Partner hast. Aber Marie geht auch solo in Clubs.“ „Gibt es da nicht einen unangenehmen Männerüberschuss?“ „Als Solo-Frau kommst du auch in die Pärchen-Clubs, das ist dann halbwegs überschaubar.“ „Scheinst dich ja auszukennen.“ „Nicht wirklich. Aber ich halte es für realistisch, dass es in Zukunft ein größeres Angebot geben wird und dass das auch wahrgenommen wird. Cybersex wird langfristig eine Nische für die Incels bleiben.“ „Incels?“ „Die unfreiwillig Zölibatären.“ „Und Pornografie?“ „Ich weiß nicht, wie das für Männer ist, aber für Frauen sind Pornos vor allem spannend, weil sie sehen, was möglich ist und was vielleicht für sie eine Erweiterung ihres Repertoires sein könnte. Pornos sind allenfalls Mutmacher, aber kein Ersatz für richtigen Sex, denke ich.“ „Denkst du.“ „Ja, weil ich keine Pornos gucke.“ „Solltest du aber vielleicht, wenn du glaubst, dass es für die Story von Bedeutung ist. Und vielleicht sollten wir einfach mal gemeinsam einen Pärchen-Club besuchen, damit wir wissen, wie das dort läuft. Ich meine, einfach nur zugucken. Wäre mir schon peinlich genug.“ „Das wäre endlich mal ein richtiges Abenteuer. Ich wäre dabei.“ „Ich weiß nicht.“ „Man muss ja nicht mitmachen.“ „Muss nicht?“ „Würden wir natürlich nicht.“ „Natürlich? Wer sich in Gefahr begibt, kommt bekanntlich darin um.“ „Spielverderber. Wer nichts wagt, gewinnt nichts.“ „Muss man wirklich alles hautnah kennengelernt haben, um darüber schreiben zu können?“ „Von hautnah ist ja keine Rede.“ „Aber vom Senken der Hemmschwelle. Wenn du es gesehen hast, willst du beim nächsten Mal vielleicht mitmachen, weil dir diese konkrete Erfahrung eben noch fehlt. Da kannst du das gleiche Argument bemühen wie fürs Zugucken.“ „Bist du eifersüchtig?“ „Nein.“ „Hast du Angst, du könntest selber Gefallen daran finden?“ „Bestimmt nicht.“ „Wo ist dann das Problem?“ „Du könntest Gefallen daran finden. Du hast doch schon Gefallen daran gefunden, oder nicht?“ „Also doch eifersüchtig.“ „Vermutlich. Neue Erfahrungen sind immer eine Bedrohung für ein stabiles System.“ „Was meinst du mit System? Du meinst unsere Beziehung. Die ist ein System? Ein stabiles System? Wenn da jede neue Erfahrung für dich eine Gefahr darstellt, dann sollte man wohl am besten keine neuen Erfahrungen machen, oder was?“ „Doch, schon, aber warum gerade in so einer heiklen Sache?“ „Sex ist eine heikle Sache. Du hast vollkommen recht. Aber warum ist das so? Sollte es so sein? Muss es so sein?“ „Weil an der Frage des Sex Beziehungen zerbrechen.“ „Rein theoretisch gefragt: Müssen Beziehungen daran zerbrechen, oder ist es nur eine Ideologie, die uns dazu verpflichtet, deswegen Beziehungen aufzulösen?“ „Seid ihr eigentlich noch beim Thema? Einen Club zu besuchen, um mal Mäuschen zu spielen, ist doch was ganz anderes als Fremdgehen. Finde ich jedenfalls. Das stünde doch allein unter dem Vorzeichen der Recherche. Naja, eine Portion Voyeurismus wäre auch dabei. Es gehen eine ganze Menge Paare in solche Clubs, ohne was mit anderen zu haben, oder ohne da überhaupt Sex zu haben.“ „Woher weißt du das denn jetzt? Du bist ja anscheinend auch voll auf dem Laufenden.“ „Multitasking. Ich google nebenbei.“ „Ich frage mich ehrlich, warum man sich das in natura ansehen muss. Was da passiert, können wir uns alle doch wohl ziemlich gut vorstellen. Und wir können uns ebenso gut ausmalen, wie die Club-Szene im Jahr 2050 aussehen könnte. Vermutlich sogar spannender als jeder heute existierende Club. Wir wären wohl alle sehr ernüchtert von dem Besuch so eines Clubs.“ „Also lieber kein Abenteuer.“ „Ein Abenteuer wäre es doch nur wegen des Reizes, am Ende doch mitzumachen.“ „Was würde eigentlich dagegensprechen? Nur mal so als Frage in den Raum gestellt, weil das ja offenbar eine echte Tabuzone für uns alle ist. Warum sollte Marie Tabus übertreten, denen wir selbst aus dem Weg gehen wollen?“ „Dann ist Marie eben eine Angst-Büx. Genau wie wir. Aber Marie tickt eben ganz anders als wir.“ „Und wir ticken so, wie wir ticken. Wir können nicht aus unserer Haut.“ „Das ist genau das Stichwort: Wir können nicht aus unserer Haut. Wir wollen keine neuen Erfahrungen machen, weil wir Angst vor den Konsequenzen haben. Deswegen bewegt sich auch nichts mehr in unserem Leben. Wir warten nur geduldig darauf, dass Omas, Tanten, Onkel und Eltern sterben, dass unsere Freunde Krebs kriegen, oder ihre Ehe in die Brüche geht, damit immer mal wieder was Aufregendes passiert. Hauptsache wir selbst sind nicht die Leidtragenden. Die armseligen Abenteuer, die wir noch erleben, sind nur noch die, die uns zustoßen, die wir erleiden. Selbst etwas in Bewegung zu setzen, riskieren wir nicht. Wir haben Angst zu verlieren, was wir zu besitzen glauben. Aber dieser vermeintliche Besitz schrumpft von Tag zu Tag. Wir leben von der Substanz – und den Verlusten, die andere erleiden. Ist es nicht viel sinnvoller zu investieren, was man hat, jedenfalls einen Teil davon? Wenn ich mit 90 Jahren sterbe, oder so, dann bleibt von all dem gut Gehorteten doch auch nichts übrig. Und es geht ja noch nicht mal um Geld und Wohlstand, es geht nur um Erfahrungen. Ich brauche jetzt auch nicht unbedingt die Erfahrung in einem Club, bestimmt nicht, es geht mir grundsätzlich um die Frage, welche Erfahrungen ich noch machen kann und setze dabei vielleicht etwas naiv voraus, dass Erfahrungen auf jeden Fall bereichernd sind. Wir dümpeln doch nur die ganze Zeit vor uns hin, weil wir unsere Komfortzone nicht verlassen wollen. Aber in der Komfortzone zu bleiben, bedeutet immer Stagnation, und Stagnation ist es doch, was uns unzufrieden macht.“ „Wir schreiben einen Roman.“ „Ja, aber wir sollten einen Roman schreiben, in dem die Figuren, oder jedenfalls eine der Figuren ihre Komfortzone verlässt.“ „Und scheitert?“ „Meinetwegen. Wenn sie scheitert, dann gibt man all denen Recht, die beharrlich davor warnen, die Komfortzone zu verlassen. Die erfolgreichsten Menschen haben aber immer irgendwann den Entschluss gefasst, ihre Komfortzone zu verlassen.“ „Und von den Gescheiterten erfährt man leider nichts. Wir kennen immer nur die Erfolgsgeschichten. Und das sind eher wenige.“ „Dann müssen wir in unserem Roman also beschreiben, wie es sich die Mehrheit der Menschen in ihrer schönen neuen Komfortzone bequem gemacht haben? Auch eine Lösung. Ein Roman über das Unglück in der Komfortzone zu leben. Ehrlich gesagt, fände ich das ziemlich langweilig.