Es ist ein von der Neugierde angetriebenes, mithin natürliches Bedürfnis, Entdeckungen zu machen, im Unbekannten oder Unverstandenen das Neue als Ereignishaftes zu erkennen. Das Ereignis sticht als Besonderes aus dem scheinbar Stillstehenden bzw. Undifferenzierten, Wabernden heraus. In seiner Unterschiedenheit von dem Zusammenhängenden, aus dem es für den Erkennenden aufgrund seines Interesses, seiner zielgerichteten Neugierde herausstach, beansprucht das Erkannte schon in seiner Benennung als ein bestimmtes Faktum Sinn als Singuläres aus dem Ganzen für das Ganze.

Das Ereignis setzt als Beobachtetes eine Marke in der Zeit und damit in der untersuchten Sache.

Der wissenschaftliche Blick auf die Ereignisse, die vor allem anderen den Geist erregen und zu wertvollen Erkenntnissen bringen, ist notwendig und legitim, weil er immer auch zu fruchtbaren Fortschritten führte.

Der wissenschaftliche Positivismus heute macht aus der menschlichen Neugierde, der Begierde auf das isolierbare Ereignis ein wissenschaftstheoretisches Gesetz, das ausschließt, was sich nicht unter das Ereignishafte, eben die Menge des isoliert Beobachtbaren subsumieren lässt. Die naive Prämisse, die hinter der Forderung nach Falsifizierbarkeit in der strengen Wissenschaft steckt, schließt ganz unbegründet von vornherein aus, dass die untersuchten Dinge oder Sachverhalte als komplexe Zusammenhänge ihre Ursachen rekursiv aus ihrer Komplexität beziehen können. Die begriffliche Verbindung von „Ursachen“ und „rekursiv“ verdeutlicht, dass damit der Begriff der Ursache aufgelöst wird, jedenfalls aus der Perspektive des naiven Denkens, wonach ein Ereignis gemeinhin nur eine oder eine überschaubare Anzahl von Ursachen haben kann, demnach komplexe Zusammenhänge nicht ihre eigenen Ursachen sein können. Diese dem wissenschaftlichen Denken zugrunde gelegte Überzeugung rührt aber von der besonderen Beschaffenheit des menschlichen Bewusstseins her, das seine Welt mit den Kategorien von Raum, Zeit und Kausalität betrachten muss. Das Bedürfnis, immer zunächst das Komplexe verstehen zu wollen, wäre als Anlage für den Menschen evolutionär ja auch nicht erfolgversprechend gewesen.

Der Umkehrschluss, es gebe keine wahre Erkenntnis, die sich nicht vorweg dem Diktat der Kausalität unterwirft, ist damit jedoch keinesfalls gerechtfertigt, schließt ohne jede Begründung alles das aus, was gerne mit dem Begriff der Emergenz versehen wird, einem Synonym für das noch Unerklärte, für Phänomene ohne klare Ursachen.

Unter Laborbedingungen werden in der Hirnforschung nur bestimmte, isolierbare Ereignisse beobachtbar und quantifizierbar. Die Untersuchungen werden jeweils so angelegt, dass sie Ereignisse, Marken in der Zeit, hervorbringen. Die beobachtete Veränderung zuvor isolierter Parameter wird als Lernen oder Vergessen des neurologischen Systems wohl unleugbar beschrieben. Kaum zu leugnen sind auch die mess- und visualisierbaren Zusammenhänge in der Kollektion der beobachteten Parameter. Auch über die Motiviertheit dieser Kollektion sind Zweifel wohl nicht angebracht. Schon aber diese Motiviertheit des wissenschaftlichen Beobachtungsrasters gehört nicht mehr allein ins Reich der Falsifizierbarkeit, sondern speist sich aus Erwartungen, die von lange dauernden, komplexen Gedächtnisprozessen der Forscher und der Forschungsgemeinschaft herrühren.

Die Naivität des wissenschaftlichen Positivismus bzw. derjenigen, die diesen verblendet als ausschließliche Methode betreiben, offenbart sich vor allem dann, wenn die Ereignisse der Erkenntnis, die gewonnenen Daten kurzum zu Hebeln der Einwirkung auf die komplexen Systeme umgemünzt werden, aus denen sie gewonnen wurden. „Unter der Voraussetzung X lernt das System Y nachhaltiger als unter der Voraussetzung Z“: Diese Erkenntnis verleitet die Wissenschaftler zu banalen Hochrechnungen, nach denen alle Systeme Yn unter der Voraussetzung X zu quantitativ (nur im Hinblick auf ihre Nachhaltigkeit auch qualitativ) besseren Lernergebnissen gelangen.

