Mein Geliebter,

wie lange ist es her, dass ich dir einen Brief geschrieben habe? Wie lange ist es her, dass ich ganz alleine verreist bin? Es waren nur die wenigen Dienstreisen. Jetzt ist es der erste Urlaub, den ich nur mit mir allein verbringe. Ich wünschte, du könntest jetzt, in diesem Moment bei mir sein, und weiß doch, wie schwer es dir fallen würde, meine Nähe zu ertragen. Meine ganze Hoffnung ist, dass du sie nur deshalb nicht ertragen könntest, weil du mich immer noch liebst.

Ich habe mich in eine kleine Pension eingemietet, die sehr niedlich ist. Überall Stickereien auf den Fensterbänken, alte Möbel in den geduckten, mit Holz vertäfelten Räumen. Mir schien zunächst, als betreibe die alte Frau Hansen die Pension ganz allein, und ich sah in ihr zunächst mein gealtertes Ebenbild, die alleinstehende, optimistische, altersmilde Dame, die sich tapfer durchs Leben schlägt. Aber ich habe entdeckt, dass sie weder verwitwet noch unverheiratet ist. Offenbar steht ihr Mann den halben Tag in der Küche und scheut den Kontakt mit den Gästen. Und Frau Hansen, die ich auf über siebzig schätze, betüddelt uns wo und wann immer sie kann. Von ihr habe ich auch einige Tipps bekommen, wo ich die schönsten und einsamsten Flecken in der Heide finde. Fast den ganzen Tag über bin ich im Freien, spaziere viel umher und nutze das Fahrrad kaum, weil ich es doch nur die meiste Zeit durch die sandigen Wege schieben müsste. Einen Lieblingsplatz habe ich schon gefunden. Unter weit auseinanderstehenden Kiefern liege ich in hohem Gras, das sich mühsam aus dem sandigen Boden gekämpft hat, und blicke in den blitzblauen Himmel über mir. Manchmal driftet eine fluffige Wolke vorbei. In der Mittagssonne verstummen die meisten Vögel, dafür höre ich die Geräusche der Insekten, das Sirren und Summen. Es ist so einsam dort, dass ich mich manchmal getraue, meine Kleider auszuziehen und vollkommen nackt in meiner Lichtung zu liegen, von lauem Wind umweht. Da wünsche ich mir, du wärst bei mir und würdest mit einer Hand sanft über meinen Bauch streichen. Ich stelle mir vor, wie wir uns im Freien lieben, wie wir nackt um die rauen Rinden tänzeln und wie Kinder Kriegen spielen, um bald darauf übereinander herzufallen und in Gras und Sand zu balgen. Es fehlt nur noch ein kleiner See, in dem wir baden und uns waschen könnten. Schon am ersten Tag hatte ich mein Note-Pad auf meinen Spaziergängen mitgenommen, denn ich wollte dir unbedingt schreiben, dir alles erklären und damit all unser Unglück bereinigen und beseitigen. Das klingt verwegen und ist es auch. Es hat viele Tage gedauert, bis ich das Gefühl hatte, den Mut dafür aufbringen zu können. Es ist ein Wagnis, das ich nicht aus Verzweiflung begehen wollte, sondern aus der Zuversicht, der Weg ins Paradies führe allein durch das Fegefeuer bedingungsloser Offenheit. Ich weiß jetzt, dass ich meine innere Erzählung jedes Mal, wenn ich es versuchte, am falschen Punkt begonnen habe, bei dem, wie ich dachte, entscheidenden Zufall, Danielas Einladung, von der ich dir erzählt hatte und die du anscheinend einfach nur abstrus, vielleicht auch ein wenig aufregend fandst. Ich dachte lange, damit habe die Geschichte begonnen. In Wirklichkeit beginnt sie aber schon viel früher, irgendwo in meiner Kindheit. Ich weiß, alle Geschichten beginnen dort, alle Versuche der Rechtfertigung und Entschuldigung: die Mutter, der Vater, die Umstände. Ich suche nicht nach Ursachen und Verantwortlichkeiten. Ich suche nach Vergessenem, dem, was mein Kind-Sein ausgemacht hat. Das ist es, worauf ich bei meinen Eskapaden mit Barbara gestoßen worden bin. Deshalb kann ich auch nur mit halbem Herzen bereuen, was da geschehen ist. Ja, ich bereue es, weil ich dich damit verletzt habe und unsere Liebe, unsere Beziehung so sehr ins Wanken gebracht habe. Dafür bitte ich dich um Verzeihung. Noch immer erfüllt mich die Erinnerung an den Moment, als du uns entdeckt hast, uns sogar eine ganze Weile zugesehen und zugehört haben musst, mit einem meinen ganzen Körper durchdringenden Schauer der Scham, einer Scham, die ich zu diesem Zeitpunkt glaubte bereits abgelegt zu haben. Ich habe immer wieder diesen Moment vor meinem inneren Auge durchgespielt, Szenarien entworfen, in denen es nicht so weit gekommen wäre, ich habe mich als Verführte, als Missverstandene entworfen, Barbara verdammt, weil sie so dominant, mich, weil ich so unterwürfig war. Ich habe mich gefragt, ob ich vielleicht krank im Kopf bin und Barbara noch viel mehr. Ich habe mich zum Opfer stilisiert und bei dir nach schlechten Eigenschaften, lieblosem Verhalten, Vernachlässigung gesucht, die mich in diese Situation getrieben haben könnten. Ich wollte diese Schuld nicht länger tragen. Erst in den letzten Tagen tauchte eine andere Frage auf. Sie birgt für mich sowohl eine Lösung als auch eine noch viel größere Gefahr des Selbstbetrugs: Warum empfinde ich überhaupt diese Schuld? Mit welchem Recht hat sich meine Scham mit dieser Schuld verbunden? Wenn ich morgens in meinem Bett erwache, liegst du nicht neben mir. In Sekundenschnelle sticht mir das Geschehene wieder in Herz und Hirn, von einem Moment auf den nächsten bin ich hellwach. Und dann geht wieder dieser Schwall von Schamgefühlen und Reue durch meine Eingeweide. Dann möchte ich alles ungeschehen machen, was mich an diesen Ort gebracht hat. Diese Scham überfällt mich an manchen Tagen mehr als einmal. Aber seitdem diese Frage da ist, ob es denn auch eine Schuld sei, habe ich angefangen, diese Gefühle genau zu beobachten. Sie wurden immer mehr zu rein körperlichen Reaktionen. Ich beobachtete, wo in meinem Körper sie ihren Ursprung nehmen, in welche Richtungen und mit welcher Geschwindigkeit sie sich ausbreiten – und wie sie, von Mal zu Mal schneller, verebben, ausklingen, ein seltsames Kribbeln in den Füßen und den Fingerspitzen hinterlassen. Dann werde ich ruhig und mein Kopf klar, mein Herz weit. Weit genug, um damit Reisen in meine Kindheit zu unternehmen. Auch davon möchte ich dir in meinem Brief ein wenig erzählen.

Auf unserem Hof stand eine kleine Hütte, etwas abseits von den Ställen, eine alte Holzhütte. Ich war vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre alt, als uns Kindern die Idee kam, sie bewohnbar zu machen. Wir nagelten die Lücken zwischen den Brettern zu, hängten einen Stofflappen als Gardine vors Fenster, holten zwei Stühle, einen Tisch, eine Öllampe und sogar eine alte Matratze in unser neues Heim. Die kleine Hütte war so klein, dass gar nicht alle Kinder zugleich hineinpassten. Und dann gab es auch immer wieder Gerangel zwischen uns Mädchen und den Jungen, die sie jeweils für sich allein beanspruchen wollten. Ich erinnere mich an einen Nachmittag, an dem mein älterer Bruder, Ralf, den jüngeren, Max, und zwei befreundete Jungen aus der Nachbarschaft um sich versammelte und sehr geheimnisvoll tat. Er überredete sie, sich mit ihm in die Hütte zu begeben, dort wolle er ihnen etwas Spannendes zeigen. Wir Mädchen waren natürlich neugierig geworden und verlangten, mit ihnen in die Hütte gehen zu dürfen, aber sie wollten uns nicht dabeihaben und verriegelten die Tür. Wir schlugen mit den Fäusten gegen die Tür und riefen, die Hütte gehöre uns ebenso wie ihnen, sie dürften uns nicht aussperren. Aber sie wollten uns einfach nicht hineinlassen. Da wir unbedingt wissen wollten, was in der Hütte vor sich ging, blieb uns nur die Möglichkeit, so zu tun, als trollten wir uns, und uns von da an ruhig zu verhalten. Leise suchten wir nach verbliebenen Lücken und Astlöchern in den Bretterwänden, durch die wir hindurchsehen konnten. Es dauerte gar nicht lange, bis ich fündig wurde. Während meine kleinen Schwestern schnell das Interesse verloren und sich auf der Wiese rollten oder ihre Puppenwagen schoben, verharrten Veronika, meine damalige Freundin, und ich vor unseren winzigen Gucklöchern und sahen zu, wie sich mein älterer Bruder die Hose halb herunterzog und seinem kleineren Bruder und den beiden anderen Jungen seinen dick geschwollenen Penis zeigte. Er legte sich auf die dreckige Matratze, holte eine lange Taubenfeder hervor und ließ sie immer wieder langsam über seinen Penis gleiten. Zu den anderen meinte er, das sei ein sehr angenehmes Gefühl, und sah sehr zufrieden mit sich und der Welt aus. Ich weiß nicht mehr, was ich empfand, als ich dabei zusah. Er forderte die beiden Jungs auf, es ihm gleichzutun, sich also ebenfalls die Hosen zu öffnen und sich mit seiner Feder zu verwöhnen. Mich erstaunte, mit welcher Selbstverständlichkeit mein kleiner Bruder und einer der Nachbarjungen seiner Aufforderung folgten. Schon sehr bald hatten sich auch ihre Glieder steil aufgerichtet und die Feder ging von Hand zu Hand. Nur einer der Nachbarsjungen wollte nicht mitmachen. Er schaute nur zu und verlangte nach einiger Zeit, hinausgelassen zu werden. Es bedurfte keiner Drohung oder Warnung, er möge von dem, was er gesehen hatte, nichts verraten, so unschuldig fühlten sich meine Brüder und der naive Blonde. Nur für Mädchenaugen war es eben nicht bestimmt gewesen. Ich sprach mit Veronika nicht über das, was wir gesehen hatten. Auch nicht mit Volker, der ohne ein Wort den Hof verließ. In der Nacht erinnerte ich mich wieder an die steifen Penisse der Jungen. Der Gedanke daran erfüllte mich mit wohligen Gefühlen zwischen meinen Beinen. Ich stellte mir vor, wie ich meine Schamlippen mit dieser Feder streichelte. Ich zog mir die Schlafanzughose unter der Bettdecke aus, stellte meine Füße im Bett auf, spreizte die Schenkel ein wenig und ließ ein Hosenbein immer wieder über meine Scham gleiten. Es war ein wunderbares Gefühl. Ich wollte gar nicht mehr damit aufhören, obwohl es mir verboten vorkam. Ich vergewisserte mich immer wieder, ob meine kleinen Schwestern, die mit mir im selben Zimmer schliefen, nicht aufgewacht waren, weil sie mein Herz schlagen hörten. Sie mussten es hören! Meine Matratze vibrierte davon. Es donnerte in meinem Kopf. Irgendwann reichten die Berührungen mit dem Hosenbein nicht mehr, ich knäuelte die Hose zusammen und presste sie mir auf die Klitoris, für die ich damals noch keinen Namen hatte, rieb, schaukelte, schubberte und stellte fest, wie sehr ich das Vergnügen damit steigern konnte. Am Überraschendsten war, was dann plötzlich mit mir geschah. Mich erschreckte sogar, was mit meinem Körper passierte. Es war einerseits unglaublich schön, aber eben auch sehr beunruhigend und beschämend. Ich wiederholte es lange Zeit nicht. Ich vergaß sogar wieder, was ich da mit mir selbst gemacht hatte, ich erfuhr erst später, dass man das Selbstbefriedigung nannte und – ich hatte es ja geahnt – verboten war. Ich weiß nicht, wo dieses Verbot herkam. Vielleicht gab es Andeutungen, aber genaugenommen wurde darüber nicht gesprochen. Meine Eltern sprachen nicht davon, niemand, den ich kannte. Es musste sich um etwas handeln, das nur mir passiert und eben einfach nicht normal war. Wir durften ja auch nie nackt im Haus oder im Garten herumhüpfen, jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern. Bis auf ein Mal, da war ich noch einige Jahre jünger. Mein älterer Cousin war zu Besuch. Ich hatte gebadet und sprang danach splitterfasernackt durchs Haus. Ich weiß nicht mehr, wo meine Eltern waren, was meine Geschwister machten. Jedenfalls jagte mich mein Cousin lachend durchs Haus und wollte mich einfangen, damit ich mich anziehe. Auf dieser Jagd versteckte ich mich im Schlafzimmer meiner Eltern, wohin er mir anscheinend nicht folgen wollte. Elterliche Schlafzimmer sind bis heute tabu für Fremde, und irgendwie war mein Cousin ja fremd in unserem Haus. Als er mich nicht weitersuchte, kroch ich aus meinem Versteck hervor und legte mich auf die Tagesdecke, die über dem Bett meiner Eltern lag, eine angenehm weiche Felldecke, ein Fellimitat, glaube ich. Es fühlte sich so wunderbar auf der Haut an, ich suhlte mich darin, ich hüpfte, krabbelte auf allen Vieren darauf herum, um dann immer wieder genüsslich in das Fell einzutauchen. Plötzlich bemerkte ich, dass mich mein Cousin durch den Türspalt beobachtete. Ich hockte auf allen Vieren auf dem Bett und hatte wohl die Beine ein wenig gespreizt. Er blickte mir nicht in die Augen, es ging nicht mehr um unser Versteckspiel, er starrte die ganze Zeit auf meinen Hintern. Anfangs war ich noch belustigt. Ich wartete darauf, dass er gleich auf mich losstürzte, um mich endlich einzufangen, und streckte ihm meinen Po noch weiter entgegen. Sein Blick blieb unerwartet auf sein Ziel fixiert, und plötzlich spürte ich, dass daran etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Ich durfte ihm nicht zeigen, was ihn so magisch anzog. Ich wusste nicht, warum er es sehen wollte, aber es durfte nicht sein. Ich sprang vom Bett herunter, warf die Tür auf und lief an ihm vorbei in mein Zimmer, um mir meinen Schlafanzug anzuziehen. Erst danach stachelte ich meinen Cousin an, die Jagd fortzusetzen.