“ „Oder bedrückend, gruselig. Keiner traut sich mehr was.“ „Oder nur noch die, die die Macht haben. Die können sich alles erlauben.“ „Wird aber auch langweilig.“ „Also doch: Es ist langweilig. Euch geht es doch auch so. Ihr wollt doch auch lieber Geschichten von Menschen lesen, die ausbrechen, die Risiken eingehen, die etwas aufs Spiel setzen. Ist das nicht die einzige Möglichkeit in einer heillosen, rettungslosen Welt, das richtige Leben zu führen? Wir sind gierig nach Abenteuern, aber wir lassen sie nur die Schauspieler in Kino-Blockbustern erleben. Mir reicht das nicht mehr. Wenn ich von Abenteuern schreibe, dann möchte ich mir die nicht ausschließlich ausgedacht haben.“ „Die Abenteuer sind im Kopf.“ „Ich fände es schon sehr abenteuerlich, wenn wir uns gemeinsam ausdenken würden, wie die Clubs beschaffen sind, in die Marie geht, und was die Menschen dort so treiben.“ „Würden wir uns das wirklich zutrauen?“ „Du hast recht, wir sollten es lassen, das würde nur, wie du schon richtig gesagt hast, die Hemmschwelle senken. Wären wir damit durch, würden wir schließlich doch eine Ortsbegehung beschließen, uns über zwei drei Pärchen hermachen und schließlich als geschiedene Prostituierte in der Gosse landen.“ „Und? Wie sähe es denn in Maries Lieblingsclub aus? Wer fängt an?“ Schweigen. „Keine Ahnung. Ich würde doch erst mal auf einschlägigen Websites nachsehen, was heute schon angeboten wird, so als erste Orientierung.“ „Und Swinger-Videos anschauen?“ „Sind das dann nicht gestellte Szenen? Die erzeugen doch ein vollkommen falsches Bild.“ „Oder ein sehr ernüchterndes.“ „Donata, wie sollte der Schuppen denn aussehen, in den Marie wirklich gerne geht?“ „Im Moment habe ich eher sowas wie eine Disko vor Augen, eine Disko mit verschiedenen Darkrooms für unterschiedliche Bedürfnisse. Für ein Luxus-Etablissement hätte Marie doch gar nicht das Geld.“ „So mit Saunalandschaft, Pools, Cocktailbar und Himmelbetten.“ „Ich weiß es wirklich nicht.“ „Wie auch? Du bist ja nicht solo, wie Marie.“ „Was würdest du dir denn wünschen, wenn du solo wärst?“ „Ohne Ehemann und ohne Kinder?“ „Ja, lösch die spaßeshalber mal komplett aus.“ „Geht nicht, vollkommen unmöglich. Das geht nicht so spontan. Absolute Leere in meinem Kopf.“ „Dann haben wir ja eine hübsche Hausaufgabe für dich gefunden.“ „Und ihr? Warum soll das allein meine Hausaufgabe sein? Was ist denn zum Beispiel mit Birthe und Ernest? Die leben doch auch nicht zölibatär. Birthe ist genauso solo wie Marie. Die will doch auch mal ihren Spaß haben.“ „Tja, Birthe ist ja irgendwie das Ebenbild von Sarah. Die kommt ganz gut ohne Spaß aus. Die ist eines der letzten Exemplare einer vergangenen Epoche, in der Frauen Sex schmutzig fanden und für eine lästige Nebensache hielten, wenn sie einen Partner dauerhaft an sich binden wollten. Sarah, hast du nicht selbst gesagt, die Bedeutung von Sex wird massiv überschätzt?“ „Sex ist wichtig. Aber es gibt größere Probleme in der Welt als die, die du für sexuelle Probleme hältst.“ „Sex ist wichtig. Das hört sich an wie ‚Hygiene ist wichtig‘. Genau das meinte ich gerade: Sex ist für manche, haha, ‚antike‘ Menschen ein funktionaler, instrumenteller Aspekt in einer Beziehung, eine Art Steuerinstrument.“ „Da irrst du dich aber gewaltig. Es kommt eben auf die Qualität an. Im Übrigen: Ich hätte keine Probleme damit, in so einen Club zu gehen.“ „Ich nehme dich beim Wort.“ „Moment! Und wenn ich da gar nicht hin wollte? Würdet ihr dann wieder so ein Dreier-Ding daraus machen?“ „Nein Thomas, ohne dich würden wir das natürlich auf keinem Fall machen. Wenn, dann müsstest du schon mitkommen. Oder wir gehen gar nicht. Außerdem: Hatten wir nicht längst beschlossen, dass wir das im Gespräch klären?“ „Die Hausaufgabe für Donata und Thomas? Du machst einen Rückzieher.“ „Nein, ich denke nur darüber nach, was die effektivste Lösung ist. Ich glaube nicht, dass wir nach dem Besuch eines Swinger-Clubs auch nur einen Deut schlauer wären. Die Phantasie hat da sicher weit mehr zu bieten.“ „Deine Phantasie, Sarah?“ „Meinst du, ich könnte in dieser Hinsicht keine Phantasien entwickeln?“ „Keine Ahnung, jedenfalls würdest du dich schwertun, sie auch in Worte zu fassen.“ „Täusch dich nicht!“ „Das ist es! Die Schlüsselszene des Romans: Paul zieht sich eine Dosis Adrenalin oder irgendein Zeug rein und führt Marie in einen Edel-Club aus, den sie sonst niemals bezahlen könnte. Aber Paul hat ja genug Geld. Hey, wer macht noch ein Date im Restaurant? Um sich so richtig in Stimmung zu bringen, geht man in einen Sex-Club für Paare! Und wen treffen die da? Natürlich Birthe und Ernest! Eine ziemlich peinliche Begegnung für Marie und Birthe, von wegen beruflicher Hierarchie und so. Vor allem Birthe fühlt sich nicht besonders wohl. Das reizt Marie dazu, vor ihren Augen Sex mit Paul zu haben, und vielleicht macht sie sich dann auch noch an dem Ding von Ernest zu schaffen. So lernen sich die Vier erst richtig kennen. Vielleicht macht sich Marie dann auch noch an Birthe ran. Sie fesselt sie im BDSM-Raum und genießt es, Macht über ihre sonst so ungeliebte Chefin zu haben.“ „Übertreib’s mal nicht, Justus. Was wäre dann noch mit der Rolle, die Omi in Maries Leben spielt? Wenn sie so draufgängerisch ist.“ „Die hat sich halt was Enthemmendes eingeworfen. Aber das mit Omi droht ja eine festere Beziehung zu werden. Das will Marie auf keinen Fall. Omi hat sehr exklusive Ansprüche an eine Beziehung, das ahnt Marie. Darum gibt sie sich bei Omi sehr viel spröder. Die gehen alle sehr strategisch in der Frage von festen Beziehungen vor. Marie ist ja durchaus nicht lesbisch, aber sie könnte trotzdem Spaß daran haben, bei Birthe einen Orgasmus mit einem Hochleistungsvibrator zu erzwingen. Und Ernest holt sich dabei einen runter.“ „Du schaust echt zu viele Pornos, Justus.“ „Tatsächlich? Dann wärst ja eigentlich du der Kandidat dafür, sich eine Szene im Club auszudenken. Hast deine Phantasie ja schon eifrig spielen lassen.“ „Nee, das könnte vielleicht etwas zu krass werden, ehrlich. Mich interessiert weit mehr, was in euren Köpfen so vor sich geht.“ „Wow, wir sind wirklich eine hübsche Versammlung von Feiglingen. Trotzdem war das jetzt schon ein richtiges kleines Abenteuer. Findet ihr nicht? Es macht echt Spaß, mit euch hemmungslos über alles reden zu können.“ „Sollten wir unbedingt fortsetzen.“