Gemessen an der Komplexität und Kapazität lernender Systeme dürfte die Voraussetzung X im wirklichen, d.h. gesellschaftlichen und natürlichen Lebensvollzug immer in ein Medium oder System von Voraussetzungen eingebettet sein, das eine beinahe endlose Kombination an Voraussetzungen aus der Menge des Alphabets darstellt.

Wenn und während X den Inhalt Y lernt, lernt X zugleich eine nicht beobachtete Unzahl anderer Inhalte. Zugleich muss davon ausgegangen werden, dass X im beobachteten Zeitraum sich in ein anderes, mindestens X1 verwandelt. Während das eine beobachtete Ereignis zu einer bestimmten beobachteten Veränderung im System führt, verändert sich das Komplexe mit seinen kosmischen Dimensionen als Unbeobachtetes aufgrund unbeobachteter oder sogar unbeobachtbarer Vorgänge, die für das menschliche Bewusstsein gar nicht den Status von Ereignissen erlangen können.

Mittelbar – vermittelt nämlich durch die bis in feinste Verzweigungen ausdifferenzierte Sprache – haben sich die Geisteswissenschaften diesen Vorgängen zugewandt, in der Hermeneutik vermutlich angemessener als in der strengen Wissenschaft, als die Husserl die Philosophie, Paradedisziplin der Geisteswissenschaften, gerne gesehen hätte.

Gehirne werden aufgrund der Beobachtung ungemein schneller kognitiver Prozesse fast ausschließlich im Hinblick auf Ereignisse in kurzen Intervallen untersucht. Geht es um Erkrankungen, werden auch länger dauernde Prozesse interessant, dann aber vor allem die gut beobachtbaren physiologischen.

Was jedoch ist mit den lange dauernden Prozessen im Hirn eines Menschen, der im Alter von vielleicht fünf Jahren in einem Moment des Erfolgs und des Glücks von der Mutter einen wie auch immer zu erklärenden hasserfüllten Blick erntete? Wie lange und bis in welche Synapsen hinein wirkt dieses Erlebnis? Wie wird es psychisch und physiologisch überhaupt zum Erlebnis? In welchem Maße bestimmt es die „Bildung“ dieses besonderen Menschen? Welches Gewicht haben die Millionen Wahrnehmungen und Denkprozesse, die langfristig unbewusst bleiben und weder die Kraft hatten, in den Status von ERLEBNISSEN zu gelangen noch je zu wissenschaftlich isolierbaren EREIGNISSEN zu werden, aber als wirksam betrachtet werden müssen? Was ist – mit einem Wort – Bildung im Verhältnis zum überprüfbaren Lernen? Welche Ziele und Methoden sollte demgegenüber die Lehre haben, die Bildung bewirken will?

Alle diese Fragen zielen auf die lang andauernden Prozesse, bei denen das einzelne Datum als künstlich Isoliertes zerfließt in den mit anderem verwobenen rekursiven Prozessen, in denen das Hirn sich strukturiert und den Input, mit dem es einmal umgegangen ist, nach und nach verwandelt. Diesen Prozessen verwandt ist das Verstehen als kontrollierter Bewusstseinsprozess in der Hermeneutik. Im übertragenen Sinne parallel verlaufen so vermutlich die psychischen Vorgänge – unbewusste, vorbewusste wie bewusste – zu den hirnphysiologischen.

Urteile – auch moralische – über die Wirklichkeit entspringen den lang andauernden komplexen Wahrnehmungen, den damit verbundenen Reflexionen, der unbewussten Verarbeitung (Denken im Sinne einer Gesamtheit psychisch-biologischer Prozesse), den gesellschaftlich und sprachlich vermittelten Sinnkonstruktionen der psychischen Systeme, in denen kaum ein Datum oder ein Bit eine berechenbare Ursache für einen Sinn, ein Urteil oder eine Überzeugung darstellen. Die Leistungsfähigkeit und die Resultate des Denkens sind strikt zu unterscheiden von den wissenschaftlichen Einsichten in die Gebundenheit des Denkens an physiologische Vorgänge. Aus der fragmentarischen Beobachtung isolierter bzw. begrenzt komplexer Vorgänge im Hirn erwächst kaum eine Erkenntnis für den Lebensvollzug, die nicht schon ohne sie und lange vor ihr gefunden worden wäre, und ohnehin in beiden Fällen in Sprache gefasst und in den unberechenbaren Diskurs geworfen werden muss. Die Schlüsse, die Hirnforscher aus ihren Erkenntnissen für Lernen, Erziehung und Bildung ziehen, sind daher fast durchweg banal, selbstverständlich und in die Geisteswissenschaften längst integriert, viel schlimmer: Sie sind fast alle haarsträubend naiv in ihrer Unkenntnis dessen, was in den Geisteswissenschaften bereits geleistet wurde – nur neue naturwissenschaftliche Nano-Schläuche für den alten Wein der nicht-falsifizierbaren Geisteswissenschaften.

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