Wenn ich meine Gedanken in die Kindheit schweifen lasse, haben die allerwenigsten Erinnerungen irgendetwas mit Sexualität zu tun. Warum auch? Selbst meine erste Periode, die Feststellung, dass meine Brüste wuchsen, hatten noch nichts mit Sexualität zu tun. Fast alle Erinnerungen haben jedoch mit meinem Körper zu tun, mit den Sensationen der erwachenden Sinne. Vielfach sind es Erinnerungen an Sommertage. An besonders heißen Tagen kam der Eismann mit seinem Wagen zu uns auf den Berg, weil der Hof neben einer Gartenhaussiedlung lag. Die schmale Straße war einige Wochen zuvor frisch geteert worden und noch tiefschwarz. In der prallen Sonne war sie kochend heiß geworden. Bei unseren Eltern hatten wir um ein paar Groschen gebettelt und mit nackten Füßen liefen wir zu dem Eiswagen, der vor einem der Tore der Gartensiedlung gehalten und seine Ankunft mit einer schrillen Glocke verkündet hatte. Meine Füße brannten auf dem heißen Asphalt. Es war kaum auszuhalten. Vor dem Eiswagen hüpften wir von einem Bein auf das andere, damit die Fußsohlen nicht verbrannten. Ich bestellte mir eine Tüte mit Waldmeistereis, das war so schön grün, frisch und aromatisch. Weil ich mir nicht weiter die Füße verbrennen wollte, ging ich neben der Straße zurück durch wild wachsendes Gras und Gestrüpp und ich musste achtgeben, nicht in spitze Äste, Steine oder Disteln zu treten. Jeden einzelnen Schritt musst du kontrollieren, immer den Blick nach unten gerichtet, jede Unachtsamkeit wird geahndet. Dann nahm wieder die Lust Oberhand, mir die Fußsohlen zu verbrennen. Ich wollte wissen, wann die Grenze des Schmerzes erreicht war. Einmal fuhren wir mit unseren Fahrrädern an einen weit entfernten Baggersee. Der war tiefblau, kalt und klar. Und doch konnten wir nicht bis zum Grund hinuntersehen, so tief musste er sein. Von der Fahrt und der brennenden Sonne waren wir alle sehr erhitzt, unsere Köpfe glühten. Fliegen umschwirrten uns, um sich am Schweißfilm auf unserer Stirn sattzutrinken. Unter unseren Kleidern trugen wir unsere Badeanzüge. Ich streifte mir schnell T-Shirt und Rock aus und war als Erste im Wasser. Ich sehe noch dieses Blau, die gelben Klippen von Sand und spüre noch das Kribbeln auf der fröstelnden Haut, weil das Wasser an den ersten heißen Tagen noch so kalt war. Ich schwamm bis zur Mitte des Sees und verspürte eine irritierende Angst-Lust, ich könnte den Entschluss fassen, bis zum Grund zu tauchen, wo mich etwas Grauenvolles, ein unheimliches Wesen, das Böse fasst, mich festhält und daran hindert, wieder zur Oberfläche zu gelangen. Eine Angst-Lust, eine Lust-Angst. In den Sommerferien schlugen wir für eine Nacht Zelte auf der Wiese vor unserem Haus auf und saßen bis tief in die Nacht um ein Lagerfeuer, in dem wir Kartoffeln garten, die wir in der Erde des Gemüsegartens gefunden hatten. Wir ließen sie viel zu lang im Feuer, sie wurden ganz schwarz und hatten eine dicke, glühend heiße Kruste. Aber der Geruch, als wir sie aufbrachen, war himmlisch und es machte auch überhaupt nichts, dass kleine Stückchen verkohlter Schale zwischen den Zähnen knirschten. In der Nacht wurde es kühl, aber wir liefen trotzdem immer noch mit nackten Füßen über die Weide bis an den Waldrand, wo wir Kaninchen jagten und selbstverständlich immer mal wieder in halbvertrocknete Kuhfladen traten. Das Gefühl, wenn der weiche Brei sich zwischen den Zehen hindurchquetscht. Das kalte Wasser aus dem Schlauch, mit dem ich mir den Fuß wasche. Die Sterne am Himmel, die dunklen Fenster des Hauses, wenn alle schlafen, das Schnaufen einer Kuh im Stall in nächtlicher Stille, das Rasseln einer Kette. Die taunasse Wiese im Morgengrauen, wenn ich aus dem muffigen Zelt krieche. Ich hocke mich im Gemüsegarten zwischen Johannisbeersträucher zum Pinkeln. Das Plätschern ist so laut, dass es eigentlich alle hören und davon aufwachen müssen. Die Vögel fangen immer lauter an zu zwitschern, am Horizont steigt die Sonne auf und verkündet einen weiteren heißen Sommertag. Immer bin ich mit nackten Füßen unterwegs, auch im Wald, wo ich in weiches Laub trete, wo sich meine Zehen in den schwarzen Waldboden bohren. Mit Eierkörben hocken wir zum Pflücken in den Mirabellenbäumen auf der Obstwiese. Nie haben die Mirabellen besser geschmeckt als in jener Zeit. Viele solcher Erinnerungen sind wieder in mir aufgestiegen. Taste ich nach der einen, kommen schon neue herauf. Was ich mich aber fragte, war: Wo ist danach diese Unbeschwertheit geblieben? Wann habe ich angefangen, mich zu verschließen? Warum bin ich so lange auf keine Bäume mehr geklettert? Wann hatte ich zuletzt den kühlen Morgentau an meinen nackten Füßen gespürt? Wann hat das mysteriöse Verbot, mir selbst Lust zu verschaffen, dieses Verbot, mich zu berühren, das Nest meiner Lust auch den anderen Lüsternen zu zeigen, mich daran zu freuen, gesehen zu werden – wann hat dieses Verbot angefangen, sich beinahe meines ganzen Körpers zu bemächtigen? Ja, ich darf Essen und Trinken genießen, ich darf Sport treiben, um meinen Kreislauf in Schwung zu halten, weil es so gesund sein soll. Ich darf Kunst sehen und soll sie gefälligst schön finden. Das habe ich gelernt: vor Gemälden zu seufzen. „Ach, ist das herrlich!“ Aber die Bilder und die Musik, die uns zum vorschriftsmäßigen Dahinschmelzen bringen sollen, sie bewegen uns doch nur deshalb so sehr, weil wir wie Kinder in den gemalten Wiesen mit Mohnblüten herumtollen möchten, weil eine Stimme in uns lauthals mitsingen will, wenn wir von Musik ergriffen werden. Weil wir tanzen wollen. Wenn ich heute etwas wirklich schön finde, dann ist dieses Gefühl, wenn ich es genauer betrachte, von tiefer Melancholie durchwirkt: dass es schön war, oder schön wäre, aber nie mehr so sein, oder nie so gewesen sein wird. Das klingt versponnen und romantisch, vielleicht sogar lächerlich. Auf meiner letzten Reise zu einem zweitägigen Meeting hatte ich – natürlich! – einen Zwischenstopp in Hamburg gemacht. Das dürfte jetzt fast ein Jahr her sein. Nach einem Stadtbummel war mir nicht gewesen, aber um einen Museumsbesuch komme ich nicht herum, das weißt du ja. Ich sah Fotografien von einer Sarah Moon, viele Modefotografien, die in Journalen veröffentlicht wurden, aber auch sehr künstlerische Fotos. Ich hatte auf einmal das Gefühl, diese Bilder zu verstehen, obwohl ich die Personen, die abgebildet waren, die Orte, die Zusammenhänge nicht kannte. Es war ein wenig so, als hätte ich Ähnliches schon einmal gesehen, als seien die Fotos aus einem Blickwinkel aufgenommen worden, mit dem ich selbst als Kind in die Welt geschaut habe. Es sind ganz bestimmte Bilder, die sich ins Gedächtnis einbrennen. Aber sogar die Modefotos weckten Melancholisches in mir. Da war eine Künstlerin, die das Spielen nicht verlernt hatte und die ihre Models dazu animierte, ebenfalls zu spielen, sich zu verkleiden, wie wir es als Kinder getan haben, sich in den ungewöhnlichsten Situationen, in absurdesten Positionen ungehemmt zu zeigen, oder einfach nur unbekümmert über die Blicke anderer waren. Das sah alles so selbstverständlich wie unwirklich aus, alles nur lustvolles und gleichzeitig tiefernstes Spiel. So waren unsere Spiele doch auch: voller Lust und so ernst, wie die Wirklichkeit nur sein konnte. Das waren nicht unbedingt schöne Fotos, sie waren für mich jedenfalls nicht nur deshalb schön, weil sie so gut komponiert waren, sondern weil ich die junge Frau auf dem Foto sein wollte, die halbnackt von einem maskierten kleinen Jungen – oder war es ein Mädchen? – an den Füßen durch einen Raum gezogen wurde. Ich wollte die Frau in dem Einkaufswagen sein, den das Kind mit dunkler Sonnenbrille am Fluss entlangschiebt, das Rad schlagende Mädchen, die ruhende Frau auf dem Bett mit dem bis zu den Achseln heraufgezogenen T-Shirt, ich sehnte mich danach, ebenso sorglos mit entblößten Brüsten da hinter dem seidigen Vorhang auf dem zerknitterten Laken zu liegen. Als hätte ich das alles verpasst, als sei mir das entgangen, als hätte ich es anderen zuliebe immer vermieden, als würde es für mich niemals eine Möglichkeit sein. Und dann war da noch ein Selbstportrait von Sarah Moon, auf dem sie noch sehr jung aussah. Es war ein Halbakt im Spiegel. Ihre Leica trug sie mit der rechten Hand, der linke Arm rahmte oben herum ihren Kopf, denn mit der anderen Hand bediente sie über Kopf den Auslöser der Kamera, ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll, es war jedenfalls eine irgendwie tänzerische Geste. Erst einen Moment später nahm ich das schwarz-weiß gefleckte Meerschweinchen wahr, das auf ihrer linken Schulter saß. Mit dem hochgereckten Arm verhütete sie offenbar, dass das kleine, neugierige Meerschweinchen herunterfiel, es gab ihm Halt. Sie blickte nicht in die Kamera, das weiß ich noch. Sie musste im Spiegel das kleine Tierchen fixieren. Ich bin keine Fotografin. Dennoch fragte ich mich, warum es kein vergleichbares Foto von mir gibt. Warum nur diese vermeintlich anständigen Fotos, die mit bemühtem Lächeln, mit akkurat sitzender Bluse? Diese Sehnsucht nach kindlicher, vielleicht auch noch jugendlicher Ungezwungenheit, nach dem freien kindlichen Spiel, diese Sehnsucht muss es gewesen sein, die mich Barbaras verrückten Ideen folgen ließ. Nichts sonst. Nichts, was sich gegen dich oder sonst irgendwen wandte, kein Fortgehen, Verlassen-Wollen, Befreiungsakt, sondern ein Wiederfinden-Wollen.

Dass Daniela mich zu der Party einlud, verdankte sich wirklich einem Zufall. Du hattest mir die Uhr zum Geburtstag geschenkt und gleich am nächsten Morgen war sie mir in der Küche auf den Steinboden gefallen. Sie musste so unglücklich gefallen sein, dass der große Zeiger abgesprungen war. Gleich am ersten Tag! Ich wollte nicht, dass du es merkst, deshalb machte ich mich am Nachmittag auf den Weg in die Stadt. Es war einer der ersten warmen Frühlingstage im April, Daniela und Agnes winkten mir aus einem Straßencafé zu und überredeten mich, einen Kaffee mit ihnen zu trinken. Sie schienen sehr vergnügt, giggelten, machten zweideutige Bemerkungen, die ich nicht verstand. Daniela fragte, ob ich den neuen „Fifty Shades of Grey“ gesehen hätte. Ich hatte nicht mal den ersten gesehen. Und dann fragte sie, ob ich wisse, was eine Dildoparty sei. Wusste ich nicht. Ich stellte mir etwas wie eine Orgie vor. Aber was eine Tupper-Party sei, wisse ich schon, fragte Agnes. Hatte ich noch nie mitgemacht. Trotzdem hatte ich, wie wohl jeder unserer Generation eine Ahnung davon, wie Tupper-Partys ablaufen. Daniela hatte von einer Bekannten den Tipp mit der Dildoparty bekommen, das sei total angesagt und eine lustige Alternative zu den üblichen Mädels-Abenden. Mädels-Abende! In unserem Alter? Die hatte ich auch noch nie mitgemacht. Warum wollten Daniela und Agnes mich auf einmal bei einer Dildoparty dabeihaben? Ich lachte und schüttelte den Kopf. Was soll ich mit einem Dildo? Die beiden ließen nicht locker und meinten, es werde unheimlich lustig, man könne auch Unterwäsche anprobieren, man erfahre, was es so für Sexspielzeug auf dem Markt gebe und könne jedes Ding mal in die Hand nehmen, es sei vor allem ein Jux. Sei nicht prüde, sagte Agnes. Bin ich prüde? Ich habe nie das Gefühl gehabt, prüde zu sein. Ich hatte keinerlei Anlass, meine Offenheit auch gegenüber Frivolitäten unter Beweis zu stellen. Trotzdem sagte ich zu. Vielleicht würde es ja tatsächlich lustig werden.

Die Party selbst verlief alles andere als spektakulär. Mit der – wie soll ich sie nennen: Animateurin, Handelsvertreterin? – waren wir neun Frauen. Daniela hatte Wolfgang mit den Kindern ins Kino und zum anschließenden Pizzaessen geschickt. Und wir ließen uns erst einmal mit Sekt volllaufen. Steffi war dabei und sogar Monika, was mich durchaus überraschte, denn sie hatte sich bei einem ein paar Monate zurückliegenden Gespräch so erschüttert darüber gezeigt, dass ihr Sohn Gustav sich bei der Suche nach Pornos im Netz einen Virus eingefangen hatte, der seinen nagelneuen Laptop vollständig ruiniert hatte. Immerhin hatte er seine Verfehlung gebeichtet. Monika hatte sich ernsthaft gefragt, was sie in der Erziehung ihres Sohnes falsch gemacht habe. Aber vielleicht war sie ja gar nicht so empört, wie sie vorgab, vielleicht wollte sie nur testen, wie ich darauf reagiere. Warum hatte sie mir überhaupt davon erzählt? Ich hatte gar kein Interesse daran, zu erfahren, ob und welche Pornos Gustav schaute. Mit Wolfgang war sie nach der Reparatur des Laptops den Links gefolgt, die Gustav angeklickt hatte, um sich ganz nebenbei den Virus erneut einzufangen. Analsex, hatte Monika gesagt, weißt du, was das heißt, du kannst dir nicht vorstellen, was für abscheuliche Szenen sich mein Sohn da angesehen hat. Wo kommt denn dieses Bedürfnis her? Ich wusste es nicht. Das Vorbild der Eltern konnte es ja wohl kaum gewesen sein. Oder doch?