*

Donata beginnt kurz nach dem Start des Projektes einen Blog, auf dem sie ihre neuesten Fotos veröffentlicht und kurze Berichte über die Entwicklung des Romans schreibt – aus ihrer Sicht. [Dadurch würden sich die Gewichte zwischen den Autoren allerdings stark verschieben. Das hätte nicht nur Nachteile, sondern vielleicht auch den großen Vorteil, dass eine Figur deutlich in den Vordergrund rücken würde, in diesem Fall Donata. Um Sarah am Ende zur Herausgeberin machen zu können, müsste Donata allerdings irgendwann aus dem Projekt aussteigen und ihr „Ich will endlich raus!“ wahr werden lassen. Vielleicht kommt Donata auf die Idee mit dem Blog auch erst, nachdem ihr Sarah von dem anonymen Blog von Krull&Krull erzählt hat. Hinter diesem Blog könnten sich allerdings auch Sarah und Justus verbergen. Damit wäre die Konstellation des kinderlosen Paares komplett auf den Kopf gestellt. Der Blog von Krull&Krull käme nur in kurzen Zitaten im Roman vor. Sarah und Justus wären dann (wieder) ein eingeschworenes Team, das Donata und Thomas für eine Art soziales Experiment an den Angelhaken genommen hat. Sie spielen dann sowohl gegenüber Thomas und Donata eine verabredete und pseudoauthentische Rolle, als auch auf ihrem Blog. Dort könnten sie auch in verschlüsselter Form über ihr soziales Experiment berichten. Wäre Sarah dann noch die Business-Frau wie zuvor? Wäre Justus dieser erfolglose Jugendbuch-Autor? Oder wären sie in Wirklichkeit glückliche Lottomillionäre, die ihre Berufe bereits vor vielen Jahren aufgegeben hätten? Vielleicht hätte Justus tatsächlich diese Romane geschrieben und wenig Erfolg gehabt. Vielleicht hat Sarah wirklich eine Weile in einem großen Unternehmen gearbeitet. Ein mögliches Szenario: Nachdem Sarah und Justus einen zweistelligen Millionenbetrag im Lotto gewonnen hatten, stellte sich die Frage, wie sie damit umgehen sollten. Ein neues Leben beginnen, nicht mehr arbeiten müssen, aber sich auch nicht langweilen. Zudem wollten sie nicht, dass jemand von ihrem plötzlichen Reichtum erfährt. Sie haben ihren ursprünglichen Wohnort verlassen und sich neue Identitäten zugelegt. Sie bewohnen mehrere Wohnungen, eine davon ist die von „Justus und Sarah“, eine andere die von „Krull&Krull“. In einem neuen Roman, den „Sarah und Justus“ gemeinsam schreiben wollten, sollten ihre erfundenen Charaktere im Zentrum stehen. Um sich mit diesen Figuren wirklich identifizieren zu können, hatten sie begonnen, in der Öffentlichkeit mit ihren erfundenen Backstories aufzutreten. Es war ein verrücktes und dekadentes Spiel, das unter anderem darin bestand, bei Begegnung mit Fremden neue Details ihrer Geschichte spontan zu erfinden und zu improvisieren. Bedingung war, die „Angebote“ des anderen immer zu akzeptieren. Das Projekt „Sarah und Justus“ sollte zunächst auf ein Jahr begrenzt werden und am Ende sollte eine Art Roman daraus entstehen. Ihren Freunden (und ihren erwachsenen Kindern?) kündigen sie eine einjährige Auszeit im Ausland an. Als sie Donata kennenlernen erzählt Justus zwar von seiner Vergangenheit als Jugendbuchautor, sagt aber, der Name, den er damals verwendet habe, sei ein Pseudonym gewesen. Viele Autoren schreiben unter Pseudonym. Als dann Sarah, nachdem sie von Donata gehört hat, sie sei Fotografin, spontan die Geschichte von dem Reiseführer erfindet und dann auch noch leichtfertig von Rumänien spricht, gerät das Paar in Zugzwang, nachdem sich Donata für die Fotos angeboten hat. In Rumänien entsteht die Idee mit dem gemeinsamen Roman. Sarah findet es viel spannender, Donata und Thomas in ihr Spiel fest zu integrieren. Sie ahnen noch nicht, wie fatal sich dieses unmoralische Spiel auf Donata und Thomas auswirken wird. Die Rollenverteilung zwischen Sarah und Justus konkretisiert sich. Sie konstruieren sich als ein höchst problematisches, kinderloses Paar. Justus liebt die Rolle des Provokateurs, Sarah denkt sich ihre Geschichte vor dem Lottogewinn weiter. Was wäre gewesen, wenn sie nicht plötzlich im Geld geschwommen wären? Hätte ihre Beziehung gehalten? Auch diese Frage spielt für sie eine Rolle. Das ist für beide nicht nur angenehm. Das Improvisieren kann für sie auch schmerzhafte Seiten haben, denn bei aller Offenheit, die sie beide seit einigen Jahren pflegen, gibt es doch immer noch wunde Punkte. Aber sie haben auch Spaß daran, ihre unterschwelligen Auseinandersetzungen in den Chats auf die Spitze zu treiben. Die Konsequenz müsste allerdings sein, dass Thomas und Donata bei diesem Experiment am Ende irgendwie auf der Strecke bleiben. Der letzte Teil, den sie schreiben, wäre dann auch möglicherweise etwas wie eine doppelbödige Beichte. Und ja, Thomas hat recht, als er irgendwann anmerkt, er fühle sich wie eine Art Versuchstier. Die Pfade führen immer wieder hinaus in die gefakten Blogs von Donata und Krull&Krull. Zugleich bleibt der Roman über das Vierer-Team in sich homogen. Für Donatas Blog müssten allerdings gefakte Fotos entstehen, für die sich Freiwillige zur Verfügung stellen müssten. Entsprechend würden die Grenzen des Romans radikal aufgesprengt.

Die Geschichte einer Manipulation? Wie würden Sarah und Justus in das Leben von Donata und Thomas verwickelt – und umgekehrt? Was passiert, wenn aus dem Spiel Ernst wird? Nehmen Justus und Sarah ihre Verantwortung wahr? Was, als klar wird, dass Thomas im Burn-out steckt? Was, als deutlich wird, wie sehr Donata ihre Kinder vernachlässigt? Was, als Donata immer stärker von Thomas abrückt? Intervenieren sie? Beginnt Sarah sich um die Jungs zu kümmern? Wie kommen sie aus dieser Nummer wieder heraus? Was ist mit dem Vertrauen, das Thomas und Donata in sie entwickelt haben? Wenn das gemeinsame Romanprojekt scheitert, und dazu auch die Beziehung zwischen Thomas und Donata, dann laden Justus und Sarah zu große Schuld auf sich. Die Hexenmeister können über den Besen, den sie zum Leben erweckt haben, nicht mehr verfügen.

