Die Wunderfrage – oder: Neue Utopien gegen den antidemokratischen Diskurs

Steve de Shazer und Insoo Kim Berg haben die therapeutische Wunderfrage in der klinischen Praxis bei der Therapie psychisch Erkrankter entwickelt. Sie wird in etwa so eingeleitet: „Nach unserer Sitzung heute gehen Sie (der Patient/die Patientin) nach Hause, am Abend tun Sie, was Sie immer tun, vielleicht sehen Sie etwas fern, gehen ins Bett, lesen noch ein wenig in einem Buch, Sie werden müde, schalten das Licht aus und schlafen ein. Während Sie schlafen jedoch geschieht ein Wunder. Sie wissen nicht, wie es geschieht, und Sie wissen, wenn Sie am Morgen erwachen, zunächst auch nicht, was geschehen ist. Aber das Wunder, das sich über Nacht ereignet hat, hat die Probleme, derentwegen Sie in die Therapie gekommen sind, beseitigt. Einfach so. Ohne Ihr Zutun. Ihre Probleme wurden durch das Wunder einfach in Luft aufgelöst. Woran würden Sie, wenn Sie aufwachen, erkennen, dass dieses Wunder stattgefunden hat? Wie würde sich Ihr Tag gestalten? Welche Veränderungen an sich selbst würden Sie wahrnehmen? Welche Veränderungen würden Sie an den Menschen Ihrer Umgebung wahrnehmen? Was würden Sie tun? Was würde sich ändern?“

Aus dem konkreten therapeutischen Setting herausgelöst, in dem es um wirksame Änderungen eines einzelnen psychischen Systems geht, und übertragen auf gesellschaftliche Probleme bekommt die Wunderfrage utopische Dimensionen. Imagine! John Lennon hat die Wunderfrage gestellt und bei seinem imaginären Kehraus zum Mitsingen kurzerhand Himmel, Hölle, Religion, Kapitalismus und Nationalstaaten entsorgt. In seiner Vision stellt sich unmittelbar Friede unter den Menschen ein, denn niemand muss mehr für irgendein höheres Ziel töten oder sterben, niemand mehr hungern. Easy!

Tatsächlich aber sind die Probleme vielfältiger, verschachtelter, verwobener. Schon sie in der kritischen Analyse überhaupt zu identifizieren, bedeutet, Richtiges von Falschem unterscheiden zu müssen und dabei auch in der Wertung richtig zu liegen. Den von einem Krebsgeschwür befallenen Lungenflügel kann der Arzt im Extremfall komplett herausschneiden, die vom Krebs durchwucherte Leber dagegen nicht. Ganz abgesehen davon, dass das Bild vom gesunden (Volks-)Körper selbst schon auf die falsche Fährte führt, der nämlich, es gehe bei der Gesundung um die Totalität eines Organismus respektive einer Gesellschaft, deren Teile ihr als Ganzer untergeordnet sind. Wenn es um den Organismus geht, hat die einzelne Zelle keine Bedeutung mehr. Sie ist verzicht- und ersetzbar, sie wächst nach. Aus einem kranken Organismus können Teile entnommen oder herausgebrannt werden. Der Organismus sorgt im Heilungsprozess für Ersatz, oder das insuffiziente Herz wird durch das eines Verstorbenen ersetzt. Medikamente killen Krebszellen, aber eben auch harmlose Schleimhautzellen, jedenfalls verhindern sie ihr Wachstum. Für den guten Zweck nehmen es Arzt und Patient in Kauf.

Dieser Blick auf den sanier- und optimierbaren biologischen Organismus entspricht in vieler Hinsicht dem auf die durch nationale Grenzen eingehegte Gesellschaft, den Nationalstaat. Nicht selten wird der Staat im animistischen Bild des notorisch kranken Patienten personifiziert. Schon Ende des 17. Jahrhunderts hatte Thomas Hobbes den Staat als lebendiges, nach menschlichen Vernunftprinzipien geformtes und agierendes Meta-Wesen gezeichnet (das von Vitalität allerdings noch strotzte). Dieses Bild bestimmt nachhaltig unser Nachdenken über dessen Probleme: Gesellschaftliche Probleme sind Probleme, die eine Gesellschaft oder eine Nation (resp. Staat) hat. Ist eine Gesellschaft krank, sind die Ärzte und Quacksalber nicht weit. Entsprechend laut sind die Rufe nach dem Skalpell. Sie dröhnen immer lauter. Von allen Seiten. Ob „Nazis raus“, oder „Ausländer raus“, es geht um die Beseitigung Einzelner oder ihrer Meinungen aus dem gesellschaftlichen Korpus. Es geht um die Schachmattsetzung der für Missstände Verantwortlichen, darum, Menschen mundtot zu machen, die Unwahrheiten oder sogar bewusste Lügen verbreiten. Ein gesunder Geist wohnt in einem gesunden Körper, Gifte und Schlacken müssen ausgeschieden werden, der Körper hat seine eigenen unwandelbaren Diskurse, er ist das Dispositiv für alle organischen Prozesse. Entsprechend werden die Werte und Normen top-down gedacht: Es geht um den Erhalt und die Reproduktion des Organismus‘. Dafür sind alle Mittel recht.

Zwar wird auch der demokratische Staat als ein auf Selbsterhaltung ausgerichteter Organismus verstanden, die politischen Prozesse sind durchweg selbstbezüglich. Aber ins demokratische System ist normativ die Vermittlung dieser Prozesse mit den davon betroffenen Individuen eingeschrieben. Dies, die Verfassung und die Trinität von Legislative, Judikative und Exekutive verhindern die totale Macht des Staates. Sie schützen die Individuen in einer Demokratie vor totalitärer Willkür. Ihre Mühlen jedoch mahlen langsam. Für viele Ungeduldige des beschleunigten digitalen Zeitalters zu langsam. Der Ruf nach Geschwindigkeit und Effektivität wird immer lauter, unterschwellig verbindet sich mit ihm die Projektion eines Staates, der in der Verschmelzung der drei Instanzen zu neuer Macht, zu Effektivität und neuem Glanz gelangt. „Schnellere Entscheidungen, bitte! Keine Klagemöglichkeiten für Windkraftgegner, asylsuchende Straftäter sofort abschieben, das unkorrekte Wort aus den medialen Verteilern verbannen!“ – Beispiele für Lösungen von Problemen, die nichts sind als Etiketten für Gefühle, die selbst noch gar nicht in rationale Relation zu den durch die Verfassung (das Grundgesetz) verbürgten Rechten gesetzt wurden. Schleichend – jedoch vor aller Augen – ballen sich die naiv geäußerten Befindlichkeiten und Ressentiments zu einem verfassungsfeindlichen Diskurs. Er gibt sich einen basisdemokratischen Anschein, wo er, legitimiert durch Meinungsfreiheit und Minderheitenrechte, Mehrheiten für Meinungen akkumuliert und daraus Forderungen an den Staat ableitet, die auf eine Beschneidung oder gar Abschaffung verfassungsmäßiger Rechte abzielen. Der kranke „Vater Staat“ soll sich diversen operativen Eingriffen unterziehen, angeleitet von einer Schar gewitzter Meinungsführer, die es verstehen, von unbestimmten Emotionen getriebene Schwärme um sich zu versammeln. Der Staat soll Hand an sich legen und sich mit stumpfem Messer das kranke Gewebe aus dem Leib schneiden, er wird zum Aderlass gebeten, Quecksilber und Arsen merzen noch die letzten Keime und Erreger aus und alle gefährlichen Parasiten, die am Volkskörper saugen. Die herbeigebrüllten Selbstheilungskräfte könnte der Staat jedoch allein aus totaler, mindestens aber autoritärer Macht beziehen. Der Staat soll sich selbst in die Lage versetzen, jedes für problematisch gehaltene Phänomen mit starker Hand an den demokratischen Institutionen vorbei schnell und effektiv aus dem Weg zu räumen. Nur so, meint eine bedrohlich wachsende Masse von Bürgern, könne der eigene Staat im neu entbrennenden Konkurrenzkampf mit den anderen Staaten langfristig bestehen. Das vorgebliche Interesse an der Heilung des Staates ist in Wahrheit ein Kampf um die Verwirklichung von Partikularinteressen. Es keimt hier aus egoistischer Gier, dort aus irrationalen Befürchtungen, Privilegien, Wohlstand oder das Stützgerüst kulturell vermittelter Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten zu verlieren.

Die eingangs erwähnte Wunderfrage könnte für Antidemokraten so lauten: „Was würde sich ändern, wenn der Staat endlich wieder ein starker Staat wäre? Was, wenn wir die Grenzen schlössen? Was, wenn wir die intellektuellen Eliten endlich entmachtet hätten? Wenn es keine Asylanten mehr gäbe, die EU aufgelöst wäre, der eigene Staat wehrhaft als politische, militärische und wirtschaftliche Großmacht als Verteidiger nationaler Interessen in den Kampf um die versiegenden Ressourcen zöge?“

Naturgemäß kränkelt der demokratische Staat in verschiedensten Bereichen, lebensbedrohlich jedoch sind allein die antidemokratischen Tendenzen in der Bevölkerung. Sie sind vergleichbar mit einer Autoimmunerkrankung, bei der ein Organismus sich selbst attackiert und früher oder später zerstört. Die Frage ist, welche Therapie zu Gebote steht, die nicht selbst wieder eine Autoimmunreaktion wäre.

Steve de Shazer und Insoo Kim Berg entwickelten und praktizierten eine systemische Kurzzeittherapie. Möglicherweise sind einige Ansätze ihrer therapeutischen Praxis auch auf das Handeln in gesellschaftlichen Zusammenhängen übertragbar. Etwa die Überzeugung, es sei bei psychischen Störungen keineswegs angebracht, die Symptome selbst zu bearbeiten, zu analysieren und im Gespräch ihre Ursachen zu erforschen. Die Patienten kommen in der Regel erst dann zur Therapeutin, wenn sie genau das bereits zur Genüge versucht haben: das Problem selbst zu verstehen, zu kontrollieren oder zu beseitigen. Nur die klassische Psychoanalyse verspricht sich Heilung von immer mehr der gleichen Lösung: Sie buchstabiert die psychischen Störungen bis ins Detail aus und veranlasst die Patientinnen, noch weitere Kapitel zu der ohnehin schon endlosen Erzählung hinzuzudichten. Bis heute hat sich die Psychoanalyse nicht den evaluativen Verfahren unterzogen, denen sich die übrigen therapeutischen Verfahren mit unterschiedlichen Ergebnissen hinsichtlich ihrer Wirksamkeit gestellt haben. Es geht der Psychoanalyse auch gar nicht in erster Linie um Heilung, es geht um die Analyse selbst und die sprachlich strukturierten Erkenntnisse, die anschließend an dieses zeitraubende Verfahren zu Verhaltensänderungen des Analysierten führen sollen – wenn sie denn wirklich dazu befähigten. Eher wird die Analyse im Jahre dauernden Prozess zu einer eigenen Lebensform, die trotz der durch sie, zusätzlich zu den verhandelten Symptomen der Störung, provozierten Qualen (die sich immer wieder auch in glückspendendes Wohlgefallen auflösen und auflösen müssen, um den Erfolg der Therapie zu suggerieren) einen besonderen Narzissmus hervorbringt, der sich gerade von den untersuchten und in sprachliche Strukturen verwandelten Störungen nährt und darum die Heilung gerade meiden muss wie der Teufel das Weihwasser. Die Psychoanalyse ist ein selbstbezüglicher und sich selbst erhaltender Prozess.

Die systemische Kurzzeittherapie weicht dagegen den Symptomen der psychischen Störung vordergründig aus. Es hilft nicht, sie zu analysieren und ihnen ein komplexes Wortkleid anzupassen. Da der Mensch, der der Therapeutin gegenübertritt, ein hochkomplexes psychisches System darstellt, in dem (in einem wiederum extrem unterkomplexen Bild) viele Zahnräder ineinandergreifen, hilft es womöglich mehr, das System zu verändern, wo es sich verändern lässt, und gerade nicht da, wo es offensichtlich hakt. Probleme sind Probleme, weil sie so widerständig sind. Wo alle Zahnräder im System mit allem direkt oder indirekt verbunden sind, ändert die Einstellung eines zunächst peripher erscheinenden Rädchens, an dem sich aber leicht drehen lässt, das ganze System. Die Veränderung in einem dem Symptom scheinbar abgewandten Bereich des Systems beeinflusst auch das bislang für unveränderlich gehaltene Symptom der psychischen Störung. Die Heilung der Symptome geschieht im günstigen Fall ohne eine ausführliche Analyse und das Verstehen der Symptome sowie der Gründe für die psychische Störung. Das Ausbuchstabieren der psychischen Störung würde diese im Gegenteil noch weiter etablieren oder sogar ausweiten, die betroffenen Synapsen im Hirn nur weiter stärken. Der von Einschlafstörungen geplagte Patient sollte alles andere tun, als über die Beseitigung seiner Störung nachzudenken. Es würde ihn auch weiterhin am Einschlafen hindern. Schlimmer noch: Jede ausführlich reflektierte Maßnahme, die das Einschlafen befördern könnte, böte neue assoziative Anknüpfungspunkte für die Erinnerung an die Störung. Bald würden nicht nur Schäfchen mit ihrer weichen, wärmenden Wolle, sondern auch Mantras, Atemgeräusche, der Wecker, das Blättern im als Ablenkung gedachten Buch, der Anblick von Socken, der Arzneischrank und vieles andere mehr schon vor dem Zubettgehen an den Kampf um die Nachtruhe erinnern. Der therapeutische Diskurs, der die Störung selbst thematisiert, verstärkt die Störung nur.

Im übertragenen Sinn füttert der diskursive Kampf gegen die oben diagnostizierte antidemokratische Autoimmunreaktion westlicher Staaten ausgerechnet die Diskurse und Dispositive, denen der Kampf angesagt wurde. Diesem Problem, den in die Irre laufenden Diskursen auszuweichen, statt sie argumentativ zu bekämpfen und wissenschaftlich differenziert zu analysieren, bedeutet jedoch nicht, sie zu ignorieren. Sie bleiben ja jederzeit sichtbar und spürbar, sie haben eindeutige Gefühlsqualitäten: Es herrschen Hass, Missgunst, Neid, Anerkennungssucht, Eifersucht, Gier. Sie speisen unser kapitalistisches Gesellschaftssystem, das noch bis in die intimsten Zonen des individuellen Lebens hineinregiert und die Menschen sich selbst als Waren und ihre Beziehungen zueinander als Warentausch erfahren lässt. Das Unbehagen Vieler äußert sich, wo  Ängste formuliert werden, wo quälende neurotische Zwänge zutage treten, es zeigt sich in Erschöpfung, Hasskommentaren, Diffamierungen, in Wut oder auch schlechtem Gewissen über objektive oder bloß empfundene Ungerechtigkeiten, in Gefühlen der Einsamkeit, fehlender Liebe, Zuwendung und Zärtlichkeit, der unerfüllten Sehnsucht nach Gemeinschaft, gegenseitigem Verstehen und Anerkennung, der verzweifelten Preisgabe von – auch kultureller – Identität zugunsten eines fluiden Marktes, der nach nicht minder fluiden Akteuren und Konsumenten verlangt.

Die Analyse der Ursachen für die Probleme entfaltet sich in unerschöpflichen Diskursen und innerhalb der sich immer weiter ausdifferenzierenden wissenschaftlichen Paradigmen. Die Analyse kennt kein Ende und immer nur vorläufige Teilerkenntnisse über die unüberschaubare Komplexität gesellschaftlicher, kultureller Verhältnisse und der Psychologie der Massen. Die daraus hervorgehenden Urteile, Bewertungen und kämpferischen Kommentare und Agitationen werden in unvorhersehbarer Weise von den herrschenden Diskursen aufgesogen, sie werden zum Rohmaterial eines bewusstlosen Kommunikationssystems, das nach eigenen Regeln kommuniziert. Überspitzt formuliert Luhmann es so: „Nur Kommunikation kann kommunizieren.“ Der antidemokratische Diskurs lässt sich nicht diskursiv kontrollieren oder lenken. Er führt ein Eigenleben – und okkupiert das Bewusstsein von immer mehr Menschen. Welchen Sinn haben da noch unsere kritischen Analysen und die durch sie begründeten Appelle und Vorwürfe, mit denen wir wider unsere Absichten den antidemokratischen Diskurs weiter anfeuern? Der Widerspruch gegen alles Falsche thematisiert dies Falsche bereits wieder und provoziert die Gegenrede. Die Rationalität des Diskurses ist die Behauptung, ihr Modus der der Unterscheidung. Diskurse verschwinden nicht durch Argumente, sie differenzieren sich durch sie nur weiter aus. Ohnmächtig vor den selbstbezüglichen Prozessen der Kommunikation, der gesellschaftlichen Wirkungslosigkeit der mit unseren Erkenntnissen, Diagnosen und Appellen verbundenen Absichten werden wir die Analysen und die diagnostische Arbeit bald so entmutigt wie erleichtert den künstlichen Intelligenzen überlassen, denen wir schon jetzt mehr zutrauen als der menschlichen Intelligenz, der humanen Vernunft. Dann werden sich die Analysen vollends als das erweisen, was sie bereits sind: selbstbezügliche Systeme mit undurchdringlichen Grenzen zur ihrerseits selbstbezüglichen, autonomen Wirklichkeit der Diskurse. Die von manchen Wissenschaftlern herbeigesehnte totale künstliche Intelligenz, eine gottgleiche „Singularität“ soll den Menschen künftig Orientierung und konkrete politische, technologische und wirtschaftliche Handlungsanweisungen geben und auf diese Weise die unerträgliche Komplexität der Wirklichkeiten auf ein Menschenmaß reduzieren. Aber schon jetzt lässt sich das Zustandekommen der Ergebnisse, die die Maschinen mit ihren selbstbezüglichen lernenden Algorithmen von Menschen nicht mehr nachvollziehen. Die Maschine verwandelt sich vom kalkulierten Ingenieursprodukt zur autonomen Black Box, der wir unser Schicksal als Menschheit irgendwann anvertrauen werden. Die intelligente Maschine wird zur Zentrale eines totalitären Super-Staates, der zum Zweck seines Selbsterhalts die ihn einst konstituierenden Individuen nur noch als problematische Manövriermasse betrachtet und jedes individuelle Leid, jede Ungerechtigkeit, jede Auslöschung, Vertreibung, Ausgrenzung, Diffamierung, Diskriminierung, Unterdrückung dafür emotionslos in Kauf nimmt.

Totalitarismus entsteht, wo eine Gesellschaft, ein Nationalstaat als autonomer, selbstbezüglicher Organismus gedacht wird, der gesellschaftliche Probleme als Symptome der Dysfunktionalität von Menschen, Gruppen von Menschen und vor allem von Kommunikationen auffasst und diese in einer Weise zu lösen versucht, dass sein eigenes Fortbestehen gewährleistet ist. Totalitarismus entsteht, wo gesellschaftliche Probleme nicht mehr vom Individuum und seinen unverbrüchlichen Rechten aus reflektiert werden. Gesellschaft und Kultur von den Menschenrechten aus zu denken und zu bewerten, was einen notwendigen Perspektivwechsel darstellen würde, macht die Sache allerdings nicht weniger kompliziert, sofern man sich getrieben sieht, zu analysieren, warum überall in der Welt gegen Menschenrechte verstoßen wird; wenn wir die Ursachen dafür in langwierigen theoretischen Disputen ausbuchstabieren und immer neue theoretische Modelle entwerfen, wie das Zusammenleben der Menschen organisiert werden müsste, damit auch im letzten Winkel der (dem Kollaps entgegeneilenden) Welt die Einhaltung der Menschenrechte gewährleistet wäre. Das denkbar menschlichste Konvolut an Werten und Normen, das auch die intelligenteste Maschine für die Menschheit nicht ersinnen könnte, steht aber schon in Stein gemeißelt geschrieben. Es sind die kategorischen Imperative einer allgemeinen menschlichen Vernunft. Sie zu befolgen bzw. ihre Verwirklichung im konkreten Handeln jederzeit zu ermöglichen, ist der Auftrag jedes einzelnen Menschen, ganz gleich, in welchem sozialen System er als scheinbar Ohnmächtiger wirkt.

Imagine! Stell dir vor, während du schläfst, geschieht ein Wunder und du erwachst eines Morgens und „alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten“! Woran würdest du bemerken, dass dieses Wunder wirklich geschehen ist? Wie wäre dein Tag? Wie begegneten dir deine Mitmenschen? Was würde sich verändern?

Stell dir vor, während du schläfst, geschieht ein Wunder und deine Hautfarbe, dein Geschlecht, deine Sprache, Religion, deine politische oder deine sonstigen Überzeugungen, deine nationale oder soziale Herkunft, dein Vermögen oder dein gesellschaftlicher Status beeinträchtigten nicht mehr dein Zusammenleben mit den anderen! Stell dir vor, dein Hass, deine Gier, deine Eifersucht, dein Neid seien über Nacht verflogen. Was würde sich für dich und die Menschen in deinem Umfeld ändern?

Stell dir vor, ein Wunder geschieht, während du schläfst. Einfach so. Du erwachst mit dem Mut, das Unrecht, das dir oder anderen Menschen geschieht, hörbar zu benennen! Was würde sich für dich und die Menschen, mit denen du verbunden bist, verändern? In deiner Beziehung, in deiner Familie, in deinem Betrieb, deiner Stadt, in deiner Partei, in der Organisation oder Institution, der du angehörst.

Für den Patienten im therapeutischen Setting stellt die Wunderfrage allein noch nicht den ersten Schritt zur Heilung von seinen Symptomen dar, im Gegenteil, sie kann ihm als zynische Zumutung erscheinen. „Wie soll ich mir das vorstellen? Ich erwache jeden Morgen mit meiner Angst. Die geht nicht einfach so weg.“ Die Heilung beginnt erst in dem Moment, wo die Fantasie sich das utopische Szenario des „Als ob“ konstruiert, wo der Patient die veränderte Situation imaginiert, in der er sich selbst anders verhalten würde als bisher und die Gemeinschaft mit anderen eine neue (wenn auch unvorhersehbare) Drift bekäme. Und wäre es auch nur die Vorstellung, wie er am Morgen entspannt eine halbe Stunde länger mit seinem Kaffee am Tisch sitzt, ohne die Angst, von den Erwartungen der anderen weiter im Übermaß getrieben zu sein. Oder die Vorstellung der Patientin, ihrer schizophrenogenen Mutter endlich mit Gleichmut begegnen zu können. Es geht um den Entwurf des eigenen Handelns unter gewandelten Bedingungen. Diese Handlungsentwürfe, diese Verschiebung der Perspektive leitet zu den Verhaltensänderungen an, die das psychische System in Bewegung setzen und es verwandeln. Es sind kreative Brechungen eingeübter Handlungsschemata. Nicht die kräftezehrenden Versuche, die Symptome selbst zu bekämpfen (gegen die Ängste andenken, dem Partner endlich mal die Meinung sagen, ihn verlassen, Selbstkasteiung, sich für seine psychische Störung selbst verantwortlich machen, die ultimative Einschlafmethode erfinden usw.), sondern Veränderungen vorzunehmen, wo sie leicht erscheinen. Und zu beobachten, was sich verändert.

Die Wunderfrage animiert dazu, das eigene Leben und das Leben mit den anderen Menschen in utopischen Dimensionen zu denken, in einem zunächst nur fiktionalen Raum des „Als ob“. In diesem „Als ob“ können wir dann vielleicht unser zukünftiges soziales Handeln entwerfen und vorwegnehmen, das ein besseres und heilsames wäre. Wie eine Stabhochspringerin, die ihren Sprung wochenlang imaginiert, bevor sie wirklich über die Latte fliegt, ohne sie zu berühren. So könnten auch wir im „Als ob“ der Fiktion neue Lebensmodelle imaginieren, die unterm Schutz eines demokratischen Rechtsstaates, der unsere Freiheit garantiert, möglich wären.

Zu selten noch folgen die Romane, Erzählungen, Theaterstücke und Filme in ihrer Funktion als Reiche der Freiheit den Wunderfragen. Insbesondere die ambitioniertesten unter ihnen spiegeln vor allem das Elend und das Unrecht wider, das uns umgibt und wovon die Medien bereits zur Genüge berichten (was nötig und wichtig ist! Das ist ihre Aufgabe!). In wohlmeinender kritischer und aufklärerischer Absicht spiegeln die Autor*innen etablierte Diskurse, verorten sich (nicht selten selbstverliebt) autofiktional im Getriebe, dem sie zugleich schreibend zu entkommen meinen. Sie schreiben über Wohnungsnot, kapitalistische Heuschrecken, über Depression und Identitätsverlust im kapitalistisch organisierten Warenhaus der Beziehungen. Sie fordern dramaturgisch geschickt Respekt und Empathie für Vertriebene, Geflüchtete und Gestrandete ein. Ihren literarisch gestalteten Diagnosen des Scheiterns und des Unrechts verleihen sie vielleicht am Ende ihrer Erzählungen noch einen Schimmer der Hoffnung, weil sie ihre Leser nicht in Hoffnungslosigkeit zurücklassen wollen. Sie schüren Empörung und die Identifikation mit den Opfern der gesellschaftlichen Verhältnisse, sie sensibilisieren für das Falsche unserer Lebensweise, für die vermeidbaren Irrwege. Sie machen uns betroffen, aber führen uns doch zugleich unsere individuelle Ohnmacht vor. Immer häufiger schildern sie auch nur nonchalant ihre eigene Überforderung von den sie bestimmenden Verhältnissen und schrecken auch nicht vor dem ironisch-komödiantisch verharmlosten Bekenntnis der  Resignation vor der eigenen Ohnmacht zurück. Wir Leser können zufrieden sein: „Es sind vielleicht andere Geschichten als meine eigene (oder auch eins zu eins meine Geschichte!), aber es geht den Autor*innen oder den handelnden Figuren letztlich nicht anders als mir. Als in (drohendes) Unheil Verwickelte lesen wir über die womöglich noch viel verwickelteren Anderen. Offenbar hätte es für mich schlimmer kommen können. (Oder: Für mich ist es schlimmer gekommen. Warum lese ich diesen Quatsch?) Gleichwie, ich schlage das Buch zu und widme mich wieder meinen Tagesgeschäften.“

Die literarischen und künstlerischen Fiktionen der Gegenwart stehen mehrheitlich im Dienst herrschender Diskurse. Sie brennen sie den Leser*innen weiter ins Bewusstsein ein. Statt im dialektischen Wechselspiel auch hin und wieder den Wunderfragen zu folgen und utopische Entwürfe gelingenden menschlichen Zusammenlebens zu erfinden, in denen Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit herrschen, in denen sich Liebe, Zuneigung, gegenseitige Anerkennung und Verantwortung entfalten. Kein langweiliges himmlisches Einerlei wäre zu erwarten, auch wenn sich zu Friede und Freude auch mal der Eierkuchen gesellen dürfte. Die Aufgabe, eine fiktionale Welt zu gestalten, in der die Menschenrechte für alle Menschen (oder zunächst nur für eine kleine Gruppe von Menschen) verwirklicht sind, in der auf abenteuerliche Weise sinnlos gewordene Normen und Traditionen überwunden werden, Konflikte originell, kreativ und friedlich ausgefochten und beigelegt werden, Liebe und Zuneigung sich vervielfachen, weiten und die von schmerzlichen Schicksalen Betroffenen in tröstlicher Weise aufgefangen werden, all das böte eine unendliche Zahl aufregender Geschichten und alternativer Lebensmodelle – so unrealistisch (eben utopisch) sie auch sein mögen. Weiter auf die kathartische Wirkung von Tragödien und zynischen Farcen zu hoffen, dürfte vergeblich sein. Die Halbwertszeit kathartischer Wirkungen ist wegen des medialen Überangebots längst überschritten.

Vom Paradies zu träumen, begleitet die Menschheit seit ihren Anfängen. Ihre Kraft beziehen die Erzählungen vom neuen, menschenwürdigen Utopia durch die Irritationen und die Empörung, die sie hervorrufen können, weil sie im harten Kontrast zu den vertrauten Normen unseres falschen, oft erniedrigenden und zerstörerischen Zusammenlebens stehen. Nicht affirmativen Kitsch, Wohlfühl-Fiktionen vom richtigen Leben im falschen, böten solche Erzählungen, sondern derbe, lustvolle Dissidenz. Sie hätten womöglich in höherem Maß als herkömmliche Erzählungen die Kraft, neue, heilsamere Diskurse entstehen zu lassen.

Donata reflektiert über Mutterschaft, Vaterschaft und Herrschaft – LIQUID LOVE Archive

Den Männern geht es um Sex und freie Liebe, den Frauen um Schwangerschaft und Kinder. Ist das so? Immer noch? Oder wieder? Justus meint, das sei ein Klischee. Sarah weiß nicht so genau. Donata betont, dass sich die Männer nicht wirklich vorstellen können, welche Bedeutung Schwangerschaft und Kinderkriegen für eine Frau wirklich haben. Beim Sex spielt das immer auch eine Rolle, jedenfalls als Erinnerung und Möglichkeit. Die Vereinigung zweier Körper hat ihren besonderen Zauber auch – wenn nicht vor allem – wegen der prinzipiellen Möglichkeit, dass daraus mehr werden könnte, dass die Lust einen Zweck hat, einen höheren Zweck. Aber wie ist das für die Männer? Ist es für sie wirklich wichtig zu wissen, dass sie und nicht ein anderer für die Leibesfrucht verantwortlich ist? Ein biologisches Programm? Oder ist das nur eine kulturelle Norm? Wenn sich ein Paar für eine künstliche Befruchtung entscheidet, gibt es ja im Prinzip drei Möglichkeiten: die Samenspende (dann ist der Mann nicht der biologische Vater), die Eizellspende (dann ist die Frau nicht die leibliche Mutter – aber sie gebiert das Kind), oder Samen und Ei kommen von fremden Menschen (dann ist es ein „fremdes“ Kind – aber die Frau gebiert das Kind). Die vierte, aber unwahrscheinlichere Möglichkeit ist die Adoption, mal abgesehen von dem illegalen Fall, eine Leihmutter kommt zum Einsatz. Dann würde es allerdings wenig Sinn machen, wenn Samen und Ei von fremden Spendern kämen. Wenn man das mal alles aufdröselt, geht es doch in den meisten Fällen eher darum, überhaupt Kinder zu haben. Also „haben“ im Sinne von „besitzen“. Und wenn es möglicherweise auch nicht um den Besitz geht, dann vielleicht mit größerer Wahrscheinlichkeit um das Bedürfnis, Verantwortung für Kinder zu übernehmen, das Bedürfnis Kinder aufwachsen zu sehen, zu beschützen und zu begleiten. Also, was ist jetzt wirklich der Kitt, der Kinder und Erwachsene zusammenhält? So als Vater, Mutter, Kind. Dass ein Mann seine Gene an ein Kind weitergeben möchte, könnte ja mit den Erzählungen zu tun haben, die mit dynastischer Herrschaftssicherung zu tun haben. Auch wenn der Adel seit langem offiziell abgeschafft wurde, sitzt die Vorstellung in unseren Köpfen ja immer noch ganz fest, dass Adelige irgendwie mehr wert seien als normale Menschen, reiche Menschen, Großindustrielle, Prominente. Die wollen ihr Ego und ihre Besitztümer nicht mit ihrem Dahinscheiden einfach verschwinden sehen. Sie wollen sich in ihren Kindern weiterleben wissen, den Besitz in den Händen seiner natürlichen Stellvertreter sehen. Da geht es dann weniger um die neuen Menschen und ihre Autonomie, sondern im Gegenteil um ihre eingeschränkte Autonomie. Sie repräsentieren bis zu einem gewissen Grad noch immer den Vater. Deswegen ist ja auch in der Bibel oft die Linie der Väter von so großer Bedeutung. Ein Mann ist vor allem (oder zum Teil) identisch mit seinem Vater und dessen Vater undsoweiter. Aber wahrscheinlich nicht, weil er das will, sondern weil ihm gesagt wurde, dass es von großer Bedeutung ist, seine eigene Identität auf den eigenen Vater und die Linie der Vorväter zu beziehen. So funktionieren Dynastien. So kann man Macht auch über seinen Tod hinaus bewahren. Ich schätze mal, das war das Interesse, das es für einen Mann so bedeutsam werden ließ, sicher zu sein, dass er der Vater eines Kindes ist. Und wie so vieles ist dieses patriarchale Modell der Identitätsstiftung und Herrschaftssicherung ins Bürgertum und dann in alle weiteren, tieferstehenden Schichten gesickert. Der Adel als Vorbild. Oder wie sagt man heute: herrschender Diskurs, Narrativ. Vaterschaft hat etwas mit Macht und Herrschaft zu tun, mit persönlicher Macht, mit Egoismus. Als Mann kannst du dein Ego über deine Lebenszeit hinaus nur dann verlängern, wenn du einen Stellvertreter hast, über dessen Herkunft aus dir persönlich du dir sicher sein kannst. Also musst du dafür sorgen, dass die Frau, mit der du schläfst, von keinem anderen Mann besprungen wird. Lebst du in einer promiskuitiven Gesellschaft, fällt das Prinzip der Herrschaftssicherung durch Geburt weg. Dann kannst du vielleicht deinen Nachfolger ernennen, aber das erscheint zu schwach und zufällig. Hast du einen Nachfolger ernannt, der Fehler macht, ist es eben ein Irrtum gewesen. Ein leiblicher Nachfolger kann vielleicht auch Fehler machen, aber er ist nie ein Irrtum, weil es Natur ist. Alles, was deine Kinder leisten, fällt auf dich als Vater zurück. Allerdings auch ihre Fehler. Vielleicht ist das der Ursprung der Erziehung: Deine Kinder sollen ganz so werden wie du selbst. Sie sollen sogar auch noch das Potential entfalten, das in dir nur verborgen geblieben ist. Missrät ein Kind, gibt es zum Glück immer noch die Mutter, die mit ihren minderwertigen Anteilen dafür verantwortlich sein kann. Das Mütterliche bzw. die mütterlichen Anteile müssen unterdrückt, durch Erziehung ausgemerzt werden. Deswegen gilt in den Familien das Gesetz des Vaters, das ein Erziehungsgesetz ist. In ihm ist die Tradition als die Linie der Väter repräsentiert. Ihm müssen sich Kinder und Frauen unterwerfen. Die Frauen, weil sie so großen Einfluss auf die Kinder haben. Dabei geht es allerdings hauptsächlich um die männlichen Nachkommen. Die Mädchen sind als künftige Mütter nur Mittel zum Zweck der Herrschaftssicherung bzw. der Selbstverewigung der Männer. Die Frage, warum dieser Mechanismus unter einem männlichen Vorzeichen steht, ist leicht beantwortet: Die Frauen wussten immer, dass es ihre eigenen Kinder waren. Es bestand für sie nicht die Notwendigkeit, aus der biologischen Evidenz eine gesellschaftliche Norm abzuleiten. Man muss erstmal auf die Idee kommen, Macht und Herrschaft aus Geburt und Herkunft abzuleiten. Das ist ja gar nicht so naheliegend, wie es uns heute erscheint. Und dann war ja der Gedanke, dass die Kinder nur aus dem Samen der Männer entstehen, ziemlich naheliegend, jedenfalls vor der Erfindung des Biologieunterrichts. Die Eier kann man ja nicht sehen, aber der Mann pumpt halt seinen Samen in die Frau rein, die dann schwanger wird und ein Kind gebiert. Da erscheint sie ja zunächst einmal nur als Medium, als „Mutterboden“, in den man einen Samen pflanzt. Die Rolle der Frau erscheint da ziemlich passiv. Die produziert nur und gibt nichts weiter. Also wenn du überhaupt anfängst darüber nachzudenken, wie du als Mann deine Herrschaft oder Bedeutung oder Wichtigkeit über deinen Tod hinaus sicherstellen kannst, ist es naheliegend, das mit dem Nachwuchs zu verknüpfen. Angenommen, in der Frühgeschichte der Menschheit hatten die Menschen promiskuitiven Sex, dann waren das möglicherweise zwei verschiedene Dinge: Sex und Schwangerschaft. Da spielte dann allein Mutterschaft eine Rolle, naja, und die Spiegelneuronen, die dafür gesorgt haben, dass sich die Männer auch vergleichsweise zärtlich und fürsorglich um Kinder gekümmert haben wie die Mütter. Nehme ich jedenfalls mal an. Die Kinder kamen einfach, waren da, in gewisser Weise unabhängig davon, dass jede mit jedem rumvögeln konnte und das wahrscheinlich auch tat. Und wenn es zu viele Nachkommen wurden, entstand möglicherweise Konkurrenz, Streit um Nahrung und Reviere. Da entstanden vielleicht die Rollenmodelle, in denen Frauen sich um die Kinder kümmern, sie beschützen und versorgen, und die Männer kümmern sich um die Absicherung der Reviere, also um Besitz und Herrschaft. Dass diese Aufteilung so fatale Folgen haben würde, konnten die Frauen zu dem Zeitpunkt ja nicht ahnen. Ich glaube nicht, dass Frauen ihre Kinder als Quasi-Erweiterung ihres eigenen Ichs betrachten. Sie sind bei der Geburt, wenn sie das Neugeborene im Arm halten, erstaunt und beglückt über das Andere, das aus ihnen hervorgegangen ist. Darum kümmern sie sich in der Regel besser um ihre Kinder als um sich selbst. Dass ihre Kinder autonome Wesen sind, ist für Mütter viel selbstverständlicher als für Männer, die in den Kindern nach der eigenen Identität forschen, ihre Autonomie und Einzigartigkeit also von Anfang an in Frage stellen und einschränken möchten.