Dann waren noch einige Frauen da, die ich nicht oder nur vom Sehen kannte, ganz sicher alle sehr nett. Aber in dieser Ausnahmesituation war kein ernsthaftes Gespräch möglich, zum Kennenlernen keine Gelegenheit. Mir fiel es schwer, mich an ihrem Gejauchze und Gejohle zu beteiligen, wenn die Spielzeuge von Hand zu Hand gingen. Magdalena, die Vertreterin, wirkte sehr professionell. Sie achtete mit Argusaugen darauf, dass die Stimmung ausgelassen war und blieb. Sie hatte ihre Vorführung sehr strategisch aufgebaut und erst einmal bei den Gleitmitteln angefangen. In fortgeschrittenem Alter gebe es – von Frau zu Frau unterschiedlich – häufig Probleme mit der Lubrikation, was den Sex manchmal unangenehm oder sogar schmerzhaft mache, und dann gehe natürlich so nach und nach der Spaß am Sex verloren. Sie zog die Sache so nüchtern wie direkt auf, explizit, aber ohne Anzüglichkeiten, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, über Sex zu reden, um den Anwesenden ihre Hemmungen zu nehmen. Lubrikation? Ganz einfach: wenn du feucht wirst, oder eben nicht mehr. Viele Fragen wurden nicht gestellt, irgendwie schienen alle bestens informiert. Oder sie wollten sich nicht die Blöße geben, nach Dingen zu fragen, die den anderen womöglich längst vertraut waren. Weibliche Ejakulation? Keine Frage. Am spannendsten waren die Vibratoren, die Magdalena in den verschiedensten Farben und Formen dabeihatte und deren Funktionen sie ausführlich erläuterte. Mit einigen Geräten könne man sich auch unter der Dusche verwöhnen, andere würden sich besonders gut für Spiele zu zweit eignen, wieder andere seien eher für den Solo-Spaß auf Reisen geeignet. Keine Frau müsse sich heute noch dafür schämen, Sexspielzeuge zu benutzen. Im Gegenteil sei es überaus gesund, möglichst täglich Sex zu haben, oder wenigstens zu masturbieren. Das sei gut für die Psyche, stärke das Immunsystem und verjünge die Haut. Also lieber zum Vibrator greifen statt zur Nachtcreme? Die eher reifen und zum Teil recht fülligen Damen zeigten sich immer interessierter. Sie staunten über die kraftvollen Vibrationen und hielten sich die kleinen Kraftbolzen in den unterschiedlichsten, leuchtenden Farben an die Wange, um sich vorstellen zu können, wie sie an anderer Stelle wirken mochten. Das Gelächter begann erst wieder, als es um den G-Punkt und speziell für dessen Stimulation konstruierte Geräte, um Rabbits, Anal-Plugs und die verschiedenen Sorten von Dildos ging, von labberigem Silikon bis hin zu Glas und kühlem Metall. Ich tauschte immer wieder Blicke mit Barbara. Agnes hatte sie mitgebracht. Sie schien, wie ich, der Angelegenheit irgendwie distanziert gegenüberzustehen. Sie lachte nicht, sie fragte nichts, sie trank kaum etwas. Das machte sie mir aus irgendeinem Grund sympathisch. Der eigentliche Kaufakt, auf den das alles ja notwendigerweise hinauslief, fand dann in einem Nebenraum, Wolfgangs Arbeitszimmer, statt, wo die Bestellungen aufgenommen wurden. Jede von uns war in diesem Zimmer allein mit der Verkäuferin. Was hast du genommen, fragten die Frauen Daniela, als sie wieder im Wohnzimmer stand. Als Gastgeberin hatte ihr die Ehre gebührt, als Erste bestellen zu dürfen. Das sag ich nicht, flötete sie, aber ich trink noch einen Sekt darauf. Jetzt seid ihr dran, eine nach der anderen. Man musste natürlich nichts bestellen, einige hatte vielleicht nur Gleitmittel gekauft. Niemand hätte zugegeben, sich für die Anal-Plugs zu interessieren. Wer kann sich schon etwas in den Hintern stecken wollen? Überhaupt sprach niemand über den eigenen, tatsächlichen Sex, über die eigenen Vorlieben oder auch Probleme. Wenn ich es mir recht überlege, war die kleine Verkaufsveranstaltung nicht weniger spießig als eine gewöhnliche Tupper-Party. Die Grenzen waren klar abgesteckt. Ich stellte mir vor, wie die Frauen anfingen, über die Schwanzlänge ihrer Partner zu reden, auf welche Weise sie einen Orgasmus vortäuschten, in welchen Stellungen sie es trieben und wie oft, wie lange das Vorspiel dauerte, welche ungewöhnlichen Vorlieben sie selbst oder ihre Partner haben mochten, was sie noch nicht gemacht, aber unbedingt noch ausprobieren wollten, was sie dauernd taten, aber gar nicht mochten, wie schwer es war, mit dem Partner über Sex zu sprechen, über Sprachlosigkeit und unerfüllte Sehnsüchte. Ich sah vor meinem inneren Auge weinende Frauen, die sich über Lieblosigkeit, Vernachlässigung oder fehlende Anziehung beklagten, über fremdgehende Männer, Erektionsstörungen, Ersatzbefriedigungen. Dass die Liebe schon lange vorbei sei. Das wäre alles tabu gewesen. Hier fand kein Akt der sexuellen Befreiung oder Aufklärung statt, das war nur Marketing und vordergründige Demonstration eines für modern gehaltenen weiblichen Selbstbewusstseins und scheinbarer sexueller Selbstbestimmung.

Allein mit der Verkäuferin im Nebenzimmer zu sitzen, war der peinlichste Moment, der Moment der Offenbarung. Ich konnte mir alle Produkte noch einmal anschauen, ich solle mir Zeit lassen, sagte Magdalena. Es war peinlich, eine Auswahl zu treffen, noch viel peinlicher wäre es gewesen, nichts auszusuchen und unverrichteter Dinge zurück zu den anderen zurückzukehren. Was hast du dir ausgesucht? Nichts. Spielverderberin. Ich bin so unglaublich ehrlich. Ich entschied mich für einen kleinen, unscheinbaren Vibrator, der sich als Lippenstift tarnte. Er würde mir innerhalb der nächsten drei Tage zugesandt, versicherte mir Magdalena und beglückwünschte mich zu meiner Wahl. Zuvor hatte sie den Pseudo-Lippenstift noch als Anfänger- oder Einsteiger-Gerät angepriesen. Jetzt zeugte meine Wahl plötzlich für anspruchsvolles Understatement, das wieder aufladbare Kraftpaket mit elegantem Äußeren erfülle die allerhöchsten Ansprüche. Jedenfalls würde ich das Ding leicht zwischen meinen Schminkutensilien verstecken können, dachte ich. Ob ich es auch verwenden würde, wusste ich noch nicht. Im Wohnzimmer floss die nächste Runde Sekt in die Gläser. Mich traf zuerst Barbaras Blick, als wollte sie in meinem Gesicht lesen, ob wenigstens ich den Mut gehabt hatte, nichts zu bestellen. Ja, das hätte Mut erfordert. „Und?“, fragte Agnes. Nur was ganz Kleines, antwortete ich, schob mit hochgezogenen Schultern meine Finger hinterm Rücken ineinander und wippte auf meinen Zehenspitzen. Sofort ärgerte ich mich über diese Kleine-Mädchen-Geste. Die kleine Mia, prustete Daniela heraus. Gelächter. Viel Spaß mit deinem neuen Lippenstift! Gelächter. Ja, alle würden Spaß haben mit ihren neuen Errungenschaften. Oder auch nicht. Barbara war als Letzte an der Reihe. Sie war auch am schnellsten wieder draußen. Als einzige, dachte ich, hatte sie den Mut gefunden, sich dem Gruppendruck zu entziehen. Aber ausgerechnet Barbara war es, die Daniela zwei Wochen später vorschlug, die Truppe zu einem Erfahrungsaustausch in Sachen Sexspielzeug noch einmal zusammenzutrommeln.

Daniela berichtete mir davon am Telefon und ließ sehr schnell deutlich werden, dass sie Barbaras Vorschlag für eine Provokation hielt. Überhaupt habe sich Barbara an dem Abend so komisch und abweisend verhalten und ja wahrscheinlich auch als Einzige nichts bestellt. Und jetzt wolle sie uns aushorchen und sich über uns womöglich lustig machen. Sie wisse überhaupt nicht, was sie mit ihrem Vorschlag im Schilde führe, wahrscheinlich wolle sie uns den Spaß im Nachhinein verderben. Es war doch lustig, oder? Ja, sagte ich. Und was wir mit den Dingern anfangen, geht ja nun wirklich niemanden was an, oder? Ja, sagte ich. Ein einziges Mal hatte ich meinen vibrierenden Lippenstift ausprobiert, als ich allein zuhause war. Es kam mir seltsam vor, es so ganz für mich allein zu machen, und es gelang auch nicht, weil mir alles Mögliche dabei durch den Kopf ging und überhaupt keine erotischen Gefühle aufkamen. Ich saß auf dem Klo, hielt mir das vibrierende Etwas zwischen die Beine und betrachtete den Wäschehaufen, den ich gleich zur Waschmaschine tragen würde. Ich dachte daran, was ich fürs Essen einkaufen und welche Aufträge ich an diesem Tag dringend erledigen musste. Und dann fiel mir der Vibrator ins Klo, wo er geräuschvoll von einer Ecke in die andere durchs Pipiwasser strauchelte. Bei jeder Berührung des Porzellans knatterte es dumpf. Zum Glück war das Ding wasserfest. Also Schluss damit! Abwaschen, abtrocknen und beim Schminkzeug deponieren.

Am Ende verriet Daniela doch noch, was sie bestellt hatte, einen Rabbit mit zwei Motoren. Aber sie habe es noch nicht gewagt, Wolfgang damit zu konfrontieren. Es sei eben nicht leicht mit den Männern, die fühlten sich so schnell verletzt und durch effektive Technik, die sie zu ersetzen drohte, gedemütigt. Schau mal, Liebling, was ich hier habe! Das wirkt doch indirekt als Vorwurf, findest du nicht? Ja, sagte ich, aber Wolfgang wusste doch, was du da veranstaltest. Ist er nicht neugierig? Sie hatten nicht wieder darüber gesprochen. Und wir haben ja auch nicht wieder darüber gesprochen. Warum auch? Ich hatte dir gesagt, ich hätte nichts bestellt, weil ich das Ganze zu albern gefunden hätte und wir ja auch ohne Hilfsmittel genug Spaß hätten. Ich hatte dir gegenüber meine Niederlage nicht zugeben und zuvor gegenüber Magdalena und den anderen nicht prüde wirken wollen. Wie blöd! Und dann erzählte Daniela in abfälligem Ton noch so einiges über Barbara. Sie selbst wäre ja nie auf die Idee gekommen, Barbara dazu zu holen, aber Agnes habe darauf bestanden, weil sie sie für eine exzentrische und in vieler Hinsicht aufgeschlossene, wenn auch etwas zickige Persönlichkeit hielt. Aber was bleibe Barbara auch anderes übrig? Sie habe ja als Nur-Hausfrau genug Zeit, exzentrisch zu sein. Dreimal die Woche komme eine Putzfrau, die Kinder lasse sie vor dem Computer verwahrlosen, die die Schule nur mit Ach und Krach bewältigten, sie spiele zweimal die Woche Tennis, gehe shoppen, wenn alle anderen arbeiten und geriere sich neuerdings als Malerin und Autorin. Die muss an ihrem Überdruss und dem vielen Geld doch ersticken! Stell dir mal diese Langeweile vor! Den ganzen Tag nur schön und interessant sein und vom Ehemann trotzdem betrogen werden, wer kann das denn aushalten, bitteschön? Ist natürlich ein Gerücht. Ich halte es aber trotzdem für glaubhaft. Ehrlich gesagt, hatten wir sie gewissermaßen aus Mitleid eingeladen. Aus Mitleid? War auch ich aus Mitleid eingeladen worden? Welche Gerüchte waren wohl über mich im Umlauf? Die kleine, unbefriedigte Lea mit ihrem Pseudo-Job, die sich eine kleine, vibrierende Mia kauft, weil das Home-Office sie so langweilt. Auch bei uns kommt zweimal die Woche eine Putzfrau. Zum Sport gehe ich ebenfalls vormittags, einfach weil ich mir die Arbeit einteilen kann. Und ob meinem attraktiven Ehemann eine Affäre zuzutrauen ist? Ich weiß es nicht. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht. Sollte ich? Verwahrlosen unsere Kinder vor ihren Computern? Bin ich bemitleidenswert? Wirke ich wie eine frustrierte Hausfrau? Ich ärgerte mich über Daniela. Hatten sie und Agnes vor allem Frauen eingeladen, von denen sie glaubten, sie hätten es nötig, ihr Sexleben mal ein wenig aufzupeppen? Ich ließ mir Barbaras Nummer geben und beendete das Gespräch.

Wirke ich wie eine frustrierte Hausfrau, fragte ich Barbara am Telefon. Ich war immer noch wütend und war einem Gefühl der Solidarität mit Barbara gefolgt, als ich ihre Nummer gewählt hatte. Wer sagt das? Agnes? Oder Daniela? Ich weiß es nicht. Ich habe mich nur gefragt, warum sie mich eingeladen haben und warum sie so schlecht über dich reden. Beide? Auch Agnes? Ich relativierte das gleich wieder und sagte, ich hätte einfach ein komisches Gefühl dabei. Ich bereute, Barbara in meiner Wut angerufen zu haben. Hatte ich gerade mutwillig eine Freundschaft zerstört? Barbara blieb wortkarg und ich sagte noch, dass ich mich gefreut hätte, sie kennenzulernen. Ob ich mit Agnes gesprochen hätte, wollte sie wissen. Nein. Was hat Daniela denn konkret gesagt? Sie sei wohl einfach neidisch auf ihren Lebensstil, sagte ich. Was denn für einen Lebensstil? Keine Ahnung, viel Freizeit und so. Und was noch? Nichts sonst, alles nur Gerüchte. Na dann. Ich entschuldigte mich dafür, dass ich sie angerufen und möglicherweise beunruhigt hätte, aber ich sei einfach so aufgebracht gewesen. Worüber? Dass sie mich aus Mitleid eingeladen haben. Ich gehöre ja eigentlich auch gar nicht zu ihrer Clique, sagte ich. Na dann, antwortete Barbara, ich ja anscheinend auch nicht. Vielen Dank für deinen Anruf. Ich kann gar nicht sagen, wie unangenehm mir dieses Telefonat im Nachhinein war. Was hatte ich mir davon versprochen? Ich hatte keine Ahnung. Und jetzt hatte ich wohl ungewollt einen Zickenkrieg entfacht.

Zwei Tage später rief Daniela wieder an. Ob ich mit Barbara gesprochen und was ich ihr gesagt hätte. Nichts. Das könne ja wohl kaum sein. Barbara habe Agnes eine riesen Szene gemacht und ihr die Freundschaft aufgekündigt. Das mit ihrem Mann sei doch wirklich nur ein Gerücht gewesen. Ich könne so ein Gerücht doch nicht einfach durch die Gegend tragen und dann noch sagen, wo es herkomme. Habe ich ja gar nicht! Ich habe kein Wort darüber verloren, wirklich! Wir sollen sie aus Mitleid zu der Dildoparty eingeladen haben, sagte Daniela mit zitternder Stimme, hast du das behauptet? Wie kommst du darauf, so etwas zu sagen? Hab ich ja gar nicht. Das muss Barbara so interpretiert haben. Was soll sie denn interpretiert haben, irgendwas musst du doch angedeutet haben, was hast du denn gesagt? Ich schwieg. Nach einer Weile sagte ich noch, wir hätten keine fünf Minuten telefoniert, dann legte Daniela ohne ein weiteres Wort auf. Ich hatte mich lange nicht mehr so schlecht gefühlt wie nach diesem Telefonat. Ich hoffte inständig, ich würde in den nächsten Wochen und Monaten keiner der Dildofeen begegnen. Aus diesem Grund ließ ich auch Hannahs Geburtstagsparty aus und hatte „Kopfschmerzen“, als du mit mir aufs Frühlingsfest gehen wolltest. Ich war feige. Ich schämte mich. Ich isolierte mich. Das war keine gute Zeit.