Was kann dann noch im Haus am See geschehen? Sarah und Justus könnten die Figuren des Zukunftsromans am Ende auslöschen, erschießen – und Thomas und Donata ihre Geschichte erzählen, woraufhin Donata und Thomas schließlich Justus und Sarah erschießen.

Die Katastrophe am Ende des Hauptteils müsste dazu führen, dass Sarah alle in ein Haus in Rumänien einlädt, um die Sache, den Betrug aufzuklären. Übrigens dürfte dann zwischen Donata und Justus nichts „Außereheliches“ vorgefallen sein. Oder etwa doch? Ist das vielleicht Teil der Katastrophe, dass Justus und Sarah ebenfalls nicht ungeschoren aus der Geschichte herauskommen? Weil Justus übertreibt, übermütig wird? Weil Sarah tatsächlich eine Affäre mit Pascal hatte? Weil Justus und Sarah bald selbst nicht mehr wissen, was Wirklichkeit und was Fiktion ist?

Umorganisationen: Die erdachte Affäre mit Pascal lässt Sarah schon sehr frühzeitig heraus. Und Sarah wird tatsächlich noch einmal schwanger, allerdings von Justus. Wer hätte das gedacht? Donata hat bei einem Treffen bemerkt, dass Sarah ein Bäuchlein kriegt. Aber Justus erfindet die Beziehung zu Xaver, den sich Sarah einmal im Chat spontan ausgedacht hatte. Wie reagiert der erfundene Justus darauf? Zieht er sich zurück? Welches Drama inszenieren Sarah und Justus dafür? Oder ist Sarahs Schwangerschaft doch nur erfunden? Dann wollen Sarah und Justus nur sehen, wie Thomas und Donata auf dies Drama reagieren, die wie erwartet und erhofft, zu Liberalität und Verzeihen ermahnen. Dann ist wenigstens endlich ein Kind in der Familie? Ist doch nicht so schlimm, wenn es ein braunes ist. Ist es braun? Wer war nochmal Xaver?

Noch einmal das Modell: Dem Paar, das sich die Namen Justus und Sarah gegeben hat, eröffnen sich mit einem Lottogewinn alle Möglichkeiten, ein anderes Leben als zuvor zu führen.  Die beiden beschließen, zunächst für ein Jahr in neue Identitäten zu schlüpfen, ihr Leben gewissermaßen zu einem Roman zu machen. Für dieses Spiel brauchen sie natürlich auch Mitspieler, die zugleich ihr Publikum sind. Eine dekadente Maskerade, die zugleich ein Selbsterfahrungstrip sein soll. Grundsätzlich sehen sie keine moralischen Probleme, denn sie treten ja als „normales“ Paar auf. Dass sie ihre Geschichten und ihre Handlungsmotive erfinden bzw. improvisieren, ist ihr persönliches Spiel. Für die Konsequenzen, die die anderen daraus ziehen, sind sie nicht verantwortlich, oder nicht mehr, als wenn sie sich mit anderen Geschichten ausstatten würden, oder „sie selbst“ wären. Dieses „wir selbst“ haben sie aber grundsätzlich in Zweifel gezogen. Sie sind, was sie aus sich machen. Solange sie nicht direkt in das Leben der anderen eingreifen, oder Profit aus ihren Bekanntschaften zu ziehen versuchen, den anderen schaden, ist das, was sie tun, im engeren Sinne kein Betrug. Jeder Mensch erfindet seine eigene Geschichte, indem er aus Fragmenten seiner Erinnerungen Sinnkonstrukte herstellt und sich so eine Identität verschafft. Diese Neigung jedes Menschen treiben Justus und Sarah spielerisch auf die Spitze. Als zweckfreie Kunst, als gelebte Literatur. Erfinde dein Leben! Sie können es sich erlauben, es ist eine ganz besondere Form des Luxus. Die Menschen verbergen sich doch auch in ihrem scheinbar authentischen Leben hinter Masken. Hinter die Masken der anderen wollen Sarah und Justus schauen, indem sie sich selbst Masken aufsetzen und sich Methoden überlegen, mit denen sie die anderen dazu verführen können, ihre Masken fallenzulassen. So der Plan. Was für ein Vergnügen! Aber aus jedem Spiel wird irgendwann ernst. Justus ist fasziniert von Donata und lässt sich auf eine Affäre mit ihr ein. Justus hat die Grundregel verletzt und auch ihr Bündnis in Gefahr gebracht. Sarah will aussteigen, sie ist verletzt, fühlt sich aber irgendwie auch gebunden an die libertäre Haltung, die sie aus Thomas und Donata herauszulocken versucht haben. Seitensprung? Muss das ein Grund für die Trennung sein? Sarah begibt sich auf eine fiktive Reise nach Rumänien und zieht vorübergehend in die Zweitwohnung, wo sie sich in neue Kapitel für Birthe vertieft. Überhaupt: Justus hat sehr viel mehr Gefallen an dem Spiel mit falscher Identität, und Sarah interessieren immer mehr die Fragen, die sich aus dem Zukunftsroman ergeben. Sie wird ernster und bekommt Skrupel. Sie will, dass der Zukunftsroman seriös wird. Das ist sie den beiden Mitautoren schuldig. Sie sollen wenigstens mit einem Ergebnis aus diesem Spiel gehen, das sie befriedigt. Deshalb schreibt sie auch die Kapitel für Ernest, die Justus nicht in Angriff nimmt. Sie begreift, dass ihr Spiel nur eine schöne Illusion gewesen ist und dass Justus sich nicht verändert hat. Ihr stoßen all die Verhaltensweisen von Justus auf, die sie auch schon vor dem Lottogewinn gestört haben. Und Justus fühlt sich immer noch von Sarah dominiert und beginnt, nur noch seinen Vorteil zu suchen, den Nervenkitzel. Er beginnt immer mehr, seine Macht zu genießen und auszunutzen. Um Schlimmeres zu verhüten, müsste Sarah die ganze Sache auffliegen lassen. Oder kommt ihnen Thomas auf die Schliche? Sarahs Erzählungen von ihren beruflichen Erfolgen entsprechen keine Informationen im Internet. Lügen haben kurze Beine. Das Pseudonym, das Justus angeblich für seine Jugendbücher benutzt hat, ist sein wahrer Name, Justus Stirner das Pseudonym. Thomas und Donata müssen sich ausgenutzt und ausgebeutet fühlen. Aber warum? Zu welchem Zweck?

Peinliche Situation. Der erste Affekt: Schuldeingeständnisse, tiefe Scham, Rückzug. Wollen jetzt alle kapitulieren? Soll der Roman nicht beendet werden? Gehen zwei Ehen in die Brüche? Kann und darf es das Kunstwerk Leben (als gelebte Fiktion, als freies Spiel) nicht geben?

Aber es ist doch auch ein spannendes, aufregendes Spiel gewesen! Ist der Gedanke, das Leben als Spiel aufzufassen nicht nach wie vor reizvoll und sogar sinnvoll? Was spricht gegen das Erproben immer neuer Rollen? Ist das nicht die einzige Möglichkeit der Befreiung: sich an die eigene Geschichte gebunden zu fühlen? Sartre meinte, wir hätten „unsere Geschichte zu sein“, aber erschrieb ebenfalls, dass das Wesen des Menschen Freiheit sei. Noch der Gefangene habe die Freiheit, gegen die Gefängnismauern anzukämpfen, auf den Entwurf in die Zukunft käme es an. Es gibt die Möglichkeit, dass sich die vier Autoren erneut verbünden und in eine neue Phase des Spiels übergehen, für das keine Masken mehr nötig sind.