Ich stelle mir vor, dass Frauen in urzeitlichen Gesellschaften nicht auf die Idee kamen, ihr Lebenssinn bestehe darin, Kinder zur Welt zu bringen, sie zu versorgen und zu erziehen. Wie gesagt: Ich vermute, die Erziehung war eine Erfindung von männlicher Seite, also diese beschneidende, verstümmelnde Erziehung, durch die ein Vater zu seinem Kind sagt, du musst so werden wie ich. Das Kinderkriegen passierte einfach. Der Zusammenhang zwischen Sex und Schwangerschaft war vermutlich schon irgendwie klar. Aber dass aus der milchig-geligen Flüssigkeit Kinder entstehen, ist ja schon irgendwie wundersam. Und warum ein Paar eine feste Bindung eingehen muss, wenn doch so eine Art Dorfgemeinschaft existiert, die genug Schutz für die Neugeborenen bietet, ist erstmal wenig einsichtig. Andererseits haben wir bislang das Verliebtsein ausgespart. Da wäre ja auch mal die Frage interessant, ob es sich dabei um ein kulturelles oder zivilisatorisches Phänomen handelt, oder ob das rein biologisch ist, was im Übrigen auch nicht unbedingt eine romantische Vorstellung wäre, wenn du dich aus rein biologischen Gründen verliebst. Und dann noch die Sache mit dem Oxytocin, diesem Bindungshormon. Einerseits spricht das für eine evolutionäre Entwicklung, die Paarbeziehungen bevorzugt. Das Hormon wird ja insbesondere beim Sex produziert. Ich habe mir bislang immer vorgestellt, dass dieses Hormon dann das Paar, das regelmäßig Sex miteinander hat, aneinander irgendwie bindet. Das ist ja wahrscheinlich auch wissenschaftlich untersucht worden. Aber wie haben denn diese Forschungen konkret ausgesehen? Haben die Forscher zwei Gruppen mit Paaren untersucht, von denen die einen regelmäßig Sex hatten und die anderen keinen? Ich weiß nicht, ob man dazu was im Internet finden würde. Jedenfalls könnte man sich ebenso gut vorstellen, dass man eine Gruppe von Menschen dazu veranlasst, dauernd miteinander Sex zu haben, also mit ständigem Partnerwechsel. Würden dann alle zu allen engere Bindungen empfinden? Allerdings müssten die Voraussetzungen stimmen. Da kämen wir wieder zu dem Punkt mit dem Verliebtsein. Ich würde mich ja nicht in irgendeinen beliebigen Typen verlieben. Da läuft wahrscheinlich irgendein biologisches Programm ab. Du musst den Typen im wahrsten Sinne des Wortes riechen können. Etwas verrät dir, ob sein Körperbau in dein biologisches Fortpflanzungsprogramm passt – und umgekehrt. Also, ein Kerl, der auf dich und dein Interesse überhaupt nicht reagiert, dich nicht anlächelt, dich nicht berühren will, an dem verlierst du ja nach einiger Zeit auch das Interesse. Bei der Zusammenstellung einer Gruppe von Probanden müsste das also berücksichtigt werden, ob die sich sympathisch und anziehend finden, bevor man sie aufeinander loslässt. Ich könnte mir übrigens vorstellen, dass es bei einem solchen Experiment schamlos zugehen würde, weil die Probanden sich ja von den geltenden Normen freigesprochen fühlen würden. Das wäre gewissermaßen Ficken auf Befehl, ein Freischein für Promiskuität im Dienst der Wissenschaft. Man dürfte sie dafür allerdings nicht einsperren wie Panda-Bären im Zoo und ihnen beim Sex zusehen. Das könnte und müsste natürlich alles in „Heimarbeit“ geschehen. Bloß eine einfache Statistik führen: Heinz am Montag, Kurt am Dienstag, Ralf am Freitag, und eine Einschätzung der Qualität, also minimal bis maximal geil, Anzahl und Qualität der Orgasmen, Länge des Vor- und Nachspiels usw. Keine Ahnung, wie man den Hormonspiegel messen kann. Das müsste dann ja auch untersucht werden. Also meiner Meinung nach würde bei dem Experiment herauskommen, dass bei mindestens der Hälfte der Probanden stärkere Bindungsgefühle entstehen würden. Vorausgesetzt, die bekommen alle untereinander nichts von dem jeweiligen Alltagstress und den persönlichen Macken mit. Also Sex pur für lupenreine wissenschaftliche Ergebnisse. Wenn ich so drüber nachdenke, wüsste ich schon, wer sich an einer solchen wissenschaftlichen Studie gern beteiligen würde. Also, um das kurz zusammenzufassen: Es ist nicht klar, dass für Sex und Kinderkriegen eine Paarbeziehung notwendig ist. Ich würde sagen, die Paarbeziehung ist eine Erfindung der Männer, die Familie ist eine Erfindung von Männern. Früher hieß es immer, die Frauen hätten das erfunden, weil sie einen starken Versorger und Beschützer suchen. Wenn das Prinzip der Evolutionstheorie weiterhin Gültigkeit hat, dann sollte das Gesetz der Selektion, also dass sich der Stärkere durchsetzt, auch für den Wettkampf der Spermien gelten. Es wäre absurd, wenn eine Frau die Eignung von Spermien am Muskelspiel und dem Glanz in den Augen eines Mannes ablesen könnte, um dann nur diesen einen an sich ran zu lassen. Der Wettstreit wird wohl eher in der Vagina entschieden. Eine der wirklich wichtigen Fragen ist doch die, warum Männer im Prinzip nur einmal kommen können, also eine wesentlich längere Erholungsphase nach dem Orgasmus brauchen, Frauen aber mehrmals hintereinander kommen können, also im Prinzip beliebig oft. Warum sollte die Natur das so eingerichtet haben, wenn es nicht darum geht, als Frau im optimalen Fall Sex mit mehreren Männern zu haben, damit die besten Spermien gewinnen? Also die Natur sieht vermutlich Promiskuität vor, die – ich sag mal so salopp – patriarchale Kultur die Paarbeziehung, den ausschließlichen Sex, jedenfalls was die Frau betrifft.

Jetzt zu der Frage, ob sich dieses kulturelle oder zivilisatorische Programm einfach rückwärts wieder abwickeln ließe. Das ist wohl kaum vorstellbar. Vielleicht vorstellbar, aber nicht praktisch umsetzbar, weil es zu tief in uns drinsteckt, fest verankert, mit Scham und Schuldgefühlen besetzt. Und das größte Problem, möchte ich mal behaupten, wären die Männer, die verinnerlicht haben, dass die Frauen, mit denen sie mal geschlafen haben, irgendwie in ihren Besitz übergegangen sind, also zu ihrem Herrschaftsbereich gehören. Und die Gesellschaft, die die Kleinfamilie bzw. die Kernfamilie als elementaren Baustein betrachtet. Man könnte sich ja auch eine Gesellschaft vorstellen, in der das Kinderkriegen von dauerhaften Beziehungen abgekoppelt ist und die Frauen, die Kinder haben, vom Staat bestens versorgt werden, also nicht von einem einzelnen Mann, einem Ehemann, Frauen also zwar in einer längeren oder auch lebenslangen Beziehung leben können, aber zugleich selbstverständlich Kinder von verschiedenen Männern haben können, ohne dass die Männer deshalb beleidigt wären und sich zurückgesetzt fühlten. Nein, genaugenommen kann ich mir so eine Gesellschaft nicht vorstellen, jedenfalls nicht eine, die unserer ähnlich wäre. Ehrlich gesagt, kann ich mir keine Männer vorstellen, die nicht eifersüchtig reagieren würden, wenn die Frau, mit der sie gerade Sex gehabt haben, im nächsten Moment mit einem anderen schläft, weil sie gerade Lust dazu hat (Contra: Swingerpartys, Partnertausch, „offene Ehe“). Und eifersüchtige Frauen? Ich denke, die weibliche Eifersucht hat damit zu tun, dass es gesellschaftlich okay ist, wenn ein Mann fremdgeht, den Frauen das aber nach wie vor verboten ist. Das ist so mein Gefühl. Da gibt es immer noch ein Ungleichgewicht. Das hat auch mit der Versorgungssituation durch die Institutionen Ehe und Familie zu tun, weil alles danach ausgerichtet ist. Als alleinerziehende Mutter bist du in den meisten Fällen gearscht. Und was ist mit den kinderlosen Ehen und Beziehungen? Die vermeintliche Katastrophe ist doch, dass der Partner mit einer Anderen vielleicht doch Kinder kriegen könnte – und umgekehrt. Das passt einfach nicht ins kulturelle Programm. Und schließlich: Was ist mit der wunderbaren Vorstellung, als Paar miteinander alt zu werden? Immer die vertraute Person an seiner Seite zu haben? Vielleicht ist das ein sehr natürliches Bedürfnis, mit einem Menschen so eine unzertrennliche Einheit bilden zu wollen. In unserer Kultur ist dieses Bedürfnis, wenn es denn als natürliches, biologisches existiert, an die Ausschließlichkeit der sexuellen Kontakte geknüpft. Also, ich unterstelle mal, dass das ein kulturelles und kein biologisches Programm ist: Die lebenslange Partnerschaft ist an sexuelle Treue gebunden. Man darf die Kräfte der Kultur nicht unterschätzen. Die sind wahrscheinlich ebenso groß wie die der Biologie. Jedenfalls so groß, dass ich nicht plötzlich das Bedürfnis verspüre, jetzt mit allen möglichen Typen rumzuvögeln, obwohl ich das hier gerade geschrieben habe und spontan doch ziemlich von dem überzeugt bin, was ich hier etwas planlos hingetippt habe. Biologisch bin ich wahrscheinlich auf Promiskuität programmiert, kulturell bin ich schon sehr, sehr monogam. Und das ist eher kein Mischverhältnis, die Kultur dürfte bei mir wohl zu 99 Prozent überwiegen. Jedenfalls über 90 Prozent, würde ich sagen.

Justus: Dann schätzt du dich demnach zu 10 prozent als verführbar ein.

Donata: Jain, aber Marie jedenfalls, und vielleicht auch Birthe. Im Jahr 2050 dann wohl nicht bloß 10 Prozent, sondern deutlich mehr. Jedenfalls hat das auch Konsequenzen für die Idee des Mutter-Seins, fürs Kinder-Haben.

Justus: Vieles von dem, was du schreibst, mag ja richtig sein, bleibt aber graue theorie, wenn ich zum beispiel an die batterie von romanen denke, in denen es um eifersucht geht. Das phänomen ist nicht mal eben in drei zeilen erklärt. Ich weiß ja auch nicht, warum in unserem roman das thema kinderwunsch eine derart zentrale rolle spielt. Wer bin ich, wo komme ich her, bin ich meine dna? Das ist schon eine frage, ob mein leben sinn hat oder gehabt haben wird, wenn ich meine dna nicht weitergegeben habe. Bekanntermaßen haben ich und Sarah die für uns behalten und das evolutionäre spektrum nicht um eine variante erweitert. Das hatte zu unterschiedlichen zeitpunkten unterschiedliche gründe. Mal abgesehen von den frühen und danach immer eifriger werdenden selbstversuchen, bei denen unfassbare mengen an wertvollen flüssigkeiten einfach im klo runtergespült wurden, war ich bei meinen ersten sexuellen kontakten nicht im mindesten daran interessiert, kleine plärrende, inkontinente neuerdlinge zu produzieren. Das erste mal war ja noch im gymnasium. Nicht was ihr denkt, nicht auf der schultoilette, natürlich bei einer party und ziemlich betrunken. Damals war ein alkoholpegel von zweieinhalb promille noch keine kontraindikation für manneskraft. Heute schon eher. Da sind einskommafünf schon eher ideal. Du bist angemessen enthemmt, die schwellkörper sind für blutandrang noch empfänglich und du würdest im zweifel auch mit deinem dackel schlafen können (habe leider keinen, aber Sarah ist auch ganz schön behaart). Hinzu kommt die gnade einer dioptrin von zweikommafünf, die die gröbsten spuren des fortgeschrittenen alters deiner partnerin angenehm weichzeichnet. Vor der schönen, die ich erst gegen ende meines studiums kennenlernte und – vorübergehend – zur einzigen und wahren erwählte (Sarah), hatte es freilich andere schöne gegeben, die ich noch mit ungetrübtem auge betrachten und erkunden durfte. Ich will da nicht ins detail gehen, um hier niemanden zu schockieren. Eine von ihnen wollte unbedingt ein kind von mir, vermutlich weil ihr meine gedichte gefielen (damals noch vor allem gedichte und kurze experimentelle prosa à la mayröcker, falls ihr die kennt. Ist mir heute noch peinlich) und das künstlergen anzuzapfen gedachte. Holy shit! Im unterschied zu deiner annahme, Donata, männer wollten sich in ihren kindern und kindeskindern verewigen, schauderte es mich bei der vorstellung, einen poetischen erben auf die welt loszulassen. Der trouble, den ich mit mir und an mir selber hatte (damals!), reichte mir und wahrscheinlich der welt vollkommen aus. Auch wenn das mal irgendwann möglich sein sollte: von mir wird es keinen klon geben. Definitiv nicht. Manuela hat später tatsächlich einen ältlichen dichter abbekommen. Ich traf sie zufällig bei einer lesung. Sie druckste etwas herum, als ich sie danach fragte, ob sie kinder habe (sie sah so mütterlich-verhärmt aus), nachdem sie mir endlos von dem genie und der bedeutung ihres fußlahmen und leider grundlos verkannten poeten vorgeschwärmt hatte. Ja, ein kind hätten sie zustande gebracht. Na toll, sage ich, dann gibt’s ja hoffnung auf eine neue dichtergeneration. Hat eine weile gedauert, bis sie damit rausrückte, dass von dem jungen nicht allzu viel zu erwarten wäre, aber es habe schon downies gegeben, die abitur gemacht hätten. Wahrscheinlich bastelt der heute in einer holzwerkstatt osterhasen und weihnachtsbäume. Immerhin mutig, dass sie nicht abgetrieben hat.

Bei sarah war die sache klar. Irgendwann würden wir ein oder zwei kinder haben wollen. Aber bitte nicht gleich sofort! Der klassiker: erst die karriere, dann das vergnügen. Und daran ist dann ja beinahe alles zerbrochen. Ich blieb in münster und Sarah ging für ihren doc nach italien. Das lässt sich schwerlich als wochenendbeziehung betrachten. Wir hatten schlicht nicht das geld uns häufiger als alle drei monate oder so zu sehen. Mal ein halbes jahr? Ich weiß es nicht mehr. Aber ich dachte, ist doch unmenschlich, jedes mal ein paar monate auf das nächste date zu warten, und machte den fehler, Sarah in der zwischenzeit freigang für kleinere sexuelle abenteuer anzubieten. Undank ist der welt lohn. Sarah betrachtete das als wunsch, künftig getrennte wege zu gehen. Sie war tief enttäuscht und nahm an, ich würde mir längst selber die eine oder andere ausschweifung genehmigen. Gelegenheiten dazu hatte es gegeben. Ich würde sagen, reichlich. Aber ich hatte mir brav einen freudschen kulturkampf mit meinem samenstau geliefert und die libidinösen energien in meinen ersten roman fließen lassen. Ich hatte Sarah einfach mehr müßiggang unterstellt, als ich mir selbst zugestand, weil sie offenbar einen enormen zeitüberschuss hatte, den sie mit endlosen, auf mich meist eher unentspannt wirkenden telefonaten kompensierte, aus denen ich entnahm, dass sie auch mit vielen ehemaligen freundinnen, ihren eltern, onkel, großeltern und urgroßtante regen telefonischen kontakt pflegte. Ich übertreibe. Es war einfach eine schöne vorstellung, Sarah von ferne das eine oder andere entspannende event erleben zu wissen, etwa mit einem rassigen italiener, der noch bei mami wohnt und da auch wohnen bleiben möchte (der einzigartigen pasta wegen), aber hin und wieder mit kleinen affären das verschrumpelte selbstbewusstsein wieder aufzupolieren gedenkt (aufzuBLASEN wäre hier wohl der passendere begriff). Eifersucht? O ja! Aber die hatte auch was prickelndes. Sarah in den armen dieses schmucken und intelligenten amerikanischen doktoranden, von dem sie eine idee zu oft ins schwärmen geriet? Er zwischen ihren beinen, seine zunge nicht bloß zwischen ihren zähnen? Okay, wenn nichts ernsteres daraus wird, sie gehört mir ja nicht. Wenn es denn sein muss, dann wenigstens mit meiner „erlaubnis“. Ich war selbst überrascht von meiner wohlwollenden rücksichtnahme auf ihre erotische mangelsituation (ASP = akademisches sexprekariat). Sie dagegen war empört, wie gesagt. Zeit der funkstille no.1. Beide glauben an künftig getrennte wege. Ich mit schreibblockade. Ich muss meine aufgestauten energien und säfte anderweitig loswerden. Werde (wieder auf einer party!) von einer fülligen, stark behaarten venus vergewaltigt und erleide beinahe einen labialen erstickungstod. Darauf plötzliches und gänzlich unerwartetes ende der schreibblockade, die ich bis dahin für ein spezifisch amerikanisches ostküstenphänomen gehalten habe, ähnlich wie adhs, das es aber im unterschied zur schreibblockade in den icd 10 geschafft hat. Sarah in rekordzeit zur promotion (2 Jahre!), ich mit dem roman immer noch nicht fertig, mein überraschender auftritt bei der promotionsfeier, hollwoodreifes wiedersehen, allerdings ohne angemessenen soundtrack. Gefühlte drei tage gemeinsame bettlägerigkeit mit preisverdächtigen versuchen, zwei jahre sexueller abstinenz quasi im zeitraffer nachzuholen. Pläne schmieden, umzug organisieren, bewerbungen schreiben, euphorisch dem roman ein neues anfangskapitel verschaffen, dass dann den folgenden fünfhundert seiten leider den rest gibt. Die frühe prosaische seitenhundertschaft liegt immer noch unabgeschlossen in einem schuhkarton auf dem dachboden. Kinder? Warum nicht? Nach Sarahs volontariat in werweißwo und dem ersten jahr in festanstellung im museum xy in irgendwo. Sarah machte vor freude einen salto mortale, als sie positiven bescheid von der maryland universität in baltimore bekam, wo sie sich ohne mein wissen auf eine assistentenstelle beworben hatte. Hä?! Schon wieder ausland? Uni statt museum? Das sei eine laune gewesen, sie habe nicht im entferntesten damit gerechnet angenommen zu werden. Mit summa cum? Rom und Mailand? Drei monate funkstille no.2. Ich war beleidigt, muss ich zugeben. Ich hätte ja auch sofort mitgehen können, wenn ich nicht gerade erst die „l!esm!ch“ gegründet, nicht die drei preise für meine ersten kurzgeschichten bekommen und mein mühsam geknüpftes netzwerk zu gären begonnen hätte. In Baltimore wäre ich ein nichts gewesen. Da wäre ich eingegangen. Dann bin ich doch hinterhergefahren, blieb für drei Monate, schrieb, netzwerkte von Baltimore aus. Jetset-Zeit. Schließlich Sarahs volontariat in germany. Umzug. Eigentlich war ich eher immer Sarahs anhängsel und nicht umgekehrt, also gendermäßig eine gegenwelt. Irgendwie war es dann auch immer Sarahs sache, das mit den kindern zu entscheiden, ob oder nicht und wann. Als es dann soweit war, passierte nichts. Auch gut, haben wir gedacht, das ist dann eben schicksal. Irgendwie spielte das dann eine immer geringere rolle, genaugenommen auch der sex, der spielte auch eine immer geringere rolle, wenn ich das hier so im vertrauen mal sagen darf. Das ging auch durchaus von beiden seiten aus, dieses schwindende interesse, nachdem klar war, dass wir zusammenbleiben.

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Die Kinder selbst haben bislang keine Rolle gespielt. Wie wachsen die Kinder von Donata und Thomas auf? Gibt es Probleme? Oder sind es gerade besonders „gelungene Exemplare“, wie Justus es formulieren würde?

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Der Gedanke (von wem geäußert?): Wenn die Frage ist, wie wir leben wollen, und ein Roman etwas Gehaltvolles zu dieser Frage beitragen wollte ( es sei denn, die Autoren sind der Überzeugung, es gebe nichts Reales, kein materielles und materiales Sein, das den Ideen und Sehnsüchten nach einem idealen Menschsein entspräche oder auch nur nahekommen könne), dann kann es ja nicht in erster Linie darum gehen, das Scheitern zu präsentieren, wie es Hunderte und Tausende Romane vordem auch getan haben. Es gab für viele Jahrzehnte einen großen Irrtum im Bereich der Psychotherapie, den nämlich, von der Psychoanalyse verantwortet, man müsse, um zur Heilung, zu seelischer Ganzheit zu gelangen, durch die Traumata und Verletzungen sich erst noch einmal hindurcharbeiten, dem unbewusst Erlittenen eine bewusste und durchanalysierte Kehrseite verschaffen, um nach der durch das wiederholte und variierte Psychodrama bewirkten Läuterung zu einem selbstbestimmten und erfüllten Leben befreit zu werden. Tatsächlich ist der Fall der nachhaltigen Läuterung eher selten. Dieses Gefühl, eine schwere Last falle von einem ab, kann nach einer dramatischen, schmerzhaften und nervenzerreißenden Analyse häufig auftreten; Erschöpfung, Beruhigung und Ausklang, das angenehme Nachlassen des Schmerzes – das ist nach einer Analysesitzung im Idealfall mit einer kognitiven Einsicht verbunden, die als angenehm und befreiend wahrgenommen wird. Aber dieses Angenehme wird in Verbindung mit den ihm vorausgehenden Schmerzen und Kämpfen abgespeichert, während die kognitiven Einsichten das alltägliche Handeln nicht anleiten, also selten eine Verhaltensänderung zur Folge haben. Der Patient oder die Patientin wird also darauf aus sein, sich immer wieder den schmerzhaften, dramatischen Prozessen der Analyse auszusetzen, nach immer neuen und tiefer sitzenden Deformationen und Verletzungen zu forschen bereit sein, um anschließend diese heilige Einheit von Selbsterkenntnis und Wohlgefühl erfahren zu dürfen. Hierher rührt vermutlich das menschliche Bedürfnis nach Drama und in der Fiktion erlebter Katastrophe. Jede Läuterung, oder auch nur (zumeist) das Nachlassen der Spannung, wird als angenehm und bereichernd empfunden, vor allem, wenn in dieses Gefühl eine irgendwie wertvoll erscheinende Erkenntnis eingelagert ist. Nach dem Drama entsteht bald der Durst nach einem weiteren (sofern es anschließende Beruhigung, das Nachlassen des Schmerzes verspricht), die in der Fiktion entworfenen Krisen, Konflikte und Katastrophen verlangen schon bald nach neuen Anlässen für die Dynamik von Aufregung, Beruhigung und (Schein-)Erkenntnis. Geht es also um den literarischen Entwurf einer echten Utopie, des gelungenen menschlichen Miteinanders in einer perfektionierten Welt, oder auch nur einer humanen und weisen Eintracht mit der Welt, dann kann das Mittel kaum das Drama sein, also nicht das Durchexerzieren von Krisen, Konflikten und Katastrophen. Dann müsste das Wundersame dieser Art Fiktion im Ausbleiben des Scheiterns ihrer Protagonisten bestehen. Ungefähr so wie in den modernen Psychotherapien, in denen die Rückschau auf das missratene Leben vermieden und im Training gelingendes Leben eingeübt wird, neue produktive Schemata gegen alte unproduktive gesetzt werden. Weil es eben nicht viel hilft zu wissen, woher die schädlichen Verhaltensschemata herkommen, welche Geschichte, welche Ursprünge sie haben. Diese (zweifelhaften) Erkenntnisse tragen oft nichts bei zur Initiierung eines heilsamen Verhaltens. Im Gegenteil, sie wecken den Reiz, immer wieder in das alte Drama zurückzukehren und sich an der trügerischen Überzeugung zu laben, davon befreit zu sein, weil der distanzierte Blick darauf möglich geworden ist.

Keine unserer Figuren ist frei von Konflikten, und wie es aussieht, versuchen wir jede von ihnen in ihr je eigenes Verderben zu schicken, um sie und unsere Leser (und uns selbst?) ihre Lebenslügen vor Augen zu führen. Und danach? Dann entsteht doch nur der Durst nach neuen menschlichen Katastrophen, die daraus hervorgehenden oder sie begleitenden, durchs Gefühl aufgewerteten, aufgeblasenen Erkenntnisse, bleiben folgenlos. Das ist der Grund, weshalb selbst die manischen Vielleser hochwertiger Literatur aus den Romanen keinen Nutzen für die Verbesserung ihres eigenen Lebens ziehen – oder das anderer. Brainfuck: Die Literatur macht die Welt nicht besser! Also: Was ist eigentlich unser Ziel?

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Am Ende doch wieder: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“  Die Notwendigkeit, sich selbst zu ändern, wird relativiert oder sogar negiert durch den Verweis auf eine inhumane Welt, die sich auch in der Zukunft der Humanität als oberstem Prinzip verweigert. Es bleibe – auch den Literaten – doch nur das Mittel der Anklage, um dem Diskurs einen unter vielen Impulsen zu geben, die ihn in die richtige Richtung driften lassen. (Literatur als Teil des politischen Diskurses?)

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Der Gedanke, nur das Leben selbst – und nicht die Literatur – könne die Frage nach dem richtigen Leben beantworten, ist einer der Anlässe, für einige Wochen nach Rumänien zurückzukehren. (Ein Grund, diese Episode im Leben der Erzählerinnen und Erzähler auszulassen. Zugleich das zentrale Paradoxon des Romans.)

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„Also, wie passt das zusammen: Diese hyperbolische Ideologie der Mutterschaft und die Möglichkeiten der externen Austragung der Embryonen? Ich meine vor allem, dass die Ideologie sich in dem Maße verschärft, wie es unwahrscheinlicher wird, als Mutter noch natürlich zu gebären. Kompensiert die Ideologie die schwindende Biologie?“ – „Was genau meinst du jetzt mit Ideologie?“ – „Dass Mutterschaft oder Vaterschaft oder Elternschaft so zentral wird für den Lebenssinn, dass sich in einem bestimmten Lebensabschnitt auf einmal alles darum dreht. Manchmal habe ich den Eindruck, als könnte man das Leben eines Menschen in unserer modernen, weißen, westlichen Gesellschaft in ziemlich genau festgelegte, klar umrissene Epochen einteilen, die mit ganz bestimmten Inhalten gefüllt sind, also, nur den Umrissen davon, wie in so einem Malbuch für Erwachsene. Du schlägst eine neue Seite deines Lebens auf und es geht darum, die Figuren und Gestalten bunt auszumalen. Du kannst dir die Farben frei auswählen, aber der Inhalt steht fest. Du würdest dir wie ein irres Arschloch vorkommen, wenn du die Seiten mit einer Farbrolle übertünchen würdest oder mit der Spraydose. Warum dann überhaupt noch das Malbuch? In diesem Malbuch, das ein Normen- oder Pflichtenbuch ist, findest du Kindergarten, Schule, Ausbildung, die Zeit spätjugendlicher Freibeuterei, Sorg- und Verantwortungslosigkeit, Berufseinstieg und Karriereplanung, die Phase materieller Absicherung, die Entwicklung eines eigenen Stils, der eigenen (politischen) Meinung und Überzeugungen… Tja und dann kommt eben die Frage nach eigenen Kindern ins Spiel, und es scheint fast, als rücke diese Frage immer stärker in den Focus, als Brennpunkt, auf den alles Vorherige irgendwie zu zielen scheint oder zielen muss. Sobald du kein Kind mehr bist, geht es um deine zukünftige Familie. Die Schule ebnet dir den Weg in den Beruf, im Beruf geht es zwar auch um Selbstverwirklichung, aber die wird immer auch im Zusammenhang mit der Möglichkeit oder Unmöglichkeit gedacht, Kinder haben zu können. Beruf und Selbstverwirklichung kleben gewissermaßen an der Frage nach den eigenen Kindern. Die Entscheidung bezüglich deiner beruflichen Selbstentfaltung ist immer auch zugleich eine danach, ob du Kinder haben willst oder haben kannst. Das war früher mit Sicherheit nicht so, da waren das getrennte Dinge. Dieses Gespann aus Beruf und Familie siehst du als Jugendlicher wie eine rote Linie auf dich zukommen, diese beiden Fragen, die die wichtigsten in deinem Leben zu sein scheinen, bedrängen und bedrohen dich geradezu, sie drohen dich zu enteignen, dich deiner Freiheit zu berauben. Deshalb diese sich immer weiter ausdehnende Phase der Jugend, die heute schon mal bis kurz vors vierzigste Lebensjahr, manchmal sogar noch weiter reichen kann. Du schiebst die Entscheidungen immer länger vor dir her, aber zugleich bekommen diese Entscheidungen eine immer größere Bedeutung und Wichtigkeit. Du musst bis zu diesen Entscheidungen, insbesondere der Kinderfrage, dein Leben hinreichend ausgekostet haben, denn danach endet es und es beginnt ein Leben, in dem es vor allem darum geht, das Leben der neu entstehenden Menschen zu entwerfen, zu gestalten und zu begleiten. Das ist die Selbstverwirklichung, die nach der Phase eines Lebens nach dem Lustprinzip folgt. Jetzt geht es um Verantwortung und das Gelingen einer neuen Biografie, die nicht mehr deine eigene ist, aber irgendwie doch auch, weil das Scheitern deiner Kinder dein eigenes wäre. Die Kinder als Frau selbst zu bekommen, veredelt die Mutterschaft zwar, aber im Kern geht es nicht um die biologischen Vorgänge, sondern um die Steuerung. Du beginnst heute ja schon während der Schwangerschaft mit der Erziehung und Konditionierung. Die Biologie ist da sogar eher ein Störfaktor. Weil die Ideologie von Familie und Kinder-Haben so zentral und stark geworden ist, fällt es irgendwann leicht, die Biologie hinter sich zu lassen oder zu modifizieren. Deshalb ist es heute so leicht vorstellbar geworden, dass schwule und lesbische Paare Eltern werden, dass es keine Schande ist, alleinerziehend zu sein, oder Kinder von unterschiedlichen Männern zu haben. Die Erziehungsaufgabe ist ein zentraler Lebenssinn geworden – es wäre unmoralisch, die Verfolgung und Erfüllung dieses Sinns irgendjemandem zu verweigern. Im Prinzip muss das jeder dürfen. Auch der krebskranke 10-Jährige, der in drei Wochen sterben wird und den Wunsch äußert ein Kind zu haben – im Extremfall. Du kannst es niemandem mehr verweigern, weil es zu einem universalen Menschenrecht und Menschenziel geworden ist. Warum auch immer es dazu gekommen ist, oder gekommen sein wird, wenn ich jetzt wieder auf das Jahr 2050 blicke.“

„Die Melancholie in den Augen der verhinderten Mütter um die 50, das ist schon auffallend. Und das Bedauern der Ehemänner, die eigentlich nichts vermisst haben, aber mit ihren trauernden Frauen mitfühlen, oder jedenfalls dieses Mitgefühl vorzutäuschen versuchen und nach Rechtfertigungen für die Kinderlosigkeit suchen. Die bemühte Fröhlichkeit, mit der das immer noch glückliche Eheglück trotz Kinderlosigkeit zelebriert wird. Dieses „Glück trotz“, das ist eine Negativdefinition. Es scheint, als könntest du das Eheglück, die lebenslange Beziehung nicht unabhängig von Elternschaft denken, definieren und bewerten. Hast du keine Kinder gehabt, dann kannst du sagen, wir sind glücklich, OBWOHL wir keine Kinder hatten. Aber du kannst nicht sagen, wir waren glücklich und sind es immer noch. Auch wenn du diesem Obwohl entgehen möchtest, es zu verdrängen versuchst, es kommt doch immer wieder zu dir zurück, sogar in den Blicken der Anderen, die unausgesprochen fragen: glücklich obwohl? Es liegt nicht in deiner Hand, das zu definieren.“ – „Ja, da ist ja oft gar nicht diese Melancholie, von der du sprichst, die Anderen deuten den Blick als melancholisch und die Fröhlichkeit als aufgesetzt und inszeniert. Irgendwann glaubst du dir dein Glück selber nicht mehr, weil so klar ist, dass die Anderen dir nicht glauben. Du fängst irgendwann wirklich an, das den anderen vorzuspielen, zu übertreiben, damit dein Lebensgefühl sichtbar wird. Dass dein Leben gut ist, obwohl du keine Kinder und Enkelkinder hast. Aber da ist es auch schon wieder, dieses OBWOHL.“ – „Lustigerweise kannst du das Prinzip beliebig ausweiten, also mal austesten, wo es überall funktioniert: Ich bin glücklich, obwohl ich nie verheiratet war, obwohl ich seit zwanzig Jahren ohne festen Lebenspartner lebe, obwohl ich mir kein Haus gebaut habe, obwohl ich meinen Beruf aufgegeben und mich auf ein bescheidenes Leben eingestellt habe. Und immer hörst du die Frage aus dem Off: Wie kannst du so leben, wie kannst du so glücklich sein?“ – „Ein nicht ganz uninteressantes Spiel: Ich bin glücklich und zufrieden, obwohl ich den Mann, mit dem ich lebe, schon lange nicht mehr liebe; Ich bin glücklich, obwohl mein einziges Kind vor drei Jahren gestorben ist; Ich bin glücklich, obwohl ich schon lange keinen Orgasmus gehabt habe, obwohl ich fett bin, obwohl mein Mann mich betrügt. Wenn ich aber sage, ich bin glücklich, obwohl mich mein Mann verlässt, kann ich auch sagen, weil mein Mann mich verlässt, zum Beispiel.“ – „Nein, wenn du verlassen wirst, dann erleidest du den Verlust und musst betrübt sein, glücklich kannst und darfst du nur dann sein, wenn du diejenige bist, die jemanden verlässt, also wenn du etwas tust und eine Entscheidung triffst. Deinen Mann zu verlassen ist anscheinend heutzutage keine per se falsche Entscheidung mehr. Im Gegenteil. Aber die Entscheidung, keine Kinder zu bekommen gilt heute mehr als früher als falsche und dumme Entscheidung. Dafür musst du dich schämen oder mit einer wirklich akzeptablen Rechtfertigung aufwarten. Mir scheint, du kannst die Sprache abtasten, die Sätze danach – wie soll ich sagen  – „erschmecken“, ob sie mehr zum Bitteren, zum Sauren oder Süßen tendieren, ob sie das Obwohl, die Rechtfertigung, Zustimmung und Gratulation oder nichts von beiden einfordern. Und irgendwie kann auch alles gemischt und uneindeutig auftauchen, ungefähr so wie bei einer Trennungsgeschichte, wo du sagen kannst: schlimm, aber irgendwie auch gut und richtig, wenn die Frau sich entscheidet zu gehen, und es dann heißt, das war die richtige Entscheidung, wichtig für ihr weiteres Leben, aber auch ein wenig unverantwortlich gegenüber dem Mann und vielleicht den Kindern. Wir sind noch nicht so weit, dass man sagen kann, eine allein lebende Frau werde höher bewertet als eine verheiratete, die in der Bindung weiterlebt, also auch unter größeren persönlichen Opfern die Beziehung weiter durchzieht.“ – „Kennst du so jemanden?“ – „Also graduell, würde ich sagen, sind doch so ziemlich alle davon betroffen, also ich jedenfalls, wenn auch nicht in einem kritischen Ausmaß. Ich meine, du opferst doch immer irgendwas für den Partner, für die Aufrechterhaltung der Beziehung. Es gibt bestimmt eine ganze Menge Frauen, die lieber darauf verzichten, einen Orgasmus beim Sex zu haben, als die Beziehung dadurch zu gefährden, dass sie ihre diesbezüglichen Rechte einfordern oder ihre Lust mit anderen Menschen befriedigen. Ist doch eigentlich komisch, oder? Also, da ist die Opferbereitschaft oft ziemlich groß, und das wird allgemein akzeptiert, da empört sich kaum jemand, ist ja auch Privatsache, man redet ja nicht mal drüber. Aber bei der Kinderfrage ist die Sache klar. Da brauchst du gute Gründe, und die müssen wirklich überzeugend sein: Mein Mann und ich sind absolut asexuell, immer schon. Oder: Er oder ich ist unfruchtbar, leider, leider. Das mit der IVF war uns zu riskant wegen des Eingriffs in Hannelores Hormonhaushalt. Ich wäre eine schlechte Mutter gewesen, käme als Argument ganz schlecht. Denn dann bist du auch grundsätzlich, so ganz und gar ein schlechter, egoistischer, hartherziger Mensch. Es gibt schon zu viele Kinder auf der Welt, geht da als Rechtfertigung schon eher, obwohl es albern, ideologisch und vorgeschoben erscheint, denn du lebst ja in einem Land, das angeblich auszusterben oder überfremdet zu werden droht. Da musst du schon auf Leute treffen, die sehr, sehr global denken – oder Inder sein. Gerade komme ich auf den Begriff des ökologischen Fußabdruckes. Du kannst ja sagen, du willst nicht, dass dein ökologischer Fußabdruck durch Kinder noch größer wird. Klingt erstmal gut und verantwortungsvoll. Aber du bestätigst damit auch, dass deine Kinder DEINEN ökologischen Fußabdruck vergrößern, und eben nicht sie selbst, sie sind Teil deines eigenen Seins, also nicht wirklich autonom. Es hätte ja sonst auch keinen Sinn, das Kinder-Haben so wichtig zu finden, wenn es nicht diese krebsgeschwürartige Wucherung wäre, die sich in das Sein, in die Autonomie deiner Kinder hineinfrisst. Das macht den Kindern ja auch das Abnabeln so schwer. Ich habe einen Cousin, der noch mit über Fünfzig bei seinen Eltern zu Ostern Eiersuchen geht. Er lebt in einer langjährigen Beziehung, hat aber keine Kinder und bedauert das zuweilen. Glaub ich ihm jedenfalls. Unsere Kinder sollen die Außenposten unserer Identität sein, Fragmente eines erweiterten Ich, aber sie sollen gefälligst auch autonom sein und dann auch noch so angepasst und berechenbar wie möglich. Kinder sind ein unentbehrlicher Teil dieses Programms.“

Justus: Foucault würde hier vom „herrschenden diskurs“ sprechen. Kannst du nicht wissen, liebe Donata, aber du erfindest gerade die diskurstheorie nochmal neu. Allerdings ist das bei Foucault noch etwas komplexer und differenzierter gedacht. Aber dennoch: meine hochachtung vor dieser intuitiven und zugleich intellektuellen reflexionsleistung, zu der nicht viele fähig wären. Es sind ja zumeist frauen, die bei diesem thema eher in hausapothekenpsychologie abdriften. Bei dir kommt immer was von qualität heraus. Wird allerdings schwierig werden das dann noch zu literarisieren, ohne die journalistischen veröffentlichungen der letzten jahre, die diese themen schon lange abarbeiten und dabei gemeinhin zu flacher allgemeinverständlichkeit tendieren, bloß ungeschickt zu illustrieren oder zu verdoppeln.