Anfang Mai rief Barbara unerwartet an und wollte sich mit mir verabreden. Jetzt würde die Abrechnung kommen, die ich verdient hatte. Ich fügte mich in dieses Schicksal und sagte zu. Ich würde mich nicht verteidigen, Barbaras Vorwürfe über mich ergehen lassen, die ganze Schuld auf mich nehmen und mein Bedauern zum Ausdruck bringen. Und dann würde es vielleicht wieder gut sein. Und dann noch etwas, sagte Barbara, frag nicht warum, aber bring einfach deinen vibrierenden Lippenstift mit. Oder was hast du bei der Dildoparty bestellt? Den Lippenstift? Gut, ich würde mich zur Strafe auch noch von Barbara erniedrigen lassen. Es geschah mir recht. Würden wohl auch Daniela und Agnes da sein? Egal. Da musste ich jetzt durch. Wann? Hast du jetzt Zeit? Hatte ich. Ich hatte zwar gerade erst den Computer angeschaltet, aber ich konnte mir meine Arbeit ja frei einteilen, es gab an diesem Vormittag keinen Termindruck. Außerdem wirbelte gerade die Putzfrau durchs Haus. Es erschien mir gut, die Sache so schnell hinter mich bringen zu können.

Sehe ich aus wie eine frustrierte Hausfrau, fragte sie mich mit finsterem Blick, als sie die Tür ihres mondänen Bungalows öffnete. Ich begann sofort mit meinen Entschuldigungen, wie leid mir das alles tue, wie sehr ich mich schämte. Aber sie zog mich nur lächelnd ins Haus und fragte, ob ich Lust auf eine Spritztour in ihr Wochenendhaus hätte. Also dort würde mich die böse Überraschung erwarten. Es sollte mir recht sein. Sie schnappte ihre Handtasche, fasste mich bei der Hand und zog mich mit sich zu ihrem Sportwagen, der in der Einfahrt parkte. Ich fühlte mich wie auf dem Gang zum Schafott. Also, fragte sie, als sie aufs Gas drückte, sehe ich aus wie eine frustrierte Hausfrau, Ehefrau, Müßiggängerin? Nein, natürlich nicht, beteuerte ich. Gar nicht! Sie griff nach der Sonnenbrille auf der Ablage, setzte sie sich auf, blickte mich kurz an und sagte: Bin ich aber. Und du? Ich? Konnte ich in diesem Moment sagen: Ich aber nicht? Ich schwieg. Aber ich habe mir vorgenommen, das ab jetzt zu ändern, sagte sie. Und welches Opfer würde ich dafür bringen müssen? Wie würde Barbaras Rache aussehen? Ich war immer noch fest davon überzeugt, dass sie mich für ihren Streit mit Agnes büßen lassen wollte. Wann hast du das letzte Mal was vollkommen Verrücktes gemacht, fragte sie. Ich wusste es nicht. Gar nicht. Das Telefonat mit ihr war verrückt gewesen. Das war das einzige, was mir einfiel.

Das Wochenendhaus war atemberaubend und dann auch noch an einem kleinen von Wald und Wiesen umsäumten See gelegen. Und wir waren allein. Von Agnes oder Daniela keine Spur. Warum hatte ich erwartet, sie würden Teil ihres Racheplans sein? Barbara zeigte mir alle Zimmer des Hauses. So ein Haus sei lange Zeit ihr Traum gewesen, aber seit sie es besäßen, habe sie nicht das Gefühl gehabt, damit sei wirklich irgendein ein Traum in Erfüllung gegangen. Sie hätten hier schon einige Partys gefeiert, manches entspannte Wochenende verbracht, aber es habe ihr doch immer irgendetwas gefehlt. Sie sei ein notorisch unzufriedener Mensch, immer schon gewesen. Manchmal habe sie sich vorgestellt, eines Tages einfach einen kleinen Koffer zu packen und ziellos ins Blaue zu fahren, um irgendwelche Abenteuer zu erleben. Gehindert habe sie daran immer, dass sie nicht gewusst habe, von welcher Art diese Abenteuer sein sollten. Andere Männer? Segelfliegen in den Alpen? Bildhauern in der Toskana? Ein Buch schreiben in Casablanca? Sie sei wirklich ein erbarmungswürdiges Menschlein. Sie sagte wirklich: Menschlein. Erst der Streit mit Agnes, den sie geradezu provoziert habe, weil Agnes sie schon immer eher gelangweilt habe, habe sie zur Besinnung kommen lassen. Wir setzten uns in die weichen Polster des Wohnzimmers. Du bist mir was schuldig, sagte sie. Ich nickte. Du hättest mich nicht anrufen dürfen. Ich nickte. Warum hast du mich angerufen? Ich sei wütend auf Daniela gewesen, sagte ich. Und? Das ist alles, sagte ich. Und warum hast du ausgerechnet mich angerufen? Ich fand dich sympathisch, sagte ich, auf der Punktpunktpunkt-Party warst du die einzige, mit der ich mich wirklich hätte unterhalten wollen. Du machtest den Eindruck, als fändest du das alles genauso lächerlich wie ich. Ja, sagte sie, lächerlich war es, weil es für alle so ungefährlich war, niemand musste wirklich was riskieren. Dabei, so meinte sie dann, hätten alle genau das gesucht: das Risiko, die Grenzüberschreitung. Und genau das sei es, was sie interessiere. Ihre Sehnsucht sei eigentlich schon immer eine Sehnsucht nach der Grenzüberschreitung gewesen, danach, etwas wirklich aufs Spiel zu setzen. Aber sie habe sich nie recht getraut, genau das zu tun. Sie habe sich zwar alle möglichen Freiheiten geleistet, aber die hätten immer im Rahmen der Normen gelegen und hätten viel mehr mit Geld als mit Gefahr zu tun gehabt. Gefahr? Welche Art von Gefahr? Die Gefahr, sagte sie, dass du deinen Status aufs Spiel setzt, deinen guten Ruf, das Bild, das du dir von dir selbst gemacht hast, den Lebensplan, den du weit in die Zukunft hinein aufgezeichnet hast. Sie habe, sagte sie, Agnes die Freundschaft aufgekündigt, sie habe ihr gesagt, wie langweilig sie sie fände, wie mutlos, spießig und prüde. Und damit habe sie die Messlatte weit nach oben gelegt. An ihr müsse sie sich nun selbst messen. Und ich solle ihr bei ihrem ersten Schritt behilflich sein. Weil ich ihr – nicht im Ernst – etwas schuldig sei. Auch ich sei ihr spontan sympathisch gewesen. Als sie mit der Bestellung an der Reihe gewesen sei, habe sie sich impulsiv entschieden, das zu kaufen, was ich mir vermutlich bestellt hatte. Deshalb sei sie auch so schnell damit fertig gewesen. Sie griff in ihre Handtasche und holte den schwarzen Lippenstift hervor. Den hier! Hast du ihn schon ausprobiert? Ich schüttelte den Kopf. Doch, sagte ich, aber es hat nicht funktioniert. Das ist einfach nichts für mich. Barbara knöpfte sich die Jeans auf, zog sie aus und hockte sich längs aufs Sofa. Sie schaute mir in die Augen, hielt den kleinen Vibrator vor sich hin wie eine Monstranz und schaltete ihn mit dem Daumen an. Dann führte sie ihn zu ihrem hellen Slip zwischen den Beinen, schob ihn ein wenig hin und her, schaltete eine oder zwei Stufen höher, setzte ihn wieder an ihre unter dem Slip verborgene Klitoris und schaltete das Gerät wenige Momente später wieder aus. Sie umfasste es mit einer Hand und schaute mich mit einem unerwartet schüchternen Blick an. Würde es dir etwas ausmachen, mit mir mitzumachen? Ich glaube, alleine kann ich es doch nicht. Ich dachte an die Holzhütte auf unserem Hof, an die Jungs mit der Feder. Ich blickte unwillkürlich aus dem Fenster. Wer würde uns zusehen? Warum sollte ich Barbaras Bitte folgen? Was hatte das mit meinen eigenen Bedürfnissen zu tun? Warum sollte ich Barbara bei ihrer Grenzüberschreitung begleiten? War es nicht schon Grenzüberschreitung genug, wenn sie vor meinen Augen masturbierte? Ich schwieg und starrte aufs Parkett. Barbara erhob sich, schnappte sich ihre Jeans und verschwand im Flur. Wenige Augenblicke später kam sie zurück und warf mir ein Handtuch zu. Lass uns schwimmen gehen, sagte sie, öffnete die Terrassentür und schritt über die Wiese zum See hinunter. Ich folgte ihr. Am See zog sie sich aus und watete fröstelnd ins Wasser. Es sei noch furchtbar kalt, sagte sie, als sie sich mir zuwandte, trotzdem, geh wenigstens mit mir schwimmen! Ja, ich hatte Lust zu schwimmen. Schnell zog ich mich aus und rannte an Barbara vorbei ins Wasser. Es musste schnell gehen, dann war es nicht so schlimm. Es war schön, endlich mal wieder nackt zu schwimmen. Wir schwammen bis zu einer Wiese am gegenüberliegenden Ufer. Auf einer leichten Anhöhe stand die wild umwucherte Ruine eines alten Natursteinhauses. Vielleicht war es als Stall erbaut worden, danach musste es wohl ein Wohn- oder ebenfalls ein Wochenendhaus gewesen sein. Auf einer Seite war das Dach eingestürzt, die Fenster hatten keine Scheiben mehr. Das habe sie gerne kaufen wollen, sagte Barbara fröstelnd, aber es sei nicht zu ermitteln, wem es gehöre. Sie komme manchmal hierher. Jedes Mal hoffe sie, irgendeine geheimnisvolle Entdeckung zu machen. Vielleicht sei hier irgendwo eine Leiche vergraben worden, oder ein entführtes Mädchen gefoltert und vergewaltigt worden. Du willst mir bloß Angst machen, sagte ich. Vorsichtig betraten wir, nackt wie wir waren, das Haus, denn überall auf dem Boden lagen Scherben und allerhand Unrat. Hin und wieder kommen hier Jugendliche her und haben heimlich Sex, sagte sie. Wenn du genau hinschaust, wirst du benutzte Kondome auf dem Boden finden. In dem überdachten Teil des Hauses war eine Küche, in der Schränke und ein Herd standen. Sogar ein paar alte Blechtöpfe standen noch herum. In einem anderen Raum lag eine fleckige Matratze auf dem Boden. Daneben leere Cola-Flaschen und Bierdosen, Chips-Tüten, Zigaretten-Kippen. Barbara legte sich rücklings auf die Matratze, faltete die Hände hinterm Kopf, blickte zur Decke und meinte, hier würden sie es immer treiben, die Jugendlichen. Sie spreizte die Beine und stellte die Füße neben der Matratze auf. Ich sah genau zwischen ihre Beine. Ich trat an eines der Fenster, zu dem die Brennnesseln hinaufwuchsen. Weit entfernt fuhren Autos auf einer Landstraße. Wollen wir nicht lieber wieder zurück, fragte ich, ich fühle mich hier nackter als in einer öffentlichen Sauna, nur dass es hier unendlich viel kälter ist. Ich finde es – Barbara suchte nach dem richtigen Wort – kribbelig. Mein ganzer Körper kribbelt, wenn ich hier bin. Du weißt nicht, ob jemand zufällig vorbeikommt, der angezogen ist, und du bist ganz nackt. Hier finde ich es besonders schön, nackt zu sein. Sie stellte sich neben mich ans Fenster und spann ihren Gedanken weiter: Drei Männer kämen aus dem Wald, erblickten uns, grüßten und täten, als gingen sie vorüber. Tatsächlich schlichen sie von der anderen Seite ins Haus und überraschten uns in diesem Zimmer. Sie sprächen kein Wort Deutsch und gäben uns Zeichen, wir sollten uns auf die Matratze legen und ihnen zu Diensten sein. Barbara zog mich auf die Matratze hinunter, die mich ekelte. Aber im Wasser würde ich den Dreck ja wieder abwaschen können. Dann erzählte sie weiter. Wir müssten die Beine spreizen. Die Männer würden ihre Hosen herunterlassen, sich zu uns hinunterknien und einer nach dem anderen seinen Schwanz in uns hineinstoßen. Wir würden uns nicht dagegen wehren können, denn sie hätten Messer dabei, die sie uns an die Hälse hielten, wenn wir zu schreien versuchten. Abwechselnd hielte einer der drei Männer am Fenster Wache. Wir würden Todesängste ausstehen und alles über uns ergehen lassen. Dann würden sie sich die Hosen wieder hochziehen, aus einem Flachmann trinken und uns die Flasche ebenfalls hinhalten, um gleich darauf zurück in den Wald zu gehen. Hast du häufiger solche Phantasien, fragte ich. Nein, nur wenn sie hier sei. Oder wenn sie sich in einer Umkleidekabine in einem Kaufhaus befinde. In so einer Umkleidekabine habe sie sich sogar einmal komplett ausgezogen und die Angst genossen, sie könne entdeckt werden. Ein Mann könnte da sein, ein lästiger Einkaufsbummel mit seiner Frau, er würde einen Blick auf ihren nackten Körper erhaschen und sich nicht zurückhalten können, sich in ihre Kabine zu drücken, wo er ihr mit einer Hand zwischen die Beine fasste und seinen Körper an den ihren presste. Bei der Vorstellung werde sie schon wieder ganz feucht, sagte sie. Bist du auch feucht geworden? Ich stand auf und wollte gehen. Trotzdem fasste ich mir beim Gehen zwischen die Beine. Ja, ich war feucht geworden. Das war nicht mehr das Wasser des Sees. Ich wandte mich halb um und hielt ihr meine glänzenden Fingerkuppen entgegen. Barbara lächelte triumphierend, stand auf und ging an mir vorbei aus dem Haus. Ich folgte ihr. Ich folgte ihr von jetzt an in allem, was sie tat und worum sie bat. Weil es sich gut anfühlte, weil es – kribbelte. Wir schwammen zurück ans andere Ufer, trockneten uns ab und legten uns noch eine Weile in die wärmende Sonne. Mittags, wenn die Kinder kamen, wollte ich wieder zuhause sein. Wir zogen uns bald an und fuhren zurück. Als ich in mein Auto stieg, fragte sie, ob wir uns mal in der Stadt treffen wollten. Das klang unverfänglich. Ich nickte. Verachtest du mich jetzt, fragte sie. Ich schüttelte den Kopf. Aber ich konnte noch nicht einordnen, was ich gerade erlebt hatte, ich wusste noch nicht, wie ich die Gefühle bewerten sollte, die Barbara in mir geweckt hatte.