 

Die literarischen Motive und ihre dramaturgische Bedeutung:

Der Lotto-Jackpot und das gute Leben: Wenn es um die Frage geht, „wie wir leben wollen“, dann fallen uns viele Hindernisse ein, die verhindern, dass wir so leben könnten, wie wir wollten. Es sind zumeist wirtschaftliche Einschränkungen, die uns daran hindern, immer das zu tun, was wir wollen und für richtig halten. Wenn es um das gute und vor allem richtige Leben geht, also der moralische Aspekt in den Vordergrund gerückt wird, geht es oft nicht mehr um das angenehme und bequeme Leben, sondern um die Harmonie aller mit der Natur, mit sich selbst und dem Planeten Erde. Es erscheint illusorisch, auf eine Revolution oder eine weltanschauliche bzw. religiöse Massenumkehr zu hoffen, die allen Menschen ein menschenwürdiges Leben in und mit der Natur ermöglichen würde. Die moralischen Ansprüche derer, die sich eine solche Revolution wünschen, verschwinden nicht mit der Einsicht in die Unwahrscheinlichkeit, dieses Ziel jemals erreichen zu können. Die individuelle Lösung besteht in einer Mischkalkulation, bei der die Vorteile der unausweichlichen Einbindung in eine kapitalistisch organisierte Gesellschaft mit einigen wenigen signifikanten Elementen kombiniert werden, die den Lebensweisen und Einstellungen im moralisch-ökologischen Utopia zu entsprechen scheinen. Wenigstens graduell in geringerem Maß das eigene Leben nach den Maßgaben des raubbauenden Kapitalismus zu gestalten, beruhigt das Gewissen und bedient damit die Sehnsucht danach, ein moralisch richtiges Leben zu führen. Die Elemente können im Bereich der Ernährung liegen (Bio-Produkte, Vegetarismus, Konsumvermeidung, Umweltaktivismus etc.), im caritativen Bereich (Spenden, soziales Engagement, Menschenrechtsorganisationen etc.) oder im Bereich des politischen Aktivismus. Die Aktivitäten können aber immer nur auf der Grundlage einer gewissen wirtschaftlichen Potenz aufrechterhalten werden. Entweder man arbeitet für eine Umweltorganisation, oder man ist zum Beispiel ein politischer Abgeordneter. Wenn nicht, muss das moralisch motivierte Ausgleichsverhalten durch die Beteiligung an genau dem Wirtschaftssystem erkauft werden, gegen das sich die moralischen Bemühungen in letzter Konsequenz richten müssen.

Bei den wenigsten Menschen stehen vermutlich die moralischen Grundsätze und Ziele als Handlungsmaximen an erster Stelle, sogar für die wenigsten Aktivisten. Das wirtschaftliche Fundament für das Handeln muss in jedem Fall gelegt und gesichert werden. Wer kein Geld besitzt, ist in jeder Hinsicht ohnmächtig und könnte allenfalls noch zum Märtyrer werden. Menschen, für die das gute und richtige Leben in hohem Maße ein moralisch richtiges ist, leben daher trotz aller Bemühungen in einem Widerspruch zwischen ihren Werten und der Eingebundenheit in einen vermutlich zerstörerischen und teils unmoralischen Wachstumskapitalismus. Der Widerspruch lässt sich nur zu einer Seite hin auflösen, nämlich in die Richtung eines hemmungslosen Hedonismus, der das kapitalistische System ohnehin antreibt. Zur Seite eines mit wahrnehmbaren Effekten verbundenen moralisch richtigen Handelns gibt es nur graduelle Steigerungsmöglichkeiten, die mit hohem persönlichen Aufwand erreicht werden können – oder auf der Grundlage eines größeren Vermögens (Bill und Melinda Gates). Wer wenig hat, empfindet dagegen die meisten moralischen Ansprüche als Luxus.

Bei der Frage, wie sie sich ein gutes und optimales Leben vorstellen, würden die meisten Menschen als erstes an das wirtschaftliche Fundament denken: Geld. Geld öffnet alle Türen. Der Lotto-Jackpot von 25 Millionen Euro (für wirklich Reiche ein lächerlicher Betrag) eröffnet für den Otto-Normalverbraucher viele neue Möglichkeiten, die für ihn mit dem guten Leben in Verbindung stehen. Wenn man den Betrag erst einmal auf seinem Bankkonto weiß, verblassen die guten Vorsätze, einen großen Teil davon für gute Zwecke zu spenden. In den Vordergrund rücken vergangene unerfüllte und neue ungeahnte Konsumwünsche, zu denen im Prinzip alles gehört, was bezahlt werden muss, also auch z.B. Reisen, das Haus am See, teure Restaurants – alles das, was sich auch Ernest leisten kann. Er ist der Superreiche, der sich seinen Reichtum erarbeitet hat und seine moralischen Ansprüche auf individuelle Weise mit den Notwendigkeiten des kapitalistischen Systems vermittelt hat. Er hat wie die meisten Anderen persönliche Schuld auf sich geladen (das „Findelkind“) und ist in kollektive Schuld verwickelt, der er aber zu entkommen versucht hat. Birthe hat für sich eine Nische gefunden, in der sie ihre Verwicklung in kollektive Schuld weitgehend ausblenden kann. Daher hält sie sich für moralischer als Ernest.

Das gute Leben auf der Grundlage eines großen Vermögens kann auch noch einige Aspekte im Randbereich der Konsumkultur aufweisen: Freizeit, Zeit für kreative Tätigkeiten, die Lösung aus belastenden bzw. lästigen Bindungen etc. Das Paar mit dem Lottogewinn muss sich nicht mehr als Zugewinngemeinschaft verstehen, dessen wirtschaftliche Situation durch eine Trennung gefährdet werden würde. Die wirtschaftliche Unabhängigkeit (12 Millionen für jeden) wirft die Frage auf, ob die Partnerschaft unter diesen Bedingungen weiter aufrechterhalten werden soll. Abgesehen davon, dass man sich die Liebe und Anerkennung des Partners wünscht und benötigt, bietet der Reichtum die Möglichkeit, eine bestehende Partnerschaft weitgehend risikolos zu gefährden, etwa durch Seitensprünge oder die Uneinigkeit über weitere Ziele und Konsumwünsche (der Wohnsitz in der Karibik oder am Gardasee? Ich hier, du da?). Man muss keine Kompromisse mehr machen. Und wie viele Kompromisse man früher gemacht hat, bemerkt man erst mit dem unverhofften Reichtum.

Es gibt viele Fallstricke für die neuen Lottomillionäre: Das Geld ist schnell sinnlos ausgegeben, Freundschaften zerbrechen, nachdem man mit dem neuen Reichtum geprahlt hat und die fordernden falschen Freunde zahlreicher geworden sind. In einer Kleinstadt wie Parchim oder Pocking gäbe es auch viele Bittsteller aus Politik und Kultur, die lästig werden könnten. Die Angst vor Überfällen und Entführung steigt (wenn auch eher unbegründet). Es ist ratsam, den Millionengewinn geheim zu halten und den Konsum nur sehr moderat zu steigern.