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„Um das noch mal klarzustellen, weil es so selbstverständlich ist, dass man es leicht wieder vergisst: Wenn wir darüber reden, wie wir leben wollen, wie Menschen grundsätzlich leben wollen, dann geht es darum, dass Menschen mit anderen zusammen leben wollen. Sie wollen nicht alleine sein, allerdings auf eine angenehme Weise nicht alleine sein. Wenn wir über die Stabilität von Beziehungen reden, Beziehungen relativieren, das Recht betonen, aus einer Beziehung rauszugehen, dann scheint mir das auch irgendeiner Ideologie zu folgen, denn den Menschen geht es doch um die Aufrechterhaltung von Beziehungen, das Verbinden und Verbundensein. Ich möchte keine Angst haben müssen, irgendwann vollkommen alleingelassen zu sein. Mein Körper lebt nicht nur von Essen und Trinken, er will auch berührt und gestreichelt werden. Wenn dafür mal keiner mehr da wäre, das wäre schlimm. Wenn ich alt werde, ist es vielleicht gut, wenn einer da ist, der selber alt geworden oder mit mir alt geworden ist und versteht, wie wichtig es ist, noch immer gestreichelt und in den Arm genommen zu werden. Ich habe darüber längere Zeit nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass Marie möglicherweise neben ihrem Job als Fotografin auch ältere, einsame Menschen, Männer und Frauen, betreut und ihnen bis zu einem gewissen Grad gibt, was sie im Alter vermissen: berührt und gestreichelt zu werden.“

101 Fragen für eine Inquisition unter Freunden

Ausgangspunkt unseres gemeinsamen Romanprojektes, das 2017 noch den Titel „Rumänien – oder: Wie wir leben wollten“ trug, war eben diese Frage: wie wir leben wollten, wenn wir unsere Zukunft frei gestalten könnten. Den Anstoß für den Fragenkatalog gab Aleksander. Wir alle sollten uns Fragen überlegen, die möglichst weh tun, Fragen, die man einander sonst eher nicht stellt. Damit wir als Autoren mehr voneinander erfuhren und die Tabus aus dem Weg räumen könnten, die uns daran hindern würden, unsere Figuren in genau die Konfliktzonen zu führen, die wir selbst zu meiden gelernt hätten. Aleksanders Credo: Wenn vier Autoren gemeinsam einen Roman schreiben wollen, dann müssen sie alles übereinander wissen, noch das Intimste und Abgründigste. Aleksander hat schon immer diesen Hang zum Voyeurismus gehabt (Widersprich mir, wenn Du das anders siehst, Al!). Innerhalb weniger Tage hatte er einen beachtlichen Katalog beisammen. Wir übrigen trugen nach und nach weitere Fragen bei, weil uns Aleksanders Fragen teils zu tendenziös erschienen. Es seien die Fragen, die wir unseren Figuren zu stellen hätten, rechtfertigte sich Aleksander, sie seien auf Justus, Sarah, Donata und Thomas abgestimmt. Es gebe weitere tausend Fragen, die man ihnen und dem Rest der Menschheit stellen könne. Und an erster Stelle uns selbst. Am Ende hatten wir die 101 Fragen zusammen. Wir hatten eine Zeitlang wirklich geglaubt, daraus könne sich eine Art Leitfaden für den Roman ergeben. Der kritischen Leserin dürfte jedoch auffallen, dass die Fragen nur die saturierten Westeuropäer, weiße Amerikaner usw. betreffen. Es geht um Luxusprobleme. Die intensivste Diskussion entbrannte allerdings zu Frage 11, in der es um neue Lebenskonzepte geht, wenn sich das menschliche Leben um hundert oder zweihundert Jahre verlängern ließe. Wissenschaftliche Untersuchungen legen diese Möglichkeit als zukünftig realisierbar nahe. Das rüttelte unser Projekt tüchtig durcheinander. Die Frage überforderte uns, je mehr wir darüber diskutierten. Würden wir diese Möglichkeit wahrnehmen? Gäbe es nicht sogar eine moralische Pflicht dazu? Eine Lust? Welche neuen Ängste würden entstehen? Welche neuen Lebenskonzepte? Was würde man im Leben noch weiter aufschieben? Stiegen Wissen und Weisheit in gleichem Maße an? Oder wäre das Gegenteil der Fall?

Frage 11 überforderte uns, aber auch die Fülle der weiteren Fragen. Wir sind damit zu keinem Ende gekommen, wir haben uns einfach in die Arbeit an unseren Kapitelentwürfen und Figurenkonstellationen gestürzt.

Die Vereinbarung zu absoluter Offenheit unter uns Autoren vernachlässigten wir nach wenigen Wochen, übertrugen das Gebot jedoch auf unsere Figuren. Das Beichtprinzip, das Justus einführt, stellt nun ein Machtinstrument dar, das er voll auskostet. Reste davon sind im aktuellen Manuskript von Liquid Love noch enthalten.

Die Fragen sind nach wie vor ungeordnet. Sie folgen keiner heimlichen Strategie. Dennoch rate ich zu Vorsicht: Sie sind nicht universell, sie transportieren unterschwellig eine Ideologie, die unsere Zeit und Gesellschaft in vieler Hinsicht kennzeichnet. Interessant und aufschlussreich sind daher auch die Fragen, die hier nicht gestellt werden.

Der Fragenkatalog:

  1. Welches war dein größtes und spannendstes Abenteuer in deinem bisherigen Leben? Auf welche neuen Abenteuer bereitest du dich innerlich vor?
  2. Welchen deiner Freunde möchtest du noch viel näher kommen als bislang? Bei welchen bist du dir sicher, dass dieses Unterfangen aussichtslos wäre? Bei welchen könnte es gelingen? Auf welche deiner Freunde könntest du auch verzichten?
  3. Welche eher beiläufige Berührung eines anderen Menschen war dir besonders angenehm? Was hat sich danach verändert?
  4. Wegen einer so unerwarteten wie unwahrscheinlichen Störung des Raum-Zeit-Kontinuums ist es dir möglich, mit deinem gegenwärtigen Bewusstsein in deine Vergangenheit zu reisen. Welche Momente oder Szenen deiner Kindheit würdest du aufsuchen? In welche Abschnitte deiner Vergangenheit würdest du reisen, die weniger weit zurückliegen?
  5. Wenn du könntest: Welche Personen und Erlebnisse aus deiner Vergangenheit würdest du streichen? Was würde sich für dich ändern?
  6. In Prozent: Wie viele der Bücher, die du besitzt, wirst du voraussichtlich nie mehr lesen – auch wenn du sie noch gar nicht gelesen hast?
  7. Welche Bücher (oder auch Filme, Theaterstücke, Opern, Ballettaufführungen usw.) sind dir heilig? Nenne bis zu zehn Titel (oder Autorennamen, wenn du die Titel vergessen haben solltest)!
  8. Welche Kleidungsstücke, die du (oder dir nahestehende Personen) nicht mehr trägst, hast du in deinem Kleiderschrank, weil du positive Erinnerungen damit verbindest? Was machen diese Erinnerungen aus?
  9. Welche fiktionalen Figuren aus Literatur oder Film haben dich nachhaltig (oder jedenfalls für längere Zeit) geprägt?
  10. Von welchen Menschen hast du Verhaltens- oder Sprechweisen übernommen? In welchen Fällen geschah das aus Sympathie bzw. Zuneigung?
  11. Nachdem es möglich geworden ist, menschliches Leben um mehrere hundert Jahre zu verlängern und zugleich deinen jugendlichen Körper zu erhalten oder (wenn du bereits älter bist) zurückzugewinnen: Wie denkst du über einen oder mehrere Wechsel deines Lebenspartners, deines Berufes, Wohnortes und Besitzes?
  12. (Zusatz zu 11: Die Wissenschaft hat die Ektogenese von Menschen ermöglicht. Willst du weiterhin auf natürlichem Weg gebären, bzw. willst du, dass deine Partnerin die neue Technik nutzt? Warum?)
  13. Welche Eigenschaften müsste dein Partner/Partnerin besitzen, an dessen Seite du alt werden wolltest?
  14. Wie viele Lebenspartner, mit denen du gleichzeitig zusammenlebst, wären für dich (unter den günstigsten Bedingungen) denkbar?
  15. Du bist, wenn du willst, unsichtbar und unhörbar: Wen würdest du sporadisch oder für längere Zeit heimlich beobachten und belauschen?
  16. Mit welchen Personen würdest du gerne Sex haben, wenn dein Tun absolut keine Konsequenzen hätte, weil du die Macht hättest, die Zeit um vierundzwanzig Stunden zurückzudrehen? Wenn du keine Macht über die Zeit hättest: Mit welchen Folgen deines Handelns könntest du dich leicht abfinden? Mit welchen nicht?
  17. Mit wem, den du nur flüchtig kennst, hättest du gern – wenn du dich zu wünschen trautest – eine tiefe und innige Freundschaft?
  18. Was kennzeichnet für dich die Grenze zwischen Freundschaft und Liebschaft?
  19. Spende einen Liebeszauber: Welche Person sollte sich unsterblich in dich verlieben, auch wenn du nicht mit ihr zusammenleben wolltest?
  20. Welche Sorgen machst du dir, von denen du weißt, dass sie unnötig oder nicht hilfreich sind?
  21. Welche Süchte hast du? Welche davon sind dir lieb und teuer? Und welche wärest du gerne los? Was hat nicht geholfen bei den Versuchen, sie loszuwerden?
  22. Welche Gegenstände in deiner Wohnung könntest du auch in einen Karton packen und in einer Abstellkammer, im Keller oder auf dem Dachboden verwahren? Von welchen Gegenständen könntest du dich auch ganz trennen?
  23. Welche Eigenschaften und Gewohnheiten magst du an deinem Lebenspartner (bzw. an den dir am nächsten stehenden Mitmenschen)?
  24. Welche glücklichsten Momente in deinem bisherigen Leben fallen dir ein? Wie kamen sie zustande?
  25. Was ist oder wäre dir besonders peinlich? Welche äußerst peinlichen Situationen sind dir besonders im Gedächtnis geblieben? Wie hast du in diesen Situationen reagiert? Welchen anderen und souveränen Umgang damit kannst du dir vorstellen?
  26. Über welche deiner Ängste ärgerst du dich am meisten? Welche positiven Erfahrungen hast du gemacht, wenn du diese Ängste einmal überwunden hast?
  27. Unter welchen materiellen und sozialen Bedingungen könntest du dich am besten entfalten? Was wäre das Resultat deiner Selbstentfaltung?
  28. Absolute Freiheit kann es für niemanden geben. Welche erstrebenswerte relative Freiheit hieltest du für realisierbar und erfüllend?
  29. Welcher Mensch wäre für dich unentbehrlich? Welcher Mensch mit welchen Persönlichkeitsmerkmalen könnte ihn ersetzen? Oder: Welches erstrebenswerte Lebenskonzept könntest du auch mit einem anderen Partner verwirklichen?
  30. In Prozent: Wie wandelbar und entwicklungsfähig bist du oder könntest du sein? Für wie wandelbar hältst du deinen Lebenspartner?
  31. Welche Veränderungen deiner Persönlichkeit, deines Verhaltens oder deiner Gewohnheiten würde dein Partner noch akzeptieren oder sogar gutheißen? Welche deiner (aus deiner Sicht erstrebenswerten) Veränderungen oder Kurskorrekturen würden deiner Meinung nach zum Bruch führen? Welche Veränderungen deines Partners würdest du dagegen begrüßen oder zumindest akzeptieren? Wer von euch wäre toleranter und offener für Veränderungen?
  32. Welche gesellschaftlichen Normen (ausgesprochene und von vielen Menschen geteilte wie auch unausgesprochene und eher unbewusste) strukturieren maßgeblich dein Leben? Welche davon erleichtern dir und deinen Mitmenschen das Leben? Welche belasten dich eher?
  33. Welche Formen magischen Denkens hast du an dir beobachtet? Welche wichtigen Funktionen erfüllt magisches Denken für dich? Welche sinnvollen und wichtigen Entscheidungen hast du durch magisches Denken vermieden?
  34. Welche deiner Träume und Wunschvorstellungen sind mit der Zeit verblasst?
  35. Du stehst unerwartet am Ende deines Lebens: Wie fällt deine Bilanz aus? Womit kannst du zufrieden und glücklich sein? Was hast du zu tun versäumt? (Du bist der Meinung, du seiest bereits wunschlos glücklich, vom Leben reich beschenkt? Was tust du, wenn dein Leben nun weitergeht?)
  36. Vor welchen Veränderungen in deinem Leben, die du in der Hand hättest, hast du die meiste Angst? Welche wünschbaren Veränderungen liegen nicht in deiner Macht?
  37. Kennst du die tiefsten Wünsche und Träume deiner Freunde? Hast du sie danach gefragt?
  38. Welchen Tätigkeiten, die du früher genossen hast, gehst du heute nicht mehr nach?
  39. Schätze dich realistisch ein (gerne in Prozent): Mehr Tier oder mehr Mensch? Mehr Geist oder mehr Körper?
  40. Selbstliebe: Wie zärtlich und fürsorglich gehst du mit deinem eigenen Körper um? Welche deiner Sinne, Bedürfnisse und Lüste kommen zu kurz?
  41. Welche Menschen oder Beziehungen zu Menschen belasten dich sehr? Was kannst du an dir selbst ändern, wenn sich diese Menschen nicht ändern?
  42. Welche deiner Fantasien erfüllen dich mit Schuldgefühlen?
  43. Welche deiner Handlungen, Gewohnheiten und Verhaltensweisen erfüllen dich mit Schuldgefühlen? Was würde sich für dich und dir nahestehende Personen ändern, wenn die Schuldgefühle wie durch einen Zauber verschwänden?
  44. Welche deiner heimlichen Fantasien sind schon einmal zur Obsession geworden (oder sind es immer noch)? Was würde deiner Meinung nach geschehen, wenn du sie denjenigen mitteiltest, vor denen du sie verheimlichst?
  45. Welche Wertvorstellungen haben dich und deine Lebensführung begleitet und geprägt? Welche Werte haben keine so große Rolle gespielt, könnten aber eine größere Rolle spielen?
  46. Was in deinem Beruf bereitet dir Freude und bringt dir Anerkennung?
  47. Du kannst in die Köpfe der anderen nicht hineinsehen. Was jeweils veranlasst dich, den guten Worten anderer zu misstrauen, dass sie dich mögen, deine Leistungen anerkennen oder dass sie sich freuen, dich zu sehen?
  48. Wann hast du das letzte Mal ehrlich auf die Frage geantwortet, wie es dir geht? Hast du erzählt, was dich bewegt, beglückt, beunruhigt? Was würdest du jetzt gerade von dir erzählen, wenn du gefragt würdest?
  49. Auf welche deiner Fähigkeiten, auf die du dich relativ sicher verlassen kannst, bist du stolz?
  50. Welche deiner Ziele und Bemühungen haben sich im Laufe der Jahre für dich als sinn- oder aussichtslos erwiesen? Von welchen dieser Ziele und Bemühungen hast du daher abgelassen? Welche neuen Ziele hast du dir stattdessen gesetzt?
  51. Welche größeren und kleineren Probleme hast du in der Vergangenheit lösen können? Was war das Gemeinsame dieser Lösungen?
  52. Lachen soll gesund sein. Wann hast du das letzte Mal herzlich gelacht? Was war der Anlass? Wie könntest du häufiger dafür sorgen, dass du etwas zu lachen hast?
  53. Mit welchen deiner Gefühle möchtest du andere lieber nicht belasten? Welche Gefühle sollten die anderen dir gegenüber lieber nicht zum Ausdruck bringen?
  54. Welches Verhalten Anderer dir gegenüber hältst du für übergriffig? Wo siehst du die Grenze zwischen angemessen und unangemessen? Welche Form von Übergriffigkeit Anderer wünschst du dir heimlich?
  55. Welche Wünsche Anderer bemühst du dich zu erfüllen, weil du glaubst, sie hätten Anspruch auf ihre Erfüllung?
  56. Welche Forderungen Anderer erfüllst du in der Regel, weil du ihre Zurückweisung peinlich fändest oder du dadurch negative Folgen für dich erwarten würdest?
  57. Wahrheit oder doch lieber Selbstverpflichtung?
  58. Welcher Peinlichkeit, welchem Verlust von Ehre, Würde oder Lebensqualität würdest du den eigenen Tod oder den Anderer vorziehen?
  59. Was wäre für dich ein guter Grund für einen Mord?
  60. Was wäre für dich ein guter Grund für einen Selbstmord?
  61. Was findest du schön? Was ist Schönheit für dich? Welche Rolle spielt alles Schöne in deinem Leben? Wem erzählst du, was du schön findest? Was sagst du, wenn du gerade von Schönheit überwältigt wirst?
  62. Wenn du steuern könntest, was du im Schlaf träumst – was würdest du träumen?
  63. Welche Erfahrungen hast du gemacht, wenn du einem anderen Menschen gegeben hast, was du selbst gern hättest? Wenn du jemanden verwöhnt hast, wie du selbst gern verwöhnt werden würdest? Wann hast du das letzte Mal von einem anderen Menschen um etwas gebeten, was du gern von ihm bekommen würdest? Wie war seine Reaktion? Und wie hast du dich dabei gefühlt? Wann hast du vermieden, danach zu fragen? Warum?
  64. Welche Erfahrungen haben dich positiv überrascht, obwohl du sie zuvor nicht machen wolltest, bzw. nie darüber nachgedacht hast?
  65. Woran glaubst du, das aus deiner Sicht überirdisch oder göttlich ist? Wie ziehst du aus diesem Glauben Kraft und Nutzen?
  66. Welcher Selbstbetrug ist dir besonders gut im Gedächtnis geblieben? Welche Vorteile haben sich für dich daraus ergeben? Und welche Nachteile? Was hast du geändert? Und mit welchem Erfolg?
  67. Wann hast du dich das letzte Mal mit Freude richtig schmutzig gemacht? Was genau hat deine Freude daran vor allem ausgemacht?
  68. Was geht dir durch den Kopf, wenn du vor oder mit anderen auf einer Party tanzt? Wie tanzt du, oder würdest du tanzen, wenn du unbeobachtet bist oder wärest?
  69. Wann hast du zuletzt das Bedürfnis gespürt, aus vollen Leibeskräften zu singen? Hast du es getan?
  70. Hast du sexuelle Fantasien? Traust du dich, davon zu erzählen? Welche sexuellen Fantasien würdest du gern verwirklichen? Mit wem? Hast du der betreffenden Person (oder im Plural: den betreffenden Personen) davon erzählt? Was spräche dagegen? Was dafür?
  71. Welche Rolle spielen Kinder in deinem Leben? Was spricht dafür, Kinder zu haben oder zu bekommen? Welche Einschränkungen nimmst du dafür gerne in Kauf? Welche nicht oder ungern? (Alternativ: Setze ins Präteritum!)
  72. Du verarmst unerwartet (und unverschuldet): Wie gestaltest du dein Leben? Wie gestaltest du mit deiner Familie oder mit deinem Partner das gemeinsame Leben?
  73. Was ist absolut notwendig für dein Glück? Was nicht, obwohl es dir wichtig ist?
  74. Welche deiner Erinnerungen waren oder sind immer noch schön? Was ist ihnen gemeinsam? Was unternimmst du, um neue Erlebnisse zu haben, an die du dich genauso gern erinnern wirst, wie an die älteren?
  75. Welche Beobachtungen im Alltag haben dich irgendwie glücklich gemacht? Wie oft erwartest du, solche Beobachtungen zu machen?
  76. Wellness: Was gehörte alles dazu, damit du dich einmal rundum gut und entspannt fühltest? Wie kannst du das realisieren (lassen)?
  77. Wofür bräuchtest du sehr viel Mut, für den du reichlich belohnt werden würdest, wenn du ihn aufbrächtest?
  78. Checkliste: Was in deinem Leben könnte prinzipiell schiefgehen? Wie viel und was davon ist bereits eingetroffen?
  79. Du hast einen Tag frei, an dem du dich einmal so richtig danebenbenehmen darfst (Alle anderen hätten ebenfalls jedes Jahr so einen freien Tag. Der gehörte zu den menschlichen Grundrechten). Was würdest du alles tun?
  80. Welche Menschen findest du ausgesprochen schön, attraktiv und begehrenswert – denen du das auch gesagt hast?
  81. Sag: Welche Pflanze wärest du? Wie würdest du in den Himmel wachsen? Wie tief und breit sich deine Wurzeln im Boden ausbreiten? Und wie dicht, hoch und tief dürften andere Pflanzen neben dir wachsen?
  82. Welche Menschen dienen dir oder haben dir als Vorbilder gedient? Was hast du von ihnen übernommen?
  83. Was tust du nur anderen zuliebe? Wissen die betroffenen Personen darüber Bescheid? Wie stehen sie dazu?
  84. Welche Konflikte sprichst du lieber nicht an, um deine Ruhe zu haben? Hast du Ruhe?
  85. Was tust du gegen zu großen Stress? Was davon ist am wirksamsten?
  86. Was sollten die dir nachfolgenden Generationen besser machen, was du selbst nicht verbessern kannst oder willst?
  87. Welcher Glücksfall würde dein Leben entscheidend verbessern?
  88. Welche Krise würde dein Leben entscheidend verbessern?
  89. Welcher Glücksfall und/oder welche Krise hat dein Leben schon einmal entscheidend verbessert?
  90. Welche Erkenntnis hat dein Leben entscheidend verändert und verbessert?
  91. Welcher gesellschaftliche Wandel würde dein Leben entscheidend verbessern?
  92. Worin besteht für dich der Unterschied zwischen einem besseren und einem richtigen Leben?
  93. Gäbe es für dich ein richtiges Leben inmitten des falschen Lebens der anderen?
  94. Zu welchen Opfern wärst du bereit, um das Leben Anderer zu verbessern?
  95. Wie gehst du mit deinen Irrtümern um, oder damit, anderen Unrecht getan zu haben? Fällt es dir leicht, dich zu korrigieren und zu entschuldigen?
  96. Wie gehst du mit der Unfähigkeit anderer um, Irrtümer und Fehlverhalten zuzugeben?
  97. Die Kraft der Worte: In welchem Maße vertraust du auf die Sprache als Mittel der Verständigung?
  98. Literatur, Film, Theater, Kunst, Musik: Vorbild, Abschreckung, Läuterung oder Mittel der Selbst- und Welterkenntnis? Haben die Künste dein Leben bereichert, vorangebracht, verbessert? Nenne Beispiele! Taugen die Künste zu mehr als Unterhaltung? Können sie die Welt verändern?
  99. Mythen: Ewiges Schicksal oder Herausforderung?
  100. Werden und Vergehen – oder Ewigkeit?
  101. Glaubst du, dass du deinen Mitmenschen mehr Glück oder mehr Leid gebracht hast? Konkreter: Denke dabei einmal an einen oder mehrere dir sehr nahestehende Menschen.

Das Portrait

Ich bin mir wirklich nicht sicher, ob ich sein Atelier jemals wieder betreten, ob ich ihm jemals wieder begegnen möchte. Aber es führt wohl kaum ein Weg daran vorbei. In wenigen Tagen wird die Ausstellungseröffnung mit der Preisverleihung sein. Unvorstellbar, dass ich an diesem Tag einfach fehlen, mich krankmelden oder aus irgendeinem anderen Grund der Veranstaltung fernbleiben kann. Ich werde wohl tapfer meinen Vortrag halten und ebenso tapfer die interessierten Fragen beantworten müssen, wie es dazu gekommen ist, dass neben all den anderen großformatigen Portraits auch eines hängt, das mich, die Kuratorin der Ausstellung, zeigt. Tapfer werde ich darüber Stillschweigen bewahren, auf welche Weise das Portrait zustande gekommen ist. Was ist das Geheimnis, das diese Portraits so berührend und authentisch wirken lässt? Ich werde die Antwort darauf nicht geben können, ich als allerletzte. Das sei ein Geheimnis, werde ich gebetsmühlenartig wiederholen, in dem der Künstler mit seinen Modellen zum Zeitpunkt der Entstehung und danach ein Leben lang auf besondere Art verbunden bleibe. In diesem künstlerischen Akt verbänden sich Leben, unmittelbares Erleben und eine geistige, spirituelle Erinnerung. Bei dieser mir selbst auferlegten Sprachregelung werde ich auch in meinem Vortrag bleiben und kann gewiss sein, dass ich das Interesse meiner Kollegen und Bekannten und vor allem das meines Mannes nur noch weiter steigern werde. Aber ich werde schweigen. Für wie lange noch? Nicht aus jeder Begegnung mit einem Modell gehe auch ein Gemälde hervor, war in früheren Interviews zu lesen gewesen. Was aber war ausschlaggebend dafür, dass nun auch die Kuratorin sich in die Galerie der „geglückten Begegnungen“ einreihte? Hatte es das schon zuvor gegeben? In Einzelfällen, ja, würde ich sagen. Eine bislang wenig bekannte New Yorker Galeristin war darunter, die Kuratorin eines schottischen Kleinstadtmuseums und ein Ausstellungsmacher und Dokumentarfilmer aus der Berliner freien Szene. Immer wieder hoben die Kritiker hervor, wie einzigartig, geradezu intim die Bilder von Stanislav Bronczek seien, obwohl sie doch nur Gesichter zeigten, die Gesichter von eher durchschnittlichen Frauen und Männern, keine idealen, in Symmetrie vollendeten Gesichter. Sie wirkten wie abwesend und angekommen zugleich, tief entspannt, nah, mit dem Anflug eines Lächelns, dem Einverständnis mit sich selbst und dem Betrachter, irritierende Schamlosigkeit und Blöße, Selbstbewusstsein, Stärke und Verletzlichkeit, vollendete Schönheit. So erschienen sie nicht nur mir, sondern jedem, der von ihnen ergriffen wurde und nach Worten für das beinahe unbeschreibliche Erlebnis der Begegnung mit diesen Bildern suchte. Das war der Grund gewesen, weshalb ich mich auf der Stelle bereit erklärt hatte, die Ausstellung zu kuratieren und dementsprechend auch den Hauptartikel im Katalog zu schreiben. Was war es doch für ein Glücksfall für unser doch eher provinzielles, an der Peripherie gelegenes Museum, eine derart umfangreiche Ausstellung dieses beinahe aus dem Nichts erschienen Shootingstars ausrichten zu dürfen! Trotz aller Faszination, der ich mich nicht entziehen konnte, war mir klar, dass ein Großteil des Erfolgs, den Stanislav Bronczek seit einiger Zeit – sogar international – einheimste, mit seiner konsequenten Geheimnistuerei zu tun hatte, eine Verkaufsmasche, Marketing. So groß meine Neugier auch war, konnte ich mir doch fast sicher sein, ihm sein Geheimnis nicht entlocken zu können. Das änderte sich nach unserem ersten Telefonat, bei dem wir einen Termin für ein Treffen vereinbarten.

Als ich aufgeregt sein Hamburger Atelier betrat, ein Loft in der obersten Etage eines ansonsten leerstehenden ehemaligen Fabrikgebäudes am Rande der Stadt, empfing mich ein freundlicher, großer und etwas stämmig wirkender Mittfünfziger mit leicht zerzaustem, dunklem Haar und einem angegrauten Dreitagebart. Er hatte darauf bestanden, mich allein zu treffen, niemanden sonst mitzubringen, weil er sich nur sehr ungern auf mehrere Menschen zugleich einlasse. Menschenscheu sei er und liebe doch die Intensität der menschlichen Begegnung. Ich solle mich darauf einstellen, dass er wenig über seine Arbeitsweise erzählen werde, dafür umso mehr daran interessiert sei, den Menschen kennenzulernen, der ihn bei der Vorbereitung seiner Ausstellung begleiten werde. Bei einer wirklich guten Ausstellung komme es auf die spirituelle Bindung zwischen Maler und Ausstellungsmacher an. Das sei ihm in den letzten Jahren immer klarer geworden. Und die tiefste Verbindung entstehe vor allem dann, wenn der Kurator oder die Kuratorin auch materiell, in einem Portrait, Teil der Ausstellung werde. Er könne dies nicht als Bedingung stellen, mit dem Wunsch wolle er dennoch nicht zurückhalten. Die Vorstellung, er könne wirklich daran interessiert sein, mich zu malen, berauschte mich, das muss ich zugeben. Und wie konnte ich da nicht zugleich in sein Geheimnis eingeweiht werden?

So kräftig und groß seine Statur, so zart war sein warmer Händedruck – und zugleich bestimmend. Er ließ meine Hand nicht los und zog mich mit einem sanften Impuls in die lichtdurchfluteten, seltsam leer wirkenden, warmen Räume. Hier eine aufgeräumte Küchenzeile mit einem Kaffeeautomaten, inmitten der glatt-grauen Estrichfläche zwischen zwei alten schmiedeeisernen Säulen eine einsame Garderobe mit einem flusigen Pullover und zwei fleckigen Malerkitteln, vor der rechten Fensterwand ein altes, ehemals purpurrotes, verschlissenes und durchgesessenes Sofa mit einem Tischchen davor, auf dem sich Bildbände und Zeitschriften stapelten, ein großes Bücherregal als Raumteiler, hinten, in einer bunten Wiese von Farbsprenkeln und -schlieren kleinere und größere Staffeleien, an der hohen Ziegelwand große Leinwände mit Portraits in unterschiedlichen Arbeitsstadien, und überall verteilt Fotografien, auf denen Gesichter von Frauen und Männern zu sehen waren. Gleich neben dem wie abgezirkelt wirkenden Arbeitsplatz, dieser Insel der Farben und Bilder, befand sich ein nicht einsehbarer, von hohen, dunklen Vorhängen abgetrennter Bereich, der, wie mir schien, die eher privaten Räumlichkeiten beherbergte.

Bronczek zog mich, immer noch meine Hand haltend, zu dem Sofa. Langsam ließ er Daumen und Zeigefinger bis zur Fingerkuppe meines Mittelfingers gleiten und navigierte mich mit einer kaum spürbaren, eleganten Bewegung zu meinem Sitzplatz. Das musste er jahrelang geübt haben. So viel unaufdringliche Bestimmtheit selbst in den Fingerspitzen, wie ein Meister des Puppenspiels, der mit feinsten Nuancen über unsichtbare Fäden seinen Figuren Leben einzuhauchen versteht. Er löste den Griff, um sich einen Stuhl an den Tisch heranzuziehen, aber mir schien, als bliebe meine Hand, die Finger, die er berührt hatte, alle meine Glieder mit magischen Fäden an ihn geknüpft, sie wurden schwer, ruhig und entspannt. Bronczek setzte sich mir gegenüber, betrachtete mich lächelnd und schwieg eine gefühlte Ewigkeit. Unvermittelt hob er zu reden an. Er habe nun schon sehr viel über mich erfahren, und was er erfahren habe, mache ihn überaus glücklich. Ich versuchte zu lächeln und fragte, um überhaupt etwas zu sagen, was er denn über mich erfahren habe.

„Ich habe gesehen, wie Sie atmen, wie sich Ihre Bauchdecke hebt und senkt, so ruhig und gleichmäßig. Das ist nicht selbstverständlich. Ich habe sehen können, wie Sie gehen, wie Sie sich setzen. Ihre Hände liegen entspannt zu beiden Seiten auf der Sitzfläche. Sie verschränken sie nicht vor der Brust, Sie schlagen nicht ein Bein über das andere, Sie haben Ihre Blicke durch den Raum schweifen lassen, haben alles Wesentliche darin schnell erfasst und sind jetzt doch mit Ihrem Blick ganz bei Ihrem Gegenüber. Vom ersten Augenblick an haben Sie mir sehr viel über sich anvertraut. Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar. Darf ich das sagen? Den ganzen Raum erfüllen Sie mit Wärme und Helligkeit.“

Mein Kopf sagte mir in diesem Moment, ich solle von jetzt an gehörig auf der Hut sein, aber mein Körper versagte mir den dazugehörigen Adrenalinstoß. Stattdessen fühlte ich die angenehme Wärme, von der er gesprochen hatte, ich horchte auf meinen ruhigen Atem und sank entspannt immer tiefer in das Polster ein. Ich dachte an den Zettel in meiner Handtasche mit den Fragen, die ich ihm hatte stellen wollen. Arbeiten Sie immer nach Fotografien? Welche Künstler haben Sie maßgeblich beeinflusst? Was halten Sie vom gegenwärtigen Kunstbetrieb? Wie kamen Sie zum Portrait? Und warum ist es so essentiell für Ihre Arbeit, die Entstehung Ihrer Gemälde mit einem Tuch des Schweigens zu überdecken? Schließen Sie mit den Portraitierten eine Art Vertrag über dieses Stillschweigen ab? Ich fasste zögerlich meine Handtasche, die ich neben mir abgelegt hatte, als Bronczek wieder zu reden begann.

„Sie haben sicherlich eine Menge Fragen mitgebracht, die Sie mir stellen möchten. Das ist selbstverständlich. Ich werde Sie Ihnen gerne beantworten. Das Faszinierende an den Fragen, die wir stellen wollen, ist aber, dass wir in den meisten Fällen die Antworten auf unsere Fragen bereits kennen. Indem wir sie stellen und auf Antwort warten, möchten wir uns lediglich bei dem, dem wir sie stellen, versichern, dass die Antworten, die wir bereits in uns haben, die richtigen Antworten sind.“

„Ich will ja in meinem Katalogtext nichts schreiben, was nicht korrekt ist, also den Tatsachen nicht entspricht“, sagte ich mit dem Gefühl, mich irgendwie rechtfertigen zu müssen, wenngleich mir durch den Hinterkopf einige meiner Fragen rauschten, die ihre Antworten tatsächlich bereits in sich trugen. Ja, natürlich malte er immer nach Fotografien, das war ja nicht zu übersehen gewesen. Die künstlerischen Vorbilder waren mehr als nur spürbar: Caravaggio, Vermeer, Lucien Freud und Leibl, aber auch die großen Fotografen der 50er bis 70er Jahre, Ed van der Elsken etwa, Fotografinnen des ausgehenden zwanzigsten und beginnenden einundzwanzigsten Jahrhunderts, die früh verstorbene Francesca Woodmann, Sally Mann, Anja Müller. Ich konnte mir zwar nicht sicher sein, aber ich konnte es doch sehen. Und dem Kunstbetrieb stand Bronczek augenscheinlich distanziert gegenüber, er interessierte ihn nicht, aber er nutzte ihn, wo er ihm Möglichkeiten bot, seiner Leidenschaft, seinen künstlerischen Zielen zu folgen, und nur ihnen.

„Tagein, tagaus sind wir mit Fragen beschäftigt. So viele Fragen drehen sich um Alltäglichkeiten. Welche Aufgaben habe ich morgen zu erledigen? Was soll ich zur Party heute Abend anziehen? Was soll ich kochen? Wie lange wird mein Auto noch anspringen, bis ich es endgültig zur Werkstatt bringen muss? Was erwarten die Menschen, die mir nahestehen, mit denen ich arbeite, von mir? Indem wir uns diese Fragen stellen, kennen wir doch immer schon die Antworten. Aber wir sind daran gewöhnt, uns nicht mit den einfachen Antworten zufrieden zu geben und entwickeln komplizierte Strategien, die uns von den einfachen Antworten wegführen. Weil wir unser Umfeld, die Menschen, denen wir begegnen, kontrollieren und berechenbar machen wollen. Aber dabei verlieren wir unsere Mitte und lernen, die einfachen Antworten zu übersehen. Es gibt nur eine sehr überschaubare Anzahl von Bedürfnissen, die Menschen befriedigen wollen – und müssen. Menschen sehnen sich nach Schönheit, nach Liebe, Glück, Lust, Sinn, Anerkennung und Geborgenheit. Und nicht zu vergessen unsere körperlichen Bedürfnisse: Hunger, Durst, Notdurft, Berührungen und natürlich Sex. Jede unserer Fragen lässt sich auf wenigstens eines dieser Bedürfnisse zurückführen.“

Bronczek machte eine lange Pause, ohne mir damit das Gefühl zu geben, ich müsse auf seine Thesen sofort eine Antwort geben oder gar eine Gegenrede liefern. Aber das Leben ist nun einmal kompliziert“, hätte ich sagen können, es wäre schön, wenn die Antworten immer so einfach wären, wie Sie sagen. Aber der moderne Mensch muss sich nun einmal in einem unüberschaubaren Chaos an widerstreitenden Interessen, Erwartungen, Gefühlen, Lügen und Täuschungsmanövern irgendwie orientieren. Um in diesem Wust, dem unausgesprochenen Kampf aller gegen alle, überleben zu können, muss man komplex denken und ausgeklügelte Strategien entwickeln. Und ich muss sagen, ich bin nicht einmal schlecht darin.