Was ich bis hierhin geschrieben habe, muss sehr verstörend auf dich wirken. Du erkennst deine Frau kaum wieder. Warum hat sie nicht sofort die Notbremse gezogen? Wie leicht wird sie die Beute einer manisch überspannten Müßiggängerin? Noch bevor du selbst zu diesem Vorwurf gelangst: Das hat immer zwei Seiten. Als Verführte habe ich mich doch auch allzu gerne verführen lassen. Rückblickend bin ich immer eher die Verführte gewesen. Das ist eine bequeme Art und Weise, die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, ohne wirklich Verantwortung übernehmen zu müssen. Ich erinnere mich an eine Schlacht mit Matsch und Kuhscheiße. Es hatte tagelang geregnet, wir Kinder hatten täglich Stunden mit den Nasen an den Fenstern geklebt und unsere verregneten Sommerferien beklagt. Als der Regen endlich aufhörte, konnten wir es nicht erwarten, wieder auf der Wiese herumzuspringen. Wir waren wild wie die Rinder, wenn sie im Frühjahr nach langen, dunklen Monaten im Stall wieder auf die Weide gelassen werden. Sie galoppieren, grölen ihr kehliges Jubeln und Jauchzen, jagen sich, machen Bocksprünge und stoßen sich die Hörner aneinander ab. Die Böden waren durchgeweicht. Am Rande des Elektrozauns hatte sich in Schlamm und Kot ein kleiner See gebildet. Wir stampften hindurch und ließen die braune Brühe aufspritzen. Schließlich griff Ralf mit beiden Händen tief in den Matsch und schmierte Jochen damit das Gesicht zu. Jochen hätte auch plärrend zu seiner Mama laufen können, denn er war ein zu penibler Reinlichkeit erzogenes Kind. Aber Jochen fasste sich nach den ersten Schrecksekunden wieder, schaufelte eine große Portion des jauchigen Breis zwischen seinen gelben Gummistiefeln hervor und bewarf Ralf damit. Ich stand eine Weile dabei, sah zu, wie sich die Beiden einseiften und war hin- und hergerissen zwischen Abscheu, Tadel und Lust. Erst als mich ein Blindgänger am Anorak streifte, machte ich mit lautem Protest auf mich aufmerksam. Ich schrie sie an, sie sollten mit dieser Sauerei aufhören, sie seien doch keine kleinen Babys mehr. Die Jungs sahen mich verwundert an. Ralf lief die Suppe bereits in die Stiefel. Kurzerhand zog er sich Stiefel und Socken aus und ließ einen der Stiefel in der Pfütze volllaufen. Einen Moment später erwischte mich eine volle Breitseite. Da erst stürzte ich mich ins Gefecht, nach diesem mein Eingreifen legitimierenden Angriff. Mit gespielter Aggression stürzte ich mich auf Ralf, zog ihm ein Bein weg und ließ mich voller Lust mit ihm in den Güllematsch fallen, ich schaufelte ihm den Dreck in die Haare, ins Gesicht, unters T-Shirt und bekam von hinten einen miefigen Schwall aus Jochens Gummistiefel ab. Wir ließen vollends glücklich erst wieder von unserer Schlacht ab, als wir bis auf die Knochen durchgeweicht waren und zu frieren begannen. Was würden unsere Eltern sagen, wenn sie uns sahen? Das große, unbändige Glück machte jede noch folgende Strafe wett. Jetzt erinnere ich mich auch wieder an die Disco-Abende in der Schule. Es gab sie jedes Jahr im Spätsommer. In meiner Erinnerung schmelzen sie zu einem einzigen zusammen. Ich sehe mich – wie viele andere auch – am Rand des verdunkelten SV-Raumes auf einem der Tische sitzen, aus den Lautsprechern erklingt „Shine On You Crazy Diamond“ von Pink Floyd. Gefühlte zwanzig Minuten langsamste Rockmusik, wenn man das so nennen kann, bei der es üblich war, dass die Paare, die sich gefunden hatten, eng umschlungen sich langsam im Kreis drehten. Das hätte ich auch gern getan, mit einem Jungen aus der Parallelklasse, in den ich verliebt war und der Markus hieß. Er war wohl auch ein wenig in mich verliebt. Wir tauschten schüchterne Blicke aus. Aber er traute sich nicht, mich aufzufordern, und auch ich war nicht mutig genug, um es wie Kirsten oder Claudia zu halten, die die Jungs ihrer Wahl, die sich halbherzig sträubten, rabiat auf die Tanzfläche zerrten. Im Unterschied zu mir war Bettina in niemanden verliebt, und wohl auch niemand in sie. Aber sie wollte tanzen. Deshalb guckte sie mich aus und zog mich in den flackernden Schein der Lichtorgel. Sie umschlang mich, wie ich gern von Markus umschlungen worden wäre, und wir drehten uns langsam und schaukelnd mit den anderen Paaren. Ich rieche noch heute Bettinas Schweiß, der nach – es war wirklich so! – Spargelsuppe roch. Wir schwitzten beide, es war seltsam, den Körper eines fremden Menschen so dicht an meinem eigenen zu spüren. Nach einer Weile stellte ich mir vor, dieser Körper, den ich umarmte und der mich erhitzte, sei Markus. Irgendwann erwachte ich aus der Trance, in die ich mich hatte fallen lassen, und blickte auf die Umstehenden, ob auch Markus noch zusah, ob sein Blick auf mich gerichtet war und er sich danach verzehrte, in meinen Armen zu liegen. Aber er war einfach hinausgegangen. Ich sah ihn an diesem Abend nicht wieder. Ich war von mir selbst tief enttäuscht, furchtbar traurig, weil ich nicht meinem Gefühl gefolgt war und Markus anscheinend vor den Kopf gestoßen hatte. Den Rest des Abends saß ich melancholisch auf einem Tisch am Rand, trank Cola, und „Love Is Like a Violin“, der einzige Song, der drei Mal an diesem Abend wiederholt wurde, brannte sich tief in mein Herz ein. Die Schwärmerei für Markus verging schon bald wieder, manchmal sahen wir uns, wenn wir in größeren Gruppen Unternehmungen machten oder uns im Freibad trafen. Trotzdem war es Markus, der mir zwei Jahre später meine Jungfräulichkeit nahm. Wir hatten im Gästehaus eines begüterten Schulfreundes gefeiert und deutlich zu viel getrunken. Im feuchten Gras, etwas abseits des Hauses ließ ich mich abknutschen und gab mich ihm schließlich hin – weil er darauf drängte, zärtlich erst, dann ungeduldig und vehement. Es gelang ihm nicht, besonders tief in mich einzudringen. Es schmerzte. Und bevor mir so richtig bewusst wurde, was wir taten und welche Konsequenzen das für mich haben könnte, war er auch schon fertig. Das meiste landete auf meiner Unterhose, die ich danach nicht mehr tragen konnte und wollte. Ich warf sie unter Rhododendronbüsche. Ich hatte nicht einmal geblutet. Eigentlich war ich danach anatomisch weiter Jungfrau. Markus, Peter, Achim und dann du. In keiner der intimen Begegnungen ging die Initiative von mir aus. Ich habe mich immer auf der sicheren, verantwortungslosen Seite aufgehalten.

Bei Barbara war es genau umgekehrt. Sie war es, die ihre Mitschüler zu kleinen Diebstählen anstachelte, die Unterschriften unter Klassenarbeiten fälschte (bei Bedarf auch für ihre Freundinnen) und die sich den Jungs an den Hals warf. Sie verriet mir, dass sie während ihrer Ehe mit Stefan kurze Affären gehabt habe, von denen er nichts mitbekommen habe. Sie habe sich damals ihn geangelt, nicht umgekehrt, ihn bezirzt und umgarnt, nicht ganz ohne Kalkül. Seine Eltern seien vermögend gewesen, seine beruflichen Aussichten glänzend. Sie habe ihn durchaus auch geliebt, immer mal wieder. Bis zum frühen Tod ihres dritten Kindes sei sie ein Enfant terrible gewesen, kaum zu bändigen, unberechenbar und verrufen. Nach diesem Schicksalsschlag sei sie lange in Traurigkeit und Passivität versunken. Ich wagte nicht, nach den genaueren Umständen des Todes zu fragen. Sie fühlte sich offenbar mitschuldig am Tod ihres Jungen, sie habe damals manchmal nächtelang gefeiert, große Mengen Alkohol und auch Marihuana hätten eine Rolle gespielt, und der neue Pool im Garten, den sie danach zugeschüttet hätten. Dennoch habe sie nicht länger in dem Haus leben können. Nach dem Verkauf des Hauses hätten sie auch die Stadt verlassen, die für sie immer mit dem Unglück verbunden bleibe. Sie sei nicht die klassische frustrierte Hausfrau, nein, sie sei eine traurige Mutter, das vor allem, aber sie wolle ihr Leben nicht weiter von dieser Trauer bestimmen lassen. Sie habe die Zeit der Trauer für beendet erklärt. Während sie mir das alles erzählte, saßen wir in dem Straßencafé, in dem ich auch Daniela und Agnes getroffen hatte. Jetzt sprang sie auf, schob einen Zehner unter ihre Tasse und sagte: „Und jetzt lass uns was Verrücktes machen!“ Ich sei an der Reihe, mir etwas Verrücktes auszudenken. Wir eilten ziellos durch die Fußgängerzone und ich grübelte darüber nach, was in Barbaras Augen verrückt genug sein konnte. Mir fiel nichts ein. Wie immer, wenn ich aufgefordert werde, spontan zu sein, wenn ich gefragt werde, was mir gerade durch den Kopf geht, war mein Hirn wie weißgewaschen, vollkommen leer. Mir fällt nichts ein, sagte ich noch einmal, barfuß laufen vielleicht? Barbara blieb stehen, schob sich die Sonnenbrille bis zur Nasenspitze hinunter und sah mich abschätzig an. Dann streifte sie ihre Pumps von den Füßen, klemmte sie zwischen drei Finger und spazierte barfuß weiter. Ich blickte ihr einen Moment lang nach, zog mir meine Schnürschuhe und die Socken aus und holte sie bald ein. Ich war zufrieden mit mir.  Es gefiel mir sogar, dass einige der Passanten auf das barfuß laufende Paar aufmerksam wurden, nennenswerte Reaktionen ernteten wir jedoch nicht. Und jetzt? Ich fand, Barbara sei wieder an der Reihe. Such dir was aus, sagte sie, und es folgte eine Kaskade von Vorschlägen: Mit Lippenstift Hüpfekästchen aufmalen und ein Hüpfespiel spielen. Kennst du noch die Hüpfespiele von früher? Leute ansprechen und als Zeugen Jehovas die frohe Botschaft von Jesus Christus verkünden. In einem Frisörladen die Haare bunt färben lassen. Irokesenschnitt, Afrolook. In der Eisdiele Pommes rot-weiß bestellen und den Geschäftsführer sprechen wollen. Wenn es Spaghetti-Eis gebe, müsse auch Pommes rot-weiß möglich sein. Eine Säge kaufen – kann man hier irgendwo eine Säge kaufen? – danach ein großes Brot kaufen, das Brot vor den Augen der Verkäuferin aushöhlen und die Säge darin verstecken. Unterhosen kaufen und sie über die Jeans ziehen. Ein Glas Bockwürste besorgen und die Würste an vorbeilaufende Hunde verteilen. In ein Taxi steigen und uns an exakt den Ort fahren lassen, wo wir uns gerade befinden, wieder aussteigen und Trinkgeld geben. Ich entschied mich für den harmlosen Vorschlag mit der Eisdiele, aber Barbara überredete mich, mit ihr in einem Schaufenster Schaufensterpuppe zu spielen. Wir nutzten einen Moment, in dem wir uns unbeobachtet glaubten, zogen die Rückwand eines Schaufensters etwas zur Seite und schlängelten uns um die steifen Puppen herum, bis wir einen geeigneten Platz fanden. Die Passanten nahmen keine Notiz von uns. Wir froren in einer Pose ein und folgten den Vorübergehenden nur mit den Augen. Lachen verboten, bewegen verboten, zu früh aufgeben verboten. Allerdings hatten wir die Videoüberwachung nicht auf der Rechnung gehabt. Jetzt hatten wir es doch noch mit einem Geschäftsführer zu tun, der unsere Personalien aufnehmen wollte. Barbara zückte einen Zehner aus ihrem Portemonnaie, reichte ihm den hin und bestellte zweimal Pommes rot-weiß. Dann riss sie ihren Arm hoch, zeigte auf etwas und rief erschrocken: „Was ist das?“ Der Geschäftsführer und seine junge Angestellte fielen auf den Trick tatsächlich herein. Sie wandten sich in die Richtung, in die Barbara gezeigt hatte, und wir nahmen unsere Beine in die Hände. Wohin? Zum Frisör, rief Barbara, die Haare färben lassen. Irokesenschnitt, lachte ich, während wir rannten. Afrolook, rief Barbara ausgelassen, Bärenfell, Streichholzkostüm, Warnweste!

Weißt du, was ich heute erlebt habe? Hätte ich das fragen können, als du am Abend nachhause kamst? Schwer vorstellbar. Also blieb es mein Geheimnis, zumindest für den Fall, dass nicht irgendjemand, der mich kannte, meine Vorstellung als Schaufensterpuppe mitbekommen hatte. In der Stadt wollte ich mich mit Barbara nach diesem Abenteuer nicht unbedingt noch einmal sehen lassen.