Für Sarah und Justus stehen mit dem Gewinn (in diesem Modell) wichtige Entscheidungen an. Wollen sie ihr Kapital durch Arbeit und Investitionen weiter vermehren? Oder nutzen sie es für die Ausgestaltung eines guten Lebens? Wollen sie weiter eine Wochenend-Ehe führen? Will Sarah jetzt doch noch ein Kind? Justus will sich angesichts der neu gewonnenen Freiheit nicht unnötig einschränken. Nicht durch ein Kind. Über ihre Träume sind sie sich anfangs noch nicht wirklich klar. Wird Justus weiter Romane schreiben und auf den großen Erfolg hoffen? Die Ruhe zum Schreiben hatte er doch auch schon zuvor. Will Sarah weiter in ihrem Beruf arbeiten? Oder kauft sie sich in das rumänische Mode-Label ein, das ihr bisheriges Unternehmen, für das sie arbeitete, aufkaufen oder untergehen lassen wollte? Spenden die beiden eine beträchtliche Summe ihres Vermögens für gute Zwecke? Das würde sie sympathisch machen. Als Teilhaberin von HEDDA/Irascible und Mitglied des Managements müsste sie nicht mehr so viel Zeit mit echter Arbeit zubringen wie zuvor. Sie hat Zeit. Und Justus hatte immer schon Zeit. Was wollen sie mit dieser Zeit anfangen? Alle wirtschaftlichen Hindernisse sind aus dem Weg geräumt. Sie können ihr Leben gestalten, wie sie wollen, solange sie das Geld nicht für Überflüssiges ausgeben. Und das will Sarah auf keinen Fall. Justus verfällt erst einmal dem Kaufrausch und plappert gegenüber Freunden und Bekannten aus, dass sie sich über Geld keine Sorgen mehr machen müssen. Justus feiert Partys und gibt das Geld mit beiden Händen aus. Bis die ersten Bittsteller auf der Matte stehen und die Freunde zu Trittbrettfahrern mutieren. Irgendwann steht für beide fest, dass sie in sich gehen müssen (vor allem Justus) und ihr weiteres Leben, wenn es denn ein gemeinsames bleiben soll, planvoll gestalten müssen. Sie machen sich sehr viele Gedanken über ein „gutes Leben“ in einer „schlechten Welt“. Mit Spenden ist es nicht getan, auch nicht mit einer Minimierung ihres Konsums auf das Allernötigste. Und lebt der Mensch, um weite Reisen zu machen? Sie spüren, dass ihnen eine ideelle Grundlage für das gute Leben fehlt, die über den Anspruch hinaus geht, das Leid anderer Menschen zu lindern und die Zerstörung der Natur zu verzögern und ansonsten einen Beitrag zu gesellschaftlichen Aufgaben durch ihre Arbeit oder ihr Geld zu leisten. Was macht ein gutes Leben jenseits der kulturell vermittelten Werte aus, denen Justus und Sarah nicht abschwören wollen? Was ist Freiheit? Freiheit des Geistes, Freiheit des Handelns. Justus findet, die Kunst, die Literatur und die Musik seien die letzten verbliebenen Reiche der Freiheit. Genaugenommen alles das, was Hegel als „den seiner selbst bewussten Geist“ definiert: Die Künste, die Religion und die Philosophie. Schreiben, denken, Kunst machen. Das eigene Leben zu einem Kunstwerk machen, zu einem freien Spiel, zu einem literarischen Kunstwerk. Das menschenwürdigste Leben ist das im freien, sorglosen Spiel. Hat man die Möglichkeit (qua Lotto-Jackpott) einmal gewonnen, dieses freie Spiel zu spielen, dann ist man dazu auch verpflichtet. Und was ist mit einem Kind? Justus findet Sarah zu alt dafür und würde die Möglichkeit des freien Spielens massiv einschränken. „Denk nur daran, dass wir für mindestens 13 Jahre an eine Schule und an eine Stadt gebunden wären!“

Sarah und Justus machen einen neuen Anfang in einer anderen Stadt. Hier entwickeln sie ihren Plan, ein in ideeller Hinsicht freies Leben zu führen. Teil dieses Plans ist die spielerische Fiktionalisierung ihrer Geschichte und ihrer Identität. Die Kunst speist sich aus der Improvisation, deren Hauptregel darin besteht, „Angebote zu akzeptieren“ und Hochstatuswettkämpfe möglichst zu vermeiden (Keith Johnstone), sowie der geplanten Lüge unter dem Vorbehalt, dass dadurch niemand übervorteilt, ausgebeutet, physisch verletzt, seelisch traumatisiert oder in anderer Weise seiner Menschenwürde beraubt wird. Bei genauerer Betrachtung dieser Regeln wird deutlich, dass alle die Regeln einschränkenden Begriffe ohne Definition zu schwammig bleiben – ebenso wie schon der Begriff der Freiheit. Wo endet die Freiheit und wie wird sie eingeschränkt durch die Verantwortung?

„Definitionen:

Freiheit: absolute Gedankenfreiheit, bedingte physische Freiheit, die die physische Freiheit Anderer nicht beschneidet. Die Gedankenfreiheit ist nicht automatisch auch schon eine Freiheit, diese Gedanken auszusprechen. Vor allem kann das Aussprechen von Gedanken als sprachliche Handlung die Freiheit Anderer beeinträchtigen. Dabei lässt sich selten eindeutig voraussagen, welche sprachlichen Handlungen eine derartige Beschränkung der Freiheit Anderer darstellen. Wir berufen uns auf die Meinungsfreiheit, die sicherstellt, dass Meinungen frei geäußert werden dürfen. Verboten sind Beleidigungen, verbale Erniedrigungen, sprachliche Handlungen in täuschender Absicht, sofern sie Andere zu Handlungen veranlassen, die sie in Gefahr bringen oder materielle Schäden verursachen würden.

Frage: Den Verlauf eines Gespräches derart zu beeinflussen oder zu manipulieren, dass zum Beispiel der eheliche Friede zwischen zwei Partnern „durch sie selbst“ gestört oder zerstört wird – wäre das ein durch sprachliche Handlungen verursachter Schaden? Wir sehen unsere Aufgabe nicht darin, mit anderen Menschen „therapeutische Gespräche“ zu führen. Nichts anderes wären sie, wenn wir stets darauf bedacht wären, die Konflikte Anderer durch unsere Interventionen zu entschärfen oder zu verhüten. Einen Konflikt zwischen Anderen zu verschleiern kann nicht das Ziel unserer Auffassung als Künstler entsprechen. Im Gegenteil: Konflikte und Lebenslügen müssen die Chance erhalten ans Tageslicht zu kommen, denn nur dann können sie auch aufgelöst werden. Die künstlerischen Ziele sind „Drama“, Bewegung, Veränderung, Hilfe zur Selbstaufklärung. Justus sieht ihre Rolle in der Nähe des Abbé aus Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre, der aus dem Hintergrund die Geschicke Wilhelms lenkt. Ein weiteres Vorbild ist in Émiles Erzieher aus Rousseaus berühmten Werk über die Erziehung zu sehen. Justus meint: Die Menschen müssen ihre eigenen Erfahrungen machen. Es kommt aber darauf an, sie in die dafür geeigneten Situationen zu locken. Entsprechend ist der Künstler, wie ihn sich Justus und Sarah vorstellen, ein Katalysator, der Arrangements schafft, durch die die Anderen hindurchgehen (oder es sein lassen, denn sie sind frei) und die sie am Ende als Verwandelte wieder verlassen.

