Immer wieder kommen wir auf Kants Erkenntnis zurück, der menschliche Verstand sei an die Kategorien von Zeit, Raum und Kausalität gebunden. Dem Verstand gilt als Erkenntnis allein, was sich in kausalen Ketten verknüpfen lässt und als Verknüpftes unmittelbar oder in der mühsameren Analyse erscheint, Kausalitätsketten, deren jedes Glied sich im Raum verorten und in der Zeit – schon hier eine Metapher der Raumkategorie – lokalisieren lässt. Vorher-nachher, hier und dort. So schmieden die Erkenntniskräfte in einem fort Geschichten. Wenn ich meine Hand auf eine heiße Herdplatte lege, verbrenne ich mich und der Schmerz und die Verletzung rühren zweifellos von der heißen Herdplatte her. Schon die Funktionsweise meines alten Transistorradios verstehe ich nicht mehr. Ich begnüge mich mit den einfachen Kausalitätsketten des Bedienens: Ich kann das Radio einschalten und ausschalten. Mit einem Drehrad kann ich nach Sendern suchen und mit dem Lautstärkeregler die Lautstärke regeln. Als ich ein kleiner Junge war, genügten mir diese einfachen Kausalketten irgendwann nicht mehr. Ich trug alte Radios vom Sperrmüll mit nach Hause, öffnete sie und suchte, fasziniert von den komplex verbundenen Transistoren, Widerständen, Dioden und Kondensatoren, nach den kausalen Zusammenhängen, die in dem kleinen Lautsprecher die wunderbar aus dem Äther empfangenen Signale hörbar machten. Aber die Funktionsweise blieb unbeobachtbar, ich konnte das System der auf der Platine verknüpften Teile nicht verstehen, weil ich schon nicht den blassesten Schimmer davon hatte, was es mit den Transistoren, Kondensatoren und Widerständen auf sich hatte. Ich experimentierte mit einem Stück Draht und stellte bei laufendem Betrieb Kurzschlüsse auf der Platine her und hatte immerhin schon so viel Verständnis für die Zusammenhänge, dass ich bewusst vermied, Kurzschlüsse direkt von der Spannungsversorgung des Transformators aus herzustellen. Einige der Kurzschlüsse, die ich herstellte, ließen den Lautsprecher verstummen oder drückten die Spule des Lautsprechers aufgrund einer hohen Spannung mit einem kurzen Geräusch weit heraus. Andere erzeugten Töne unterschiedlicher Frequenz, manchmal sogar rhythmische Sequenzen mit gleitend ansteigenden Frequenzen. Soviel wusste ich: Es hatte mit den über die Transistoren gesteuerten Entladungszyklen irgendwelcher Kondensatoren zu tun. Dennoch: Das System, das die Platine mit all seinen Elementen darstellte, verstand ich nicht. Der Elektro-Ingenieur dagegen liest den Bauplan einer Platine wie ein Buch, denn sie ist endlich und ein determiniertes System, das bestimmte, festgelegte Zustände realisiert, Spannungszustände, Stromflüsse, die sich untereinander steuern. Zustände und Bewegungen lassen sich noch passabel in einem System kausaler Beziehungen beschreiben. Die Komplexität ist noch überschau- und berechenbar.

Selbst ein Computer-Betriebssystem – um ein Vielfaches komplexer – ist im Prinzip noch überschaubar. Aber schon die Notwendigkeit, fortlaufend daran Verbesserungen vornehmen zu müssen, verdeutlicht, dass bei der Entwicklung und Programmierung der Software nicht mehr alle möglichen Folgen bestimmter Kombinationen im Vorhinein absehbar sind. Die Bugs sind ein untrügliches Zeichen einer enorm hohen Komplexität. Als menschliche Konstrukte sind die Programme bzw. Computersysteme aber vollständig der Kausalität unterworfen, weil sie aus kausalen Verknüpfungen gedanklich hervorgingen. Die auf dem Weg kausaler Verknüpfungen herstellbare Komplexität dürfte im Prinzip infinit sein und mit ihr prinzipiell auch rational bis ins kleinste Element analysierbar. Die vielfach rekursiven kybernetischen Konstrukte sehen in allem grundsätzliche Beherrschbarkeit vor, verhüten das Zufällige. Der Zufall selbst wird noch als nur vorläufig nicht analysierte Kausalkette gedeutet. Aus der Sicht der Konstrukteure gibt es schlechterdings keine Zufälle. Noch der Klassiker unter den Zufallsgeneratoren, das Würfelspiel, müsste kausalen Kräften unterworfen sein. Könnte man alle Parameter des Würfelns, von der Beschaffenheit der würfelnden Hand, des Würfels, des Untergrundes, der Muskel- und Luftbewegungen, der Anziehungskräfte, der Erdrehung usw. kontrollieren bzw. steuern, wäre jeder Wurf voraussagbar. Das jedenfalls ist die Geschichte, die wir uns als Konstrukteure von Komplexität erzählen müssen – das transzendentale Erfolgsrezept moderner Technologie.