Bronczek lächelte. „Es ist schön, Ihnen beim Denken zuzusehen.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob das alles wirklich so einfach ist, wie Sie sagen. Auch wenn es ganz sicher schön wäre.“

„So, wie Sie sich heute angezogen, sich dezent geschminkt haben, der Duft, den Sie aufgetragen haben – damit wollten Sie unter anderem eines meiner unzweifelhaften Bedürfnisse befriedigen, mein Bedürfnis nach Schönheit. So einfach ist das, und ich danke Ihnen dafür.“

Ich fühlte, wie mir ganz heiß wurde. Aber irgendwie hatte er ja auch recht. Und zugleich unrecht. Ich hatte mir in Wirklichkeit sehr viele Fragen zu meiner Garderobe und dem Make-up gestellt. Seriös sollte es wirken, aber natürlich auch anziehend, jedoch nicht ablenkend. Es sollte keinen Aufforderungscharakter haben, ich wollte meine Beine zeigen, aber auch nicht derart aufdringlich, dass Bronczek die ganze Zeit über darauf starren musste. Ich hatte vorm Kleiderschrank keinen Moment an Sex oder zärtliche Berührungen gedacht, aber doch daran, sexy und verlockend auszusehen, ohne dabei zugleich zu offenbaren, dass ich das Interesse verspürte, sexy und verführerisch zu wirken. Mein Gott, das war wirklich kompliziert – und widersprüchlich! Wie aufreibend, einen als angemessen erscheinenden Kompromiss zu finden, der gewährleisten sollte, sowohl anziehend zu wirken, als auch unscheinbar genug, um die Distanz wahren zu können!

„Ich muss Ihnen etwas sagen“, hob Bronczek erneut an, „und es wird Sie vielleicht im ersten Moment erschrecken, das zu hören, und Sie werden vielleicht für einige Zeit spüren, wie sich etwas in Ihnen dagegen sträubt, darüber nachzudenken. Sie werden sich vielleicht für einen Moment – oder auch für längere Zeit, einige Minuten, Stunden oder Tage – Fragen stellen, deren einfache Antworten sie noch nicht akzeptieren können. Das hängt nicht von mir ab, sondern ganz allein von Ihnen.“

Ich zog meine Stirn in Falten und spürte mein Herz schlagen. Wusste ich bereits, worauf er hinauswollte? Konnte ich mich dem entziehen, was er zu sagen hatte? Sollte ich vielleicht nach der Toilette fragen, um die immer intimere Spannung aus dem Gespräch zu nehmen, um mich sammeln und das Gespräch in andere Bahnen lenken zu können? Noch nie hatte ich mich während einer Unterhaltung, dem Gespräch mit einem Künstler derart passiv erlebt. Es behagte mir nicht, in beruflichen Dingen das Ruder aus der Hand zu geben.

„Alle, die mich, wie Sie, hier in meinem Atelier besuchen, Menschen, die gekommen sind, um sich von mir portraitieren zu lassen, bewegt die Frage, was es mit diesem angeblichen Geheimnis meiner Arbeitsweise auf sich hat. Sie alle geben vor, neugierig und ahnungslos zu sein. Dabei kennen fast alle, die mit dem Wunsch, mein sogenanntes Geheimnis zu lüften, diese Räume betreten, die Antwort. Sie kennen die Antwort auch dann, wenn sie sich entschließen, diesen Schritt nicht zu wagen. Wie oft bin ich schon versetzt worden! Termine wurden abgesagt, um unbestimmte Zeit aufgeschoben, mit manchmal mehr als fadenscheinigen Begründungen. Andere haben sich einfach nie mehr gemeldet. Die, die kamen, wussten jedoch sehr genau, was sie erwartete. Sie kannten die Antwort, aber haben lange eingeübte Strategien genutzt, um die einfache Antwort von sich fern zu halten.“

Alle, die kommen, wissen, was sie erwartet? Was wollte Bronczek damit andeuten? Jedes seiner Worte ließ alles im Unklaren, und doch hatten seine Ausführungen etwas Bedrängendes und Provozierendes. Wie konnte er mir auf so anmaßende Weise unterstellen, ich hätte genau wissen können, was mich in seinem Atelier erwartet, worauf ich mich einlasse? Hatte sein Ton nicht längst unterschwellig und beinahe aggressiv etwas Anzügliches bekommen? Lief das alles auf eine Art sanfter Vergewaltigung hinaus? Ging es um Sex? Nichts anderes als Sex? Und ich sollte mit dem vorauseilenden Einverständnis hierhergekommen sein, mit ihm Sex zu haben? Weil ich es wollte? Von Anfang an? Mit einem mir unbekannten Mann? Wenn er das glaubte, irrte er sich gewaltig! Von einem Moment auf den anderen war ich auf Angriff gepolt. Endlich fühlte ich den Adrenalinstoß, der am Anfang zu meiner Verwunderung ausgeblieben war. Ich griff erneut nach meiner Handtasche und zog mit zitternder Hand meinen Zettel heraus und legte ihn auf meinen Schoß. Unvermittelt hatte ich die Beine übereinandergeschlagen und mich dabei aufgerichtet.

„Lieber Herr Bronczek…“

„Stanislav, wenn Sie wollen.“

„Lieber Herr Bonczek, mit anderen Worten, es gibt also gar nicht so etwas wie ein Geheimnis. Mit welchen Erwartungen kommen die Menschen, die sich portraitieren lassen, zu Ihnen? Sie sagen, es sei Neugier. Ich muss sagen, dass auch mich die Neugier bewogen hat, Sie in Ihrem Atelier zu besuchen –  und natürlich auch die besondere Ausstrahlung, die von Ihren Gemälden ausgeht. Wenn es also dieses sagenumwobene Geheimnis nicht gibt, warum ist dann immer wieder die Rede davon?“

„Ich möchte mit einer Gegenfrage antworten, wenn Sie erlauben. Diejenigen, die vor Ihnen hier waren, kamen mit einer Frage, deren Antwort sie in ihrem Innersten bereits kannten. Was glauben Sie, waren ihre Antworten? Und welche Antwort hat sich bereits in Ihrem Kopf eingenistet? Und mit welchen Ihrer grundlegenden Bedürfnisse ist Ihre Antwort verbunden?“

„Wie soll ich das wissen? Wie soll ich wissen, welche unterschiedlichen Absichten Ihre Modelle jeweils verfolgt haben? Menschen sind verschieden. Sie haben unterschiedliche Erfahrungen, Erwartungen, Träume und, ja, vielleicht auch Sehnsüchte, die sie antreiben. Aber daraus ergibt sich eine sehr individuelle Gemengelage. Niemand kann in den Kopf eines anderen schauen, erst recht nicht in die Köpfe von Menschen, die man gar nicht kennt, denen man nie begegnet ist. Ich könnte mir vorstellen, dass nicht Wenige von Eitelkeit getrieben sind. Man möchte sich von einer berühmten Künstlerpersönlichkeit portraitieren lassen. Man liebt es, wenn das Portrait einem schmeichelt, es einen schöner erscheinen lässt, als man wirklich ist, und dennoch ähnlich. Vielleicht enthüllt das Portrait einen Aspekt der eigenen Persönlichkeit, der einem selbst oder anderen bisher verborgen geblieben ist. Es gibt sehr unterschiedliche Gründe, sich portraitieren zu lassen. Wenn ich ganz ehrlich sein soll, hat bei mir auch irgendwie so etwas wie Eitelkeit eine Rolle gespielt.“

„Und Sie denken, dieses Interesse, Ihre Eitelkeit zu befriedigen, wäre eine gute Grundlage für ein Portrait?“

„Nein, nicht allein. Es muss schon auch ein Vertrauensverhältnis zwischen Künstler und Portraitiertem vorhanden sein. Ich glaube, das ist sehr wichtig bei einem Portrait: dass Künstler und Portraitierter sich gegenseitig vertrauen können. Der Portraitierte muss sich in der Situation irgendwie fallen lassen können, ohne Angst oder Vorbehalte. Man muss sich vielleicht nicht im engeren Sinne umfassend kennenlernen. Gerade aus der Distanz erkennt man als Künstler doch am Anderen manchmal mehr, als wenn man ihn genauer kennt. Das klingt jetzt vielleicht etwas widersprüchlich. Man nimmt ja auch sehr viel intuitiv wahr. Und wenn man einen Menschen genauer kennt, geht diese ursprüngliche Intuition eher verloren und wird überdeckt von den konkreten Erfahrungen, die man mit diesem Menschen gemacht hat, von den Erwartungen, die man mit ihm verbindet, den, ja – auch den Fiktionen und Illusionen, die man ihm unbewusst anheftet. Und dann bereitet es sehr viel Arbeit, diesen Menschen irgendwann wieder unvoreingenommen als den Anderen wahrnehmen zu können, der er im Kern ist. Entschuldigen Sie, könnte ich vielleicht etwas zu trinken bekommen, ein Glas Wasser vielleicht?“

„Natürlich. Entschuldigen Sie, dass ich Ihnen gar nichts angeboten habe! Möchten Sie auch etwas essen?“

„Nein, danke, im Moment nicht. Nur ein Glas Wasser, bitte.“

Bronczek erhob sich und ging hinüber zur Küchenzeile. Ich fühlte mich ein wenig erleichtert, wünschte jedoch, die Anspannung, die von mir Besitz ergriffen hatte, möge sich nach einem Schluck Wasser wieder einigermaßen verflüchtigen. Bronczek stellte das Glas vor mir auf den Tisch und hatte noch einen Plastikbecher mit Salzstangen mitgebracht. Ich trank und nahm danach unwillkürlich eine der Salzstangen.

„Unser Körper spricht eine wunderbar klare Sprache: Durst, sagt er, und wir folgen ihm gern und unmittelbar. Warum haben wir mit vielen unserer übrigen Bedürfnisse oft so große Probleme?“

„Weil wir unsere Bedürfnisse mit den anderen aushandeln müssen. So einfach ist die Antwort auf diese Frage. Viel schwerer aber ist das Aushandeln selbst. Da fängt es dann an, kompliziert zu werden.“

„Da sind wir uns einig.“

„Und wo, meinen Sie, sind wir uns uneinig?“

„Bei der Frage, ob dieses Aushandeln so kompliziert sein muss oder auch sein sollte, wie Sie annehmen. Ich gehe davon aus, dass wir Menschen fast alle Bedürfnisse teilen. Sie sind etwas, das wir alle gemeinsam haben. Sie haben Durst – ich gebe Ihnen zu trinken. Ich bin müde – Sie geben mir ein Bett, in dem ich schlafen kann, und sorgen dafür, dass niemand mich stört. Sie sind traurig – ich tröste Sie mit einer wie lange auch immer dauernden Umarmung. Ich streichle Sie, bis der Schmerz langsam verklingt. Ich fühle das große Verlangen nach Schönheit – Sie zeigen mir Ihre Schönheit in dem Maße, wie Sie es können und wollen. Wir begegnen uns immer mit bestimmten Bedürfnissen. Diese Bedürfnisse sind immer unsere eigenen, die der anderen sind die der anderen, nicht unbedingt meine, oder vielleicht zu diesem Zeitpunkt gerade nicht meine, oder eben gerade doch. Noch in den aufwendigsten und verschachteltesten Träumen, Wünschen oder Erwartungen verbergen sich immer sehr elementare Bedürfnisse, die so leicht zu befriedigen wären und die jeder Mensch versteht und selbst hat. Und viele der wichtigsten Bedürfnisse können wir nicht für uns alleine befriedigen, ohne die Anwesenheit oder Hilfe eines anderen. Wir kommen ohne andere Menschen nicht aus. Es sind Menschen, die unsere Bedürfnisse verstehen und befriedigen können, weil sie sie selber kennen und haben.“

„Ja, aber doch nicht mit einem x-beliebigen Menschen! Die Menschen sind doch nicht austauschbar.“

„Nein, nie. Niemals mit einem x-beliebigen Menschen.“

„Also werden Sie doch nach einem Menschen suchen, von dem Sie möchten, dass er und genau er ihre Bedürfnisse befriedigt, und nicht irgendein anderer. Und Sie wollen ja auch sicher sein, dass dieser Mensch bereit ist, diese Bedürfnisse zu befriedigen. Und zwar ohne Sie dabei auszunutzen. Sie wollen vor allem geliebt und akzeptiert werden.“

Bronczek lachte plötzlich laut und herzlich auf.

„Entschuldigen Sie! Aber wir hören uns schon an wie in einem platonischen Dialog.“

„Fragt sich nur, wer für sich die Rolle des Sokrates beansprucht.“

„Sie haben eine Frage gestellt. Beantworten Sie diese Frage!“

„Welche Frage genau?“

„Wer von uns die Rolle des Sokrates beansprucht. Sie kennen die Antwort darauf doch bereits.“

„Ich nehme an, Sie sehen sich als Sokrates – und ich bin das idiotische Echo.“

„Sie sehen sich in der Rolle einer Idiotin? Fühlen Sie sich von mir gedemütigt, mir unterlegen?“

„Auf alle Weise freilich“, entfuhr es mir.

Wir mussten beide lachen.

„Wir hätten unser Gespräch aufzeichnen sollen, anstelle eines vermutlich eher überflüssigen, theorielastigen Katalogtextes.“

„Ich freue mich, dass Sie sich wieder ein wenig wohler fühlen.“

„Ich habe mich gar nicht unwohl gefühlt. Habe ich diesen Eindruck erweckt? Es macht Spaß mit Ihnen zu reden, in dieser inspirierenden Umgebung.“ Das war wirklich nur zum Teil gelogen.

„Kommen Sie“, sagte Bronczek und stand energisch von seinem Stuhl auf, „ich zeige Ihnen mein Fotostudio, in dem die Aufnahmen entstehen. Gleich hier.“

Er wies mit der Hand auf den dunklen Vorhang.

„Wenn Sie meinen, dass ich dafür schon bereit bin“, sagte ich und giggelte verlegen.

Hinter dem Vorhang schien die Luft noch wärmer zu sein. Eine alte Stehlampe mit einem omahaften Lampenschirm beleuchtete den Raum nur spärlich, dieses hohe weite Zelt. Am hinteren Ende des Studios standen ein großes Bett mit vielen Kissen, daneben eine tiefrote Chaiselongue, in einer anderen Ecke ein Ensemble aus einem alten Tisch, auf dem eine Kamera lag, und zwei einfachen Holzstühlen, auf dem Boden lag ein beiger Flokati von beachtlichen Ausmaßen. Im Raum verteilt standen auf schweren Stativen große Lichtschirme. Bronczek durchmaß den Raum mit großen Schritten und schaltete einen Lichtschirm nach dem anderen an, die ein helles, aber warmes Licht verströmten. Ich stemmte die Hände in die Hüften und gab meinem Erstaunen und meiner Bewunderung Ausdruck, indem ich beide Backen aufblies. An einem Haken in der Backsteinwand hing eine Art Gewand aus hellem, seidig wirkendem Stoff über einem Bügel. Ich deutete darauf.

„Ist das das Kleid, das Ihre Modelle bei den Aufnahmen tragen? Mir wird erst jetzt klar, dass bei allen so ein heller, weiter Kragen, oder vielmehr Ausschnitt zu sehen ist. Es ist immer dasselbe.“

„Bei fast allen Menschen gibt es so ein mehr oder weniger stark ausgeprägtes Bedürfnis nach Ritualen. Dies hier gehört zu meinen Ritualen. Mit dem äußeren Ritual, das mit einem durchaus heiligen Ernst durchgeführt werden muss, vollzieht sich zugleich eine innere Reinigung.“

„Und wie vollzieht sich dann Ihr Ritual? Also, was genau passiert dann mit Ihren Modellen und mit diesem Kleid?“ Ich stellte mich vor einen der Stühle und hielt die Lehne mit beiden Händen fest umklammert.

„Sie kennen die Antwort.“

Ich zögerte, blickte auf den knöchelhohen Flokati und stellte mir vor, wie Millionen von Staubmilden darin herumkrabbelten und auf einmal begannen, sich zu paaren. Eine einzige, millionenfache Staubmilben-Orgie.

„Dann versuche ich mal eine Antwort: Die Modelle ziehen sich aus und streifen sich das Kleid über? So in etwa?“

„Sie sind zwar mutiger geworden, aber immer noch sehr vorsichtig. Sie möchten die Kontrolle über die Situation bewahren. Das heißt, Sie befürchten, die Kontrolle verlieren zu können.“

„Kontrolle? Wieso Kontrolle? Ich habe alles unter Kontrolle. Glaube ich wenigstens. Hoffe ich.“

„Ja, Sie können sich sicher sein. Sie haben die Kontrolle. Weil Sie gemerkt haben, dass Sie mir vertrauen können, obwohl Sie sich von mir bedrängt gefühlt haben. Es wird nichts geschehen, was Sie nicht erwarten oder erhoffen. Sie können alles sehen. Nichts ist verborgen. Ihre Antworten sind die Antworten auf Ihre Fragen. Sie kennen meine Bedürfnisse genau. Sie müssen danach nicht mehr fragen. Sie kennen meine Ziele. Es sind Gemälde. Es sind die Gemälde, die Sie gesehen haben. Diese Gemälde, nicht ich, der Maler, haben Sie hierhergeführt. Nun haben Sie auch den Maler kennengelernt. Aber Sie allein bestimmen, wie sie die Bedürfnisse, mit denen Sie sich auf den Weg in mein Atelier gemacht haben, befriedigen können und in welcher Form ich dabei eine Rolle spielen soll. Ich kann auch eine Weile fortgehen und Sie alleine lassen, solange Sie wollen. Eine einzige Bedingung aber will ich stellen. Ich stelle sie als Künstler. Ich erbitte sie von Ihnen. Wenn alles das geschehen ist, was Sie für sich und für mich entschieden haben und entscheiden werden, will ich das eine Foto machen, nach dem ich mein Gemälde anfertigen werde. Nur dieses eine Foto wird entstehen, nachdem Sie für einen Augenblick Ihre Mitte wiedergefunden haben.“

Das Herz schlug mir bis zum Hals. Ich fühlte mich wie erstarrt. Warum war ich hergekommen? Woher kam das Gefühl, ganz und gar ausgeliefert zu sein? Und wem ausgeliefert? Bronczek oder mir selbst? Wie in Trance machte ich einige Schritte in die Mitte des Raumes. Bronczek legte das Kleid behutsam auf das Bett, trat dann an mich heran und blickte mir lange in die Augen. Ich spürte seinen Atem. Dann hob er seine Hände und begann, mir die Bluse aufzuknöpfen. Ich ließ es geschehen. Meine Arme wurden schwer, mein ganzer Körper warm, ich blinzelte in einen der großen Lichtschirme wie in die Sonne an einem südlichen Strand. Da war auf einmal die ruhige Gewissheit. Ja, ich wollte es. Und auch alles das, was folgte. Nachdem Bronczek sein Foto gemacht hatte, ließ ich nicht mehr viel Zeit vergehen, bis ich ging. Über die Ausstellung würden wir später sprechen. Am Telefon? Ein Termin für eine Besprechung in den Ausstellungsräumen? Bronczek lächelte, nickte und bedankte sich ein weiteres Mal. Wieder auf der Straße zu stehen hatte etwas Unwirkliches. Ich wusste nicht mehr, wo ich mein Auto geparkt hatte und lief einfach in eine Richtung los, wie auf der Flucht. Ich bemerkte bald, dass ich mich verlaufen hatte. Vor einem Steh-Café trank ich einen heißen Kaffee. Ich blinzelte in die warme Sonne. Ich musste lachen. Und weinen. Beides zugleich.

Der liquide Roman

„Die Sache ist doch so“, sage ich zu Pjotr, „wenn Disney oder Warner einen neuen Blockbuster raushauen, verdienen die ihr Geld vor allem mit Merchandising-Produkten, T-Shirts, Plastikfiguren und dem ganzen Scheiß. Bands und Leute wie Helene Fischer verdienen ihr Geld nicht mit CDs oder Spotify, sondern mit den Konzerten – und eben mit Merchandising.“ Na und, fragt Pjotr. „Na, ist doch vielleicht so auch mit der Literatur, die verlagert ihren Schwerpunkt allmählich auch in andere Bereiche. Du schreibst ein Buch, aber es geht gar nicht mehr um das Buch, oder jedenfalls nicht nur. Es geht um die Illusionen, die um den Autor oder die Autorin gestrickt werden. Das Buch ist bloß noch der Anlass, um sich mit der Autorin zu beschäftigen. Oder mit irgendeinem angesagten Thema.“ Das war nie anders, meint Aleksander, Goethe, Schiller, Brecht, Grass, irgendwann ging’s immer nur noch um die Autoren, um ihre politischen Überzeugungen, ihre kluggeschissenen Kommentare zum Weltgeschehen, ich meine jetzt nicht Schiller oder Goethe, du weißt schon, wie ich zu Grass stehe.401.jpg

Ja, weiß ich. Komisch, dass ihm wieder mal nur Männer als Beispiele eingefallen sind. Sei’s drum. „Ich meine, scheiß auf die Autorinnen! Die Romane fangen an, zwischen den Buchdeckeln hervorzuwachsen, sie fließen in die sozialen Medien hinein und beginnen da eine Art Eigenleben. Du weißt schon, dieses blöde Gerede davon, dass Autoren irgendwann hilflos vor ihren selbstgeschaffenen Figuren stehen und mit ansehen müssen, wie die ihre Geschicke selbst zu bestimmen beginnen; wenn Autorinnen begeistert von der Eigendynamik der Story erzählen und behaupten, sie seien irgendwann nur noch Zuschauer oder Chronisten gewesen, weil sich alles von allein ergeben hat. Die Sachzwänge der Fiktion. Aber wenn der Roman anfängt, vor allem in den sozialen Medien zu existieren, da ein Eigenleben entwickelt …“ Fan-Fiktion, unterbricht Al. Aleksander hasst es, wenn ich ihn Al nenne. „Nee, Al, nicht diese Nachahmungsscheiße, sondern: Der Roman geht im Internet weiter, er hört einfach nicht auf, oder er verändert sich. Das Buch ist fertig, aber dann findet so eine Art Zellteilung im Internet statt, und Mutationen. Die Figuren und die Geschichte verwandeln sich weiter, obwohl das Buch schon fertig ist. Der liquide Roman – ist das nicht die logische Konsequenz für die Literatur in der liquiden Moderne? Dass sich nicht nur die Menschen und die Identitäten verflüssigen, sondern auch die Romane? So wie die Serien? Die Leute wollen ohnehin kaum noch was Ausgedachtes lesen, die wollen was aus dem Leben der Autorinnen lesen und es soll möglichst authentisch sein. Und so ein Leben geht ja auch immer weiter. Ich glaube, Serie ist das richtige Stichwort.“ So von Staffel zu Staffel, sagt Pjotr, da steckt aber auch Kontinuität drin, das entwickelt sich vielleicht immer weiter, aber das Ganze hat Konsistenz. Bei einer guten Serie jedenfalls. „Eben. Da muss eine andere Art von Konsistenz her. Stell dir einen Roman vor, der sich permanent verändert, der nach und nach seine eigenen Varianten ausspuckt, bis er sich einerseits nicht mehr ähnlichsieht, aber andererseits sich immer mehr seinem Kern annähert, wenn’s den überhaupt gibt. Eine Phänomenologie der Fiktionen, wenn du so willst, oder eine fiktionale Hermeneutik.“ Du meinst, sagt Pjotr, du schreibst einen Roman wie „Liquid Love“ einfach weiter? „Wir beide?“ Oder du, ich, Uta und André? Hermeneutik – ganz schön hochgestochen. Schreibst du da nicht besser einen Aufsatz für eine literaturwissenschaftliche Zeitschrift?

„Nee, gerade nicht. Es müsste schon Literatur sein. Wir schreiben an unserem Lebensroman doch auch immer weiter, wir hören nie auf damit. Und wir erzählen unsere Geschichte immer wieder neu, interpretieren sie neu, vergessen, konstruieren. Und deshalb wissen wir in keinem Moment, ob wir unser Leben endlich verstanden haben, uns selbst verstanden haben. Wir müssen uns immer wieder selbst auf die Probe und unsere Überzeugungen in Frage stellen. Klar muss ein Roman irgendwann zu Ende sein, wenn er gedruckt werden soll. Aber de facto ist er dann immer noch als ein anderer möglich. So wie mein Leben auch mit einem anderen Mann möglich wäre, oder mit einer Frau. Oder wenn du dich zum Beispiel entscheiden würdest, eine Frau zu werden.“

Willst du das? Ist das eine deiner Fantasien? Dass ich mir den Schwanz aboperieren lasse?

„Wieso das? Wäre das deiner Meinung nach nötig, um eine Frau zu werden?“ Aleksander zieht sich verzweifelt die Decke über den Kopf. „Ich mag deinen Schwanz, wie du weißt, du sollst ihn ja gar nicht abschneiden. Aber wenn du es wollen würdest und es tun würdest, dann würde sich ja zweifellos etwas ändern zwischen uns. Es war auch nur ein Beispiel. Aber wenn du es wirklich tun würdest, dann wäre es doch selbstverständlich, dass ich anfange, meine Geschichte mit dir noch einmal aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Das Ereignis würde meine und deine Geschichte nachhaltig verändern. Hast du dir immer schon gewünscht eine Frau zu sein? War der Sex, den wir hatten, irgendwie immer schon lesbischer Sex? Aber mir geht es im Moment gar nicht um unser Leben, sondern um Literatur. Wer sagt, dass ein Roman ein Ende haben muss? Und dass ein Roman sich nicht verändern darf? Dass eine Autorin nicht sagen darf, Leute, es ist 2020 und am 21. Januar hat ich endlich das erste Kapitel des Romans mit dem Titel soundso verändert. Es ist nicht nur besser geworden, sondern es ist eine weitere interessante Figur dazugekommen. Seit gespannt, denn diese neue Figur wird sich möglicherweise in unseren Protagonisten verlieben, was eine ganze Menge infragestellt, das wir für unumstößlich gehalten haben. Undsoweiter. Dieser Werkgedanke – der löst sich immer mehr auf. Das Werk löst sich auf. Das ist das Schicksal der Moderne: In dem Moment, wo etwas fertig zu sein scheint, hat sich die Welt, in die dieses Etwas gestellt wird, schon wieder so sehr verändert, dass sich dieses Etwas diesem Wandel sofort anpassen möchte und seine Gestalt verändert. Denk einfach an den Berliner Flughafen! Neue Bauvorschriften, neue Baustelle, Eröffnung zum siebten Mal verschoben. Der Online-Roman der Zukunft verändert sich laufend, ist unfassbar und formlos wie eine Amöbe im Heuaufguss. Oder so.“

Und wird nie fertig. So wie der Berliner Flughafen. Aber dein Geld musst du dann immer noch mit dem Buch, ich meine, mit dem gedruckten, fertigen Buch, verdienen, sagt Aleksander. Aber das ist ja jetzt schon fast unmöglich. Internet ist noch kein Merchandising. Wenn klar ist, dass dein Buch noch gar nicht fertig ist, wenn es erscheint – aus welchem Grund sollte es dann jemand kaufen? Die Leute leben ein unfertiges und oft genug unbefriedigendes Leben – warum sollten sie sich dann auch noch ein unfertiges Buch kaufen? Wenigstens der Roman sollte ein Ende haben, am besten ein Happy End, ein Ende, das sein Licht auf die zurückliegende Geschichte wirft und ihr Sinn verleiht. Also: warum ein unfertiges Buch?

„Einfach weil es eine geile Idee ist und es nicht mehr diesen Moment gibt, wo du dir sagst: Ich habe nur noch drei Seiten zu lesen, dann ist der Roman zu Ende, aber ich möchte weiterlesen, weiter, immer weiter. Die Leute wollen vielleicht ein richtiges Ende haben, aber im nächsten Moment wollen sie, dass es sofort weitergeht, also eben noch nicht zu Ende ist. Und ja, geil ist auch, wenn die Figuren nicht dieselben bleiben. Denn ich möchte auch nicht immer dieselbe bleiben.“

André Kertész

Du möchtest vielleicht auch noch irgendwann mal ein Mann sein. Und einen Gummipenis in der Hose tragen.

„Oder unterm Rock.“

Woher weißt du, dass du damit nicht einer fatalen Ideologie aufsitzt, die dich langfristig total aushöhlt? Mit dieser Idee der liquiden Persönlichkeit und dem liquiden Roman, das ist ja bloß die Fortsetzung oder Steigerung dessen, was bislang die Moderne war. Der Begriff der Moderne kommt, wie du weißt, von Mode. Als die Menschen im Neunzehnten Jahrhundert bemerkten, dass sich ihre Lebensverhältnisse spürbar veränderten, Moden einander abwechselten, in den Großstädten die Kanalisation eingeführt wurde, Gaslampen, Elektrifizierung, Maschinen, neue Anschauungen usw., als die Menschen nicht mehr umhin konnten zu sehen, dass alles das, was Jahrhunderte zuvor gegolten hatte, nun innerhalb weniger Jahrzehnte oder Jahre stürzen konnte, durch Neues ersetzt wurde, entstand die Moderne, das Zeitalter der Innovationen. Es hält bis heute an. Postmoderne? Zweite Moderne? Papperlapapp! Wir sind innovationssüchtig wie keine Generation vor uns. Und jetzt wird es nur immer schneller, so schnell, dass es zu fließen scheint. Keine Statik mehr, alles fließt.

„Stimmt, und weil sich alles immer schneller verändert, wollen wir uns nicht bloß an die Veränderungen anpassen, sondern immer schon am Ziel sein, bevor das Neue wirklich da ist, wie bei der Fabel vom Hasen und dem Igel. Ich bin jetzt die eine, aber in Zukunft werde ich schon immer die andere gewesen sein. Ich will ja gar nicht sagen, dass ich das gut finde. Aber ich gehöre bereits zu dieser Generation. Ich kann gar nicht anders. Das hat nämlich alles einen langen Vorlauf gehabt. Als Sechzehnjährige habe ich Sartre gelesen und bin fasziniert von der Vorstellung gewesen, dass ich mein Sein durch meine Entscheidungen, also durch mein Handeln erst erschaffe. Und heute ist diese Idee ins kollektive Unbewusste herabgesunken. Es ist absolut selbstverständlich geworden, das eigene Sein, die eigene Persönlichkeit, die eigene Geschichte zu erschaffen, jedenfalls davon überzeugt zu sein, dass man es kann und in begrenztem Rahmen auch tut. Mit einem wesentlichen Unterschied zu Sartres Theorie: dass ich meine Geschichte nicht mehr zu sein habe. Ich kann jederzeit eine andere sein und meine Geschichte hinter mir lassen. Und sagen: Diese Geschichte, das war ich mal, aber die bin ich nicht mehr, die hat mit mir nicht mehr viel zu tun. Ist natürlich Quatsch. Ich kann meine Geschichte nicht verändern. Ich kann sie vielleicht neu interpretieren, aber ich kann sie nicht ändern. Genauso wenig kann ich sie selbst erschaffen, es sind wahrscheinlich nur Spurenelemente von Selbsterschaffenem in meinem Ich. Aber es gibt diese neue Idee vom Menschen, der sich selbst erschafft, sich optimiert und sich vollständig verwandeln kann. Vom Fettkloß zum super tiny Model, vom Alkoholiker zum Abstinenzler, vom Anwalt zum Schriftsteller, vom Museumsdirektor zum Busfahrer. Mir fallen gerade nicht so geile Beispiele ein. Aber du verstehst schon. Du kannst durch Ratgeberliteratur, Therapie, Bildung, Tutorials auf Youtube, durch implantierte Chips in deinem Gehirn, durch Crispr oder was auch immer ein anderer Mensch werden. Scheiße! Das will ich gar nicht. Ich will das gar nicht für mich. Ich kann das auch gar nicht. Aber ein Roman, mein lieber Al, der kann das. Der Roman unserer Zeit muss das vielleicht sogar.“

Das ökonomische Problem hast du damit aber noch nicht gelöst.

„Warum sollte das ein Problem sein? Der Roman wird wie ein E-Book vertrieben, aber du kaufst auch die Updates dazu, jedenfalls für eine gewisse Dauer. Du kannst auch nur das fertige Buch kaufen. Aber es ist doch viel spannender ein Buch durchzulesen, um dann wieder vorne anzufangen und festzustellen, dass der Anfang jetzt ganz anders aussieht, oder ein wenig anders. Und! Ganz wichtig! Damit das wirklich schnell genug funktioniert, brauchst du Autorenkollektive, die das permanent neu schreiben, so wie bei den Computerspielen oder den Netflix-Serien. Da sind auch meistens mehrere Autoren am Werk. Oder Drehbuchschreiber, Regisseurinnen, Kameraleute, Dramaturgen usw. Das kann keiner mehr allein.“

Und das richtige Geld mit den Merchandising-Produkten verdienen.

Liquid Love Archive II

Wovon Donata die Nase voll hat (wenn sie genauer darüber nachdenkt) … und wie die Geschichte auch ganz anders konstruiert sein könnte

Zunächst einmal die gemeinsamen Fernsehrituale mit Thomas. Mehrmals die Woche. Sie hat sich so sehr daran gewöhnt, dass sie sich auch dann vor die Glotze setzt, wenn Thomas nicht dabei ist. Die Nachrichten (Tagesschau), diese komprimierte Welt, abgestimmt auf eine anonyme Mehrheit, die glaubt und glauben möchte, dass nichts sonst in und mit der Welt geschieht, nur das, was dort verhandelt wird, aufgeblasen, für wichtig erklärt. Das ist doch auch nur eine Blase, eine ziemlich mickrige Blase. Wir werden eingelullt und gleichgeschaltet. Wirtschaft ist wichtig, das, was die Reichen bewegt, die Profite der großen Unternehmen, die „to big to fail“ sind. „Dauernd werden Gesichter von Leuten gezeigt, deren Namen ich mir zu merken habe, weil sie angeblich so furchtbar wichtig sind. Das geht immer mehr an mir vorbei.“

„Lügenpresse“ – das wäre zu radikal und maßlos, es so zu nennen. Komfort-Presse wäre das bessere Wort. Die Tagesschau ist die Komfortzone der Information. Tut nie richtig weh. Und dann der Krimi um 20:15 – der tut auch nicht richtig weh. Wir wollen ja nicht so sehr schockiert werden, dass wir danach nicht mehr schlafen können. Oder die gepflegten Dramen, die nicht weniger vorhersehbar gestrickt sind als die Krimis. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich die Erfahrungen, die die Autoren und Regisseure in ihren Filmen verarbeiten, vor allem aus anderen Filmen speisen. Das sieht man unter anderem an den Sexszenen, denn heutzutage müssen die Darsteller für wenigstens eine Minute im Bett landen. Gespielte Leidenschaft, die wohl ganz besonders groß sein muss, wenn die Frau auf dem Mann reitet und den Kopf in den Nacken wirft, damit der Busen straffer sitzt. Vergleichbar mit der Standardszene, wenn ein Darsteller aus einem Alptraum aufschreckt und sich ruckartig im Bett aufrichtet. Ich bin noch nie auf diese Weise aus einem Alptraum aufgewacht. Totaler Schwachsinn. Überhaupt: Alpträume! Die vermeintlich tiefsten und komplexesten Charaktere sind immer die mit ner Macke, einer schweren Kindheit, oder sie sind einsame Wölfe, die jahrelang mit einer Trennung nicht zurechtkommen. Am besten, sie haben Partner und Kinder bei einem Mord verloren und halten sich trotzdem tapfer aufrecht, schauen aber die ganze Zeit sehr melancholisch drein oder sind zu sympathischen Zynikern mutiert. Ich kann mittlerweile innerhalb der ersten zwei Minuten eines Films erkennen, in welche Richtung die Chose geht und mit welchen Klischees ich zu rechnen habe. Ich habe noch nie einen Darsteller heimlich in der Nase popeln gesehen, oder wie sich jemand unter der Dusche die Schamhaare rasiert und dabei in Kauderwelsch vor sich hin singt. Es gibt im wirklichen Leben so oft völlig irrsinnige Situationen und Handlungen, die eigentlich für einen außenstehenden Beobachter überhaupt nicht nachvollziehbar sind und an sich auch gar keine Bedeutung haben, aber eben eine Persönlichkeit ausmachen. Wenn ich zum Beispiel morgens im Bad stehe, nur mit BH bekleidet und mit Cedric über seine Hausaufgaben diskutiere, oder über Gott und die Welt. Vielleicht würde ich lieber so etwas im Fernsehen sehen wollen.