Über die eigene Identität befindet allein das Individuum. Die Identität als Künstler wird durch das künstlerische Konzept bestimmt, sofern dieses Konzept als performative Kunst die Fragen der Identität berührt. (Gedankenfreiheit, Selbstbestimmungsrecht)

Übervorteilung und Ausbeutung finden immer dann statt, wenn eine Person aufgrund der Vorspiegelung falscher Tatsachen zu einer Handlung veranlasst oder gezwungen wird, die sie ohne den Täuschungsversuch unterlassen würde. Einen Anderen über seine Identität im Unklaren zu lassen, stellt in dieser Hinsicht keinen Tatbestand der Übervorteilung oder Ausbeutung dar, solange die zum Ausdruck gebrachten Gefühle aufrichtig sind und Verbindlichkeiten und Versprechen gehalten werden. Die Aufrichtigkeitsregel berührt auch die Frage sexueller Handlungen. Prinzipiell wären sexuelle Handlungen möglich, aber wir verpflichten uns dazu, sexuelle Handlungen zu unterlassen, da diese Verbindlichkeiten erzeugen könnten, für deren Einhaltung keine Gewähr gegeben werden kann, psychische Verletzungen nicht auszuschließen wären und die Beziehungen Anderer in unvorhersehbarer Weise gefährdet werden könnten. Die eigene Lustbefriedigung soll zwar auch Teil des Spiels sein, aber sie darf nicht auf Kosten anderer entstehen. Berührungen und Küsse sind im Zweifelsfall erlaubt.“

Teil der Dramaturgie wäre, dass Donata und Thomas den beiden ab einem bestimmten Zeitpunkt auf die Schliche kommen. Sarah und Justus machen es ihnen auch leicht, denn Zazie und Roman Krull beschreiben in ihrem Blog das Modell dieses performativen Kunstwerkes ausführlich. Der Chat wird nach und nach zu einem Detektivspiel, bei dem das Künstlerpaar überführt werden soll. Vielleicht ist es zunächst auch nur Donata allein, die Nachforschungen anstellt und peinliche Fragen stellt. Vielleicht verbünden sich aber auch Thomas und Donata, um den beiden eine Falle zu stellen. Sie wollen Gewissheit. Die Regel der sexuellen Enthaltsamkeit bei diesem Spiel, die in Rumänien beinahe gebrochen wurde, fordert Donata in besonderer Weise heraus. Sie ist es, die Justus in dieser Hinsicht aus der Reserve zu locken versucht. Sie will sehen, wie viel Widerstand Justus gegen ihre Verführungsversuche aufbringt. Justus, der sich ihr nur schwer entziehen kann und große Schwierigkeiten hat, ihrem Drängen nicht nachzugeben, hört aus ihren Bemerkungen heraus, dass sie das Spiel durchschaut hat. Entweder er gibt die Täuschungen zu, oder er übertritt die Regel, um Donata den Wind aus den Segeln zu nehmen. Justus wird es Sarah als „tragische Situation“ schildern. Sarah wird enttäuscht sein und sein Verhalten als Schwäche deuten. Er hätte sich nicht in diese Situation bringen lassen dürfen. Wie sollen sie nun damit umgehen?

Auf der Blog-Seite formulieren Krull&Krull ihr performatives Konzept als künstlerisches Manifest. Indem sie Thomas und Donata den Blog zugänglich machen, geben sie, Justus und Sarah, ihnen die Möglichkeit, das Spiel zu durchschauen und decken damit ihr Lügenspiel in einer Weise auf, die Thomas und Donata die Chance einräumt, in dieses Spiel auf Augenhöhe einzusteigen. Sollten sie darauf direkt angesprochen werden, werden sie leugnen, dieses Spiel zu spielen, „auch wenn es eine sehr verlockende Idee“ sei. Oder sie bejahen es zunächst offensiv, um es indirekt wieder zu entkräften. Es gibt genügend Argumente, die dagegen sprechen, zum Beispiel, dass sie ja wirklich gemeinsam einen Roman schreiben, was ja neben all der Arbeit einen erheblichen Aufwand darstellt.

Donata könnte auf die provokativ gemeinte Idee kommen, Marie ein ähnliches Spiel beginnen zu lassen, bei dem sie Paul manipuliert, oder sie schlägt vor, Paul und Marie könnten sich verbünden um gemeinsam die „Lebenslügen“ von Birthe und Ernest aufzudecken. Denn in dem künstlerischen Manifest wird unter anderem als Ziel angegeben, „sowohl die eigenen Lebenslügen mit neuen Mitteln zu entdecken und zu bekämpfen, als auch die derjenigen, mit denen sie in guter Absicht in Kontakt treten, indem sie durch die eigene Offenheit und Wahrhaftigkeit, die Anderer zu bewirken“ trachten. Als Lebenslüge betrachten sie normative Einstellungen und die unreflektierte Befolgung von Konventionen, die die eigene individuelle Ohnmacht gegenüber der Gesellschaft als Ganzer verschleiern und daher nicht mit der Moral des freien Spiels vereinbar sind.

Die Ohnmacht des Individuums angesichts des expansiven Kapitalismus und der Allmachtsphantasien des menschlichen (und vor allem männlichen) Geschlechts verhandelt Sarah in den Kapiteln über Birthe und Ernest. Justus schreibt in der Tat nicht und verfällt zunehmend in alte Schemata. Er gefällt sich immer mehr als „pädagogischer Provokateur“ und genießt das Machtgefälle. Sarah versucht ihn immer wieder zurückzupfeifen und zur Mäßigung aufzurufen und wirkt daher oft gouvernantenhaft, was ihrem wahren Wesen und ihrem Selbstbild widerspricht. Thomas entwickelt provokativ das Bild des technisch optimierten Übermenschen. Ist der Mensch angesichts der problematischen und auf eine Katastrophe zusteuernden Entwicklungen in der Welt wirklich so ohnmächtig, wie Sarah und Justus behaupten? Lässt sich das Heil wirklich nur noch in der Kunst bzw. mit den Mitteln der Kunst bewirken? Und ist es ein rein individuelles Heil? Ginge es nicht doch eher darum, politisch aktiv zu werden? Wird die Wissenschaft die Menschheit retten? Sarah und Justus sind sich in dieser Frage nicht einig. Justus beharrt darauf, dass Kunst und die Literatur in gewisser Weise auch eine Form des politischen Handelns sind.

Nach dem sexuellen Zwischenfall zwischen Justus und Donata gerät das gesamte Konstrukt ins Wanken. Einige der wichtigen Fragen des Romans betreffen ja die Ehe, langfristige Bindungen, die bürgerliche Kleinfamilie als Keimzelle der Gesellschaft, die Reproduktion mit technischen Mitteln, die Frage nach der Natürlichkeit oder kulturellen Vermitteltheit des Konzeptes der Mutterschaft und der Vaterschaft, sowie die Probleme in einer immer älter werdenden Gesellschaft, die mit dem ewigen Leben liebäugelt. Alle diese Fragen berühren das Problem der zunehmenden Eindämmung von Humanität zugunsten einer radikalen und falsch verstandenen Individualisierung. Adorno spricht in diesem Zusammenhang von „Selbstbewusstsein ohne Selbst“. Theoretisch vertreten Justus und Sarah den Standpunkt, dass es in Zukunft neben der klassischen Kernfamilie auch andere soziale Gemeinschaften geben sollte, die die Fortpflanzung und die Erziehung von Kindern human und liebevoll organisieren (Illouz). Die bürgerliche Kleinfamilie ist ein Auslaufmodell, dass die Selbstbestimmung und Gleichstellung der Frauen weiterhin untergräbt. Sie liegen mit ihren Ansichten in einem wachsenden Trend. Künstliche Geburten und institutionalisierte Erziehung sind für sie keine Option. Auch für Thomas und Donata nicht. Aber eine Entlastung der Frauen von der klassischen Mutterrolle hält Donata für absolut notwendig. Sarah hingegen sehnt sich nach wie vor danach, diese Mutterrolle einnehmen zu können. Nachdem Justus die Verhaltensregel gebrochen hat und sich weiterhin weigert, ein Kind zu adoptieren, beschließt Sarah, sich ein Kind auf anderem Wege zu beschaffen. Jedenfalls will sie es riskieren. Justus weiß weder etwas über ihre Abtreibung vor vielen Jahren, noch etwas über den Liebhaber, den sie vor dem Lottogewinn gehabt hat. Sie hat sich von ihm losgesagt, als sie beschlossen, mit ihrer künstlerischen Performance zu beginnen und in dieser Idee wieder zueinander fanden. Nun aber nimmt sie erneut Kontakt zu Xaver auf. Ihre Absichten verrät sie Xaver nicht. Muss sie angesichts des Manifestes auch nicht, weil es ihr Kind sein wird und Xaver durch die Geburt eines Kindes, von dem er nichts erfahren wird, nicht beeinträchtigt sein wird. Hat ein Vater „Anrecht“ auf ein Kind? Als Besitz? Nie und nimmer. Das wäre altes patriarchalisches Denken. Wäre Justus durch das Kind beeinträchtigt? Nur wenn auch er diese patriarchalische „Lebenslüge“ für sich aufrechterhält. Was das Fremdgehen betrifft, sind die Beiden aus ihrer Sicht quitt. Und was einmal gewesen ist, soll ja laut Manifest keine Geltung mehr für das haben, was sie in der Gegenwart und in Zukunft aus ihrem Leben „als Kunst“ machen. Für niemanden entsteht ein Schaden, allein die alte Ideologie wird beschädigt.