Ein möglicherweise unzulässiger Schluss wäre dagegen, aufgrund dieser Apriori-Logik auch allen natürlichen, nicht von Menschenhand bzw. von Menschengeist konstruierten komplexen Systemen durchgängig kausale Prinzipien zu unterstellen. Denn zunächst einmal ist das System Natur als komplexes Miteinander namentlich unterscheidbarer Teilsysteme wie Wetter, Gravitation, biologische Prozesse, Hirnphysiologie usw. als Komplexität transzendent und das heißt jenseits transzendentaler Logik, die mit den Kategorien Raum, Zeit und Kausalität operieren muss. Die nur schwer – wenn überhaupt – denkbare Frage ist die, ob die (der Denkmöglichkeit nach) prinzipielle Unendlichkeit der Komplexität konstruierbarer Systeme deckungsgleich ist mit der Unendlichkeit natürlicher Systeme bzw. des „Natur“- oder „Materie“-Systems, das sich selbst konstruiert und organisiert, also jenseits von menschlichem Geist, der darin allenfalls etwas wie ein Subsystem ist.

Die Frage klingt akademisch und wissenschaftlich (sogar philosophisch) rückwärtsgewandt. Als Wissenschaftler kann ich nicht angesichts der Erhabenheit und unfassbaren Komplexität der Welt erstarren. Das Forschen, die Suche nach neuen kausalen Zusammenhängen ist, was die Menschen in besonderer Weise auszeichnet. Wann jedoch wird die Überzeugung, alles verstehen und analysieren zu können zur gefährlichen Hybris?

Der Schaltplan meines Personalcomputers ist – wenn auch nicht für mich – analysierbar, in finite kausale Verknüpfungen zerlegbar. Diese Analyse ist kein Modell, sondern lückenlose Beschreibung einer Wirklichkeit – jedenfalls solange ich die zu Grunde liegenden quantenphysikalischen Zusammenhänge außer Acht lasse. Ich kann sie außer Acht lassen, weil die Platine im erwarteten Sinne funktioniert und auch nur im Hinblick auf diese beabsichtigten Funktionen konstruiert wurde.

Die Analyse menschlicher Beziehungen, die Analyse von Hirn- bzw. Denkprozessen, von Leben im umfassenden Sinne bleibt demgegenüber immer Modell. Wir betrachten natürliche Systeme aus dem Blickwinkel ihres vermeintlichen Konstrukteurs, nämlich so, als ob sie nach rationalen Kriterien transzendentaler Logik geformt wären. Mit Hilfe eines fröhlichen Nominalismus unterscheiden wir (ob grob oder immer feiner) Funktionseinheiten, wir schreiben immerfort neue Kurzgeschichten der Dinge, der Sachverhalte, Phänomene. Wir unterscheiden Körper und Geist, Fauna und Flora, Himmel und Erde, Männer und Frauen, Schizophrenie und Neurose, Hirn, Hormon- und Nervensystem. Wir müssen die tatsächliche Komplexität reduzieren, um erkennen und verstehen zu können. Erkannt und verstanden werden kann aber schließlich nur das Reduzierte als ein Konstrukt der Beobachtenden. Wir können uns der Wirklichkeit nur nähern, indem wir sie reduzieren und zerlegen. Wir beobachten, was wir uns in Geschichten selbst konstruiert haben. Es sind Modelle – und dann bald auch Module konstruierter Wirklichkeit, die wir als verstandene und vollständig analysierte wieder wie ein Puzzle zusammenfügen: Hypermodelle.

Nicht diese forschende Tätigkeit, nicht dieses einzig so mögliche Verstehen-Wollen ist das Problem. Das Problem ist die fahrlässige oder auch hochmütige Verwechslung der Wirklichkeitsmodelle mit der transzendenten Wirklichkeit, dem „Ding an sich“, wobei dieses „Ding an sich“ im engeren Sinne kein „Ding“ ist, sondern das – metaphorisch gesprochen – sich selbst herstellende und organisierende System jenseits unserer Denknotwendigkeiten. Diesem unerreichbaren Jenseits stehen unsere „Geschichten“ gegenüber. Demütig vor dem Unerkennbaren müssten wir uns fragen, welche „Geschichten“ wir uns warum erzählen und warum nicht auch andere? Warum wir zum Beispiel Körper und Geist wie getrennte Module unterscheiden, Krankheit und Gesundheit vor der Folie der Diskontinuität betrachten. Warum zum Beispiel wollen wir das Lernen unserer Kinder „in den Griff“ bekommen? Warum konstruieren wir ein Bild prototypischer Menschen parallel zum Konstrukt Schule? Warum interessieren uns bestimmte Funktionen des menschlichen Zusammenlebens, andere aber nicht? Wir müssen „unsere“ Wirklichkeit(en) erforschen – aber warum sparen wir bestimmte Bereiche aus? Warum nehmen wir bestimmte Erkenntnisse nicht ernst? Warum hängen wir so verzweifelt an den Geschichten, die wir uns einmal geschrieben haben oder die uns erzählt wurden, und ignorieren die anderen möglichen Geschichten? Weil die soziale Konstruktion von Wirklichkeit so wirkmächtig ist wie die Natur, die Welt, das Universum. Und weil diese soziale Wirklichkeit evolutionär ebenso langsam ist wie die Evolution insgesamt. Sie wird angetrieben durch die „Geschichten“, die – komplex – sich immer widersprechen, schon weil nicht klar ist, wo sie anfangen und wo sie enden und ob sie Haupt- oder Nebenhandlung darstellen sollen.

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