Diese Müdigkeit am Abend. Wenn du keine Energie mehr hast, auch nur irgendwas zu machen. Thomas hat mal vorgeschlagen, stattdessen Karten zu spielen. Wie bitte? Bauernskat, oder was?

Jetzt habe ich das Schreiben, wenigstens das Schreiben, endlich das Schreiben. Ich möchte gar nicht mehr damit aufhören. Aber ich will auch endlich raus! Raus aus dem Mief, aus meinem eigenen und aus Thomas‘ Mief, aus unserer Komfortzone.

Thomas hängt sich in letzter Zeit fast jeden Abend vor seine Computerspiele, WOW, LOL oder was auch immer, genau wie die Jungs. Manchmal fühle ich mich, als sei ich von lauter Autisten umringt, die so langsam mit ihren Computern verwachsen. 3-D-Brille. Sich mit der 3-D-Brille aus der Wirklichkeit herauskatapultieren. Das würde mir nicht genügen. Das ist auch nur ein Gefängnis.

Ich habe mit der Zeit die halbe Wohnung mit Pflanzen vollgestellt. Blumengießen als Hobby. Ich bin eine richtige Orchideen-Expertin geworden, habe mich aber auch eine Zeitlang in meinen Gummibaum verliebt und jedes Blatt einzeln poliert. Jetzt hab ich es satt und würde die Dinger am liebsten irgendwo aussetzen. Wie einen Hund oder eine Katze auf einem Autobahnparkplatz. Bin ich froh, dass wir den Kindern keinen Hund erlaubt haben! Thomas hätten sie sogar fast soweit gekriegt. Und wer hätte den dann immer Gassi führen dürfen? Ich weiß auch nicht, warum es ausgerechnet Hundebesitzer sind, denen ich mit größter Verachtung begegne. Vielleicht, weil mir meine Kinder manchmal zu viel werden und die Hundebesitzer sich freiwillig einen Dauerpflegefall ins Haus holen, deren Häufchen sie in schwarzen Plastiksäckchen auffangen müssen, die die Polster vollhaaren, stinken und in den Kleiderschrank pissen. Gott, war ich froh, als ich das letzte, halbverbrauchte Windelpaket der dreiundvierzigjährigen Nachbarin in die Hand drücken konnte, voller Stolz darüber, dass ich mit der Kinderkacke endlich durch war, als die erst damit anfing, obwohl ich beinahe ihre Tochter hätte sein können. Geiles Gefühl. Aber wenn ich diese aufopferungsvollen Tierhalter sehe, bekomme ich ein schlechtes Gewissen, weil ich insgeheim schon den Tag herbeisehne, an dem Luis und Cedric aus dem Haus sein werden. Ich muss wohl mehr als nur ein Tierhasser sein. Ich liebe meine Kinder, ganz bestimmt, ich liebe sie über alles, aber sie haben mir auch die wertvollste und vitalste Phase meines Lebens geraubt, oder sagen wir: eingenässt, zugebrüllt, vollgekrümelt. Wie frustriert muss man sein, wenn man sich gleich im Anschluss an die Elternzeit in die Abhängigkeit von einem schwachsinnigen, sabbernden Säugetier begibt, das nicht mal ordentlich aufs Klo gehen kann? „Es gibt nichts Beruhigenderes, als einen Hund zu haben. Nur mit einem Hund kannst du nach dem Stress des Tages wirklich runterfahren.“ Wer sich zu solchen Sätzen hinreißen lässt, wäre wohl der geeignete Kandidat, um nach der Arbeit meine multimorbide und inkontinente Oma zu pflegen. Die freut sich auch sehr über Streicheleinheiten und will gerne mit dem Rollstuhl herumgefahren werden. Der Vorteil: Mit ihr kann man bei Bedarf sogar Mühle spielen.

Einkaufen, kochen, jeden Tag die gleiche Prozedur, immer muss ich mir was ausdenken. Sarah, wie läuft das eigentlich bei euch. In der Woche bist du ja im Prinzip unterwegs. Gehst du da immer essen? Und Justus? Kocht der für sich allein? Würde ich wohl eher nicht tun. Leider bin ich nicht nur für mich allein verantwortlich.

Wäsche sortieren, waschen (macht glücklicherweise die Maschine. Welch ein Fortschritt der Menschheit!), aufhängen (immer noch manuell, der Trockner funktioniert nur für Unterwäsche und Socken, hab keine Lust die T-Shirts zu bügeln, also hänge ich sie halbtrocken auf den Wäscheständer), zusammenlegen, in die Schränke sortieren, nebenbei den Müll in den Kinderzimmern auflesen. Bin ich mit dem Mist durch, liegt schon wieder ein neuer Haufen im Wäschekorb. Mittlerweile meinen auch unsere männlichen Mitbürger, sie müssten jeden Tag die Wäsche wechseln, während ich mir angewöhnt habe, meine Hosen auch mal eine ganze Woche zu tragen, im Wechsel mit einer anderen, damit niemand denken muss, ich sei eine ungepflegte Schlampe. Ich möchte mal einen ganzen Tag lesen können – oder schreiben. Ohne irgendeinen Gedanken an etwas anderes verschwenden zu müssen. Oder fotografieren. Einfach mal wieder einen ganzen Tag raus mit der Kamera – und dann noch die ganze Nacht. Ohne hinterher schief angesehen zu werden oder mir Vorwürfe anhören zu müssen. „Wir haben uns solche Sorgen gemacht! Wo bist du denn gewesen?“ Sollte eigentlich normal sein, dass man mal für zwei, drei Tage weg ist, einfach so. Finde ich. Ich hab nicht den blassesten Schimmer, was da draußen wirklich vor sich geht. In den Clubs, bei den Tankstellen, die die ganze Nacht geöffnet haben, in den Edel-Restaurants, in die du dich quasi einkaufen musst, um sie besuchen zu dürfen, wie das ja schon lange bei den Golf-Clubs üblich ist. Absteigen, Hotels, die ihren letzten Stern vor zehn Jahren verloren oder im Gulli versenkt haben. Ich möchte Leben einatmen, das ich dann in meinen Texten wieder ausatmen kann. Ich hab davon viel zu wenig, bin abgeschottet in meinem kleinbürgerlichen Mini-Wunderland, dieser Gummizelle, in der man sich weder die Knie noch den Kopf stoßen kann. Wisst ihr, ich habe Lust, mich endlich mal wieder so richtig dreckig zu machen, nicht nur wie in Kindertagen, sondern auch im übertragenen Sinn. Wir sind alle so verdammt moralisch geworden und möchten am liebsten mit einer weißen Weste sterben. Was das Klima und die verdammte Fleischesserei betrifft, möchte ich auch lieber mit weißer Weste sterben, aber es gibt so viele Dinge im Leben, da kommt es auf eine weiße Weste überhaupt nicht an. So viele Dinge, von denen ich noch gar nicht weiß, dass sie möglich wären.

Die scheinbar so wichtigen Dinge im Leben: die Hausaufgaben der Kinder, die Fünf in Mathe, die Sechs in Religion erfüllt mich sogar ein wenig mit Stolz, Toastbrot zum Frühstück, die richtige Marmelade (ohne Stückchen), nie warmes Essen ohne Fleisch, Spülmaschine ein- und ausräumen, saugen, wischen, staubwischen, Fenster putzen. Klar, die Aufgaben ließen sich auch besser verteilen, sind ja vier Personen im Haushalt. Aber sind das überhaupt „Aufgaben“? Wessen Aufgaben? Wofür? Mein Vorschlag: Immer genug Spaghetti, Tomaten, Olivenöl, Toastbrot und Käse im Haus haben. Reicht doch eigentlich. Und Obst. Und Rotwein. Nichts geht über einen kleinen Rausch. Und spätestens ab 19 Uhr haben alle frei. Ich hab oft Lust, nur in Unterwäsche in der Wohnung rumzulaufen, vor allem im Sommer, und wenn mir kalt wird, einfach den flauschigen Mantel drüberzuziehen, irgendeine billige Kunstfaser, aber ich liebe ihn einfach. Die Rotweinflasche auch mal schon am Vormittag öffnen, verrückte Fotos machen, ihr wisst schon, wie in Rumänien, und noch ein bisschen extremer, auf dem Teppich im Wohnzimmer liegen und stundenlang an die Decke starren. Ohne so Sätze hören zu müssen wie: „Mama, geht es dir nicht gut?“ Oder: „Kannst du dir mal was Richtiges anziehen? Ich kriege gleich Besuch.“ Ich müsste auch nackt in meiner Wohnung herumlaufen können. Es ist doch meine Wohnung. Nicht mein Problem, wenn die Besucher damit nicht umgehen können. Ich krieg manchmal so einen Rappel, da würde ich mir am liebsten alle Kleider vom Leib reißen, weil mir darin zu eng wird, weil ich ersticke, Beklemmungen kriege. Ich bin schon lange nicht mehr so gewesen, wie ich eigentlich bin, so, wie ich mich fühle. Eigentlich noch nie. Wie ich mich richtig fühlen soll, versteht ihr? Das Leben kann sich richtig oder falsch anfühlen. Die meiste Zeit fühlt es sich vollkommen falsch an. Ich will produktiv sein, mich für eine Sache verausgaben – und mich dann eine Zeitlang einfach gehen lassen. Ist das ein Privileg der Promis?

Mode: Jede Frau versucht ihren eigenen Stil zu entwickeln. Kann man wahnsinnig viel Energie drauf verschwenden. Aber hast du mal deinen eigenen, ganz persönlichen Stil gefunden, dann ist das eine verdammte Zwangsjacke, aus der du nicht mehr rauskommst. Ich will lieber alles ausprobieren dürfen, mich den einen Tag exzentrisch schminken, mich in ein sexy Outfit werfen, das so enganliegend und sexy ist, dass ich schon fast komme, wenn ich mich im Spiegel ansehe. Nennt man das Autoerotik? Und am nächsten Tag in Omas altem Mantel herumlaufen, der mir viel zu groß ist und aussieht, als bestünde er aus Mäusefell. Ich hoffe nicht, dass dafür wirklich 500 Mäuse dran glauben mussten. Den einen Tag mausgrau, den andren bereit zum Karneval. Lederklamotten. Ich hab immer mal wieder von einem superkurzen Lederrock geträumt, unter dem ich super sexy Wäsche trage. Ich hab mich nie getraut. Was könnte der Herr Oberlehrer denken – und seine Kollegen? Die Nachbarn im Haus? Würde ja bald heißen, ich würde mir auf dem Strich was dazuverdienen. Warum ist mir das nicht scheißegal? Dabei könnte das sogar wirklich eine spannende Erfahrung sein, wenn ich es recht bedenke, mal eine Zeitlang die Edelprostituierte zu geben. Ich möchte einfach nicht mehr festgelegt sein auf eine Rolle. Klar, ich könnte mich einfach über alle Erwartungen hinwegsetzen. Warum tue ich das nicht? Sollte ich! Aber es ist so verdammt schwer, und ich frage mich, warum das so ist. Warum wir nicht tun können, wonach uns ist. Es schadet doch niemandem, es tut doch niemandem weh, wenn ich in der Stadt unter meinem Kuschelmantel nur einen Bikini trage.

Ich hab vor einiger Zeit in einem Anfall vormittags Nacktselfies gemacht. Ich habe alle Vorhänge zugezogen und es genossen, splitterfasernackt durch die Wohnung zu springen. Ich hab Musik angemacht, richtig laut. Trotzdem habe ich die ganze Zeit Angst gehabt, jemand könnte mir zusehen. Oder jemand klingelt an der Tür, um sich wegen der Musik zu beschweren, oder ein Kind kommt vorzeitig von der Schule nachhause, weil es krank geworden ist. Was für ein Irrsinn! Oder jemand entdeckt die Fotos auf dem Apparat oder auf dem PC, Thomas zum Beispiel. Sogar das wäre mir peinlich. Und unter dieser Last, wegen dieser permanenten Unsicherheit weiß ich schon gar nicht mehr, was das für Fotos werden sollen, was ich mir überhaupt dabei gedacht habe. Am liebsten wäre mir, es gäbe jemanden, mit dem ich das zusammen machen könnte, Fotos machen, sich gegenseitig fotografieren, systematisch alle denkbaren Tabus überschreiten. So wie die großen Fotografen und Fotografinnen. Kennt ihr Bettina Rheims? Francesca Woodman? Unangepasstheit als tägliche Übung. Ich glaube, ich weiß gar nicht, wovon ich mich noch, von was allem ich mich noch befreien könnte und müsste, weil ich so wahnsinnig betriebsblind geworden bin. Wir sind doch alle betriebsblind geworden und können schon deshalb nicht mehr wissen, wie wir wirklich leben wollten. Ich jedenfalls fühle mich total berechenbar, sogar für mich selbst. Ich kann mich noch nicht mal selbst überraschen. „Jeder Mensch ist einzigartig“, heißt es immer wieder. Soll wohl ein Trost sein. Aber es stimmt einfach nicht. Ich bin nur das Abbild von den meisten anderen, eine vorprogrammierte Mischung aus vorgegebenen Zutaten, mehr nicht. Wie Curry-Pulver. Da gibt es bestimmt sehr viele unterschiedliche Mischungen, mit mehr oder weniger Knoblauch und Kurkuma, aber es bleibt doch immer Curry und schmeckt nach Curry. Aber ich möchte auch mal Chili sein und Garam Masala und Niespulver. Und Dynamit, Nitroglycerin.

Neulich im Park hat mir so ein Typ hinterhergeschaut, da kam mir der Gedanke, wie es wäre, ihm meine Titten zu zeigen, also mein T-Shirt hochzuziehen und für einen Moment meine Titten zu lüften, nur so. Ich hab eigentlich keine exhibitionistischen Neigungen, es geht auch nicht wirklich um Sex oder Erotik, aber ich fühle diese Gier, alles Einengende von mir weg zu stoßen. Und da fällt mir eben sowas ein. Ich hatte aber einen BH an und außerdem: Was wäre denn passiert, wenn ich es getan hätte? Du darfst ja gar nicht zeigen, wie schön du bist, obwohl die ja irgendwann perdu ist, die Schönheit. Verboten sogar dann, wenn dich jemand wirklich sexy findet und es einfach genießen würde, das zu sehen, für einen Augenblick. Für einen Augenblick des Glücks. Diese – wahrscheinlich sogar berechtigte – Angst, der könnte das als Aufforderung betrachten. Dabei will ich ihm nur eine kleine Freude bereiten – und mir. Diese Panik im Schwimmbad oder am Strand, dass sich vielleicht ein paar Härchen aus dem Slip herauskräuseln. Igitt, wie unanständig! Was sollen die Leute bloß denken! Lieber gleich alles komplett wegrasieren. Dabei finde ich meinen Busch wirklich schön. Was habe ich mich als Kind gefreut, als da endlich Haare zu wachsen anfingen! Und jetzt sind sie auf einmal pfui-bäh?

Die Geschichten, die wir Menschen uns erzählen, handeln fast immer vom verlorenen Paradies. Von der verlorenen Kindheit, der verlorenen Unbeschwertheit. Am Anfang der Dramen schwimmen ihre Helden noch bei Dämmerlicht und sanfter Sommerabendwärme in Seen und Flüssen. Am Ende blicken sie noch einmal wehmütig auf den Anfang zurück, bevor sie untergehen, bevor alles untergeht. Ich träume von einer Geschichte, die umgekehrt aufgebaut ist, einer Geschichte, die mit dem Untergang beginnt und mit dem Schwimmen in Seen und Flüssen endet. Gab es das schon mal? Eine Geschichte, die mit Chaos, Tod, Leid und Verzweiflung beginnt und dann immer besser und besser wird, bis alles gut ist?

[Die Umkehrung der Dramaturgie kommt der Sehnsucht nach Zerstörung des Gegenwärtigen gleich. Der darin zum Vorschein kommende Nihilismus ist ein dialektischer, weil er sich selbst zu einem neuen Sinn und zu einer neuen Fülle übersteigen will. Das geregelte, in vieler Hinsicht programmierte Mittelmaß des westlichen Durchschnittslebens kann kaum als ein zu Verbesserndes gedacht und entworfen werden. Es gibt immer nur graduelle und kaum spürbare Verbesserungen. Das selbstverschuldete oder auch schicksalhaft hereinbrechende Unglück bietet in der Phantasie die beste Kontrastfolie für das erdachte bzw. erst noch zu erdenkende Glück. Daher die Sehnsucht nach Zerstörung und Unglück, die irgendwann so überwältigend wird, dass man sich ihr dann auch handelnd unterwirft und das eigene Unglück wie das der anderen heraufbeschwört. Von dieser Art ist Donatas Sehnsucht. Sie findet eine Entsprechung in derjenigen, die Justus umtreibt. Und ist der Grund, weshalb die Autoren die Dystopie bevorzugen. Obwohl Donatas Gedankenspiele eine Lust an der Zerstörung offenbaren (sie nennt es Befreiung), folgt sie darin zugleich einer herrschenden Ideologie, für die das Neue immer besser ist als das Altbewährte. Kleidung, Autos, elektronische Geräte, Möbel, Accessoires werden mit immer höherer Frequenz ersetzt. Auch in bestehende Beziehungen hinein wirkt der Wunsch nach Erneuerung, allerdings ist der Bindungswunsch in der Regel sehr viel höher als die Sehnsucht nach einer neuen Beziehung oder nach außerehelichen Erfahrungen. Eine Beziehung aufzugeben käme dem Versuch gleich, das neue Auto selbst zu fertigen, oder ein besseres elektronisches Gerät selbst zu erfinden und zu bauen. Beziehungen sind kompliziert und stellen ein „Gut“ dar, in das bereits sehr viel „Arbeit“ investiert wurde. Der „Wert“ einer langjährigen Beziehung liegt weit über dem einer anvisierten neuen Beziehung. Bei Beziehungen stehen daher vor allem die Erneuerung bzw. Restrukturierung und die Selbstfürsorge im Fokus. Das können neue enge Freunde sein, die Entscheidung für neue Hobbies, Lektüre und Partnergespräche und das Experimentieren mit neuen sexuellen Praktiken mit dem Partner. Letzteres stellt viele Paare vor Probleme, da schon die Gespräche darüber die Bindung gefährden können. Der Partner, der ein Gespräch darüber beginnt, könnte damit zu verstehen geben, er sei unzufrieden mit dem partnerschaftlichen Sex – und sei es vielleicht schon immer gewesen. Sexuelle Phantasien können nur schwer ausgetauscht werden, weil sie im rückwärtigen Blick das bisherige Einverständnis und die Routine infrage stellen können. Phantasien könnten sich auch auf außerehelichen Sex beziehen und als Andeutung verstanden werden, die bestehende Bindung zu lockern oder gar aufzulösen.

Wenn es um Erneuerung geht, die mit Glücksgefühlen verbunden wird, geht es entweder um eine Erweiterung der häuslichen Produktpalette, um Wellness und Fitness, oder (in den letzten Jahren stark vermehrt) um die Optimierung des Sexlebens, um das herum sich ebenfalls ein großer, expandierender Markt gebildet hat. Auch wenn Donatas Befreiungsphantasien kaum auf neue sexuelle Erfahrungen bezogen sind, spielen sie doch (neben der künstlerisch-beruflichen Selbstverwirklichung) eine zunehmende Rolle, weil sie gerade in der Beglückung durch Konsum keine Lösung mehr sieht.]

Ein Chat: „Wart ihr denn schon mal in einem Pärchen-Club? Ich meine, ihr als kinderloses Ehepaar.“ „Ihr denn?“ „Ich habe mal Fotos in einem Swinger-Club gemacht.“ „Echt jetzt?“ „Sie hat nur in der Off-Zeit fotografiert, also danach, wenn die Putzkräfte die unappetitlichen Überreste beseitigen.“ „Du kannst nicht einfach bei laufendem Betrieb Fotos machen. Ihr würdet euch da ja auch nicht fotografieren lassen wollen. Ich hatte damals als junge Mutter leider keine Traute, mir das als Gast anzusehen. Ich hätte Thomas auch nicht fragen wollen, der fand’s sowieso schon komisch, dass ich diese Fotos gemacht habe.“ „Und jetzt?“ „Ich weiß nicht. Ich wäre ja vor allem an den Fotos interessiert.“ „Du würdest da nicht mitmachen wollen.“ „Erstmal eher nicht vorstellbar. Aber Marie müsste da eigentlich sehr erfahren sein. In der Zukunft könnte es normal sein, dass man mit seinem Partner in einen Swinger-Club geht.“ „Als Paar.“ „Ja, als Paar, weil du deine Partnerschaft ja nicht aufgeben willst. Wenn du einen Partner hast. Aber Marie geht auch solo in Clubs.“ „Gibt es da nicht einen unangenehmen Männerüberschuss?“ „Als Solo-Frau kommst du auch in die Pärchen-Clubs, das ist dann halbwegs überschaubar.“ „Scheinst dich ja auszukennen.“ „Nicht wirklich. Aber ich halte es für realistisch, dass es in Zukunft ein größeres Angebot geben wird und dass das auch wahrgenommen wird. Cybersex wird langfristig eine Nische für die Incels bleiben.“ „Incels?“ „Die unfreiwillig Zölibatären.“ „Und Pornografie?“ „Ich weiß nicht, wie das für Männer ist, aber für Frauen sind Pornos vor allem spannend, weil sie sehen, was möglich ist und was vielleicht für sie eine Erweiterung ihres Repertoires sein könnte. Pornos sind allenfalls Mutmacher, aber kein Ersatz für richtigen Sex, denke ich.“ „Denkst du.“ „Ja, weil ich keine Pornos gucke.“ „Solltest du aber vielleicht, wenn du glaubst, dass es für die Story von Bedeutung ist. Und vielleicht sollten wir einfach mal gemeinsam einen Pärchen-Club besuchen, damit wir wissen, wie das dort läuft. Ich meine, einfach nur zugucken. Wäre mir schon peinlich genug.“ „Das wäre endlich mal ein richtiges Abenteuer. Ich wäre dabei.“ „Ich weiß nicht.“ „Man muss ja nicht mitmachen.“ „Muss nicht?“ „Würden wir natürlich nicht.“ „Natürlich? Wer sich in Gefahr begibt, kommt bekanntlich darin um.“ „Spielverderber. Wer nichts wagt, gewinnt nichts.“ „Muss man wirklich alles hautnah kennengelernt haben, um darüber schreiben zu können?“ „Von hautnah ist ja keine Rede.“ „Aber vom Senken der Hemmschwelle. Wenn du es gesehen hast, willst du beim nächsten Mal vielleicht mitmachen, weil dir diese konkrete Erfahrung eben noch fehlt. Da kannst du das gleiche Argument bemühen wie fürs Zugucken.“ „Bist du eifersüchtig?“ „Nein.“ „Hast du Angst, du könntest selber Gefallen daran finden?“ „Bestimmt nicht.“ „Wo ist dann das Problem?“ „Du könntest Gefallen daran finden. Du hast doch schon Gefallen daran gefunden, oder nicht?“ „Also doch eifersüchtig.“ „Vermutlich. Neue Erfahrungen sind immer eine Bedrohung für ein stabiles System.“ „Was meinst du mit System? Du meinst unsere Beziehung. Die ist ein System? Ein stabiles System? Wenn da jede neue Erfahrung für dich eine Gefahr darstellt, dann sollte man wohl am besten keine neuen Erfahrungen machen, oder was?“ „Doch, schon, aber warum gerade in so einer heiklen Sache?“ „Sex ist eine heikle Sache. Du hast vollkommen recht. Aber warum ist das so? Sollte es so sein? Muss es so sein?“ „Weil an der Frage des Sex Beziehungen zerbrechen.“ „Rein theoretisch gefragt: Müssen Beziehungen daran zerbrechen, oder ist es nur eine Ideologie, die uns dazu verpflichtet, deswegen Beziehungen aufzulösen?“ „Seid ihr eigentlich noch beim Thema? Einen Club zu besuchen, um mal Mäuschen zu spielen, ist doch was ganz anderes als Fremdgehen. Finde ich jedenfalls. Das stünde doch allein unter dem Vorzeichen der Recherche. Naja, eine Portion Voyeurismus wäre auch dabei. Es gehen eine ganze Menge Paare in solche Clubs, ohne was mit anderen zu haben, oder ohne da überhaupt Sex zu haben.“ „Woher weißt du das denn jetzt? Du bist ja anscheinend auch voll auf dem Laufenden.“ „Multitasking. Ich google nebenbei.“ „Ich frage mich ehrlich, warum man sich das in natura ansehen muss. Was da passiert, können wir uns alle doch wohl ziemlich gut vorstellen. Und wir können uns ebenso gut ausmalen, wie die Club-Szene im Jahr 2050 aussehen könnte. Vermutlich sogar spannender als jeder heute existierende Club. Wir wären wohl alle sehr ernüchtert von dem Besuch so eines Clubs.“ „Also lieber kein Abenteuer.“ „Ein Abenteuer wäre es doch nur wegen des Reizes, am Ende doch mitzumachen.“ „Was würde eigentlich dagegensprechen? Nur mal so als Frage in den Raum gestellt, weil das ja offenbar eine echte Tabuzone für uns alle ist. Warum sollte Marie Tabus übertreten, denen wir selbst aus dem Weg gehen wollen?“ „Dann ist Marie eben eine Angst-Büx. Genau wie wir. Aber Marie tickt eben ganz anders als wir.“ „Und wir ticken so, wie wir ticken. Wir können nicht aus unserer Haut.“ „Das ist genau das Stichwort: Wir können nicht aus unserer Haut. Wir wollen keine neuen Erfahrungen machen, weil wir Angst vor den Konsequenzen haben. Deswegen bewegt sich auch nichts mehr in unserem Leben. Wir warten nur geduldig darauf, dass Omas, Tanten, Onkel und Eltern sterben, dass unsere Freunde Krebs kriegen, oder ihre Ehe in die Brüche geht, damit immer mal wieder was Aufregendes passiert. Hauptsache wir selbst sind nicht die Leidtragenden. Die armseligen Abenteuer, die wir noch erleben, sind nur noch die, die uns zustoßen, die wir erleiden. Selbst etwas in Bewegung zu setzen, riskieren wir nicht. Wir haben Angst zu verlieren, was wir zu besitzen glauben. Aber dieser vermeintliche Besitz schrumpft von Tag zu Tag. Wir leben von der Substanz – und den Verlusten, die andere erleiden. Ist es nicht viel sinnvoller zu investieren, was man hat, jedenfalls einen Teil davon? Wenn ich mit 90 Jahren sterbe, oder so, dann bleibt von all dem gut Gehorteten doch auch nichts übrig. Und es geht ja noch nicht mal um Geld und Wohlstand, es geht nur um Erfahrungen. Ich brauche jetzt auch nicht unbedingt die Erfahrung in einem Club, bestimmt nicht, es geht mir grundsätzlich um die Frage, welche Erfahrungen ich noch machen kann und setze dabei vielleicht etwas naiv voraus, dass Erfahrungen auf jeden Fall bereichernd sind. Wir dümpeln doch nur die ganze Zeit vor uns hin, weil wir unsere Komfortzone nicht verlassen wollen. Aber in der Komfortzone zu bleiben, bedeutet immer Stagnation, und Stagnation ist es doch, was uns unzufrieden macht.“ „Wir schreiben einen Roman.“ „Ja, aber wir sollten einen Roman schreiben, in dem die Figuren, oder jedenfalls eine der Figuren ihre Komfortzone verlässt.“ „Und scheitert?“ „Meinetwegen. Wenn sie scheitert, dann gibt man all denen Recht, die beharrlich davor warnen, die Komfortzone zu verlassen. Die erfolgreichsten Menschen haben aber immer irgendwann den Entschluss gefasst, ihre Komfortzone zu verlassen.“ „Und von den Gescheiterten erfährt man leider nichts. Wir kennen immer nur die Erfolgsgeschichten. Und das sind eher wenige.“ „Dann müssen wir in unserem Roman also beschreiben, wie es sich die Mehrheit der Menschen in ihrer schönen neuen Komfortzone bequem gemacht haben? Auch eine Lösung. Ein Roman über das Unglück in der Komfortzone zu leben. Ehrlich gesagt, fände ich das ziemlich langweilig.“ „Oder bedrückend, gruselig. Keiner traut sich mehr was.“ „Oder nur noch die, die die Macht haben. Die können sich alles erlauben.“ „Wird aber auch langweilig.“ „Also doch: Es ist langweilig. Euch geht es doch auch so. Ihr wollt doch auch lieber Geschichten von Menschen lesen, die ausbrechen, die Risiken eingehen, die etwas aufs Spiel setzen. Ist das nicht die einzige Möglichkeit in einer heillosen, rettungslosen Welt, das richtige Leben zu führen? Wir sind gierig nach Abenteuern, aber wir lassen sie nur die Schauspieler in Kino-Blockbustern erleben. Mir reicht das nicht mehr. Wenn ich von Abenteuern schreibe, dann möchte ich mir die nicht ausschließlich ausgedacht haben.“ „Die Abenteuer sind im Kopf.“ „Ich fände es schon sehr abenteuerlich, wenn wir uns gemeinsam ausdenken würden, wie die Clubs beschaffen sind, in die Marie geht, und was die Menschen dort so treiben.“ „Würden wir uns das wirklich zutrauen?“ „Du hast recht, wir sollten es lassen, das würde nur, wie du schon richtig gesagt hast, die Hemmschwelle senken. Wären wir damit durch, würden wir schließlich doch eine Ortsbegehung beschließen, uns über zwei drei Pärchen hermachen und schließlich als geschiedene Prostituierte in der Gosse landen.“ „Und? Wie sähe es denn in Maries Lieblingsclub aus? Wer fängt an?“ Schweigen. „Keine Ahnung. Ich würde doch erst mal auf einschlägigen Websites nachsehen, was heute schon angeboten wird, so als erste Orientierung.“ „Und Swinger-Videos anschauen?“ „Sind das dann nicht gestellte Szenen? Die erzeugen doch ein vollkommen falsches Bild.“ „Oder ein sehr ernüchterndes.“ „Donata, wie sollte der Schuppen denn aussehen, in den Marie wirklich gerne geht?“ „Im Moment habe ich eher sowas wie eine Disko vor Augen, eine Disko mit verschiedenen Darkrooms für unterschiedliche Bedürfnisse. Für ein Luxus-Etablissement hätte Marie doch gar nicht das Geld.“ „So mit Saunalandschaft, Pools, Cocktailbar und Himmelbetten.“ „Ich weiß es wirklich nicht.“ „Wie auch? Du bist ja nicht solo, wie Marie.“ „Was würdest du dir denn wünschen, wenn du solo wärst?“ „Ohne Ehemann und ohne Kinder?“ „Ja, lösch die spaßeshalber mal komplett aus.“ „Geht nicht, vollkommen unmöglich. Das geht nicht so spontan. Absolute Leere in meinem Kopf.“ „Dann haben wir ja eine hübsche Hausaufgabe für dich gefunden.“ „Und ihr? Warum soll das allein meine Hausaufgabe sein? Was ist denn zum Beispiel mit Birthe und Ernest? Die leben doch auch nicht zölibatär. Birthe ist genauso solo wie Marie. Die will doch auch mal ihren Spaß haben.“ „Tja, Birthe ist ja irgendwie das Ebenbild von Sarah. Die kommt ganz gut ohne Spaß aus. Die ist eines der letzten Exemplare einer vergangenen Epoche, in der Frauen Sex schmutzig fanden und für eine lästige Nebensache hielten, wenn sie einen Partner dauerhaft an sich binden wollten. Sarah, hast du nicht selbst gesagt, die Bedeutung von Sex wird massiv überschätzt?“ „Sex ist wichtig. Aber es gibt größere Probleme in der Welt als die, die du für sexuelle Probleme hältst.“ „Sex ist wichtig. Das hört sich an wie ‚Hygiene ist wichtig‘. Genau das meinte ich gerade: Sex ist für manche, haha, ‚antike‘ Menschen ein funktionaler, instrumenteller Aspekt in einer Beziehung, eine Art Steuerinstrument.“ „Da irrst du dich aber gewaltig. Es kommt eben auf die Qualität an. Im Übrigen: Ich hätte keine Probleme damit, in so einen Club zu gehen.“ „Ich nehme dich beim Wort.“ „Moment! Und wenn ich da gar nicht hin wollte? Würdet ihr dann wieder so ein Dreier-Ding daraus machen?“ „Nein Thomas, ohne dich würden wir das natürlich auf keinem Fall machen. Wenn, dann müsstest du schon mitkommen. Oder wir gehen gar nicht. Außerdem: Hatten wir nicht längst beschlossen, dass wir das im Gespräch klären?“ „Die Hausaufgabe für Donata und Thomas? Du machst einen Rückzieher.“ „Nein, ich denke nur darüber nach, was die effektivste Lösung ist. Ich glaube nicht, dass wir nach dem Besuch eines Swinger-Clubs auch nur einen Deut schlauer wären. Die Phantasie hat da sicher weit mehr zu bieten.“ „Deine Phantasie, Sarah?“ „Meinst du, ich könnte in dieser Hinsicht keine Phantasien entwickeln?“ „Keine Ahnung, jedenfalls würdest du dich schwertun, sie auch in Worte zu fassen.“ „Täusch dich nicht!“ „Das ist es! Die Schlüsselszene des Romans: Paul zieht sich eine Dosis Adrenalin oder irgendein Zeug rein und führt Marie in einen Edel-Club aus, den sie sonst niemals bezahlen könnte. Aber Paul hat ja genug Geld. Hey, wer macht noch ein Date im Restaurant? Um sich so richtig in Stimmung zu bringen, geht man in einen Sex-Club für Paare! Und wen treffen die da? Natürlich Birthe und Ernest! Eine ziemlich peinliche Begegnung für Marie und Birthe, von wegen beruflicher Hierarchie und so. Vor allem Birthe fühlt sich nicht besonders wohl. Das reizt Marie dazu, vor ihren Augen Sex mit Paul zu haben, und vielleicht macht sie sich dann auch noch an dem Ding von Ernest zu schaffen. So lernen sich die Vier erst richtig kennen. Vielleicht macht sich Marie dann auch noch an Birthe ran. Sie fesselt sie im BDSM-Raum und genießt es, Macht über ihre sonst so ungeliebte Chefin zu haben.“ „Übertreib’s mal nicht, Justus. Was wäre dann noch mit der Rolle, die Omi in Maries Leben spielt? Wenn sie so draufgängerisch ist.“ „Die hat sich halt was Enthemmendes eingeworfen. Aber das mit Omi droht ja eine festere Beziehung zu werden. Das will Marie auf keinen Fall. Omi hat sehr exklusive Ansprüche an eine Beziehung, das ahnt Marie. Darum gibt sie sich bei Omi sehr viel spröder. Die gehen alle sehr strategisch in der Frage von festen Beziehungen vor. Marie ist ja durchaus nicht lesbisch, aber sie könnte trotzdem Spaß daran haben, bei Birthe einen Orgasmus mit einem Hochleistungsvibrator zu erzwingen. Und Ernest holt sich dabei einen runter.“ „Du schaust echt zu viele Pornos, Justus.“ „Tatsächlich? Dann wärst ja eigentlich du der Kandidat dafür, sich eine Szene im Club auszudenken. Hast deine Phantasie ja schon eifrig spielen lassen.“ „Nee, das könnte vielleicht etwas zu krass werden, ehrlich. Mich interessiert weit mehr, was in euren Köpfen so vor sich geht.“ „Wow, wir sind wirklich eine hübsche Versammlung von Feiglingen. Trotzdem war das jetzt schon ein richtiges kleines Abenteuer. Findet ihr nicht? Es macht echt Spaß, mit euch hemmungslos über alles reden zu können.“ „Sollten wir unbedingt fortsetzen.“

*

Donata beginnt kurz nach dem Start des Projektes einen Blog, auf dem sie ihre neuesten Fotos veröffentlicht und kurze Berichte über die Entwicklung des Romans schreibt – aus ihrer Sicht. [Dadurch würden sich die Gewichte zwischen den Autoren allerdings stark verschieben. Das hätte nicht nur Nachteile, sondern vielleicht auch den großen Vorteil, dass eine Figur deutlich in den Vordergrund rücken würde, in diesem Fall Donata. Um Sarah am Ende zur Herausgeberin machen zu können, müsste Donata allerdings irgendwann aus dem Projekt aussteigen und ihr „Ich will endlich raus!“ wahr werden lassen. Vielleicht kommt Donata auf die Idee mit dem Blog auch erst, nachdem ihr Sarah von dem anonymen Blog von Krull&Krull erzählt hat. Hinter diesem Blog könnten sich allerdings auch Sarah und Justus verbergen. Damit wäre die Konstellation des kinderlosen Paares komplett auf den Kopf gestellt. Der Blog von Krull&Krull käme nur in kurzen Zitaten im Roman vor. Sarah und Justus wären dann (wieder) ein eingeschworenes Team, das Donata und Thomas für eine Art soziales Experiment an den Angelhaken genommen hat. Sie spielen dann sowohl gegenüber Thomas und Donata eine verabredete und pseudoauthentische Rolle, als auch auf ihrem Blog. Dort könnten sie auch in verschlüsselter Form über ihr soziales Experiment berichten. Wäre Sarah dann noch die Business-Frau wie zuvor? Wäre Justus dieser erfolglose Jugendbuch-Autor? Oder wären sie in Wirklichkeit glückliche Lottomillionäre, die ihre Berufe bereits vor vielen Jahren aufgegeben hätten? Vielleicht hätte Justus tatsächlich diese Romane geschrieben und wenig Erfolg gehabt. Vielleicht hat Sarah wirklich eine Weile in einem großen Unternehmen gearbeitet. Ein mögliches Szenario: Nachdem Sarah und Justus einen zweistelligen Millionenbetrag im Lotto gewonnen hatten, stellte sich die Frage, wie sie damit umgehen sollten. Ein neues Leben beginnen, nicht mehr arbeiten müssen, aber sich auch nicht langweilen. Zudem wollten sie nicht, dass jemand von ihrem plötzlichen Reichtum erfährt. Sie haben ihren ursprünglichen Wohnort verlassen und sich neue Identitäten zugelegt. Sie bewohnen mehrere Wohnungen, eine davon ist die von „Justus und Sarah“, eine andere die von „Krull&Krull“. In einem neuen Roman, den „Sarah und Justus“ gemeinsam schreiben wollten, sollten ihre erfundenen Charaktere im Zentrum stehen. Um sich mit diesen Figuren wirklich identifizieren zu können, hatten sie begonnen, in der Öffentlichkeit mit ihren erfundenen Backstories aufzutreten. Es war ein verrücktes und dekadentes Spiel, das unter anderem darin bestand, bei Begegnung mit Fremden neue Details ihrer Geschichte spontan zu erfinden und zu improvisieren. Bedingung war, die „Angebote“ des anderen immer zu akzeptieren. Das Projekt „Sarah und Justus“ sollte zunächst auf ein Jahr begrenzt werden und am Ende sollte eine Art Roman daraus entstehen. Ihren Freunden (und ihren erwachsenen Kindern?) kündigen sie eine einjährige Auszeit im Ausland an. Als sie Donata kennenlernen erzählt Justus zwar von seiner Vergangenheit als Jugendbuchautor, sagt aber, der Name, den er damals verwendet habe, sei ein Pseudonym gewesen. Viele Autoren schreiben unter Pseudonym. Als dann Sarah, nachdem sie von Donata gehört hat, sie sei Fotografin, spontan die Geschichte von dem Reiseführer erfindet und dann auch noch leichtfertig von Rumänien spricht, gerät das Paar in Zugzwang, nachdem sich Donata für die Fotos angeboten hat. In Rumänien entsteht die Idee mit dem gemeinsamen Roman. Sarah findet es viel spannender, Donata und Thomas in ihr Spiel fest zu integrieren. Sie ahnen noch nicht, wie fatal sich dieses unmoralische Spiel auf Donata und Thomas auswirken wird. Die Rollenverteilung zwischen Sarah und Justus konkretisiert sich. Sie konstruieren sich als ein höchst problematisches, kinderloses Paar. Justus liebt die Rolle des Provokateurs, Sarah denkt sich ihre Geschichte vor dem Lottogewinn weiter. Was wäre gewesen, wenn sie nicht plötzlich im Geld geschwommen wären? Hätte ihre Beziehung gehalten? Auch diese Frage spielt für sie eine Rolle. Das ist für beide nicht nur angenehm. Das Improvisieren kann für sie auch schmerzhafte Seiten haben, denn bei aller Offenheit, die sie beide seit einigen Jahren pflegen, gibt es doch immer noch wunde Punkte. Aber sie haben auch Spaß daran, ihre unterschwelligen Auseinandersetzungen in den Chats auf die Spitze zu treiben. Die Konsequenz müsste allerdings sein, dass Thomas und Donata bei diesem Experiment am Ende irgendwie auf der Strecke bleiben. Der letzte Teil, den sie schreiben, wäre dann auch möglicherweise etwas wie eine doppelbödige Beichte. Und ja, Thomas hat recht, als er irgendwann anmerkt, er fühle sich wie eine Art Versuchstier. Die Pfade führen immer wieder hinaus in die gefakten Blogs von Donata und Krull&Krull. Zugleich bleibt der Roman über das Vierer-Team in sich homogen. Für Donatas Blog müssten allerdings gefakte Fotos entstehen, für die sich Freiwillige zur Verfügung stellen müssten. Entsprechend würden die Grenzen des Romans radikal aufgesprengt.