Von da an trafen wir uns mindestens zweimal in der Woche, sobald die Jungs in der Schule waren. Wir fuhren zu ihrem Wochenendhaus, machten lange Spaziergänge oder gingen schwimmen. An einem Regentag erzählte sie mir bis ins Detail, auf welch unterschiedliche Weise sie Sex mit Stefan und ihren diversen Liebhabern gehabt hatte. Nach dem Tod ihres Sohnes habe sie aber damit aufgehört. Auch mit Stefan habe sie seitdem nicht mehr geschlafen. Sie sei sich fast sicher, dass er mittlerweile eine Affäre habe, sie würde es ihm jedenfalls nicht übelnehmen, wenn es so wäre. Und dann wollte sie auch wissen, wie es ist, wenn ich mit dir zusammen bin. Es fiel mir nicht leicht, die richtigen Worte dafür zu finden. War das die Offenheit, die zwischen wirklich guten Freundinnen herrscht? Mir war das nicht vertraut. Hatte ich schon einmal eine beste Freundin gehabt, mit der ich alles teilte, Glück, Kummer und Sorgen, intimste Details? Ich sei eine miserable Erzählerin, sagte ich, dafür eine viel bessere Zuhörerin. Sie forderte mich auf, die Augen zu schließen, es mir eins zu eins vorzustellen und alles mit einfachen Worten genau zu beschreiben. Ich lachte und behauptete, mein literarisches Vermögen reiche dafür nicht aus, es fehle mir an Vorstellungskraft, ich müsse schon wirklich in der Situation sein, und selbst dann würde es mir schwerfallen, in Worte zu fassen, was ich mir vorstellte. Dann müsse sie mich wohl in ein möglichst authentisches Umfeld verpflanzen, meinte Barbara in gespielt generösem Ton, sie stelle mir dafür ausnahmsweise ihr Ehebett zur Verfügung. Ich könne mich unter die Bettdecke kuscheln und sie werde sich als Dummie neben mich legen. Mir fehlte die Widerstandskraft, ihr zu widersprechen. Also folgte ich ihr ins Schlafzimmer und legte mich unter die Bettdecke. Es ging nicht. Ich musste lachen, während ich nach passenden Worten suchte, die unser zärtliches Tun angemessen beschreiben konnten. Worte wie Penis, Scheide, Vagina, Klitoris und so weiter erschienen mir zu neutral, zu anatomisch-wissenschaftlich, andere dagegen zu derb und brutal. Wir sollten uns ausziehen, meinte Barbara, und ob ich den Vibrator dabeihätte. Den Vibrator? Hatte ich wirklich, denn nach unserem ersten Treffen war er in meiner Handtasche liegengeblieben. Ich schwieg und starrte an die Decke. Kurzentschlossen stand Barbara auf, flitzte auf Zehenspitzen hinaus, kehrte mit meiner Handtasche und ihrer eigenen zurück, kippte den Inhalt meiner Handtasche aufs Bett und reichte mir den schwarzen Lippenstift. Dann zog sie sich bis auf den Slip aus, nestelte aus ihrer eigenen Handtasche einen weiteren Vibrator und schlüpfte unter die Bettdecke. Eine Weile lagen wir regungslos nebeneinander und starrten nun gemeinsam an die Decke. Dann blickte Barbara mich an und meinte, ich müsse mich erst in Stimmung bringen, dann würden die Worte irgendwann aus mir herausfließen. Und aus Gründen schwesterlicher Solidarität werde sie sich ebenfalls etwas in Stimmung bringen. Das müsse jetzt sein, es sei der größte Freundschaftsbeweis, eine unblutige Blutsschwesternschaft. Sie zog die Hand mit dem Vibrator unter der Decke hervor, stellte ihn an, legte ihn an ihre Wange und begann übertrieben zu stöhnen. O mein Gott, ich komme, gleich komme ich! Dann hielt sie ihn mir an die Nasenspitze und fragte ernst und mit gespielt tiefer Stimme: „Kannst du es spüren, Baby? Zieh dich aus, Puppe!“ Ich befolgte, was sie sagte. Ich ließ Hose und T-Shirt neben das Bett fallen. „Schließ die Augen und fang an!“ Ich schloss die Augen, suchte eine Weile nach der Start-Taste des Vibrators und hielt ihn, nachdem er zu vibrieren begonnen hatte, an meinen Slip, genau dort, wo ich mir die meiste Wirkung davon versprach. „Und jetzt rede!“ Ich versuchte mir vorzustellen, wie deine Hände meinen Körper streicheln, wie sie nach und nach ihrem Ziel näher kommen und ich meine Beine auseinanderstelle, wie du meine Brüste liebkost und mit deinem Speichel benetzt. Die Vibrationen fühlten sich immer intensiver an. Immer war nur das „Du“ in meinem Kopf. Ich vermochte nicht, es in ein beschreibendes „Er“ zu verwandeln. Ich brachte kein einziges Wort hervor, während ich mir vorstellte, wie wir miteinander schliefen. Kurz öffnete ich die Augen, um einen Blick auf Barbara zu werfen und mich zu entschuldigen, dass es mir einfach nicht gelingen wollte. Aber sie lag mit geschlossenen Augen neben mir, ruhig, entspannt, und unter ihrer Decke vibrierte es ebenfalls leise. Sie spürte meinen Blick und sagte, ohne die Augen zu öffnen, ich müsse nun die Geschwindigkeit steigern. Ich presste den Knopf mehrmals bis zur höchsten Stufe, spürte, wie ich in einen unwiderstehlichen Sog geriet und wollte bald nicht mehr aufhören, bis es endlich geschehen war. Ich kam viel schneller als Barbara. Als auch sie fertig war, lächelte sie und sagte, das sei gut gewesen. Ich erzählte ihr, was ich mir vorgestellt hatte, wie wir uns lieben, und sie sagte sanft, das sei sehr schön.

Das Gefühlschaos, in dem ich mich nach diesem Vormittag befand, kann ich bis heute nicht vollständig entwirren. Ich fühlte mich schuldig, glaubte, dich betrogen zu haben, und hätte doch mit Barbara nicht brechen wollen. Ich hatte Angst, aber ich wusste nicht wovor. Vor mir selbst? Schuld und Lust und Angst lagen dicht beieinander, sie verschmolzen zu einem einzigen Gefühl. Und ich wusste nicht mehr, wer ich war. Ich konnte mir meiner selbst nicht mehr sicher sein. Eine Frau zu sein, die neben einer anderen Frau masturbierend im Bett liegt, passte nicht zu dem Bild, das ich von mir hatte, es war nie auch nur als Möglichkeit darin vorgekommen.

Angst: Du könntest erfahren, was ich getan habe. Du verlässt mich. Du hasst und verachtest mich. Was ich bin und sein werde, entgleitet mir. Ich verändere mich und habe keine Kontrolle darüber. Ich muss mich fortan verstecken. Ich führe ein Doppelleben. Ich weiß nicht mehr, was ich will. Ich bin meinen Gefühlen ausgeliefert. Meine Rationalität ist nicht mehr der Boden unter meinen Füßen und meine Gefühle schwanken wie ein Boot auf stürmischer See.

Schuld: Ich habe etwas Verbotenes getan. Ich lüge oder verschweige die Wahrheit. Ich setzte verantwortungslos meine Ehe, meine Familie aufs Spiel. Ich verletze deine Gefühle. Ich verstoße gegen deine Erwartungen, gegen Verabredungen, gegen den Treueschwur. Ich verstoße gegen die Erwartungen einer anonymen Öffentlichkeit, gegen das Bürgerliche in mir, gegen meine Erziehung. Ich bin mir selber untreu geworden. Ich verstoße gegen meine eigenen Prinzipien. Meine Liebe ist nicht stark genug. Ich bin ein schwacher Mensch. Ich bin ein schlechter Mensch.

Und Lust: Das ist eine Abenteuerlust, eine Lust, zu tun, was mir gerade in den Sinn kommt, etwas auszuprobieren. Ich möchte meinen Körper neu erkunden. Ich möchte erfahren, wozu ich fähig bin, was ich aushalten kann, was mich glücklich macht. Ich möchte mutig sein, mich nicht mehr zurücknehmen. Ich will spontan sein. Ich will keine Angst mehr haben, mich nicht mehr schuldig fühlen müssen. Ich möchte den Teil meiner Persönlichkeit kennenlernen, den ich irgendwann zum Schweigen gebracht habe. Ich will meine eigenen Grenzen und die der anderen erkunden, die ich liebe. Ich will singen, tanzen, sehen, gesehen werden, Sex haben, von allem mehr als genug haben – und alles teilen.

Schon als die Kinder von der Schule kamen, bemerkte ich, dass ich neben mir stand und mich bei allem, was ich tat, beobachtete. Wie ich sie umarmte, sie danach fragte, was sie essen wollten, wie die Schule gewesen sei, was sie heute vorhätten. Ich sah mir dabei zu, wie ich übertrieben herzlich und aufmerksam war. Ich spielte mich nur. Ich spielte das, was ich für meine gewohnte Persönlichkeit hielt und was die Kinder dafür halten mussten. Als du am Abend nachhause kamst, fiel es mir anfangs schwer, dir in die Augen zu sehen. Aber ich wollte auch nicht, dass du fragst, ob alles in Ordnung sei. Ich wollte nicht lügen müssen. Also spielte ich die Lea, die dir vertraut war. Und ich spielte meine Rolle besonders leidenschaftlich, voller Überzeugung. Ich umarmte dich, legte meinen Kopf an deine Brust. Ich tat fröhlich, gab mich zufrieden mit den Ergebnissen meiner Kochkünste. Ich fragte dich, was du am Abend gerne tun würdest. Ich fragte dich nach deiner Arbeit. Im Bett schmiegte ich mich an dich, streichelte dich, machte unmissverständlich Andeutungen, dass du mit mir schlafen könntest, wenn du wolltest. Und du gingst, so schien es, auf mein Angebot ein. Ich gab mir besonders große Mühe, geil auf dich zu sein, oder so zu wirken. Ich küsste dich, ich wand mich, öffnete mich für dich, ich hielt deinen Schwanz in der Hand, der einfach nicht steif werden wollte. Ich fragte mich beleidigt, was ich denn noch alles tun müsse, um in dir den Wunsch zu wecken, mit mir zu schlafen. Ich fragte dich, ob alles in Ordnung sei. Ich hörte mir dabei zu, wie etwas in mir dich danach fragte, ob alles in Ordnung sei. Ich hörte meine Stimme, die verständnisvoll sagte: „Wollen wir es auf morgen Abend verschieben?“ Ich sah zu, wie ich dir einen Gutenachtkuss gab. Ich sah, wie meine Hand zu Nachtlektüre und Brille griff. Ich sah mich in Barbaras Bett liegen. Ich verachtete mich dafür, meine Lust am Vormittag für ein Abenteuer vergeudet und sie dir nun vorenthalten zu haben. Ich verachtete mich dafür, nicht mehr ich zu sein, sondern dieses Ich nur noch stolpernd und wankend spielen zu können. Und ich verachtete dich, weil du mich nicht mit Zärtlichkeit und Fürsorge in mein Leben zurückholen konntest, weil du die Zeichen nicht sahst, dass ich von dir gerettet werden wollte. Weil dieses Gefühl, das ich nicht abschütteln konnte, so ungerecht war, hasste ich mich selbst. Ich fühlte mich einsam wie lange nicht und sehnte mich nach Barbaras scheinbar unbeschwertem Wesen, das mich hätte aufmuntern können. Dabei wäre es so einfach gewesen. Ich hätte mich entspannt zurücklegen können, mir beim Atmen zuhören, Ruhe finden, wenige Worte formen: „Kannst du mich einfach nur für eine Weile in den Arm nehmen?“

Am nächsten Morgen wirktest du unterkühlt auf mich. War das nur der Widerschein der Kälte, die ich für dich empfand? Woher kam diese Gefühllosigkeit? Was ich zuvor nie bewusst wahrgenommen hatte: Wie du deinen Kaffee schlürfst, wie du mit krummem Rücken am Frühstückstisch sitzt, dass du das Hemd schon den dritten Tag trägst, die Spuckefäden in den Mundwinkeln, wenn du dir das Toast in den Mund schiebst, dein vom Schleim röchelndes Husten, weil du zu viel rauchst, dein falsches, desinteressiertes Lächeln, wenn ich dir Kaffee nachgieße, um wieviel wichtiger die Nachrichten auf deinem teuren Smartphone sind, als ein paar freundliche Worte mit mir zu wechseln, der flüchtige Abschiedskuss, wie du dir die erste Fluppe anzündest, bevor du ins Auto steigst, wie abwesend du bist, auch wenn du da bist. Das sehe ich erst jetzt so: Weil ich mir fremd wurde, wurdest auch du mir fremd.

Wer kann schon längere Zeit mit Schuldgefühlen leben? Eine gutmütige und wohlwollende Instanz in uns lässt uns bald den Blick nach außen richten und führt uns vor Augen, wie groß die Schuld der anderen ist. Sie webt ein Netz aus den Verfehlungen der Anderen, ihren Nachlässigkeiten, rücksichtslosem Egoismus, Unaufmerksamkeit, fehlender Empathie, in dem sich unsere Schuld verfängt und von der schwarzen Spinne der Alternativlosigkeit leergesogen wird, bis sie sich fast verflüchtigt, nur noch ihre abstrakte Hülle übrigbleibt: Du hattest keine andere Möglichkeit, dir blieb keine andere Wahl. Dann verwandelt sich auch die Angst. Sie tritt nun im Gewand von Wut und Trotz auf. Sie verneigt sich tief mit mephistophelischem Grinsen und gibt die Bühne frei für den nächsten Akt.