Als Thomas von Donatas Seitensprung erfährt, gesteht er seinerseits einen Seitensprung. Donata rechtfertigt sich damit, die Absicht verfolgt zu haben, das Lügenspiel von Sarah und Justus aufzudecken, und Thomas beruft sich auf Donatas Ideen von einem „abenteuerlichen Leben“ (siehe oben), die sie als Folge der spielerischen Interventionen entwickelt hat und die ein offenes Modell von Ehe, Beziehungen und Familie ins Zentrum stellen. Gleichzeitig eskalieren die Probleme mit Luis, die offenbaren, dass Donata ihre Ehe und vor allem ihre Rolle als sorgende und versorgende Mutter innerlich bereits fast aufgekündigt hat. Thomas radikalisiert das Konzept des Übermenschen und kündigt die Zusammenarbeit auf. Und auch Sarah sieht das Projekt zunächst als gescheitert an. Aber sie fühlt sich weiterhin an ihr Manifest und die darin formulierten Regeln gebunden: Ehen dürfen nicht zerstört werden, Verbindlichkeiten müssen eingelöst werden. Das gemeinsame Projekt muss zu einem guten Abschluss gebracht werden. Dazu lädt sie alle in ein Haus nach Rumänien ein. Vielleicht lassen sich die Verletzungen wieder heilen, die Risse kitten. Erst in Rumänien offenbart Sarah Justus ihre Schwangerschaft. Im letzten Teil des Romans verschmelzen die fiktionalen Ebenen miteinander. Es bleibt unklar, ob der Roman ein Dokument des Scheiterns oder das eines Neuanfangs ist.

 

 

Inhalte des Manifestes

  • Sich von seiner Geschichte lösen, sich davon unabhängig machen.
  • Eine „liquid identity“ (Zygmunt Bauman) entwickeln. Die Fiktionalisierung des Ich. In der Zukunft bin ich immer auch als ein anderer denkbar. Mit anderen Gewohnheiten, Zielen, Wünschen und Lüsten.
  • Die Romane, Erzählungen und Spielfilme stellen für die meisten Menschen einen Ersatz für das eigene nicht gelebte Leben dar (Lutz Mommartz). Wir selbst und diejenigen, auf die wir uns bewusst einlassen, sind die Figuren eines humanen, moralischen Dramas und gestalten gemeinsam eine Lebensabschnittsgeschichte, die im echten Leben das hervorbringt, was wir sonst in Romanen nur lesen oder zu lesen wünschen.
  • Das Leben der meisten Menschen wird reguliert durch eine Vielzahl oft sinnloser oder sinnlos gewordener Normen und Konventionen, die sie daran hindern, es bewusst wie eine Romanhandlung zu gestalten. Sie und wir selbst als Performer sollen ihre bzw. unsere Lebensbedingungen, ihre bzw. unsere Körper, Gedanken und Ideen als das frei formbare und bewegliche Material zu begreifen lernen, mit dem sie/wir ihr/unser Leben vorwärts gestalten können. Dazu müssen wir, müssen sie die Automatismen, Schemata, Normen und Konventionen, nach denen sie bisher gelebt haben, aufdecken, hinterfragen und wenn möglich auflösen, wo sie die Fähigkeit und den Mut einschränken, in das Rollenspiel der Selbstfiktionalisierung einzutauchen.
  • „Vorwärts gestalten“ bedeutet: Das Leben nicht mehr erleiden und es im Rückblick als notwendige und nicht anders denkbare Faktizität begreifen, sondern die eigene Geschichte als Rollenspiel in die Zukunft entwerfen und gestalten.
  • Die Performance orientiert sich nicht an der kapitalistischen Konsumkultur, die unsere Begehrlichkeiten durch ihre materiellen und ideellen Verkaufsgüter konstruiert und uns davon zu überzeugen versucht, dass es unsere eigenen Begehrlichkeiten sind. Durch den Konsumkapitalismus werden wir aufgefordert, unsere Lebensgeschichten als eine Folge vorgegebener Akte des Konsums zu begreifen, die zu den bestimmenden und mit falschen Glücksversprechen gekoppelten Lebensereignissen werden sollen, die am Ende unsere Lebensgeschichte darstellen: der Kauf von elektronischen Geräten, Fahrzeugen, Einrichtungsgegenständen, der neuen Wohnung, von Reisen, Wellness-Aktivitäten, Therapien jeder Art, Unterhaltungsangeboten, Accessoires etc.
  • Die Welt lässt sich nicht retten. Die Logik des Kapitalismus, der unausweichlich geworden ist, erlaubt keine weltweite Revolution, die nötig wäre, um ihn in einen humanen und nichtexpansiven Kapitalismus zu verwandeln. Die Klimaziele werden verfehlt, Kriege und Ausbeutung von unterprivilegierten Menschen werden kein Ende nehmen, wissenschaftliche Erkenntnisse werden in erster Linie für ein weiteres Wirtschaftswachstum genutzt, das die Ressourcen unseres Planeten immer weiter und schneller ausbeutet. Dies alles geschieht, weil wir unsere Lebensgeschichten als die Geschichte unseres Konsums verstehen und uns diese Geschichte von eben diesem Kapitalismus erzählen lassen, um sie nachzuspielen. Die damit verbundenen Glücksversprechen werden immer nur für kurze Zeit erfüllt. Die Gier nach neuen käuflichen Ereignissen steigt immer weiter an. Der Kapitalismus schreibt das Buch unseres Lebens.
  • Arbeit ist das zentrale Element unseres Lebens. Arbeit sichert unser Einkommen und dieses Einkommen investieren wir für die Ausstattung unseres Lebens mit materiellen Gütern und käuflichen Events. Gesellschaftliche und kulturelle Normen und Konventionen regulieren die Abläufe des Arbeitens und Konsumierens und erzeugen immer neue Zwänge, die die Palette dessen, was zu konsumieren ist, um ein gutes und richtiges Leben zu führen, unaufhörlich erweitert.

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