Die Geschichte einer Manipulation? Wie würden Sarah und Justus in das Leben von Donata und Thomas verwickelt – und umgekehrt? Was passiert, wenn aus dem Spiel Ernst wird? Nehmen Justus und Sarah ihre Verantwortung wahr? Was, als klar wird, dass Thomas im Burn-out steckt? Was, als deutlich wird, wie sehr Donata ihre Kinder vernachlässigt? Was, als Donata immer stärker von Thomas abrückt? Intervenieren sie? Beginnt Sarah sich um die Jungs zu kümmern? Wie kommen sie aus dieser Nummer wieder heraus? Was ist mit dem Vertrauen, das Thomas und Donata in sie entwickelt haben? Wenn das gemeinsame Romanprojekt scheitert, und dazu auch die Beziehung zwischen Thomas und Donata, dann laden Justus und Sarah zu große Schuld auf sich. Die Hexenmeister können über den Besen, den sie zum Leben erweckt haben, nicht mehr verfügen.

Was kann dann noch im Haus am See geschehen? Sarah und Justus könnten die Figuren des Zukunftsromans am Ende auslöschen, erschießen – und Thomas und Donata ihre Geschichte erzählen, woraufhin Donata und Thomas schließlich Justus und Sarah erschießen.

Die Katastrophe am Ende des Hauptteils müsste dazu führen, dass Sarah alle in ein Haus in Rumänien einlädt, um die Sache, den Betrug aufzuklären. Übrigens dürfte dann zwischen Donata und Justus nichts „Außereheliches“ vorgefallen sein. Oder etwa doch? Ist das vielleicht Teil der Katastrophe, dass Justus und Sarah ebenfalls nicht ungeschoren aus der Geschichte herauskommen? Weil Justus übertreibt, übermütig wird? Weil Sarah tatsächlich eine Affäre mit Pascal hatte? Weil Justus und Sarah bald selbst nicht mehr wissen, was Wirklichkeit und was Fiktion ist?

Umorganisationen: Die erdachte Affäre mit Pascal lässt Sarah schon sehr frühzeitig heraus. Und Sarah wird tatsächlich noch einmal schwanger, allerdings von Justus. Wer hätte das gedacht? Donata hat bei einem Treffen bemerkt, dass Sarah ein Bäuchlein kriegt. Aber Justus erfindet die Beziehung zu Xaver, den sich Sarah einmal im Chat spontan ausgedacht hatte. Wie reagiert der erfundene Justus darauf? Zieht er sich zurück? Welches Drama inszenieren Sarah und Justus dafür? Oder ist Sarahs Schwangerschaft doch nur erfunden? Dann wollen Sarah und Justus nur sehen, wie Thomas und Donata auf dies Drama reagieren, die wie erwartet und erhofft, zu Liberalität und Verzeihen ermahnen. Dann ist wenigstens endlich ein Kind in der Familie? Ist doch nicht so schlimm, wenn es ein braunes ist. Ist es braun? Wer war nochmal Xaver?

Noch einmal das Modell: Dem Paar, das sich die Namen Justus und Sarah gegeben hat, eröffnen sich mit einem Lottogewinn alle Möglichkeiten, ein anderes Leben als zuvor zu führen.  Die beiden beschließen, zunächst für ein Jahr in neue Identitäten zu schlüpfen, ihr Leben gewissermaßen zu einem Roman zu machen. Für dieses Spiel brauchen sie natürlich auch Mitspieler, die zugleich ihr Publikum sind. Eine dekadente Maskerade, die zugleich ein Selbsterfahrungstrip sein soll. Grundsätzlich sehen sie keine moralischen Probleme, denn sie treten ja als „normales“ Paar auf. Dass sie ihre Geschichten und ihre Handlungsmotive erfinden bzw. improvisieren, ist ihr persönliches Spiel. Für die Konsequenzen, die die anderen daraus ziehen, sind sie nicht verantwortlich, oder nicht mehr, als wenn sie sich mit anderen Geschichten ausstatten würden, oder „sie selbst“ wären. Dieses „wir selbst“ haben sie aber grundsätzlich in Zweifel gezogen. Sie sind, was sie aus sich machen. Solange sie nicht direkt in das Leben der anderen eingreifen, oder Profit aus ihren Bekanntschaften zu ziehen versuchen, den anderen schaden, ist das, was sie tun, im engeren Sinne kein Betrug. Jeder Mensch erfindet seine eigene Geschichte, indem er aus Fragmenten seiner Erinnerungen Sinnkonstrukte herstellt und sich so eine Identität verschafft. Diese Neigung jedes Menschen treiben Justus und Sarah spielerisch auf die Spitze. Als zweckfreie Kunst, als gelebte Literatur. Erfinde dein Leben! Sie können es sich erlauben, es ist eine ganz besondere Form des Luxus. Die Menschen verbergen sich doch auch in ihrem scheinbar authentischen Leben hinter Masken. Hinter die Masken der anderen wollen Sarah und Justus schauen, indem sie sich selbst Masken aufsetzen und sich Methoden überlegen, mit denen sie die anderen dazu verführen können, ihre Masken fallenzulassen. So der Plan. Was für ein Vergnügen! Aber aus jedem Spiel wird irgendwann ernst. Justus ist fasziniert von Donata und lässt sich auf eine Affäre mit ihr ein. Justus hat die Grundregel verletzt und auch ihr Bündnis in Gefahr gebracht. Sarah will aussteigen, sie ist verletzt, fühlt sich aber irgendwie auch gebunden an die libertäre Haltung, die sie aus Thomas und Donata herauszulocken versucht haben. Seitensprung? Muss das ein Grund für die Trennung sein? Sarah begibt sich auf eine fiktive Reise nach Rumänien und zieht vorübergehend in die Zweitwohnung, wo sie sich in neue Kapitel für Birthe vertieft. Überhaupt: Justus hat sehr viel mehr Gefallen an dem Spiel mit falscher Identität, und Sarah interessieren immer mehr die Fragen, die sich aus dem Zukunftsroman ergeben. Sie wird ernster und bekommt Skrupel. Sie will, dass der Zukunftsroman seriös wird. Das ist sie den beiden Mitautoren schuldig. Sie sollen wenigstens mit einem Ergebnis aus diesem Spiel gehen, das sie befriedigt. Deshalb schreibt sie auch die Kapitel für Ernest, die Justus nicht in Angriff nimmt. Sie begreift, dass ihr Spiel nur eine schöne Illusion gewesen ist und dass Justus sich nicht verändert hat. Ihr stoßen all die Verhaltensweisen von Justus auf, die sie auch schon vor dem Lottogewinn gestört haben. Und Justus fühlt sich immer noch von Sarah dominiert und beginnt, nur noch seinen Vorteil zu suchen, den Nervenkitzel. Er beginnt immer mehr, seine Macht zu genießen und auszunutzen. Um Schlimmeres zu verhüten, müsste Sarah die ganze Sache auffliegen lassen. Oder kommt ihnen Thomas auf die Schliche? Sarahs Erzählungen von ihren beruflichen Erfolgen entsprechen keine Informationen im Internet. Lügen haben kurze Beine. Das Pseudonym, das Justus angeblich für seine Jugendbücher benutzt hat, ist sein wahrer Name, Justus Stirner das Pseudonym. Thomas und Donata müssen sich ausgenutzt und ausgebeutet fühlen. Aber warum? Zu welchem Zweck?

Peinliche Situation. Der erste Affekt: Schuldeingeständnisse, tiefe Scham, Rückzug. Wollen jetzt alle kapitulieren? Soll der Roman nicht beendet werden? Gehen zwei Ehen in die Brüche? Kann und darf es das Kunstwerk Leben (als gelebte Fiktion, als freies Spiel) nicht geben?

Aber es ist doch auch ein spannendes, aufregendes Spiel gewesen! Ist der Gedanke, das Leben als Spiel aufzufassen nicht nach wie vor reizvoll und sogar sinnvoll? Was spricht gegen das Erproben immer neuer Rollen? Ist das nicht die einzige Möglichkeit der Befreiung: sich an die eigene Geschichte gebunden zu fühlen? Sartre meinte, wir hätten „unsere Geschichte zu sein“, aber erschrieb ebenfalls, dass das Wesen des Menschen Freiheit sei. Noch der Gefangene habe die Freiheit, gegen die Gefängnismauern anzukämpfen, auf den Entwurf in die Zukunft käme es an. Es gibt die Möglichkeit, dass sich die vier Autoren erneut verbünden und in eine neue Phase des Spiels übergehen, für das keine Masken mehr nötig sind.

 

Die literarischen Motive und ihre dramaturgische Bedeutung:

Der Lotto-Jackpot und das gute Leben: Wenn es um die Frage geht, „wie wir leben wollen“, dann fallen uns viele Hindernisse ein, die verhindern, dass wir so leben könnten, wie wir wollten. Es sind zumeist wirtschaftliche Einschränkungen, die uns daran hindern, immer das zu tun, was wir wollen und für richtig halten. Wenn es um das gute und vor allem richtige Leben geht, also der moralische Aspekt in den Vordergrund gerückt wird, geht es oft nicht mehr um das angenehme und bequeme Leben, sondern um die Harmonie aller mit der Natur, mit sich selbst und dem Planeten Erde. Es erscheint illusorisch, auf eine Revolution oder eine weltanschauliche bzw. religiöse Massenumkehr zu hoffen, die allen Menschen ein menschenwürdiges Leben in und mit der Natur ermöglichen würde. Die moralischen Ansprüche derer, die sich eine solche Revolution wünschen, verschwinden nicht mit der Einsicht in die Unwahrscheinlichkeit, dieses Ziel jemals erreichen zu können. Die individuelle Lösung besteht in einer Mischkalkulation, bei der die Vorteile der unausweichlichen Einbindung in eine kapitalistisch organisierte Gesellschaft mit einigen wenigen signifikanten Elementen kombiniert werden, die den Lebensweisen und Einstellungen im moralisch-ökologischen Utopia zu entsprechen scheinen. Wenigstens graduell in geringerem Maß das eigene Leben nach den Maßgaben des raubbauenden Kapitalismus zu gestalten, beruhigt das Gewissen und bedient damit die Sehnsucht danach, ein moralisch richtiges Leben zu führen. Die Elemente können im Bereich der Ernährung liegen (Bio-Produkte, Vegetarismus, Konsumvermeidung, Umweltaktivismus etc.), im caritativen Bereich (Spenden, soziales Engagement, Menschenrechtsorganisationen etc.) oder im Bereich des politischen Aktivismus. Die Aktivitäten können aber immer nur auf der Grundlage einer gewissen wirtschaftlichen Potenz aufrechterhalten werden. Entweder man arbeitet für eine Umweltorganisation, oder man ist zum Beispiel ein politischer Abgeordneter. Wenn nicht, muss das moralisch motivierte Ausgleichsverhalten durch die Beteiligung an genau dem Wirtschaftssystem erkauft werden, gegen das sich die moralischen Bemühungen in letzter Konsequenz richten müssen.

Bei den wenigsten Menschen stehen vermutlich die moralischen Grundsätze und Ziele als Handlungsmaximen an erster Stelle, sogar für die wenigsten Aktivisten. Das wirtschaftliche Fundament für das Handeln muss in jedem Fall gelegt und gesichert werden. Wer kein Geld besitzt, ist in jeder Hinsicht ohnmächtig und könnte allenfalls noch zum Märtyrer werden. Menschen, für die das gute und richtige Leben in hohem Maße ein moralisch richtiges ist, leben daher trotz aller Bemühungen in einem Widerspruch zwischen ihren Werten und der Eingebundenheit in einen vermutlich zerstörerischen und teils unmoralischen Wachstumskapitalismus. Der Widerspruch lässt sich nur zu einer Seite hin auflösen, nämlich in die Richtung eines hemmungslosen Hedonismus, der das kapitalistische System ohnehin antreibt. Zur Seite eines mit wahrnehmbaren Effekten verbundenen moralisch richtigen Handelns gibt es nur graduelle Steigerungsmöglichkeiten, die mit hohem persönlichen Aufwand erreicht werden können – oder auf der Grundlage eines größeren Vermögens (Bill und Melinda Gates). Wer wenig hat, empfindet dagegen die meisten moralischen Ansprüche als Luxus.

Bei der Frage, wie sie sich ein gutes und optimales Leben vorstellen, würden die meisten Menschen als erstes an das wirtschaftliche Fundament denken: Geld. Geld öffnet alle Türen. Der Lotto-Jackpot von 25 Millionen Euro (für wirklich Reiche ein lächerlicher Betrag) eröffnet für den Otto-Normalverbraucher viele neue Möglichkeiten, die für ihn mit dem guten Leben in Verbindung stehen. Wenn man den Betrag erst einmal auf seinem Bankkonto weiß, verblassen die guten Vorsätze, einen großen Teil davon für gute Zwecke zu spenden. In den Vordergrund rücken vergangene unerfüllte und neue ungeahnte Konsumwünsche, zu denen im Prinzip alles gehört, was bezahlt werden muss, also auch z.B. Reisen, das Haus am See, teure Restaurants – alles das, was sich auch Ernest leisten kann. Er ist der Superreiche, der sich seinen Reichtum erarbeitet hat und seine moralischen Ansprüche auf individuelle Weise mit den Notwendigkeiten des kapitalistischen Systems vermittelt hat. Er hat wie die meisten Anderen persönliche Schuld auf sich geladen (das „Findelkind“) und ist in kollektive Schuld verwickelt, der er aber zu entkommen versucht hat. Birthe hat für sich eine Nische gefunden, in der sie ihre Verwicklung in kollektive Schuld weitgehend ausblenden kann. Daher hält sie sich für moralischer als Ernest.

Das gute Leben auf der Grundlage eines großen Vermögens kann auch noch einige Aspekte im Randbereich der Konsumkultur aufweisen: Freizeit, Zeit für kreative Tätigkeiten, die Lösung aus belastenden bzw. lästigen Bindungen etc. Das Paar mit dem Lottogewinn muss sich nicht mehr als Zugewinngemeinschaft verstehen, dessen wirtschaftliche Situation durch eine Trennung gefährdet werden würde. Die wirtschaftliche Unabhängigkeit (12 Millionen für jeden) wirft die Frage auf, ob die Partnerschaft unter diesen Bedingungen weiter aufrechterhalten werden soll. Abgesehen davon, dass man sich die Liebe und Anerkennung des Partners wünscht und benötigt, bietet der Reichtum die Möglichkeit, eine bestehende Partnerschaft weitgehend risikolos zu gefährden, etwa durch Seitensprünge oder die Uneinigkeit über weitere Ziele und Konsumwünsche (der Wohnsitz in der Karibik oder am Gardasee? Ich hier, du da?). Man muss keine Kompromisse mehr machen. Und wie viele Kompromisse man früher gemacht hat, bemerkt man erst mit dem unverhofften Reichtum.

Es gibt viele Fallstricke für die neuen Lottomillionäre: Das Geld ist schnell sinnlos ausgegeben, Freundschaften zerbrechen, nachdem man mit dem neuen Reichtum geprahlt hat und die fordernden falschen Freunde zahlreicher geworden sind. In einer Kleinstadt wie Parchim oder Pocking gäbe es auch viele Bittsteller aus Politik und Kultur, die lästig werden könnten. Die Angst vor Überfällen und Entführung steigt (wenn auch eher unbegründet). Es ist ratsam, den Millionengewinn geheim zu halten und den Konsum nur sehr moderat zu steigern.

Für Sarah und Justus stehen mit dem Gewinn (in diesem Modell) wichtige Entscheidungen an. Wollen sie ihr Kapital durch Arbeit und Investitionen weiter vermehren? Oder nutzen sie es für die Ausgestaltung eines guten Lebens? Wollen sie weiter eine Wochenend-Ehe führen? Will Sarah jetzt doch noch ein Kind? Justus will sich angesichts der neu gewonnenen Freiheit nicht unnötig einschränken. Nicht durch ein Kind. Über ihre Träume sind sie sich anfangs noch nicht wirklich klar. Wird Justus weiter Romane schreiben und auf den großen Erfolg hoffen? Die Ruhe zum Schreiben hatte er doch auch schon zuvor. Will Sarah weiter in ihrem Beruf arbeiten? Oder kauft sie sich in das rumänische Mode-Label ein, das ihr bisheriges Unternehmen, für das sie arbeitete, aufkaufen oder untergehen lassen wollte? Spenden die beiden eine beträchtliche Summe ihres Vermögens für gute Zwecke? Das würde sie sympathisch machen. Als Teilhaberin von HEDDA/Irascible und Mitglied des Managements müsste sie nicht mehr so viel Zeit mit echter Arbeit zubringen wie zuvor. Sie hat Zeit. Und Justus hatte immer schon Zeit. Was wollen sie mit dieser Zeit anfangen? Alle wirtschaftlichen Hindernisse sind aus dem Weg geräumt. Sie können ihr Leben gestalten, wie sie wollen, solange sie das Geld nicht für Überflüssiges ausgeben. Und das will Sarah auf keinen Fall. Justus verfällt erst einmal dem Kaufrausch und plappert gegenüber Freunden und Bekannten aus, dass sie sich über Geld keine Sorgen mehr machen müssen. Justus feiert Partys und gibt das Geld mit beiden Händen aus. Bis die ersten Bittsteller auf der Matte stehen und die Freunde zu Trittbrettfahrern mutieren. Irgendwann steht für beide fest, dass sie in sich gehen müssen (vor allem Justus) und ihr weiteres Leben, wenn es denn ein gemeinsames bleiben soll, planvoll gestalten müssen. Sie machen sich sehr viele Gedanken über ein „gutes Leben“ in einer „schlechten Welt“. Mit Spenden ist es nicht getan, auch nicht mit einer Minimierung ihres Konsums auf das Allernötigste. Und lebt der Mensch, um weite Reisen zu machen? Sie spüren, dass ihnen eine ideelle Grundlage für das gute Leben fehlt, die über den Anspruch hinaus geht, das Leid anderer Menschen zu lindern und die Zerstörung der Natur zu verzögern und ansonsten einen Beitrag zu gesellschaftlichen Aufgaben durch ihre Arbeit oder ihr Geld zu leisten. Was macht ein gutes Leben jenseits der kulturell vermittelten Werte aus, denen Justus und Sarah nicht abschwören wollen? Was ist Freiheit? Freiheit des Geistes, Freiheit des Handelns. Justus findet, die Kunst, die Literatur und die Musik seien die letzten verbliebenen Reiche der Freiheit. Genaugenommen alles das, was Hegel als „den seiner selbst bewussten Geist“ definiert: Die Künste, die Religion und die Philosophie. Schreiben, denken, Kunst machen. Das eigene Leben zu einem Kunstwerk machen, zu einem freien Spiel, zu einem literarischen Kunstwerk. Das menschenwürdigste Leben ist das im freien, sorglosen Spiel. Hat man die Möglichkeit (qua Lotto-Jackpott) einmal gewonnen, dieses freie Spiel zu spielen, dann ist man dazu auch verpflichtet. Und was ist mit einem Kind? Justus findet Sarah zu alt dafür und würde die Möglichkeit des freien Spielens massiv einschränken. „Denk nur daran, dass wir für mindestens 13 Jahre an eine Schule und an eine Stadt gebunden wären!“

Sarah und Justus machen einen neuen Anfang in einer anderen Stadt. Hier entwickeln sie ihren Plan, ein in ideeller Hinsicht freies Leben zu führen. Teil dieses Plans ist die spielerische Fiktionalisierung ihrer Geschichte und ihrer Identität. Die Kunst speist sich aus der Improvisation, deren Hauptregel darin besteht, „Angebote zu akzeptieren“ und Hochstatuswettkämpfe möglichst zu vermeiden (Keith Johnstone), sowie der geplanten Lüge unter dem Vorbehalt, dass dadurch niemand übervorteilt, ausgebeutet, physisch verletzt, seelisch traumatisiert oder in anderer Weise seiner Menschenwürde beraubt wird. Bei genauerer Betrachtung dieser Regeln wird deutlich, dass alle die Regeln einschränkenden Begriffe ohne Definition zu schwammig bleiben – ebenso wie schon der Begriff der Freiheit. Wo endet die Freiheit und wie wird sie eingeschränkt durch die Verantwortung?

„Definitionen:

Freiheit: absolute Gedankenfreiheit, bedingte physische Freiheit, die die physische Freiheit Anderer nicht beschneidet. Die Gedankenfreiheit ist nicht automatisch auch schon eine Freiheit, diese Gedanken auszusprechen. Vor allem kann das Aussprechen von Gedanken als sprachliche Handlung die Freiheit Anderer beeinträchtigen. Dabei lässt sich selten eindeutig voraussagen, welche sprachlichen Handlungen eine derartige Beschränkung der Freiheit Anderer darstellen. Wir berufen uns auf die Meinungsfreiheit, die sicherstellt, dass Meinungen frei geäußert werden dürfen. Verboten sind Beleidigungen, verbale Erniedrigungen, sprachliche Handlungen in täuschender Absicht, sofern sie Andere zu Handlungen veranlassen, die sie in Gefahr bringen oder materielle Schäden verursachen würden.

Frage: Den Verlauf eines Gespräches derart zu beeinflussen oder zu manipulieren, dass zum Beispiel der eheliche Friede zwischen zwei Partnern „durch sie selbst“ gestört oder zerstört wird – wäre das ein durch sprachliche Handlungen verursachter Schaden? Wir sehen unsere Aufgabe nicht darin, mit anderen Menschen „therapeutische Gespräche“ zu führen. Nichts anderes wären sie, wenn wir stets darauf bedacht wären, die Konflikte Anderer durch unsere Interventionen zu entschärfen oder zu verhüten. Einen Konflikt zwischen Anderen zu verschleiern kann nicht das Ziel unserer Auffassung als Künstler entsprechen. Im Gegenteil: Konflikte und Lebenslügen müssen die Chance erhalten ans Tageslicht zu kommen, denn nur dann können sie auch aufgelöst werden. Die künstlerischen Ziele sind „Drama“, Bewegung, Veränderung, Hilfe zur Selbstaufklärung. Justus sieht ihre Rolle in der Nähe des Abbé aus Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre, der aus dem Hintergrund die Geschicke Wilhelms lenkt. Ein weiteres Vorbild ist in Émiles Erzieher aus Rousseaus berühmten Werk über die Erziehung zu sehen. Justus meint: Die Menschen müssen ihre eigenen Erfahrungen machen. Es kommt aber darauf an, sie in die dafür geeigneten Situationen zu locken. Entsprechend ist der Künstler, wie ihn sich Justus und Sarah vorstellen, ein Katalysator, der Arrangements schafft, durch die die Anderen hindurchgehen (oder es sein lassen, denn sie sind frei) und die sie am Ende als Verwandelte wieder verlassen.

Über die eigene Identität befindet allein das Individuum. Die Identität als Künstler wird durch das künstlerische Konzept bestimmt, sofern dieses Konzept als performative Kunst die Fragen der Identität berührt. (Gedankenfreiheit, Selbstbestimmungsrecht)

Übervorteilung und Ausbeutung finden immer dann statt, wenn eine Person aufgrund der Vorspiegelung falscher Tatsachen zu einer Handlung veranlasst oder gezwungen wird, die sie ohne den Täuschungsversuch unterlassen würde. Einen Anderen über seine Identität im Unklaren zu lassen, stellt in dieser Hinsicht keinen Tatbestand der Übervorteilung oder Ausbeutung dar, solange die zum Ausdruck gebrachten Gefühle aufrichtig sind und Verbindlichkeiten und Versprechen gehalten werden. Die Aufrichtigkeitsregel berührt auch die Frage sexueller Handlungen. Prinzipiell wären sexuelle Handlungen möglich, aber wir verpflichten uns dazu, sexuelle Handlungen zu unterlassen, da diese Verbindlichkeiten erzeugen könnten, für deren Einhaltung keine Gewähr gegeben werden kann, psychische Verletzungen nicht auszuschließen wären und die Beziehungen Anderer in unvorhersehbarer Weise gefährdet werden könnten. Die eigene Lustbefriedigung soll zwar auch Teil des Spiels sein, aber sie darf nicht auf Kosten anderer entstehen. Berührungen und Küsse sind im Zweifelsfall erlaubt.“

Teil der Dramaturgie wäre, dass Donata und Thomas den beiden ab einem bestimmten Zeitpunkt auf die Schliche kommen. Sarah und Justus machen es ihnen auch leicht, denn Zazie und Roman Krull beschreiben in ihrem Blog das Modell dieses performativen Kunstwerkes ausführlich. Der Chat wird nach und nach zu einem Detektivspiel, bei dem das Künstlerpaar überführt werden soll. Vielleicht ist es zunächst auch nur Donata allein, die Nachforschungen anstellt und peinliche Fragen stellt. Vielleicht verbünden sich aber auch Thomas und Donata, um den beiden eine Falle zu stellen. Sie wollen Gewissheit. Die Regel der sexuellen Enthaltsamkeit bei diesem Spiel, die in Rumänien beinahe gebrochen wurde, fordert Donata in besonderer Weise heraus. Sie ist es, die Justus in dieser Hinsicht aus der Reserve zu locken versucht. Sie will sehen, wie viel Widerstand Justus gegen ihre Verführungsversuche aufbringt. Justus, der sich ihr nur schwer entziehen kann und große Schwierigkeiten hat, ihrem Drängen nicht nachzugeben, hört aus ihren Bemerkungen heraus, dass sie das Spiel durchschaut hat. Entweder er gibt die Täuschungen zu, oder er übertritt die Regel, um Donata den Wind aus den Segeln zu nehmen. Justus wird es Sarah als „tragische Situation“ schildern. Sarah wird enttäuscht sein und sein Verhalten als Schwäche deuten. Er hätte sich nicht in diese Situation bringen lassen dürfen. Wie sollen sie nun damit umgehen?

Auf der Blog-Seite formulieren Krull&Krull ihr performatives Konzept als künstlerisches Manifest. Indem sie Thomas und Donata den Blog zugänglich machen, geben sie, Justus und Sarah, ihnen die Möglichkeit, das Spiel zu durchschauen und decken damit ihr Lügenspiel in einer Weise auf, die Thomas und Donata die Chance einräumt, in dieses Spiel auf Augenhöhe einzusteigen. Sollten sie darauf direkt angesprochen werden, werden sie leugnen, dieses Spiel zu spielen, „auch wenn es eine sehr verlockende Idee“ sei. Oder sie bejahen es zunächst offensiv, um es indirekt wieder zu entkräften. Es gibt genügend Argumente, die dagegen sprechen, zum Beispiel, dass sie ja wirklich gemeinsam einen Roman schreiben, was ja neben all der Arbeit einen erheblichen Aufwand darstellt.

Donata könnte auf die provokativ gemeinte Idee kommen, Marie ein ähnliches Spiel beginnen zu lassen, bei dem sie Paul manipuliert, oder sie schlägt vor, Paul und Marie könnten sich verbünden um gemeinsam die „Lebenslügen“ von Birthe und Ernest aufzudecken. Denn in dem künstlerischen Manifest wird unter anderem als Ziel angegeben, „sowohl die eigenen Lebenslügen mit neuen Mitteln zu entdecken und zu bekämpfen, als auch die derjenigen, mit denen sie in guter Absicht in Kontakt treten, indem sie durch die eigene Offenheit und Wahrhaftigkeit, die Anderer zu bewirken“ trachten. Als Lebenslüge betrachten sie normative Einstellungen und die unreflektierte Befolgung von Konventionen, die die eigene individuelle Ohnmacht gegenüber der Gesellschaft als Ganzer verschleiern und daher nicht mit der Moral des freien Spiels vereinbar sind.

Die Ohnmacht des Individuums angesichts des expansiven Kapitalismus und der Allmachtsphantasien des menschlichen (und vor allem männlichen) Geschlechts verhandelt Sarah in den Kapiteln über Birthe und Ernest. Justus schreibt in der Tat nicht und verfällt zunehmend in alte Schemata. Er gefällt sich immer mehr als „pädagogischer Provokateur“ und genießt das Machtgefälle. Sarah versucht ihn immer wieder zurückzupfeifen und zur Mäßigung aufzurufen und wirkt daher oft gouvernantenhaft, was ihrem wahren Wesen und ihrem Selbstbild widerspricht. Thomas entwickelt provokativ das Bild des technisch optimierten Übermenschen. Ist der Mensch angesichts der problematischen und auf eine Katastrophe zusteuernden Entwicklungen in der Welt wirklich so ohnmächtig, wie Sarah und Justus behaupten? Lässt sich das Heil wirklich nur noch in der Kunst bzw. mit den Mitteln der Kunst bewirken? Und ist es ein rein individuelles Heil? Ginge es nicht doch eher darum, politisch aktiv zu werden? Wird die Wissenschaft die Menschheit retten? Sarah und Justus sind sich in dieser Frage nicht einig. Justus beharrt darauf, dass Kunst und die Literatur in gewisser Weise auch eine Form des politischen Handelns sind.

Nach dem sexuellen Zwischenfall zwischen Justus und Donata gerät das gesamte Konstrukt ins Wanken. Einige der wichtigen Fragen des Romans betreffen ja die Ehe, langfristige Bindungen, die bürgerliche Kleinfamilie als Keimzelle der Gesellschaft, die Reproduktion mit technischen Mitteln, die Frage nach der Natürlichkeit oder kulturellen Vermitteltheit des Konzeptes der Mutterschaft und der Vaterschaft, sowie die Probleme in einer immer älter werdenden Gesellschaft, die mit dem ewigen Leben liebäugelt. Alle diese Fragen berühren das Problem der zunehmenden Eindämmung von Humanität zugunsten einer radikalen und falsch verstandenen Individualisierung. Adorno spricht in diesem Zusammenhang von „Selbstbewusstsein ohne Selbst“. Theoretisch vertreten Justus und Sarah den Standpunkt, dass es in Zukunft neben der klassischen Kernfamilie auch andere soziale Gemeinschaften geben sollte, die die Fortpflanzung und die Erziehung von Kindern human und liebevoll organisieren (Illouz). Die bürgerliche Kleinfamilie ist ein Auslaufmodell, dass die Selbstbestimmung und Gleichstellung der Frauen weiterhin untergräbt. Sie liegen mit ihren Ansichten in einem wachsenden Trend. Künstliche Geburten und institutionalisierte Erziehung sind für sie keine Option. Auch für Thomas und Donata nicht. Aber eine Entlastung der Frauen von der klassischen Mutterrolle hält Donata für absolut notwendig. Sarah hingegen sehnt sich nach wie vor danach, diese Mutterrolle einnehmen zu können. Nachdem Justus die Verhaltensregel gebrochen hat und sich weiterhin weigert, ein Kind zu adoptieren, beschließt Sarah, sich ein Kind auf anderem Wege zu beschaffen. Jedenfalls will sie es riskieren. Justus weiß weder etwas über ihre Abtreibung vor vielen Jahren, noch etwas über den Liebhaber, den sie vor dem Lottogewinn gehabt hat. Sie hat sich von ihm losgesagt, als sie beschlossen, mit ihrer künstlerischen Performance zu beginnen und in dieser Idee wieder zueinander fanden. Nun aber nimmt sie erneut Kontakt zu Xaver auf. Ihre Absichten verrät sie Xaver nicht. Muss sie angesichts des Manifestes auch nicht, weil es ihr Kind sein wird und Xaver durch die Geburt eines Kindes, von dem er nichts erfahren wird, nicht beeinträchtigt sein wird. Hat ein Vater „Anrecht“ auf ein Kind? Als Besitz? Nie und nimmer. Das wäre altes patriarchalisches Denken. Wäre Justus durch das Kind beeinträchtigt? Nur wenn auch er diese patriarchalische „Lebenslüge“ für sich aufrechterhält. Was das Fremdgehen betrifft, sind die Beiden aus ihrer Sicht quitt. Und was einmal gewesen ist, soll ja laut Manifest keine Geltung mehr für das haben, was sie in der Gegenwart und in Zukunft aus ihrem Leben „als Kunst“ machen. Für niemanden entsteht ein Schaden, allein die alte Ideologie wird beschädigt.

Als Thomas von Donatas Seitensprung erfährt, gesteht er seinerseits einen Seitensprung. Donata rechtfertigt sich damit, die Absicht verfolgt zu haben, das Lügenspiel von Sarah und Justus aufzudecken, und Thomas beruft sich auf Donatas Ideen von einem „abenteuerlichen Leben“ (siehe oben), die sie als Folge der spielerischen Interventionen entwickelt hat und die ein offenes Modell von Ehe, Beziehungen und Familie ins Zentrum stellen. Gleichzeitig eskalieren die Probleme mit Luis, die offenbaren, dass Donata ihre Ehe und vor allem ihre Rolle als sorgende und versorgende Mutter innerlich bereits fast aufgekündigt hat. Thomas radikalisiert das Konzept des Übermenschen und kündigt die Zusammenarbeit auf. Und auch Sarah sieht das Projekt zunächst als gescheitert an. Aber sie fühlt sich weiterhin an ihr Manifest und die darin formulierten Regeln gebunden: Ehen dürfen nicht zerstört werden, Verbindlichkeiten müssen eingelöst werden. Das gemeinsame Projekt muss zu einem guten Abschluss gebracht werden. Dazu lädt sie alle in ein Haus nach Rumänien ein. Vielleicht lassen sich die Verletzungen wieder heilen, die Risse kitten. Erst in Rumänien offenbart Sarah Justus ihre Schwangerschaft. Im letzten Teil des Romans verschmelzen die fiktionalen Ebenen miteinander. Es bleibt unklar, ob der Roman ein Dokument des Scheiterns oder das eines Neuanfangs ist.