Ich war nie das, was man eine Pessimistin nennt. Mir fiel immer das kleine Glück ins Auge, der blass-grüne Keim des Neuen, ich sah die Bewegung, nicht den Stillstand. Es ist nicht böse gemeint, wenn ich behaupte, dass eher du der Pessimist von uns beiden bist, auch wenn sich das im Laufe der Jahre geändert haben mag: Der Wagen springt nicht an, mit dem ist es sowieso bald vorbei, die gegnerische Mannschaft schießt ein Tor, das Spiel war von Anfang an verloren, nach zwei Wochen Regen im Mai steht fest, dass das Wetter in dieser Region immer schon das schlechteste der Republik war und sich daran auch nichts ändern wird, im Supermarkt wechselst du längst nicht mehr von der einen zur kürzeren anderen Schlange, weil du weißt, dass es gleichgültig ist, wo du stehst, hier wie dort wird es, aus welchen Gründen auch immer, für dich länger dauern. Du bist vom Pech verfolgt. Ich übertreibe vielleicht gar zu sehr, aber meine Perspektive war jedenfalls meistens eine andere: Der Wagen springt nicht an? Wie gut, da werde ich gezwungen, einen Spaziergang an der frischen Luft zu machen. Wie sich die Brasilianer über das Tor freuen! Ich gönne es ihnen. Nach diesem verregneten Mai wird im Juni alles noch viel üppiger sprießen. Und im Supermarkt schaue ich mir die Wartenden in der anderen Schlange an. Wer von ihnen mag gerade der Glücklichste sein? Ich hielt mich eher für eine, die vom Glück verfolgt wird – obwohl sie es gar nicht verdient hat. Die Überzeugung, das Glück, von dem du Tag für Tag überrascht wirst, nicht verdient zu haben, macht dich bescheiden. Noch die geringste Dosis Glück erscheint dir als Fülle und Übermaß. Ich bin dankbar, aus dieser Perspektive auf die Welt und mein eigenes Glück blicken zu können. Diesmal jedoch ertrank auch für mich im verregneten Mai der ganze Sommer. Ich trug fast die Hälfte zum Familieneinkommen bei (ich schlug in meiner Rechnung allerdings das Kindergeld zu meinen Gunsten auf), kaufte aber auch ein, kochte jeden Tag (bis auf den hochangesehenen Sonntagsbraten, der schon immer deine Domäne war), ich wusch die Wäsche, erledigte am Computer ganz nebenbei den Büro-Kram, ich saugte, putzte, beides viel zu selten, ich tröstete, ermunterte, beriet die Kinder, ich trieb sie an und hörte ihnen zu, ich bewirtete ihre Gäste, räumte ihnen hinterher, und ich empfing dich freundlich, wenn du von der Arbeit nach Hause kamst, fragte dich nach deinem Tag, hörte dir zu, sah mit dir fern, wenn du für anderes zu erschöpft warst, erwiderte deine Zärtlichkeiten, wenn ich ahnte, dass du mit mir schlafen wolltest, ich rasierte meine Scham täglich, weil du sie glatt und sauber magst, obwohl du sie mit den Jahren immer seltener berührt hast, ich habe mir beim Älterwerden zugesehen, während du immer zu bleiben schienst, wie du warst. Erst fragte ich mich, was du noch an mir findest, dann fragte ich mich, warum du immer noch bleibst. Ich begann, dich zu beobachten, ich begann zu vergleichen. Ich beobachtete: Du siehst mich nicht an, du taxierst mich, du liebst mich nicht, aber die Kosten-Nutzen-Rechnung fällt immer noch positiv aus, jeder meiner Handgriffe ist ein dir selbstverständlicher Handgriff, wenn ich einmal das dreckige Geschirr über Nacht in der Spüle liegen lasse, quittierst du das mit unverhohlenem Unmut, bleibe ich am Sonntag ausnahmsweise bis elf im Bett liegen, drehst du die Musik besonders laut auf (Du hörst doch sonst nie Musik!). Dass ein Tag gegen den anderen ausgetauscht werden könnte, scheint dich überhaupt nicht zu stören. Im Gegenteil: Alles soll berechenbar bleiben, du willst dich ja wohlfühlen in deinen vier Wänden. Die Wiederholung bietet ein Höchstmaß an Sicherheit: die Wiederholung der Wochentage, die Wiederholung der Wochenenden, die Wiederholung der Feste, der Urlaube, der Unterhaltungen, der Partys, der besonderen intimen Events, die wirklich einmal etwas Besonderes gewesen sind, nur eben jetzt nicht mehr. Ich hatte mich von dir in eine Endlosschleife ziehen lassen. Du könntest ebenso gut sagen: Du hast dich von mir in eine Endlosschleife ziehen lassen. Und es stimmt wahrscheinlich. Ich sehe die Löcher in deinen Socken, in deinen ausgeleierten Unterhosen sieht dein Hintern so flach aus, dein Bauch ist nicht mehr nur ein Bauchansatz, Hüftspeck schwabbelt, die Brüste wachsen, das Haar dünner, die Ohrläppchen länger und fleischiger, die Augen kleiner und müder, die Lider wulstiger, die Sprechmelodie flacher, eintönig das Gemüt, blau, braun, beige und grau. Und aufbrausend und egozentrisch und besserwisserisch und empathielos und zynisch und selbstmitleidig. Ich sprach von der Sonnenblume, die sich in unserem Garten gegen die Schnecken behauptet hatte, und du redetest über die Sonnenblumenfelder in Tschechien, die ich mal hätte sehen sollen, wie wichtig es sei, in der Welt herumzukommen und nicht immer bloß zuhause herum zu hocken. Ich sprach von der blau-grünen Keramikschale, die mich immer wieder an meinen Vater denken lasse, und dir fiel dazu die beeindruckende Keramiksammlung irgendeines Museums ein, und die kleine Schale sei ja bloß ein Industrieprodukt ohne besonderen Wert, dein Großvater sei ein Sammler gewesen, der habe neben Keramik auch Gemälde gesammelt, aber am Ende des Krieges alles verloren, unermessliche Werte. Auch so eine deiner Lieblingswiederholungen. Die von mir gestaltete Pressemappe hat eine japanische Investorengruppe überzeugt, es heißt, sie habe letztlich den Ausschlag für ihre Zusage zu dem Millionen-Projekt gegeben (niemand kann das mit Sicherheit sagen), aber du findest, dass man bei Geschäften mit Asiaten vorsichtig sein solle, die kauften alles auf, besonders die Chinesen, die kauften alles auf, und bald gehöre uns in unserem eigenen Land gar nichts mehr, die könnten dann tun und lassen, was sie wollten, das sei ein seit langem bekanntes Mittel, seine Konkurrenten auszuschalten. Ich beobachtete dich, ich beobachtete mich und ich suchte nach den Gründen für mein plötzliches, ausuferndes Unbehagen. Jeder Vormittag, den ich mit Barbara verbrachte, stellte eine kleine Rettung dar. Keiner dieser Tage war wie ein voriger, wir suchten beide gierig nach unerforschtem Terrain, bezwangen die Monster unserer Kindheit, überwanden Stacheldrahtzäune und tanzten über Minenfelder hinweg. Was mich mehr und mehr berauschte, war das Unanständige, Anstößige, Verruchte und Verbotene unseres Tuns. Ich erinnerte mich an die Doktorspiele mit der Tochter einer guten Freundin meiner Mutter, die hin und wieder zu Besuch war. Sie liebte es, mich zu verarzten, mir den Pullover bis zum Kinn hinaufzuschieben, um mein Herz abzuhören, meinen Bauch mit Pflastern zu versehen, meine Handgelenke zu verbinden, mich mit Limonade-Tinkturen zu beträufeln. Einen ganzen Nachmittag lang fesselten wir uns gegenseitig mit Seilen, dann waren wir Gefangene, die gequält und gefoltert, denen die Kleider vom Leib gerissen wurden. Als Kind hatte sich Barbara nachts, wenn sie nicht schlafen konnte, manchmal ausgezogen, ihre Handgelenke mit ihrer Schlafanzughose umwickelt und Sklavin gespielt. Eine der ungezählten Strafen, die sie sich ausgedacht hatte, bestand darin, dass einer ihrer Wärter ihr ganz tief den Finger in den Po steckte. Davon erzählten wir uns, Vieles erfanden wir neu. Wir gingen spazieren und ließen uns nassregnen, wir kletterten auf Bäume, hockten uns auf einen hohen Ast und pinkelten in die Tiefe. Wir wateten durch einen unheimlichen, tiefschwarzen Tümpel im Wald, wir legten uns hinein und fotografierten uns gegenseitig als Wasserleichen. Wir wiederholten es an einem anderen Tag und ich musste mir Barbaras Hochzeitskleid dafür anziehen. Wir sagten: Man könnte uns für verrückt halten, aber vielleicht sind wir auch einfach nur Künstler. Barbara überraschte mich mit fünfhundert bunten Luftballons, die wir mit einem Kompressor aufbliesen. Wir füllten die Küche der Ferienwohnung damit, zogen uns aus und fotografierten uns in Kitteln und in Tangas aus zerplatzten Ballons. Wir schenkten den Ballons ihre Freiheit auf dem See. Ich ließ mich von Barbara in der Steinhütte am anderen Seeufer fesseln. Sie ließ mich allein auf der Matratze und kehrte mit einem Büschel Brennnesseln zurück, band mich los und zog mich aus. Sie band meine Fußgelenke links und rechts oben an einen Heizkörper, meine Hände auf dem Rücken zusammen, dann strich sie mit den Brennnesseln über meine Brüste. Die Lust war größer als der Schmerz. Wir sprachen über unsere Geburten und zeigten uns die Narben, die sie hinterlassen hatten. Barbara sagte, ich solle mir meine Narben in einem Spiegel ansehen, den verheerenden Dammschnitt. Ich hatte mich da unten zuvor noch nie mit einem Spiegel angesehen, meine eigene Vulva war eine terra incognita gewesen. Wir zeigten uns lustvoll alles, was wir sehen wollten. Wir rochen aneinander und stellten fest, dass wir nicht immer gleich rochen, manchmal dufteten wir, manchmal duftete es aus unserer Vagina. Wir lasen Anais Nins „Delta der Venus“, wir lasen uns die Geschichten gegenseitig vor und amüsierten uns über Nins Unlust, realistische und nachvollziehbare Stories zu entwickeln. Diese sinnlose Aneinanderreihung zusammenhangloser Episoden! Wir stellten die eine oder andere Szene nach und hatten viel zu lachen. Barbara machte Aktzeichnungen von mir, konzentriert wechselte ihr Blick schnell zwischen Blatt und Modell hin und her. Wir sahen uns fast täglich, wir berührten uns fast täglich, ohne ein Liebespaar zu sein. Wollen wir ein wenig spielen? Barbara präsentierte einmal ein neues Sexspielzeug, das wir gemeinsam testeten, einen monströsen Massagestab, der den ganzen Unterleib erbeben ließ. Dann wieder krochen wir nackt durchs Unterholz und stellten uns vor, eine Wildschweinfamilie nähme uns bei sich auf. Spaziergänger entdeckten uns, aber sie waren weit genug entfernt, sie konnten uns nicht erkennen. Ich musste Barbara nackt an einen Baum fesseln, die Rinde der Fichte war rau und scheuerte Barbaras Rücken auf. Ende Mai ließ ich endlich wieder meinen Busch wachsen, Mitte Juni war er fast schön und fast wild. Wir schminkten uns gegenseitig und knutschten, bis wir im ganzen Gesicht bunt waren. Das fotografierten wir. Wir bemalten uns gegenseitig mit Fingerfarben, leckten uns abwechselnd Honig von Beinen und Brüsten und hatten bald auch keine Vorbehalte mehr, uns gegenseitig die Finger in die Vagina zu schieben, denn wir wollten wissen, was es mit der vieldiskutierten weiblichen Ejakulation auf sich hat. Wo genau soll jetzt der ominöse G-Punkt sein? Wir waren wie im Fieber, in einem Nachholfieber. Wie spielende Kinder vergaßen wir alles und alle um uns herum. Deshalb wurden wir auch immer unvorsichtiger. Und der Reiz, entdeckt werden zu können, gehörte sogar mit zum Spiel. Auch wenn ich alleine zuhause war, zog ich mich manches Mal aus und kroch auf allen Vieren durch die Zimmer. Ich setzte mich breitbeinig aufs Sofa und stellte mir vor, wie du am Abend dort sitzen würdest, ohne zu ahnen, dass ich da mit meiner feuchten Muschi einen Abdruck hinterlassen hatte. Dem Postboten öffnete ich die Tür im Morgenmantel, unter dem ich nichts sonst trug. Innerlich redete ich jetzt oft mit neuen Wörtern: Muschi, Klitti, Busch, Loch, Saft, fingern, lecken. Ich schaute mit Barbara Pornos, die ersten in meinem Leben. Barbara hatte sich gleich auf drei verschiedenen kostenpflichtigen Seiten angemeldet. Es scheint, die schönsten und erotischsten Pornos werden von Frauen in den Niederlanden, Australien und Kanada gemacht. Die Filme, die noch inhaltsloser als Anais Nins Texte waren, ermutigten uns, noch mehr auszuprobieren. Unsere Geschichte brachten wir schon selber mit.

Du und ich, wir schliefen in diesen Wochen gar nicht mehr miteinander. Ich fand in dieser Zeit meine Befriedigung woanders. Und du? Ich wusste nicht, wonach du suchtest, und ob überhaupt. Ich hatte immer Angst, dir würde meine geradezu explosionsartige Veränderung auffallen, du würdest etwas bemerken, mich nach etwas fragen, das mich in Erklärungsnot bringen würde. Die Wäscheberge wuchsen, Aufträge stauten sich, ich gab an, längerfristig erkrankt zu sein. Immer häufiger griff ich zu Fertiggerichten. Mein quälendes schlechtes Gewissen, das ich immer noch jedes Mal von Barbara mit nach Hause brachte, mischte sich mit diebischer Freude über mein geheimes Doppelleben und mit Verachtung für dich, weil für dich offensichtlich das Leben einfach unverändert weiterlief. Mir schien sogar, als fühltest du dich entlastet, dass ich nicht mehr so bereitwillig, so zuvorkommend deinem obligatorischen wöchentlichen Liebeswerben folgte, sondern mich entzog. In einer Nacht beobachtete ich dich durchs Schlüsselloch, wie du dich auf dem Klo selbst befriedigtest. Da tatst du mir leid. Nicht weil dein Samen nicht in meine Vagina fließen durfte, sondern weil du es heimlich tun und dich dafür einschließen musstest. Mein Leben und mein Ich fielen in zwei Teile auseinander. Ich wusste nicht, wie ich sie wieder zusammenfügen sollte. Die Lea am Vormittag kannte die am Nachmittag nur noch entfernt. Was der einen Lust und Spiel war, war der anderen Angst und Schuld. Ich wusste, dass es so nicht lange weitergehen konnte.

Als wir uns an jenem Sonntag um deinen vertrockneten Rinderbraten versammelt hatten, kam Maltes Frage für mich wie aus heiterem Himmel. „Wollt ihr euch trennen?“ Die Frage gab mir einen Stich ins Herz. Ich fühlte, wie mein Gesicht zu glühen begann und ich suchte deinen Blick. Aber du schwiegst und sägtest an dem Braten herum ohne eine Miene zu verziehen. Wie kommst du darauf? Ich schüttelte viel zu vehement den Kopf. „Irgendwas ist komisch.“ Wir würden uns niemals trennen, er brauche sich keine Gedanken zu machen, sagte ich in viel zu eindringlichem Ton. Musste er sich wirklich keine Gedanken machen? Tom blickte nur kurz von seinem Teller auf. „Du bist ja ganz rot geworden.“ Es ist alles in Ordnung, die Frage hat mich nur so überrascht. Wie konnte ich die Frage nicht auf mich und mein Verhalten beziehen? Ich war ja wirklich komisch geworden. Dabei bezog sich das Unbehagen der Jungs vielleicht gar nicht allein auf mich und vielmehr auf das unterkühlte Schweigen, das sich zwischen uns beide gelegt hatte. „Liebt ihr euch noch?“ Natürlich lieben wir uns noch, wie kannst du sowas fragen? Ich werde mich doch nicht wegen eines misslungenen Bratens von eurem Vater trennen. Da müssten schon ganz andere Dinge geschehen. Ich versuchte zu lachen. Ihr stimmtet höflich in mein Lachen ein. Was für eine Erlösung! Aber ich wusste nun, dass ich die Reißleine würde ziehen müssen. Für dich, für euch.

Was heißt das, die Reißleine ziehen, fragte Barbara und ihr entglitten die Gesichtszüge. Ich vernachlässige meine Arbeit, ich schiebe alles nur noch auf, ich kümmere mich zu wenig um meine Jungs, ich verliere die Verbindung zu meinem Mann, ich glaube, es geht gerade alles den Bach runter. Ich verliere mich selbst, ich verliere die Kontrolle über mein Leben. Ich hatte Barbara noch nie weinen sehen, auch nicht, als sie vom Tod ihres Sohnes erzählt hatte. Jetzt weinte sie. Die Tränen kullerten ihr über das ausdruckslose Gesicht. Sie wolle mich nicht verlieren, mit mir sei sie zum ersten Mal seit Jahrhunderten wieder glücklich gewesen. Ich könne sie jetzt nicht im Stich lassen. Das wollte ich auch gar nicht. Wir würden ja immer weiter Freundinnen sein, nur müssten wir zu einer gewissen Normalität zurückfinden. Würden wir das nicht ohnehin irgendwann? Uns zum Kaffeekränzchen treffen? Mit Daniela, Agnes, Steffi? Tupperdosen tauschen? Ich wusste nicht, was normal sein konnte. Wir schwiegen lange. „Anna Karenina“, sagte ich dann. Ich wusste nicht, warum mir ausgerechnet Anna Karenina in den Kopf gekommen war. Anna Karenina? Was heißt das, Anna Karenina? Der Roman von Tolstoi. Hab ich nicht gelesen. Anna Karenina ist verheiratet und verliebt sich in einen anderen Mann. Sie bekommt ein Kind von ihm, aber offiziell ist es natürlich das Kind von ihrem Mann. Wenn sie sich von ihm, also Karenin, trennt, bleibt das Kind bei ihm. Ich weiß auch nicht, wie ich auf Anna Karenina gekommen bin. Vielleicht weil sie innerlich so zerrissen ist, wie ich mich jetzt gerade fühle. Weil du mich liebst, fragte Barbara, aber deine Familie nicht verlassen willst? Wer verlangt das von dir? Liebte ich sie denn? Liebte ich sie so, wie ich dich liebe, wie ich die Kinder liebe? Ich kann die Schuld nicht mehr tragen, sagte ich, sie wiegt so schwer, schwerer als alles andere, alles Gute, das ich mit dir teilen durfte. Jetzt flossen auch mir die Tränen aus den Augen. Wir standen auf und wollten uns in die Arme fallen, als Barbaras ältester Sohn früher als erwartet aus der Schule kam. Wir wischten uns die Tränen aus dem Gesicht. Barbara stellte mich ihm kurz vor. Ich entschuldigte mich für meinen Zustand und sagte, ich müsse nun gehen. Barbara folgte mir bis zum Wagen. Gehst du? Für immer? Ich schluchzte und kam mir wie in einem amerikanischen Melodrama vor. Vielleicht, sagte ich. Ich weiß es noch nicht. Zwei Straßen weiter musste ich wieder anhalten. Ich krümmte mich vor Schmerz. Ich konnte nicht mehr aufhören zu weinen? Eine alte Dame klopfte ans Seitenfenster. Sie sah sehr besorgt aus und fragte, ob alles in Ordnung sei. Ich winkte ab und versuchte, meine Fassung zurückzugewinnen. Aber es gelang nicht. Ich weiß nicht, wie lange ich dort hinterm Lenkrad saß und in Verzweiflung, Trauer und Selbstmitleid versank? Aber als ich am späten Nachmittag im Garten stand und in die Sonne blinzelte, fühlte ich mich geläutert. Ich betrachtete eine Weile meine Sonnenblume. Wenn sie ganz erblüht wäre, würde ich sie Barbara schenken. Ich würde sie an einem Nachmittag ausgraben, mit ihr zu Barbaras Wochenendhaus fahren und sie mitten auf dem kleinen Rasenstück vorm Eingang einpflanzen. Am Abend schliefen wir miteinander, du und ich. Es war, als würde ich endlich nachhause zurückkehren. Danach zupftest du zufrieden an meinen Schamhaaren, als wolltest du damit sagen, sie wachsen zu sehen hätte dir Angst gemacht, als hätte es Schlimmeres zu bedeuten gehabt, aber diese Angst sei jetzt verflogen. Als Revanche würdest du dir jetzt einen Bart wachsen lassen, sagtest du. Das hätte ich gerne gesehen. Ach, wenn du dir doch nur einen Bart hast wachsen lassen!