 

 

Inhalte des Manifestes

  • Sich von seiner Geschichte lösen, sich davon unabhängig machen.
  • Eine „liquid identity“ (Zygmunt Bauman) entwickeln. Die Fiktionalisierung des Ich. In der Zukunft bin ich immer auch als ein anderer denkbar. Mit anderen Gewohnheiten, Zielen, Wünschen und Lüsten.
  • Die Romane, Erzählungen und Spielfilme stellen für die meisten Menschen einen Ersatz für das eigene nicht gelebte Leben dar (Lutz Mommartz). Wir selbst und diejenigen, auf die wir uns bewusst einlassen, sind die Figuren eines humanen, moralischen Dramas und gestalten gemeinsam eine Lebensabschnittsgeschichte, die im echten Leben das hervorbringt, was wir sonst in Romanen nur lesen oder zu lesen wünschen.
  • Das Leben der meisten Menschen wird reguliert durch eine Vielzahl oft sinnloser oder sinnlos gewordener Normen und Konventionen, die sie daran hindern, es bewusst wie eine Romanhandlung zu gestalten. Sie und wir selbst als Performer sollen ihre bzw. unsere Lebensbedingungen, ihre bzw. unsere Körper, Gedanken und Ideen als das frei formbare und bewegliche Material zu begreifen lernen, mit dem sie/wir ihr/unser Leben vorwärts gestalten können. Dazu müssen wir, müssen sie die Automatismen, Schemata, Normen und Konventionen, nach denen sie bisher gelebt haben, aufdecken, hinterfragen und wenn möglich auflösen, wo sie die Fähigkeit und den Mut einschränken, in das Rollenspiel der Selbstfiktionalisierung einzutauchen.
  • „Vorwärts gestalten“ bedeutet: Das Leben nicht mehr erleiden und es im Rückblick als notwendige und nicht anders denkbare Faktizität begreifen, sondern die eigene Geschichte als Rollenspiel in die Zukunft entwerfen und gestalten.
  • Die Performance orientiert sich nicht an der kapitalistischen Konsumkultur, die unsere Begehrlichkeiten durch ihre materiellen und ideellen Verkaufsgüter konstruiert und uns davon zu überzeugen versucht, dass es unsere eigenen Begehrlichkeiten sind. Durch den Konsumkapitalismus werden wir aufgefordert, unsere Lebensgeschichten als eine Folge vorgegebener Akte des Konsums zu begreifen, die zu den bestimmenden und mit falschen Glücksversprechen gekoppelten Lebensereignissen werden sollen, die am Ende unsere Lebensgeschichte darstellen: der Kauf von elektronischen Geräten, Fahrzeugen, Einrichtungsgegenständen, der neuen Wohnung, von Reisen, Wellness-Aktivitäten, Therapien jeder Art, Unterhaltungsangeboten, Accessoires etc.
  • Die Welt lässt sich nicht retten. Die Logik des Kapitalismus, der unausweichlich geworden ist, erlaubt keine weltweite Revolution, die nötig wäre, um ihn in einen humanen und nichtexpansiven Kapitalismus zu verwandeln. Die Klimaziele werden verfehlt, Kriege und Ausbeutung von unterprivilegierten Menschen werden kein Ende nehmen, wissenschaftliche Erkenntnisse werden in erster Linie für ein weiteres Wirtschaftswachstum genutzt, das die Ressourcen unseres Planeten immer weiter und schneller ausbeutet. Dies alles geschieht, weil wir unsere Lebensgeschichten als die Geschichte unseres Konsums verstehen und uns diese Geschichte von eben diesem Kapitalismus erzählen lassen, um sie nachzuspielen. Die damit verbundenen Glücksversprechen werden immer nur für kurze Zeit erfüllt. Die Gier nach neuen käuflichen Ereignissen steigt immer weiter an. Der Kapitalismus schreibt das Buch unseres Lebens.
  • Arbeit ist das zentrale Element unseres Lebens. Arbeit sichert unser Einkommen und dieses Einkommen investieren wir für die Ausstattung unseres Lebens mit materiellen Gütern und käuflichen Events. Gesellschaftliche und kulturelle Normen und Konventionen regulieren die Abläufe des Arbeitens und Konsumierens und erzeugen immer neue Zwänge, die die Palette dessen, was zu konsumieren ist, um ein gutes und richtiges Leben zu führen, unaufhörlich erweitert.

Liquid Love Archive I

Justus (23.3.2018, 03:17): Habe gerade dein neues Kapitel gelesen. Ist ein toller wurf, Donata, das hast du doch nicht alles heute nacht geschrieben? Das macht mich ja geradezu neidisch! Und ich habe gedacht, ich bin hier der profi …  Habe schon mal ein paar kommentare hinterlassen, wie du es noch ein wenig geschickter aufbauen könntest. Kleinigkeiten. Hier und da was verschieben.

Donata (23.3.2018, 03:22): Nein, ich hatte schon eine Rohfassung, wir haben doch alle schon die ersten Texte in der Schublade, will sagen, auf dem PC, oder nicht? Ich bin gespannt auf dein erstes Kapitel! Aber mir reicht es jetzt, ich muss morgen früh raus. Gute Nacht.

Justus (23.3.2018, 03:35): Donata, bist du noch wach? Ich komm nicht so recht weiter mit meinem text. Ich muss an unseren chat von vorhin denken. Ich erinnere mich noch an den abend, als du uns von deinem kranken vater erzählt hast. Weißt du noch? Es ging um die abenteuer, die wir in unserem leben schon zu bestehen hatten. Am selben abend hast du andeutungen über ein besonderes abenteuer gemacht, das ich unter dem Stichwort „DAS FABRIKERLEBNIS“ abgespeichert habe. Du hattest dich geziert, die geschichte ausführlich zu erzählen, obwohl Sarah und ich sehr freimütig von unseren spannendsten abenteuern berichtet hatten. Meine begegnung mit der italienischen mafia, Sarahs verhinderte Liebesgeschichte in der u-bahn. Erinnerst du dich? Und dieser ganze peinliche scheiß in unserer verklemmten jugend.

Donata (23.3.2018, 03:40): Das ist jetzt genauso der falsche Moment wie damals.

Justus (23.3.2018, 03:42): Donata, liebes, du musst jetzt unbedingt noch von deinem ominösen FABRIKERLEBNIS berichten, damit ich heute ruhig schlafen kann.

Donata (23.3.2018, 03:43): Ich bin jetzt wirklich müde.

Justus (23.3.2018, 03:43): Und ich bin jetzt richtig wach.

Donata (23.3.2018, 03:44): Bist du sicher? Dann kann ich nämlich im Anschluss gleich Frühstück machen und den Rest des Tages in die Tonne treten. Ich bin ja auch nicht mehr 16. Wollen wir das nicht lieber auf Samstag verschieben?

Justus (23.3.2018, 03:46): Der ist doch schon für beileidsbekundungen reserviert.

Donata (23.3.2018, 03:47): Ist gar nicht so spannend, wie du glaubst.

Justus (23.3.2018, 03:48): Eine gutenachtgeschichte für Justus, der sonst noch auf dumme gedanken kommt. Bukarest ist weit und Sarah, will mir scheinen, noch viel weiter. Du warst doch sowieso schon im flow.

Donata (23.3.2018, 03:50): Nee, jetzt ist echt genug, ich geh ins Bett.

*

Donata (23.3.2018, 13:37): @Thomas: Den folgenden Text habe ich geschrieben, um so etwas wie eine Schuld abzutragen. Wir hatten bei unserer Reise in Bukarest ein paar Tage wegen geplatzter Termine zu überbrücken und deshalb viel Zeit für Gespräche. Wir verfielen anfangs in einen endlosen Fluss gepflegten Smalltalks und hatten bald das Gefühl, dass wir damit unsere Zeit vergeudeten. Du kennst Justus, er fing an, bei jeder Gelegenheit nachzubohren und schlug irgendwann vor, „Wahrheit oder Pflicht“ zu spielen, wie in Jugendtagen. Das war der Ursprung unserer Wahrhaftigkeitsregel. Jemand stellt eine Frage und du musst absolut ehrlich antworten, auch wenn es peinlich ist. Und du musst dir jede weitere Nachfrage gefallen lassen. Das ist übrigens nicht nur für den, der ausgefragt wird, grenzwertig, auch für den Fragesteller, dessen Fragen ja auch was offenbaren. Eines der extremeren Beispiele: Hast du dir als Kind mal irgendeinen Gegenstand in den Po gesteckt? Was hattest du für ein Gefühl dabei? Und dann kam es unter anderem zu den „Abenteuern“. Vielleicht sollten Sarah und Justus ihre „Abenteuer“ für dich auch noch einmal aufschreiben. Ich habe meines jedenfalls mal in Form gebracht. Justus bestand darauf. Du kennst die Geschichte schon. Ich habe sie dir vor vielen Jahren erzählt. Allerdings nicht vollständig:

In dem Viertel, wo wir damals wohnten, gab es eine alte, leerstehende Fabrikhalle. Meine Freundinnen waren fasziniert von diesem Gebäude, in dem sich in unserer Phantasie verborgene Schätze, Unbekanntes, Ungeheuerliches und möglicherweise das Böse schlechthin befanden. Alles, was in unserer geordneten und behüteten Wirklichkeit nicht vorkam, musste in diesem geheimnisvollen Gebäude versammelt sein. Durch die Fenster im Erdgeschoss konnten wir vergammelte Matratzen sehen, Spinte und Schränke, leere Flaschen, auf dem Boden herumliegende Zeitschriften und manches andere. Wir wagten lange nicht, uns Zugang dazu zu verschaffen. Die schweren Metalltüren waren allesamt verschlossen. Aber wir wussten, dass es einen Weg über zwei aufgebrochene Kellerfenster geben musste. Wir hatten mal beobachtet, wie zwei Jungs da einstiegen und lange Zeit nicht mehr herauskamen. Irgendwann zeigte uns Jette ein großes Diapositiv, das mit einer alten Plattenkamera geschossen worden sein musste, auf dem zwei Männer vor einem erlegten Elefanten posierten. Sie sagte, das habe ihr großer Bruder auf dem Dachboden des Fabrikgebäudes gefunden, und es befänden sich dort oben noch weitere Kisten und verschlossene Schränke mit vergessenen oder versteckten Habseligkeiten von wem auch immer. Sie schlug vor, dass wir auch einmal das Innere des Gebäudes erkunden sollten. Wir besorgten uns zuhause alles, was wir für eine zünftige Expedition zu benötigen meinten: natürlich Taschenlampen, aber auch ein Picknick und Werkzeug, um verschlossene Schränke und Geldkassetten öffnen zu können. Jette brachte einen Stoffbeutel mit alten Schlüsseln mit, die sich bei ihr zuhause über die Jahre angesammelt hatten. Es war eine große Überwindung, durch eines der muffig-feuchten Kellerlöcher einzusteigen. Jette war die Mutigste und machte den Anfang. Sie rutschte tief hinunter, fiel hin und landete in einer modrigen Wasserlache. Aber da unten war bereits Endstation, denn der weitgehend leere Kellerraum war verschlossen und keiner von Jettes Schlüsseln passte ins Schloss. Wir zogen sie an den Händen wieder heraus und versuchten unser Glück bei dem zweiten Kellerfenster, das offenbar zum Heizungsraum gehörte. Jedenfalls standen dort riesige verrostete Kessel und alle möglichen Rohre wanden sich an dem abgeblätterten Putz der Wände entlang. Diesmal hatten wir Glück und gelangten zu der Treppe ins Erdgeschoss. Es war ungeheuer spannend, die Räume der alten Fabrik zu erkunden. Wir öffneten jede Tür und waren über jede noch so unbedeutende Entdeckung begeistert. Ich erinnere mich noch an die Toiletten. Alle Kloschüsseln waren zerschlagen worden, die Fliesen braun verschmiert. Wahrscheinlich gab es auch Graffitis. Ich glaube, ich habe da zum ersten Mal pornografische Zeitschriften gesehen. Jette blätterte durch die vergilbten Seiten eines etwas aufgequollenen Magazins, das auf dem Boden lag, mit einer dünnen Eisenstange, die sie irgendwo aufgehoben hatte, und wir verzogen angewidert die Gesichter. Ich weiß nicht mehr genau, was wir da alles gesehen haben, aber wir fanden es jedenfalls eklig. Eklig und spannend zugleich. Jette hob das Magazin mit der Eisenstange an, balancierte es zu einer der zerschlagenen Kloschüsseln und warf es hinein, weil es ihrer Meinung nach dahingehörte. Langsam arbeiteten wir uns bis zum Dachboden vor, inspizierten vertrocknete Schmetterlinge und einen mumifizierten Vogel, einen kleinen Singvogel, der sich vielleicht durch ein halb geöffnetes Dachfenster dorthin verirrt hatte und dann wohl verhungert war. Wir waren ein wenig verwundert, denn keine der Dachluken stand offen. Wir fanden dann tatsächlich noch zwei Kartons und eine Holzschatulle mit Diapositiven. Sie waren wahrscheinlich alle auf einer Safari in Afrika entstanden, schwarzweiß, immer wieder dieselben Männer, die aussahen wie in den alten Filmen, die mein Vater sich hin und wieder im Fernsehen ansah. Die müssen aus den Dreißigerjahren gewesen sein. Weil wir dort oben auch ein paar Stühle und einen Tisch fanden, beschlossen wir in unserem Entdeckerstolz und in unserer Begeisterung über den Mut, den wir bewiesen hatten, hier unsere Zentrale einzurichten, mit Geschirr, Besteck, Kissen, Tischdecken und Vorhängen. Unser Geheimversteck. Schon am nächsten Tag standen wir wieder auf dem staubigen Dachboden und bestückten ein Regal, das wir im zweiten Stock gefunden hatten, mit allerlei Kram. Wir waren jetzt noch mutiger geworden als am ersten Tag und streiften auch allein durch die Räume auf der Suche nach weiteren Gegenständen, mit denen wir unsere Zentrale ausstatten konnten. Wir hatten zwar weder Strom noch fließend Wasser, aber wir trugen dennoch eine quietschende Schreibtischlampe, einen verkalkten Tauchsieder und ein Transistorradio mit einer abgebrochenen Antenne in unser neues Heim. Konstanze hatte in einer Abseite einen Stapel weiterer Porno-Magazine gefunden, die nicht so vergilbt, fleckig und aufgequollen waren wie unser erstes Fundstück. Auch wenn wir uns gegenseitig versicherten, wie abartig wir die Darstellungen darin fanden, studierten wir die Hefte doch eingehend, verstauten sie anschließend in einem leeren Pappkarton und beschlossen, ihn den „verbotenen Schatz“ zu nennen.

Nach einiger Zeit wurde uns in unserer Zentrale langweilig und wir begannen wieder mit unserer Expedition durch die anderen Räume. Wir spielten ein etwas komisches Spiel, bei dem wir uns irgendwo im Gebäude hinter irgendwelchen Türen verstecken mussten. Immer zwei von uns versteckten sich also und eine musste suchen. Konstanze hatte sich das ausgedacht. Ich hatte mir ein Versteck im zweiten Stock ausgesucht und war in einen etwas klapprigen Schrank gekrochen, als Jette, die im Erdgeschoss zu suchen begonnen hatte, einen markerschütternden Schrei ausstieß und panisch unsere Namen rief. Ich hatte mich noch nie in meinem Leben so sehr erschreckt und stellte mir vor, dass Jette jetzt gleich ermordet werden würde. Sie schrie dann nicht mehr, aber ich hörte, wie sie die Treppen heraufgelaufen kam. Ich wagte nicht, mein Versteck zu verlassen, um nicht auch noch dem Mörder in die Arme zu laufen. Das Herz schlug mir bis zum Hals, ich horchte auf jedes Geräusch, jeden Laut und überlegte fieberhaft, wie ich entkommen konnte. Hinter dem Fenster gegenüber sah ich einen Baum, dessen Äste nah heranreichten. Im schlimmsten Fall würde ich aus dem Fenster steigen und mich über einen der Äste bis zum Stamm hangeln. Wenn ich von dort vielleicht auch nicht weiterkommen würde, wäre ich zumindest gerettet. Dann würde ich von dort aus zusehen müssen, wie Jette und Konstanze von dem Mörder aufgeschlitzt wurden. Ich zitterte am ganzen Leib. Dann hörte ich Konstanzes Stimme und Jette sprach schnell und aufgeregt im Flüsterton. Sie mussten ganz in der Nähe sein. Ich verließ mein Versteck und traf auf die Beiden. Jette war totenbleich und sagte, dass sie unten einen Mann gesehen habe. Der habe furchtbar verwahrlost ausgesehen, mit blutunterlaufenen Augen. Und sei langsam auf sie zugegangen. Er habe sehr wütend ausgesehen. Bestimmt würde er gleich die Treppe zu uns hinaufsteigen. Zum Glück gab es ein zweites Treppenhaus. Wenn der Mann Konstanze gefolgt war, mussten wir über das zweite Treppenhaus entkommen können. Also schlichen wir dahin, horchten, stiegen auf Zehenspitzen die Stufen hinab und gelangten schließlich in den Heizungsraum, wo Konstanze und ich Jette, die zu weinen begonnen hatte, durch das erhöhte Fensterloch schoben und uns dann nacheinander heraufziehen ließen. Ich war die Letzte. Als sie mich bei den Handgelenken gefasst hatten, hörte ich hinter mir schlurfende Schritte. Ich schrie, sie sollten mich endlich hinaufziehen und blickte mich um. Da stand dieser Mann im Türrahmen und brummte irgendwas Unverständliches. Ich hatte Angst, dass er mich gleich packen und festhalten würde, und dann würde es um mich geschehen sein. Jette und Konstanze schrien ebenfalls und zerrten mich durch die Luke. Ich ratschte mir die ganze Seite auf und verlor einen Schuh. Auf der Flucht trat ich dann ausgerechnet auch noch in eine Scherbe. Die Narbe habe ich heute noch. Es blutete furchtbar. Aber ich hörte nicht auf zu laufen. Wir rannten einfach nur nachhause, das letzte Stück jede für sich allein, weil wir ja nicht im gleichen Haus wohnten. Mit meiner Wunde am Fuß war ich natürlich in Erklärungsnot. Mir blieb nichts anderes übrig, als meiner Mutter alles zu erzählen. Und die erzählte es später meinem Vater, der mich wütend anblickte und uns drei für verrückt und leichtsinnig erklärte. Ich musste versprechen, dass ich das Gebäude nie wieder betrete. Hätte ich auch so nicht.

Das ist die Version der Geschichte, wie ich sie Thomas erzählt habe, vielleicht etwas weniger dramatisch damals. Die würde ich ohne Umschweife auch jedem anderen erzählen. Und habe sie auch schon mal einer Freundin erzählt. Über das Spiel, das wir damals in der Fabrik gespielt haben, habe ich aus guten Gründen geschwiegen. Ich komme also unter der Bedingung unserer Wahrhaftigkeitsregel der berechtigten Nachfrage zuvor. Unser Spiel hatte mit dem zu tun, was wir in diesen Magazinen gesehen hatten. Konstanze hatte es sich ausgedacht, aber sie musste uns nicht lange überreden. Es bestand darin, dass wir uns ein Versteck suchen mussten und da etwas ganz Bestimmtes tun mussten, wobei wir dann erwischt werden sollten. Wir sollten uns in dem Versteck Hose und Schlüpfer runterziehen und dann so lange da unten an uns rummachen, bis wir entdeckt wurden. Ein bisschen pervers, aber natürlich furchtbar aufregend. Das war ein großes Gequietsche, wenn wir in unseren Verstecken erwischt wurden oder jemanden erwischten. Konstanze hatte sich einmal sehr gut versteckt. Ich brauchte eine Ewigkeit, bis ich sie in der Abseite fand, in der sie die Magazine gefunden hatte. Sie lag da mit runter¬gelassenen Hosen, die Hand zwischen den Beinen, und hatte einen seltsam glasigen Blick. Sie ließ sich durch mich, als ich die Tür öffnete, nicht irritieren, sondern rieb einfach weiter. Sie muss in dem Moment einen Orgasmus gehabt haben, vielleicht den ersten in ihrem Leben. Sie zuckte ein wenig und ich dachte, sie hätte sich vielleicht verletzt. Aber dann zog sie sich schnell die Hosen hoch und krabbelte ohne ein Wort aus ihrem Versteck heraus. Wir haben dieses Spiel niemals wiederholt. Auch nicht darüber gesprochen.

Justus (23.3.2018, 17:25): Hattest du auch einen orgasmus?

Justus (23.3.2018, 17:33): Würdest du das erlebnis als traumatisch bezeichnen? Ich meine, diese ungute verbindung von sex und angst. Die kleinen mädchen erkunden ihre unschuldige sexualität und dieses lustvolle erlebnis wird dann überschattet von todesangst und dieser vagen ahnung davon, was es heißt, vergewaltigt zu werden. Hat das deine einstellung zur masturbation negativ beeinflusst?

Justus (23.3.2018, 22:23): Keine antwort ist auch eine antwort.

Liquid Love

Mal ehrlich – oder besser: im Ernest! – viele Köche verderben den Brei, oder? Besonders wenn der Topf, in den man seine Zutaten wirft, ein Roman ist. Könnte man meinen. Aber wenn man das Gewese und Geraune der Pseudoexperten um den modernen Roman vorübergehend ignoriert, die Apologeten romantischer Genialität links liegen lässt und den verderblichen Brei zurück in die Metaphernschatzkiste stopft, können wir uns genügend Platz für ein üppiges Buffett verschaffen, zu dem viele Hände, jedenfalls mehr als zwei oder vier beitragen können. Denn auch ein gelungenes und erfülltes Leben lebt keiner für sich allein. Und an einem Roman – sei er noch so druckfrisch und seine Autorin so jung wie Büchner, Jesus oder Sally Rooney – haben schon Dezennien vor seiner Entstehung ungezählte Hände geschrieben. Eine Tatsache, die die Frage aufwerfen könnte, ob eine Autorin mehr Köchin oder mehr Konsumentin im Supermarkt der sprachlichen Diskurse ist. Wir fragen aber nicht und beschließen an dieser Stelle mal in autoritärem Ton, dass der Geniekult, der gegenwärtig die Eigentümlichkeiten der Schaumgeborenen aus dem diskursiven Meer an die Ufer der Buchläden spült, obsolet ist. Schon lange. Haben aber ein paar Leute, die es besser wissen müssten, leider wieder vergessen.

Also noch einmal zurück zum Bild: Im Sternerestaurant legen wir uns brav die Serviette auf den Schoß, nippen kundig und kompetent am Burgunder, geraten außer uns beim Anblick einer Mikrokomposition aus Mousse, Juice, Filet und glasierter Zuckererbse und steigern uns autosuggestiv in gustatorische und olfaktorische Ekstase, während wir die augeklügelte Komposition zu Brei kauen. Kann man machen, ist geil und ist vergleichbar mit dem Besuch eines exquisiten Swingerclubs, in dem du auch an einem Abend ein halbes Monatsgehalt lassen kannst. Die Party kannst du aber auch gut und gerne zuhause haben, wenn du dich traust: Jeder bringt mit, was er hat und kann. Und alle kosten von allem und jedem. Rezepte werden ausgetauscht, der Wein fließt in Strömen, man lacht, schweigt, hört zu, diskutiert, tanzt, umarmt sich, tröstet, nimmt die letzte Olive und teilt sie mit den feuchten Lippen dieser Person mit der zerlaufenen Wimperntusche und dem nass verschwitzten T-Shirt. Fühlt sich gut an. Für beide.

Einen Roman nicht allein zu schreiben, nicht der „Einzige und sein Eigentum“ sein zu wollen, bietet eine große Chance, die nämlich, am Leben der Anderen in viel größerem Maße und weitaus intensiver Anteil zu nehmen, als wir es uns in unserer Schamkultur gemeinhin erlauben. Klingt nach faulen Kompromissen? Stimmt nur, solange man weiter einem Geniekult anhängt, der heute ein Marketing-Gag des kapitalistisch organisierten Buchmarktes ist: Was sich als Unterhaltung für die breite Masse nicht verkaufen lässt, preist man eben als einzigartiges Machwerk eines ebenso solitären Machers an, dessen Genialität (oder Singularität) eben nur diejenigen Leser begreifen und genießen können, die sich selbst für verkappte und unverstandene Genies halten. Funktioniert. Besonders gut funkt’s zwischen den jugendlich-übermütigen (oder besser: übermutigen) Schreiberinnen und den überjugendlichen Mittfünfzigern, die sich als Leserinnen unterkomplexer Pubertätsprosa wieder so richtig jung fühlen können. Unsere Zeit ist einfach zu liquide geworden, um in ihr noch Platz für die Alten und Weisen einzuräumen, deren Wissen und Gewissheiten uns bereits gestern als vorgestrig erschienen, während unsere Kinder doch die Zukunft sind, seien es nun die Literaten, Informatiker oder Ingenieure. Klar ist, dass sie unsere Zukunft bauen werden. Wir folgen ihnen blind.

„Liquid Love“ heißt der Roman, den uns vor wenigen Wochen unsere Freunde zur Probelektüre überlassen haben. Die Sache ist durchaus pikant, denn in der Anfangsphase haben wir selbst an diesem Experiment teilgenommen, das vor etwa drei Jahren begonnen hat. Da war es noch ein Projekt von „UtaundAndré“ und „NinaundAleksander“ gewesen. Auf die Umstände, die dazu führten, dass UtaundAndré vor einem Jahr beschlossen, die Geschichte noch einmal neu aufzurollen und etwa siebzig bis achtzig Prozent neu zu schreiben, können und wollen wir an dieser Stelle nicht eingehen. Aber wir weisen in aller Deutlichkeit darauf hin, dass es andere Umstände waren als die, die das Autorenteam in „Liquid Love“ auseinandertrieb. Denn in der Tat: „Liquid Love“ handelt von zwei Paaren, die sich als höchst heterogenes Kollektiv an das Experiment wagen, einen gemeinsamen Roman zu schreiben. Das war das Schöne und Aufregende an dieser Konstellation: dass wir selbst wagten, was unsere fiktionalen Figuren taten. Und es gab eine klare Vereinbarung: no more autofiction. Davon kriegen wir nämlich mittlerweile das Kotzen. (Also geht uns auf unserem Blog bloß nicht auf den Leim!)

In ausgedehnten Chats, Spiegelfechtereien in den Nächten und an freien Wochenenden konstruierten wir im freien Spiel unsere Alter Egos (sagt man so im Plural?), die wiederum – jetzt wird’s kompliziert – die Figuren zweier Liebesgeschichten im Jahr 2050 entwerfen. Pjotr und ich halten diese Konstruktion nach wie vor für „genial“, wenn man „genial“ ausnahmsweise als ungeplantes und emergentes Produkt betrachtet, das aus vergleichsweise chaotischer, tabuverletzender und überhaupt regelwidriger Kommunikation hervorgeht. Wer redet schon mit seinen Freunden über heimliche sexuelle Vorlieben, die persönlichen Mechanismen des Selbstbetrugs, die offenen flanken des eigenen Narzissmus, die den eigenen Alltag und die darin wimmelnden Mitmenschen beschädigenden Fehlleistungen, denen lange antrainierte Verhaltensschemata zu Grunde liegen? Doch, es gibt sie: Charlotte und Martin! Die haben auf Spotify Freundschaft mit dem Rest der deutschsprachigen Welt geschlossen. Aber wir waren dann doch was anderes als „CharlotteundMartin“ und „BarbaraundMarkus“.

Wir waren „SarahundJustus“ und „DonataundThomas“ oder auch „ThomasundSarah“, „JustusundDonata“, oder SarahJustusThomasDonata. Und dann auch PaulMarieBirtheErnest at Zwanzigfünfzig. Ah, ja, dürfen wir’s an dieser Stelle verraten? Ernest verdankt seinen Namen nicht, wie Sarah schreibt, einer Laune, sondern dem Widerwillen von Justus, die Verantwortung für eine der vier Hauptfiguren der Zukunftsgeschichte zu übernehmen. Wir alle haben ihn anfangs nicht sonderlich gemocht. Nach Egon und Erwin hieß er der Alliteration wegen irgendwann Ernest. Eine vorübergehende Notlösung. Aber im Ernst: Irgendwann fing der Name Ernest an uns Spaß zu machen.

Wie jetzt? Wer jetzt? Fassen wir die Geschichte mal kurz zusammen, ohne zu viel zu verraten, und zwar in der Version, die wir in den letzten Wochen mit großem Vergnügen und vielen Überraschungsmomenten gelesen haben: Sarah erzählt uns ihre Geschichte. Das ist wichtig (und neu gegenüber der letzten Version, bei der wir noch deutlich mehr unsere Finger im Spiel hatten). Sarah ist die fiktive, autofiktional erzählende Hauptfigur, die das gesamte Material arrangiert – und vermutlich auch manipuliert (letztlich eine unzuverlässige Erzählerin). Es ist die Geschichte einer kinderlosen Ehe mit Justus, einem wenig erfolglosen Schriftsteller in einer auf Dauer gestellten Schaffenskrise, die Sarah erzählt. Soweit das Klischee. Als erfolgreiche Geschäftsfrau, die seit Jahren ihren einkommensschwachen Mann aushält, aber den Vorteil hat, die meiste Zeit beruflich im Ausland (Rumänien) zu verweilen, könnte durchaus zufrieden sein und sich als moderne, emanzipierte Frau wähnen, würde sie im Alter von etwa vierzig Jahren nicht Torschlusspanik befallen und ihr die fixe Idee einimpfen, jetzt noch schnell ein oder zwei Kinder zu kriegen. Justus ist not amused, sieht er sich doch schon als Kindermädchen für die dauergestresste, dauerabwesende und dauerberufstätige Mutter. Da könnte er wohl die eigene Karriere vollständig knicken. Kennt man. Allerdings: Justus ist ohnehin unfruchtbar. Glück im Unglück, könnte man sagen. Aber Sarah ist zu allem entschlossen. In der Überzeugung, seine hassgeliebte Angetraute und solvente Ernährerin befinde sich bereits in den Wechseljahren und mit einer nachhaltigen Konzeption sei nicht mehr zu rechnen, beginnt Justus erotische Ränke zu schmieden. Er sieht die – gerade für einen Spätfünfziger – belebende Gelegenheit, gemeinsam auf dem verruchten Parkett des Partnertauschs zu debütieren. Eine unrühmliche Episode, die Sarah längst vergessen hat, als sie beide anlässlich eines Projekts für Sarahs Modelabel die Fotografin Donata kennenlernen. Justus jedoch sieht endlich die Gelegenheit für ein amouröses Abenteuer gekommen, mit Donata und ihrem Mann Thomas. Während er die Schnapsidee befeuert, gemeinsam einen Roman zu schreiben, verfolgt er systematisch sein Ziel, Sarah mit Thomas zu verkuppeln – und sich selbst mit Donata. Kann natürlich nicht gut gehen.

2050 sind die Konstellationen andere. Dort schlüpft die temperamentvolle und als Mutter zweier pubertierender Jungs frustrierte Donata in die Rolle der Fotografin Marie, die in den Zwiespalt gerät, einerseits genetisch eine „Premiummutter“ zu sein, andererseits auch mit 35 Jahren weiter ihre Freiheit auszukosten und ein künstlerisches Dauerprojekt zu verfolgen, in dem es um das ewige Leben, den biologisch-medizinisch ermöglichten Jungbrunnen geht. Marie lernt einen jungen Wissenschaftler kennen, ist ganz hin und weg von dem smarten Typen, kämpft aber beharrlich gegen ihre retrospektiven, antifeministischen Bindungs- und Unterwerfungswünsche an. Eine Stoßmich-Ziehdich-Beziehung, bei der Marie erst viel zu spät mitbekommt, welche Interessen der Angehimmelte tatsächlich verfolgt hat, als er sich ihr näherte. Paul ist nämlich ein … Okay, wir wollen nicht zu viel verraten.

Dann sind da noch Birthe und Ernest. Neben der Liebe, die sie verbindet, gibt es ein Thema, das sie trennt. Und das hat mit Afrika zu tun, mit medizinischen Menschenversuchen, die in einem zukünftig überbevölkerten Nigeria durchaus glaubwürdig angesiedelt sind. Schon heute gelten Menschen in Westafrika oft viel unverblümter als hierzulande als handelbare Ware – insbesondere Kinder. Und Ernest scheint da seine Finger im Spiel zu haben – oder gehabt zu haben. Die Afrikakennerin Birthe, einst Mitglied einer Hilfsorganisation in Nigeria, wo sie Augenzeugin der Leiden beschnittener Frauen wurde, gerät während ihrer Recherchen zwischen die Fronten. Und zweifelt immer mehr an dem Bild, das Ernest von sich gezeichnet hat.

Die Fäden der beiden Liebesgeschichten werden erst recht spät zusammengeführt und sie haben vor allem mit der Frage der künftigen menschlichen Fortpflanzung zu tun. Werden KI-gesteuerte Automaten den Frauen das mühevolle, schmerzhafte Gebären von Kindern abnehmen? Werden die neuen Menschen genetisch designt? Wird es nicht darauf ankommen, die Menschen in einem Zeitalter, das für prinzipiell jeden Menschen ewiges Leben verspricht, die problematischen Individuen, wie wir sie kennen (und jeder für sich ist) mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln und Methoden zu optimieren? Die Menschen werden nicht nur ewig leben, sie werden auch zu KI-gesteuerten Hybriden werden müssen, weil sich der Kampf aller gegen alle weiter verschärfen wird.

Da bahnt sich also was an. Aber alle Figuren des Romans, auf beiden Zeitebenen, 2018 und 2050, sehnen sich angesichts ihrer Liquidisierung oder Fluidisierung ihrer Identitäten, angesichts ihrer, einer radikalen Individualisierung geschuldeten, Einsamkeit, nach Nähe, Geborgenheit, nach Befreiung aus normativen Zwängen ebenso wie nach Elternschaft und dem ruhigen und reduzierten Leben im „Haus am See“.

Das Haus am See: Ihm gehört der überraschende zweite Teil des Romans. Dieser Sehnsuchtsort wird der Schauplatz der vollständigen Zerrüttung und Auflösung. Sogar die beiden Zeitebenen stürzen ineinander. Wie zu hören war, haben bislang alle Probe-Leser über diesen zweiten Teil geklagt. Warum werden die spannenden Geschichten nicht aufgelöst? Warum dieser formale Bruch in der Erzählhaltung? Die Autoren hätten es sich damit zu einfach gemacht, der zweite Teil sei einfach zu clever – oder zu komplex.

Ihr Lieben, UtaundAndré, klar, dass Ihr Euch diese Kritik zu Herzen nehmt und überlegt, ob ihr ein weiteres Jahr dranhängen sollt. Unsere klare Empfehlung: Kriecht Euren Lesern nicht voreilig in den Arsch, indem Ihr sie mit auserzählten Geschichten und klischeehaften Kausalitäten befriedigt. Ihr kennt Eure zukünftigen Leser gar nicht. Kriecht vor allem nicht einer Buchbranche in den Arsch, die – ob U oder E – doch bloß ohnmächtig wie größenwahnsinnig den emergenten Marktmechanismen hinterherschielt. Habt Ihr zum Glück nicht nötig. Hey, das seid Ihr uns schuldig: Bleibt standhaft!

 

 

PS:

In 2017 und 2018 sind einige Romanpassagen und Episoden aus unserer Hand entstanden, die aus der aktuellen Fassung komplett oder weitgehend verschwunden sind. Einige dieser Dokumente kollektiven Schreibens möchten wir gern in nächster Zeit an dieser Stelle veröffentlichen. Sie bilden vielleicht so etwas wie eine Parallelwelt zu einem liquide gewordenen Roman, dessen Autoren unscharf werden im unberechenbaren Meer der Diskurse und Kommunikationen.