Als du am nächsten Morgen das Haus verließt, sprang mir sofort Barbaras Sportwagen ins Auge. Hast du da bereits die Panik in meinen Augen gesehen, die mich sofort erfasste? Auch dir entging das Luxusauto nicht, das noch nie in unserer Straße zu sehen gewesen war. Ist das dein Lover, fragtest du scherzhaft. Ja, sagte ich. Wer war diese Dame, die mit ihrer viel zu großen Sonnenbrille im Auto saß, starr geradeaus blickte und sich krampfhaft mit den Händen am Lenkrad festhielt. Kein Mann, kein Lover. Als seist du doch unsicher geworden, als hätte ich nicht gescherzt, als hättest du voll ins Schwarze getroffen. Ich winkte dir übertrieben zu, als du ins Auto stiegst, schloss die Tür und trieb die Jungs zur Eile an. Sie sollten Barbara nicht begegnen, wenn sie gleich vor der Tür stehen würde. Vom Küchenfenster aus beobachtete ich, wie sie aus dem Auto stieg und dir hinterher sah, wie du in den Kreisel fuhrst und danach abbogst. Hast du sie im Rückspiegel gesehen? Malte hatte noch nicht den Tornister auf dem Rücken, als Barbara vor der Tür stand und klingelte. Tom öffnete die Tür. Barbara begrüßte ihn überschwänglich, sie habe ja schon so viel über ihn gehört, ich sei ja nicht müde geworden zu wiederholen, wie stolz ich auf meine Jungs sei. Sie freue sich, die beiden Prachtkerle endlich kennenzulernen. Sie entblödete sich nicht, auch noch in Maltes Wange zu kneifen. „Du süßer, kleiner Knuddelbär!“ Barbara sah vollkommen verwandelt aus. Sie hatte sich ein omahaftes Chanel-Kostüm angezogen und sich mit teurem Schmuck behängt wie einen Weihnachtsbaum, mit goldenen Armreifen, einer goldenen Armbanduhr, die mit Diamanten besetzt war – oder vielleicht auch nur mit Swarovski-Steinen. An ihren Ohrläppchen hingen schwere Klunker, um ihren Hals eine bunte Kette aus dicken Edelsteinen. Sie war stark geschminkt, hatte sich hinter der Sonnenbrille falsche Wimpern aufgeklebt und sich mit einem penetranten Parfüm eingenebelt. Wer ist das, fragte Malte eingeschüchtert.

„Hat eure Mutter denn noch gar nicht von mir erzählt? Ich bin die Barbara, eine alte Schulfreundin eurer Mutter.“

Ich schob die Kinder hinaus, wünschte ihnen einen guten Tag und warf die Tür hinter ihnen zu.

„Bist du wahnsinnig geworden?“

„Oh, meine Liebe“, sagte sie in schnippischem Ton, „das bin ich allerdings! Willst du mich nicht auf einen Tee hereinbitten?“

„Du bist doch schon drin!“

„Ach, was für ein entzückendes, kleines Häuschen“, begann sie zu schwärmen, als spiele sie Charlies Tante aus Amerika. „Und diese putzigen kleinen Kerle! Sind sie auf dem Weg zur Schule? Brav! Es geht doch nichts über ein heiles Familienleben in einem trauten Heim wie diesem! Sei doch so gütig und lasse mich in den Genuss einer kleinen Führung durch die Gemächer deines kleinen Anwesens kommen!“

Sie ließ ihr Handtäschchen ums Handgelenk kreisen und stolzierte auf hohen Hacken durch den Flur ins Wohnzimmer, wo sie direkt auf die Terrassenfenster zuschritt.

„Und dieser Garten! Ein Traum! Meine Werteste, du musst wirklich ein Händchen für Pflanzen haben!“

Sie wandte sich zu mir um und wollte mit ihrem Spiel einfach nicht aufhören. Ich wusste nicht, ob ich Lust hatte, ihr Spiel mitzuspielen, oder ob ich mich in einen Wutausbruch hineinsteigern wollte. Warum hatte sie es darauf angelegt, mich vor den Kindern derart zu entblößen? War sie gekommen, um Fakten zu schaffen?

„Willst du mich nicht deinem Mann vorstellen?“

Sie blickte links und rechts. „Ich hab ihn doch nicht etwa vertrieben? Nun sei nicht so schüchtern, Kleines! Zeig mir euer Liebesnest, ich kann es gar nicht mehr erwarten!“

Sie schob mich mit der Hand, an deren Fingern drei oder vier der unterschiedlichsten Ringe steckten, zur Seite und stieg zielstrebig die Treppen hinauf.

„Wie geschmackvoll, meine Liebste! Du hättest Innenarchitektin werden sollen!“

Ich folgte ihr. Im Schlafzimmer jauchzte sie erneut auf und ließ sich geradewegs in unser Bett fallen, wo sie breitbeinig liegenblieb, die Luft aus ihren Lungen blies und an die Decke starrte.

„Barbara“, sagte ich, „was soll dieser Auftritt?“

Und ich spürte, wie verletzend der strenge Ton in meiner Stimme für sie sein musste. Sie schüttelte sich, dass das ganze Bett bebte, streifte sich die Pumps von den Füßen, zog sich den Rock über die Hüften und entblößte ihre frisch rasierte Scham.

„Ich hatte mich so sehr auf einen flotten Dreier gefreut. Dein Liebster steht doch auf rasierte Mösen, oder habe ich das falsch in Erinnerung?“

Ich fasste mir an die Stirn und konnte mir das Grinsen nicht verkneifen.

„Barbara, warum hast du nicht warten können, bis ich anrufe?“

„Wie lange hätte ich denn noch warten sollen?“

„Ich weiß nicht. Ein paar Tage. Ich bin noch nicht so weit. Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht. Ich muss erst noch etwas Klarheit gewinnen.“

Barbara wurde ernst, zog sich den Rock wieder hinunter, stand auf und trat vor das Balkonfenster, nahm die Sonnenbrille ab und ließ sie einfach auf den Boden fallen.

„Ich habe dich vermisst“, sagte sie, „ich will einfach nicht, dass es vorbei ist. Ist es vorbei? Sag, dass es vorbei ist, dann gehe ich und du siehst mich nie wieder. Ich könnte mich zum Beispiel vor einen Zug werfen. So wie deine Anna Karenina.“

„Aber du bist doch meine Freundin!“

Ich nahm sie in den Arm.

„Mehr als das“, sagte ich, „etwas ganz Besonderes. Ich will dich nicht aufgeben. Aber ich weiß auch noch nicht, wie ich dich behalten kann.“

Sie löste die Umarmung, um mir in die Augen sehen zu können. Sie fasste meine Hände, klimperte mit den falschen Wimpern, machte einen Schmollmund und ließ sich aufs Bett zurückfallen.

„Ich hab keine Lust mehr auf diese blöde Rolle. Komm her! Jetzt mal ganz im Ernst: Wir müssen uns eine Lösung überlegen, die uns beiden entgegenkommt, findest du nicht?“

Ich setzte mich neben sie aufs Bett.

„Wir könnten einen Vertrag schließen, keinen gewöhnlichen Vertrag, selbstverständlich. Das stünde uns nicht zu Gesicht.“

„Einen Vertrag?“

„Eine Abmachung. Eine erpresserische Abmachung. Einen Knebelvertrag.“

Sie griff nach ihrer Handtasche, die sie auf dem Bett liegengelassen hatte und zog Handschellen hervor. Blitzschnell hatte sie die eine Schelle um mein Handgelenk geschlossen und sofort die andere um ihr eigenes.

„Wir gehören doch gewissermaßen zusammen. Upps! Wo hab ich denn den Schlüssel gelassen?“

Sie schüttete demonstrativ ihre Handtasche aus. Noch mehr Schmuck, ein Schlüsselbund, das schwarze Lippenstiftimitat, Münzen, allerlei Zeug, aber kein Schlüssel für die Handschellen.

„Du Miststück“, sagte ich scherzhaft und boxte sie gegen die Schulter, „wo ist der verdammte Schlüssel?“

„Den hab ich versteckt“, sagte sie mit einem unschuldigen Augenaufschlag, „aber ich kann dir einen kleinen Tipp geben.“

Sie zog erneut ihren Rock hoch, legte sich flach aufs Bett und spreizte ihre Beine.

„Du hast zwei Versuche.“

„Du verdammte Hure!“

Als ich mit meinem Mittelfinger in ihrer Vagina nach dem Schlüssel nestelte, sah ich dich in der Tür stehen. Und den Rest kennst du ja.

„Hör mal, Süßer, sei so gut und bring uns eine Flasche Schampus und zwei Gläser herauf!“ Diesen Satz, den Barbara mit überwältigender Coolness herausbrachte, werde ich mein ganzes Leben nicht mehr vergessen. Und du wohl auch nicht.

Ich kann nicht erwarten, dass du meinen Brief bis hierhin gelesen haben wirst. Wäre ich an deiner Stelle, hätte ich wohl kaum bis zur Hälfte durchgehalten. Ich stelle mir vor, mit wieviel Abscheu du auf das alles blicken musst, um wieviel verletzender dieser Brief im Vergleich mit dem sein muss, was du mitangesehen hast. Ich hätte damals kaum sagen können, das sei nicht, wonach es aussehe, um Schadensbegrenzung zu betreiben. Jetzt vielleicht schon? Alles, was geschehen ist, habe ich aufgeschrieben. Wie groß die Schuld ist, die ich auf mich geladen habe, vermag ich nicht zu sagen, von Tag zu Tag weniger. Es aufzuschreiben, ist Sühne wie Hoffnung. Wie für mich die Zeit mit Barbara eine Art Desensibilisierungskur war (mir fällt kein besseres Wort dafür ein), erhoffe ich mir, mein Brief könne etwas Ähnliches für dich sein, wie die schmerzende, aber heilsame Wurzelbehandlung an einem entzündeten Zahn. Er ist eine Beichte. Aber du hast sehen können: Er ist eine lustvolle Beichte. Und der Beichte folgt – das ist seit Jahrhunderten ihr Sinn und Zweck – die Absolution. Die erteile ich mir selbst. Wie und ob es mit uns beiden weitergehen wird, entscheidest jetzt erst einmal du. Ich jedenfalls möchte mich dir ein weiteres Mal schenken, als eine Gewandelte, die allerdings immer noch neunundneunzig Prozent ihrer DNA besitzt. Ich sehne mich nach dir mehr denn je. Ich möchte noch so viel mit dir erleben, so viele Abenteuer! Auch das des gemeinsamen Altwerdens. Wenn wir nur gemeinsam den Mut dafür aufbringen! Ich sehe dich den Kopf schütteln. Wir beide? Und was ist mit Barbara? Ich weiß, dass ich sie nicht einfach von mir stoßen kann. Ich habe sie ja liebgewonnen, sie ist so wichtig für mich gewesen. Sie ist meine einzige, richtige Freundin. Und du bist mein Mann. Wenn du es noch sein möchtest. Ich nehme dich auch mit Bart.

Barbara hatte, wie sie mir später schrieb, an dem Abend, bevor sie zu mir kam, ihrem Mann alles von uns erzählt, oder fast alles. Er habe gar nicht bis zum Ende zuhören wollen. Die Scheidung sei für ihn sofort beschlossene Sache gewesen. Er sei nicht einmal sonderlich wütend geworden, sondern habe nur gesagt, er habe genug gehört, es gebe nur eine Konsequenz für ihn. Einige Tage später habe er eingelenkt. Er könne sich auch vorstellen, dass sie sich therapeutische Hilfe hole. Vielleicht könne ja doch noch alles ins Lot kommen. Sie sei nicht verzweifelt, schrieb sie. Sie werde auch nach einer Scheidung ihr Auskommen haben und vielleicht unseren Roman, „Anna Karenina II“, schreiben. Eine Therapie komme für sie nicht im Entferntesten in Betracht. Sie sei doch Künstlerin. Oder etwa nicht? Die Kinder seien groß genug. Sie könne jetzt auch ihre Koffer packen. Sie sei erleichtert, und ja, auch sie benutzte diesen Begriff: Sie sei geläutert.

 

Neben der Werkstatt auf unserem Hof stand vor vielen Jahren ein alter amerikanischer Straßenkreuzer, der meinem Großvater gehört hatte. Die Polster waren aufgerissen, das verbeulte Blech rostig, die Reifen platt und in Fetzen. Immer wieder begaben wir Kinder uns auf große Fahrt darin. An einem schwülen Sommerabend waren wir wieder einmal unterwegs. Da zogen dunkle, schwere Wolken über uns auf. Bis weit zum Horizont wurde der Himmel schwarz. Ein warmer Wind wehte über uns hinweg, als wir aus der Dachluke krochen und uns auf das Dach und die Motorhaube setzten, um das Himmelsspektakel zu betrachten. Bald zuckten überall um uns herum Blitze, es donnerte und grollte. Wir sahen, wie am Horizont ein mächtiger Blitz in die Erde schlug. Die Erde glühte sekundenlang auf. Vielleicht hatte der Blitz eine Überlandleitung getroffen. Die Wolkenmassen schoben und türmten sich über uns ineinander, der Wind frischte auf, wie immer, wenn sich bei Gewitter der Regen ankündigt. Die Bäume rauschten und bogen sich im Wind. Aber nicht ein einziger Regentropfen fiel. Nicht ein einziger. Es ist das schönste und beeindruckendste Gewitter, das ich in meinem ganzen Leben erlebt habe. Dieses Staunen, diese atemlose Freude, diese tiefste Dankbarkeit, leben zu dürfen!

 

In Liebe

Deine Lea

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