Das rote Kleid

Ich entdeckte den kleinen Laden eher zufällig, weil es plötzlich heftig zu regnen begann und ich auf dem Weg von der Generalprobe zur Bücherei keinen Schirm dabeihatte. Das Vordach über dem Eingang bot mir gerade genug Schutz, um nicht von oben bis unten nass zu werden. Der Laden war mir bislang noch nicht aufgefallen, vielleicht, weil die Auslagen sich optisch nicht darauf festlegen wollten, ob es sich um ein Modegeschäft, einen Gift-Shop oder die Beratungsstelle einer Frauenorganisation handelte. Neben einigen Buch-Exemplaren mir nur bedingt geläufiger Feministinnen sowie Sex-Aufklärungsbüchern speziell für Frauen lagen Baumwoll-Hipsters mit aufgedruckten Slogans oder Sprüchen wie „sex positive“, „be nice to me“, „eat more pussy“, die ich kaum meiner eigenen Altersklasse zuordnen konnte, eher was für junge Mädchen, die beim ersten Date überraschen wollen. An den Seiten hingen dagegen zwei hübsche Tops, gegenüber ein flippiges Hippie-Kleidchen und auf einem bunt bemalten Sockel stand ein Paar klobiger, grell-grüner Plateau-Stiefel. Was mich letztlich gegen alle Skepsis bewog, den Laden, der sich „EINTRITT“ nannte, zu betreten, war das rote, ganz nach meinem Geschmack geschnittene Kleid, das prominent auf einer Schneiderbüste ausgestellt war, so schlicht wie extravagant. Es einmal anzuprobieren, konnte ja nicht schaden. Heterogenität war offenbar das Leitmotiv für Ausstattung und Sortiment des Ladens – und nicht zuletzt „laziness“. Zwar hatte eine kleine, schrille Glocke an der Tür die neue Kundin angekündigt, aber niemand ließ sich blicken, obwohl aus einem Hinterzimmer leise Stimmen zu hören waren, kurze, beinahe geflüsterte Wortwechsel. Ich hatte also Zeit, mich in aller Ruhe etwas umzusehen. Das rote Kleid war auf der Rückseite nicht mit Nadeln auf Form gesteckt worden, ich konnte annehmen, dass es mir halbwegs passte. Auf der Theke, die ihrer Patina nach aus einem alten Tante-Emma-Laden stammen musste, stand eine nicht minder alte Kasse aus analogen Zeiten. Fehlte eigentlich nur die Kurbel an der Seite. Auf der Rückseite der Kasse begegnete ich noch einmal dem Namen des Geschäfts: „EINTRITT“, aber erst jetzt las ich die kleinere Zeile darunter: „nur für Frauen“. Also doch eine Art „Frauenladen“! Hätte der Regen, der in Wellen über die Straße peitschte, nachgelassen, wäre ich wahrscheinlich wieder gegangen. So blieb ich und schaute mich weiter um. Im vorderen Raum fand sich vorwiegend Bekleidung, viele T-Shirts mit coolen feministischen Sprüchen, eine kleine Abteilung mit Unterwäsche, über der analog zum „EINTRITT“-Schild eine Pappe angebracht war, auf der stand: „KINKY – nur für Frauen“. Gegenüber standen die Bücherregale, in denen feministische Titel wahllos neben erotischer Literatur und anscheinend pornographischen Bildbänden einsortiert waren. Naomi Wolf, Betty Dodson, Beauvoir und Judith Butler. Da sich immer noch niemand blicken ließ, fischte ich einen der Bildbände heraus, der auf pinkem Einband den Titel „Orgasm – Photographs and Interviews“ trug. Ich blätterte ein wenig darin und musste feststellen, dass alles recht harmlos aussah: Irgendwelche Frauen, die sich in unterschiedlichen Situationen, anscheinend vor, beim oder nach dem Masturbieren hatten fotografieren lassen. Keine expliziten Bilder. Gleich neben den Büchern, unmittelbar hinter der Theke, war die Abteilung mit DVDs, die mich nicht weiter interessierten, englischsprachige Titel, in denen Worte wie G-Spot, Education, Pussy, Kinky, Female, und sogar Anal in immer neuen Variationen kombiniert waren. Unter der Decke waren überall bunt bedruckte indische Tücher ausgebreitet, die wohl für eine gemütliche Atmosphäre sorgen sollten. Als ich den abgegriffenen Vorhang, der zu den hinteren Räumen führte, etwas zur Seite schieben wollte, näherte sich eine der Stimmen. Sie müsse kurz nach der Kundschaft sehen, sagte eine robust klingende Frauenstimme. Ich trat zwei Schritte zurück und sah Angelika zum ersten Mal. Sie war eine groß gewachsene, schlanke Frau mit langem, vollem und durch und durch grauem Haar. Sie war eine ausgesprochen freundliche Erscheinung, zugleich aufrecht, energisch und elegant. Werde ich jemals solch tiefroten Lippenstift mit so viel Selbstbewusstsein tragen wie sie? Es kam selten vor, dass ich mir bis zu diesem Grad der Bewusstheit vergegenwärtigte, wie schön eine Frau ist. Angelika war unbeschreiblich schön, trotz ihrer grauen Haare und den 50 oder sogar bald 55 Jahren, auf die ich sie schätzte. Als sie mich sah, schien sie gleich etwas sagen zu wollen, hielt aber nach dem Einatmen inne, blieb auf der Schwelle stehen und lächelte mich herzlich und beinahe etwas amüsiert an. Ich musste sie mit so erstaunten Augen, so überrascht angesehen haben, dass sie diesen Moment auszukosten schien, der weitaus mehr Wirkung entfalten sollte als jedes nur erdenkliche Verkaufsgespräch.

„Kennen wir uns?“, fragte sie und neigte den Kopf ein wenig zur Seite, ohne mich aus den lächelnden Augen zu lassen.

„Nein. Nein, ich glaube…“

Sie blickte auf den Geigenkasten, den ich am Gurt über die Schulter trug.

„Dann werden wir uns ja hoffentlich kennenlernen. Was kann ich für dich tun?“

Ich fand es zwar sehr unpassend, von ihr geduzt zu werden, zeigte aber, als störte mich das nicht weiter, nur auf das rote Kleid und fragte, was sie dazu meine, ob es mir passen würde und ob ich es einmal anprobieren könne. Das habe sie nur einmal da, sie müsse es von der Büste abnehmen, was aber kein Problem sei. Bei fast allem, was sie hier verkaufe, handle es sich um Unikate, jedenfalls Einzelstücke. Wenn mir das Kleid nicht passe, könne sie es nachbestellen. Der Schnitt sei relativ einfach, eine Freundin nähe das Kleid bei Bedarf auch nach Maß. Ich beobachtete, wie sie das Kleid von der Büste zog. Dabei fuhr sie mit ihren schmalen, langen Fingern unters Kleid, glitt an der Kunststoffhaut der Schneiderpuppe hinauf, als liebkoste sie diese wie einen Menschen aus Fleisch und Blut, schob das Kleid über die Hüften und drehte es beim Lupfen in die Höhe einmal komplett auf links. Dabei reckte sie sich weit nach oben. Ich konnte sehen, dass sie unter ihrer locker sitzenden Hüftjeans eine von den „kinky“ Unterhosen trug, die sie im Regal liegen hatte. Noch im gleich Moment drehte sie sich wie eine Tänzerin auf Spitzen zu mir um, das geraffte Kleid überm Kopf, ihr T-Shirt weit überm Bauchnabel, und ich konnte über der Naht des Slips den Ansatz ihrer Schambehaarung sehen. Während sie das Kleid flink wieder auf rechts drehte, glattschüttelte und dabei auf die hinteren Zimmer zusteuerte, gab sie mir ein Zeichen, dass ich ihr folgen sollte. In dem recht schmalen Gang hinter dem Vorhang befanden sich links und rechts Glasvitrinen, in denen einige wenige, offenbar jedoch ausgesuchte und hochwertige Dildos, Vibratoren und anders Sexspielzeug ausgelegt waren.

„Nicht erschrecken“, sagte sie über die Schulter hinweg und bog in einen weiteren, etwas kürzeren Gang ab.

Ich erschreckte mich gar nicht. Mir war, was ich sah, aus den Frauenzeitschriften beim Zahnarzt ja durchaus vertraut, wenn auch nicht in dieser Vielfalt. Gegenüber einer kleinen Küche befand sich eine Kammer, kaum größer als ein Abstellraum, der mit billigem Samt ausgekleidet war. Von oben herab hing eine kleine Lampe, die den Raum nur spärlich beleuchtete, an einer Wand drei einfache Haken, in der einen Ecke stand ein in die Jahre gekommener Holzstuhl mit weißen Farbflecken, gegenüber ein halbhoher Spiegel, dessen Silberschicht an den Rändern korrodiert war.

„Kommt nicht ganz so oft vor, dass jemand hier zur Anprobe muss. Ist alles ein bisschen improvisiert.“

Sie hielt mir das Kleid hin, blieb aber im Türrahmen stehen und blickte mich weiter freundlich an. Es gab weder Tür noch Vorhang. Angelika merkte wohl, dass ich irritiert danach Ausschau hielt.

„Entschuldigung“, sagte sie, „ich verdrück mich mal einen Moment in die Küche.“

Ich konnte direkt in die Küche sehen, in der mit dem Rücken zu mir eine andere, jüngere Frau auf dem Zwilling des Kabinen-Holzstuhls vor einem kleinen, billig wirkenden Kunststofftisch saß. Sie trug obenherum nur einen weißen BH, balancierte eine Kaffeetasse in der Hand und unterhielt sich mit einem Mann, den ich nicht sehen konnte – der Stimme nach kein ganz junger Mann mehr, jugendlich aber in seiner melodiösen Beweglichkeit. Angelika knüpfte mit Robert an ein Gespräch an, das sie anscheinend zuvor abgebrochen hatten. Ich wusste nicht, dass ich ihn einige Zeit später auch noch kennenlernen würde. Jetzt noch waren sie ein geheimnisvolles Trio, das in mir zwar Interesse, aber auch Furcht geweckt hatte. Ich stellte den Geigenkasten neben dem Stuhl ab, hielt mir das Kleid vor die Brust und schaute in den Spiegel. Ich konnte mein Gesicht darin nicht sehen. Vor mir stand ein oben und unten abgesägter Rumpf, der sich ein wenig nach links und rechts drehte. Das Rot biss sich mit dem dunklen Magenta des Samtbehangs.

„Insa hat nicht das Format dafür“, hörte ich Robert sagen, „sie ist einfach noch zu jung dafür, glaube ich. Ich korrigiere mich: Das glaube ich nicht nur, das liegt einfach auf der Hand, und dass müsste dir genauso klar sein, wie mir.“

„Also, ich weiß nicht“, antwortete Angelika, „sie ist natürlich noch sehr jung. Und unerfahren und in gewisser Hinsicht naiv. Aber das waren wir in ihrem Alter doch auch. In anderer Hinsicht vielleicht, aber eben auch naiv. Ich finde, das Alter spielt nur sehr bedingt eine Rolle. Das sind immer nur unterschiedliche Perspektiven. Keine davon ist die richtige. Naivität hat auch etwas von großer Unmittelbarkeit.“

Ich hatte gerade Hose und T-Shirt ausgezogen und über die Stuhllehne gelegt, als sich Dorothee zu mir umwandte, mir zunickte und den Rest Kaffee hinunterkippte. Ich ließ mich durch ihren unverwandt meinen ganzen Körper taxierenden Blick nicht verunsichern und versuchte, mir das Kleid überzustreifen. Ich hatte mich mit meiner Einschätzung wohl arg getäuscht, es blieb mit der Taille auf Brusthöhe stecken, während mein Kopf vom Bustier umhüllt blieb und ich noch nicht einmal im Spiegel sehen konnte, wo genau es hakte und ob es auf Taillenhöhe vielleicht irgendeinen Reißverschluss gab, den ich übersehen hatte. Da fühlte ich zwei Hände auf meinen Rippen, Angelikas Hände, die nun mit der gleichen Bewegung wie vorhin noch bei der Puppe das Kleid wieder empor schoben.

„Schade, das passt wohl nicht. Hätte ich das gleich sehen können?“, sagte sie.

„Du hast es nicht sehen wollen, Angelika.“ Dorothee hatte ihren Stuhl gedreht und sich breitbeinig darauf zurückgelehnt. Sie hatte einen etwas speckigen Bauch, der aus ihrer offenen Jeans hervorquoll. Über der linken Brust war das Symbol der Frauenbewegung eintätowiert, das Zeichen der Venus mit der Faust im Kreis.

„Ich habe es nicht sehen wollen“, lachte Angelika, „du hast recht.“ Sie drehte das Kleid mit der gleichen Bewegung wie zuvor auf rechts, schüttelte es glatt und wandte sich zu Dorothee. „Aber das ist meine Verkaufsstrategie.“

Um nicht weiter blöd in Unterwäsche dazustehen, schnappte ich mir meine Hose und schob gebückt einen Fuß hinein, als Angelika ihre kühle Handfläche zwischen meine Schulterblätter legte und „Halt!“ sagte.

„Gefällt dir das Kleid denn im Prinzip?“

„Ja, das schon.“

„Ich kann es mir sehr gut an dir vorstellen.“

„Das gehört jetzt auch zur Verkaufsstrategie.“

„Ja, genau“, lachte Angelika. „Nein, wenn ich rein strategisch vorgehen würde, könnte ich dir zu schmeicheln versuchen. Zum Beispiel hast du ganz entzückende Unterwäsche an. Du hast Geschmack.“

„Das ist jetzt Ironie, oder? Not kinky that much, isn’t it?“

“Nein, ich mein’s ernst. Ich könnte das Kleid für 220 Euro bestellen. Ich müsste nur kurz deine Maße nehmen.“

„Ich weiß nicht. Was, wenn es mir dann doch nicht steht?“

„Das ist nicht die Frage. Es wird dir auf alle Fälle stehen! Aber es gehört Mut dazu, es zu tragen, finde ich.“

„Stimmt. Ich sollte es lieber bleiben lassen.“

„Das wollte ich damit nicht sagen. Du weißt schon, was ich meine. Du musst dazu stehen, wenn du es trägst. Ich stelle mir vor, dass dir schon jetzt nicht wenige, ich würde mal sagen, Männer wie Frauen sich auf der Straße nach dir umdrehen.“

„Das bezweifle ich, hätte mir auffallen müssen. Strategie Nummer zwei fehlgeschlagen.“

„Warte, ich hol mal das Maßband.“

„Ist wirklich nicht nötig.“

Angelika verschwand im Gang. Dorothee musterte mich nach wie vor von unten nach oben und umgekehrt. Sie schien mich geradezu auswendig zu lernen.

„Ist wirklich schöne Wäsche.“

Ich hing immer noch mit einem Fuß im Hosenbein. Ich würde mir also geduldig die Maße abnehmen lassen, mich anziehen und sagen, ich würde es mir noch einmal überlegen und spätestens morgen anrufen oder kurz vorbeikommen und Bescheid sagen. Angelika warf die Haare links und rechts über die Schultern zurück und stellte sich hinter mir in die Kabine und sagte beiläufig: „Doro, zieh dir mal was an! Ich kann so keine Verkaufsgespräche führen. Und mach dir die Hose zu!“

Dorothee rupfte an ihrem Reißverschluss und trollte sich. Robert, der weiter unsichtbar blieb, lachte leise in sich hinein. Er schien etwas zu lesen, denn ab und an blätterte er hörbar in einem Buch oder Manuskript weiter. Angelika legte von hinten ihre Arme um meinen Brustkorb und entrollte das Maßband zwischen ihren Fingerspitzen. Dabei blickte sie, die größer war als ich, über meine linke Schulter in den Spiegel gegenüber. Dann legte sie das Maßband unter meinen Brüsten an und las leise murmelnd hinten die Zahl ab. Dann stellte sie sich wieder dicht an meinen Rücken. Ich spürte ihre warmen Brüste auf meinen Schulterblättern. Sie fasste erneut unter meinen Achseln hindurch, legte das Band über meine Brustwarzen und suchte die Stelle mit der größten Ausdehnung meiner Rückenmuskulatur, naja, oder des Fettgewebes unter den Achseln.

„Mmmh“, machte sie und blickte prüfend in den Spiegel, „entschuldige, wenn ich dich jetzt mal da anfasse!“ Sie ließ das Band baumeln und fasste mit beiden zu Schalen geformten Händen meine Brüste, hob sie danach mit gestreckten Handflächen etwas an und legte schließlich die Handballen in meine etwas feucht gewordenen Achseln, um den Abstand von den Ballen bis zu den Nippeln mit ihren Mittelfingern zu messen.

„Handmaß nennen wir das. Ich meine, Lisa, meine Schneiderin und ich. Das ist die Waage“, und sie legte erneut ihre Handflächen unter meine Brüste, um sie leicht anzuheben, „drei Finger, und das ist das Nippelmaß: Fingerkuppenspitze. Du hast wirklich schöne Brüste. Kannst du stolz drauf sein.“

Dann ließ sie ihre Hände über meinen Bauch nach unten gleiten und nahm das Hüftmaß. Danach stellte sie sich seitlich zu mir, legte mir eine Hand auf den Bauch, die andere gegenüber in den Rücken, ging in die Hocke und blickte prüfend mit ernstem Gesichtsausdruck. Was weiß ich, was sie prüfte. Ich ließ es mir gefallen. Hier war anscheinend alles irgendwie ungewöhnlich, also auch das Maßnehmen. Sie drehte mich hockend zu sich um und ließ ihre Hände über meine Hüften und Oberschenkel gleiten. Ich spürte ihren Atem durch meinen Slip.

Angelika stand wieder auf, trat zwei Schritte zurück und musterte mich weiter von oben nach unten.

„Das ist schon was Besonderes. Du hast sehr schmale Hüften und eine im Vergleich beeindruckende Oberweite. Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich schnell ein Foto von dir mache, um es Lisa zu schicken? Eins von jeder deiner Schokoladenseiten, vorne, hinten, Seite.“

„So?“, fragte ich, „in Unterwäsche?“

„Wenn es dir lieber ist, auch ohne“, sagte sie ohne jeden Anflug von Ironie.

„Ähm, dann mindestens mit Unterwäsche. Aber wenn ich das Kleid gar nicht kaufe?“

Angelika stemmte die Hände in die Hüften. „Wenn ich erst die Fotos gemacht habe, wird es dich einige Überwindung kosten, das Kleid nicht zu nehmen. Das wäre einfach zu peinlich.“ Sie zwinkerte mir zu.

„Genau. Genau das ist es, was ich meine.“ Angelikas Direktheit machte mir Spaß. Ich konnte mich ihr einfach nicht mehr entziehen und war längst entschlossen, ihr das Kleid abzunehmen und diesem Abenteuer bis zum Ende zu folgen. Ich stellte mir vor, wie ich einige Wochen später wiederkam und das fertige Kleid in dieser schrägen Samtkabine anprobierte, wie Angelika es mir eigenhändig überstreifte. Im Verkaufsraum schrillte das Glöckchen. Angelika verschwand kurz, kehrte aber einen Augenblick später mit einer kleinen Digitalkamera zurück.

„Wollen Sie nicht nachsehen, wer gerade gekommen ist“, fragte ich und wurde mir sofort dessen bewusst, wie unangemessen es war, sie nicht zu duzen, welches Missverhältnis zwischen uns ich damit unterstellte – sie in der Rolle der Erwachsenen, ich in einer befremdlichen Kleine-Mädchen-Rolle.

Angelika lächelte. Ihr Blick hatte in der Tat etwas Mütterliches.

„Angelika“, sagte sie, „ich heiße Angelika. Und du?“

„Lena.“

„Lena, im Moment bist du die Hauptperson hier. Wenn ich mich um dich und meine neue Kundin gleichzeitig kümmern wollte, kämt ihr beide zu kurz. Diese Regel lernen bald alle meine Kundinnen kennen, die wiederkommen möchten. Wenn ich dich jetzt hier stehen ließe, würdest du vielleicht nicht mehr wiederkommen wollen.“

„Nein“, sagte ich, „ich will auf jeden Fall wiederkommen. Du kannst gern nachsehen, wer gerade im Laden steht. Ich kam mir vorhin ziemlich blöd vor, als ich so lange alleine rumstehen musste. Angelika.“

„Wie du meinst“, sagte Angelika und reichte mir die Kamera. „Halt die mal solange fest!“

Angelika ging ums Eck zurück in den Verkaufsraum. Ich blieb in Unterwäsche stehen und drehte die Kamera in meinen Händen. Jetzt sah ich zum ersten Mal Robert. Er hatte unsere Gespräche mit angehört und war anscheinend neugierig geworden zu sehen, wie der Mensch aussah, der vergeblich gegen Angelikas Charme angekämpft hatte. Er lugte vorsichtig um den Türpfosten der Küche herum. Unsere Blicke begegneten sich sofort, was ihn zu überraschen schien. Er legte lächelnd den Kopf zur Seite und sagte: „Hübsch!“

Ich ließ meine Hände ruckartig nach unten fallen und hielt die Kamera vor meinen Slip.

„Aus der Hüfte geschossen“, meinte Robert verschmitzt.

„Wie meinen?“

„Die Kamera da unten.“

Ich hielt die Kamera vor meinen Schoß, als wollte ich damit pinkeln. Ich kam mir blöd vor, wie ausgestellt und vorgeführt. Es war ein mir unerklärlicher Affekt, dass ich plötzlich die Kamera vors Gesicht hob, auf Robert zielte und abdrückte. Der automatische Blitz löste aus. Ich betrachtete das Foto auf dem kleinen Bildschirm und ließ mich auf den Stuhl fallen. Im Spiegel vor mir saß die kleine Lena, die jetzt gerne von ihren Eltern aus den Bällen abgeholt werden wollte.

„Ist es gut geworden?“, fragte er.

„Keine Ahnung“, sagte ich und starrte auf den dunklen Bildschirm, „es ist schon wieder verschwunden. Es wir Ihnen schon irgendwie ähnlich sehen.“

Robert war noch ein wenig größer als Angelika und spielte meiner groben Schätzung nach in der gleichen Altersliga wie sie. Irgendwie passten sie zueinander, obwohl ich nicht sicher sein konnte, dass sie zusammengehörten: die grauen Haare, der schlanke, muskulöse Körperbau, die Lachfalten um die Augen. Robert legte das Manuskript, das er in den Händen gehalten hatte, auf den Küchentisch und hockte sich hinunter, ohne mich aus den Augen zu lassen.

„Das rote Kleid? Das ist ein gutes Omen.“

Omen? Omen wofür? Nicht eher ein Menetekel? Ich hoffte, Angelika würde zurückkommen. Ich wollte nicht weiter von Robert angestarrt werden.

„Möchten Sie einen Kaffee? Soll ich Ihnen eine Decke holen?“

Ich blickte in den Spiegel, zog meine Lippen kraus und nickte. Robert stand auf, goss irgendwo in der Küche Kaffee in einen Becher, reichte ihn mir und sagte, er hole schnell eine Decke aus der Wohnung. Jetzt wartete ich wieder. Warum nur hatte ich Angelika so rücksichtsvoll ans Herz gelegt, sich um die neue Kundin zu kümmern? Ich hörte das Brummen des Kühlschranks. Dorothee durchquerte noch einmal kurz das Bild. Sie stülpte sich einen Motorradhelm über den Kopf und nuschelte einen Abschiedsgruß. Dann wieder Stille. Ich würde also beim nächsten Mal das maßgeschneiderte rote Kleid kaufen, egal, ob es saß oder nicht. Dann würde Angelika mir noch zwei, drei Slips aus ihrem Kinky-Sortiment aufschwatzen. Gäbe es wohl einen feministischen Sex-Ratgeber als Dreingabe, wenn ich auch noch einen gedrechselten Holzdildo mitnähme? Apropos „feministisch“: War Angelika eine militante Feministin? Die hatte ich mir anders vorgestellt. Irgendwie passten Sex-Artikel und Feminismus in dem Bild, das ich mir von der Welt und den Menschen gemacht hatte, nicht recht zusammen. Feminismus rangierte in meinem Kopf gleich neben Protestantismus, Puritanismus, political correctness und allen anderen Arten von Sex- und Körperfeindlichkeit. Das war natürlich ungerecht. Echten Feministinnen ging es ja nur um das Aufbrechen männlicher Herrschaftsstrukturen. Aber oft genug wurde die Sexualität der Männer als Ausdruck ihres Machtstrebens, ihres Unterwerfungswillens mit allen anderen männlichen Eigenschaften in einen Topf geworfen und verteufelt. Welche ernstzunehmende Feministin konnte da noch Sex mit einem richtigen Mann haben, ich meine, Sex auf Augenhöhe? Und Robert? War der dann jetzt ein männlicher Feminist? So, wie der mich angestarrt hatte? Der hätte es wahrscheinlich auch lieber gesehen, wenn ich mich nackt fotografieren ließe. „Foto“ war das Stichwort. Ich konnte die Fotos ja auch ganz alleine machen. Jede Kamera hatte heutzutage einen Zeitauslöser. Ich klickte mich durchs Menü der Kamera, fand die entsprechende Einstellung, stellte sie auf die Tischkante in der Küche, rückte den Stuhl zur Seite und positionierte mich im Türrahmen der Kabine. Ich machte gerade ein ziemlich blödes Gesicht, als es blitzte, weil es mir in der Nase juckte. Auf dem Foto waren mein Kopf und meine Beine abgeschnitten, wie in dem Spiegel. Außerdem hatte ich mich, ohne dessen gewahr zu werden, bei der Aufnahme im Schritt gekratzt oder den Slip zurechtgezupft, keine Ahnung. Ich musste die Kamera hochkant aufstellen und sie dafür mit irgendwas abstützen. Ich suchte die Regale ab, öffnete einige Schranktüren und nahm schließlich eine Milchtüte aus dem Kühlschrank. Beinahe hätte ich sie auf dem Manuskript abgestellt, das Robert liegengelassen hatte. Ich schob es zur Seite, startete den „Zeitzünder“ der Kamera, lehnte die Kamera vorsichtig an die Milchtüte und begab mich auf Position. Als ich das Ergebnis kontrollieren wollte, fiel mein Blick auf den Titel des Manuskriptes: „Tagebuch meiner Lüste – von Insa Reincke“. Das machte mich neugierig. Ich schlug es irgendwo in der Mitte auf und las:

…aber ich kann einfach nicht genug davon bekommen. Von dem Tag an, an dem ich die Cam auf meinem alten Computer installiert habe, habe ich mein Zimmer nur noch fürs Essen, Scheißen und Pinkeln verlassen. Ich finde es einfach zu geil, mich auf dem Monitor zu sehen und zu wissen, dass da draußen Hunderte von geilen Jungs mir dabei zusehen, wie ich mir die geschälte Gurke reinschiebe und es mir dabei mit dem Vibrator besorge. Das Klopfen an meiner Tür ignoriere ich hartnäckig. Meine WG-Mitbewohner habe ich total ausgeblendet. Die ersten Vorlesungen haben bereits begonnen, aber ich kann an nichts anderes mehr denken als ans Wichsen. Wichsen? Sagt man das als Mädchen? Ich habe immer gedacht, wichsen würden nur Jungs. Aber für das, was ich tue, gibt es einfach kein besseres Wort als Wichsen. Ich weiß jetzt: Das ist die Freiheit, nach der ich mich instinktiv immer gesehnt habe. Aber diese Freiheit hat absolut nichts damit zu tun, Hendriks Schwanz zu lutschen oder mir von Nathan in den Arsch ficken zu lassen. Jetzt kann ich all das tun, was mir Spaß macht, ohne von irgendwem eingeschränkt oder bevormundet zu werden. Und alle Welt kann mir dabei zusehen. Das flasht mich total!

 

Der kurze Ausschnitt genügte mir voll und ganz, um das Gesamtbild des Ladens und seiner Betreiber um ein zentrales Puzzleteil zu ergänzen. Das also hatte Robert die ganze Zeit über gelesen. Und anscheinend hatte es auch Angelika bereits gelesen. Denn unbezweifelbar hatten sie kurz zuvor darüber diskutiert, über die Naivität einer jungen Frau. Und ihre Unerfahrenheit? Doch wohl nur dann, wenn es sich um ein fiktives Tagebuch handelte und nicht um einen Erfahrungsbericht aus der Sex-Cam-Szene, von der ich gänzlich unbeleckt war. Hier war alles nur schräg, alles und alle.

Angelika und Robert kamen fast gleichzeitig zurück, Robert mit einer braunen, plüschigen Decke, Angelika mit einem rosa Vibrator in der Hand.

„Ich hab schon mal angefangen“, sagte ich lakonisch und mit dem Gefühl, irgendeinem mir noch unbekannten Schicksal ganz und gar ergeben zu sein. Was auch immer noch geschehen sollte: mochte es geschehen. Ich reichte Angelika die Kamera, Robert hängte mir die Decke über die Schultern, Angelika zog sie wieder herunter, versuchte die Decke zusammenzufalten, reichte mir den Vibrator, legte die gefaltete Decke über den Stuhl, nahm mir den Vibrator wieder aus der Hand und hielt ihn Robert hin: „Halt mal!“ Sie schob mich zurück unter den Türrahmen, setzte sich, um etwas mehr Abstand zu gewinnen, auf den Tisch und stieß dabei die Milchtüte um, deren Deckel nur aufgelegt war. Die Milch überschwemmte das Manuskript und suchte sich danach flink den kürzesten Weg von der Tischplatte zum Fußboden. Angelika sprang auf, stellte die Milchtüte derart hektisch auf, dass die Milch aus der Öffnung spritzte, und riss das Manuskript vom Tisch in die Höhe.

„Scheiße, herrgottnochmal! Warum hast du die Milch schon wieder offengelassen?“

Robert zog den Stuhl vom Tisch weg, reichte mir den Vibrator und holte Wischlappen und Handtuch von der Spüle. Sie wischte mit dem Lappen auf dem Tisch, er unten auf dem Fußboden, wo ihm die Milch ins Haar rann, die Angelika mit dem Lappen in übertriebener Eile über den Rand schob. Ich hatte partout nicht mehr das Gefühl, noch in der Welt zu leben, die ich bis vor gut einer Stunde noch zu kennen geglaubt hatte, einer Welt, die mir weitgehend vertraut erschienen war, berechenbar, zu 99, oder sagen wir 95 Prozent vorhersagbar. Während ich wieder einmal wartete, erkundete ich die Schaltknöpfe des Vibrators. Ich hatte nie zuvor einen in der Hand gehalten. Zwei waren, wie ich feststellte, für die Geschwindigkeit zuständig, mit den beiden anderen konnte man die Programme wählen, die mit unterschiedlichen Rhythmen aufwarteten: Simsimsimsimsimsim, Ssssuuuummmsipsipsip oder ssssuuuuummmmstopsssssuuuuuummmmstop. Ich probierte alle durch, bis die Beiden mit der Putz-Session oberflächlich fertig waren. Als Angelika etwas verschwitzt und leicht genervt wieder zur Kamera griff, reichte ich Robert das Toy, das immer noch vibrierte, weil ich es auf die Schnelle nicht fertiggebracht hatte, es auszuschalten.

„Na, wenigstens konntest du dich zwischenzeitlich etwas vergnügen. Eigentlich nimmt Angie sie nicht zurück, wenn sie einmal benutzt waren.“

„Nichts für ungut“, gab ich zurück und stellte mich in Pose, Hüfte raus, ein Arm nach oben, die Finger lassen Wassertropfen aufs Haupt fallen.

„Du sollst mich nicht Angie nennen“, sagte Angelika und drehte die Kamera vor ihrem Gesicht ins Hochformat. „Na dann eben ohne Füße. Kannst du die Arme einfach hängen lassen und dich gerade hinstellen?“

Ich ließ die Arme schlaff herabhängen und schaute ausdruckslos in die Kamera.

„Nee, so geht das nicht. Du musst dich schon gerade hinstellen.“ Es blitzte. „Und jetzt von der Seite.“

Ich drehte mich, es blitzte. Ich drehte mich ein weiteres Mal für meine hintere Schokoladenseite. Es blitzte.

„Was mache ich hier eigentlich?“

„Wir machen Fotos für Lisa, damit sie dir dein Kleid schneidern kann, Schätzchen!“

„Kann ich mich jetzt wieder anziehen?“

 

Ich hinterließ Angelika meine Telefonnummer und verließ den Laden gehetzt, obwohl es immer noch regnete. Zuhause hatte Lukas das Wochenende eingeläutet und spielte am Computer. Maya packte ihre Tasche für den Ballettunterricht und grüßte mich nur beiläufig.

„Wo warst du denn so lange?“

„In der Bibliothek. Bücher wegbringen, Bücher abholen. Krimi-Lektüre fürs Wochenende.“ Ich war einfach noch nicht in der Verfassung, etwas von meiner Begegnung der Dritten Art zu berichten. Wo hätte ich anfangen, was hätte ich weglassen sollen?

„Wo ist Sebastian?“

„Einkaufen. Tschüss, ich muss los.“ Sie fächerte mir im Gehen mit der Hand einen Gruß zu.

„Es regnet. Soll ich dich fahren?“

„Papa hat das Auto.“

Nach dem Abendessen erzählte ich Sebastian von dem „schrägen“ Laden und der noch viel „schrägeren“ Verkäuferin, dass ich mir ein rotes Kleid angesehen und mir irgendwie hätte aufschwatzen lassen. Jetzt würde es für mich zu einem trotz allem günstigen Preis angefertigt. Mehr nicht. Als ich mich vorm Schlafengehen im Spiegel betrachtete, sagte Sebastian, ein rotes Kleid würde mir stehen.

„Aber ohne Kleid gefällst du mir besonders gut.“

Während wir miteinander schliefen, stellte ich mir vor, wie Robert in der Schlafzimmertür stand, uns dabei zusah und irgendwann „Hübsch!“ sagte. Ich stellte mir vor, wie Angelika und Robert miteinander schliefen und Dorothee ihnen dabei zusah. Sie trug den Motorradhelm auf dem Kopf und klopfte rhythmisch mit den Fingerknöcheln darauf. Ich sah die Milch auf den Fußboden tropfen und fühlte den unwiderstehlichen Drang, alles gründlich und restlos aufzuwischen. Als Sebastian fertig war, war ich weit von einem Höhepunkt entfernt. Wieder einmal. Aber diesmal war es auch für Sebastian unverkennbar gewesen.

„Was ist?“, fragte Sebastian, „du wirkst so abwesend.“

„Bin ich auch. Ich ärgere mich schon die ganze Zeit über mich selbst, weil ich mir von dieser komischen Frau dieses Kleid habe andrehen lassen.“

„Du musst es ja nicht nehmen. Du kannst doch morgen anrufen, dass du es dir anders überlegt hast.“

„Ach, das ist so peinlich! Dabei weiß ich gar nicht mal, ob ich mich wirklich trauen würde, es zu tragen. Es fällt so auf. Ich weiß auch nicht, was mich da geritten hat.“

„Es hat dich eben gereizt. Warum sollst du dich nicht auch mal richtig aufbrezeln. Ich wäre der Letzte, der was dagegen hätte. Probier’s doch einfach aus! Mach dir keine Gedanken mehr!“

 

Nachdem ich mir am Samstagmorgen neue Krimis in der Bibliothek besorgt hatte, stand ich wieder vor dem Laden. Ich bildete mir ein, das rote Kleid noch einmal im Schaufenster begutachten zu wollen, um eine Entscheidung treffen zu können, ob ich es wollte, oder nicht. Angelika saß hinter der Theke und las in einem Buch. Als sie mich bemerkte, lächelte sie mich über ihre Lesebrille hinweg durchs Schaufenster an. Ich lächelte zurück, hob mit einer Geste der Hilflosigkeit meine Hände und zuckte mit den Schultern. Angelika öffnete die Ladentür und blieb schmunzelnd im Eingang stehen.

„Ich weiß nicht, ob es wirklich das Richtige für mich ist. Kannst du es noch stornieren?“, fragte ich.

Angelika stieg die drei Stufen zu mir herab, stellte sich neben mich vor das Schaufenster und betrachtete das Kleid.

„Nein, vielleicht bist du wirklich noch nicht soweit. Ich kann Lisa anrufen und den Auftrag zurücknehmen, wenn du willst.“

Sie legte den Arm um meine Hüfte.

„Schade“, sagte sie, „aber willst du trotzdem kurz mit reinkommen und einen Kaffee mit mir trinken? Ich langweile mich ein wenig.“

Angelika brachte Kaffee und einen Hocker, damit ich mich neben sie setzen konnte. Zuerst fragte sie mich nach Familie und Kindern, was ich und Sebastian beruflich machten, wie alt die Kinder seien und ob ich glücklich sei. Natürlich sei ich glücklich. Ich hätte im Leben wohl sehr viel Glück gehabt. Das sehe sie mir an, meinte Angelika. Und sie selbst? Ob sie denn glücklich sei, fragte ich, um endlich mehr über sie zu erfahren.

„Was meinst du? Sehe ich glücklich aus?“

„Ich finde, schon. Obwohl ich mir vorstellen kann, dass es nicht leicht ist, so einen Laden zu betreiben. Hast du überhaupt genug Kundschaft, um über die Runden zu kommen? Es ist ja praktisch nicht viel los hier, oder?“

„Um ehrlich zu sein, ist der Laden eher eine Art Zeitvertreib oder Zwischenlösung, eine Versuchsanordnung.“

„Versuchsanordnung.“ Ich nickte, aber verstand nichts. „Aber du musst doch auch finanziell zurechtkommen.“

In den folgenden zwei Stunden, in denen ich die Zeit ganz und gar vergaß, erfuhr ich von Angelika mehr, als ich von meinen besten Freundinnen wusste. Irgendwann musste ich nicht einmal mehr Fragen stellen, denn Angelika verfiel immer mehr in einen Monolog, der jedoch nicht bloß ihre Eitelkeit befriedigte, nicht, wie mir zunächst schien, die moralische Rechtfertigung darstellte, die der Unsicherheit darüber entsprang, ob ihre Lebensentscheidungen richtig gewesen waren. Sie hatte Medizin studiert und lange Zeit in einem Krankenhaus als Anästhesistin gearbeitet. Dort hatte sie nach einigen eher kurzen Beziehungen zu älteren Männern Robert kennengelernt. Er hatte als Orthopäde gerade erst seine Stelle neu angetreten und musste sich schon in der ersten Woche wegen einer verschleppten Blinddarmentzündung selbst unters Messer begeben. Sie war an diesem Tag die diensthabende Anästhesistin. Damit habe es angefangen. Kaum ein Jahr später hätten sie geheiratet. Das Ärzteleben sei aufreibend gewesen, vor allem als irgendwann die Kinder geboren wurden. Sie hätten immer wieder überlegt, eine eigene Praxis zu kaufen, um etwas Ruhe in ihr Leben einkehren zu lassen. Für die Kinder die Stunden zu reduzieren funktionierte mehr schlecht als recht. Dann habe sich Robert irgendwann entschlossen, seine Stelle aufzugeben, weil Angelika deutlich mehr Geld verdiente und er nicht wirklich glücklich mit seinem Beruf war. In dieser Zeit habe er mit dem Schreiben begonnen, Krimis. Aber der erhoffte Erfolg blieb aus. In einem kleinen, unbedeutenden Verlag habe er schließlich zwei seiner Kriminalromane und einige Erzählungen unterbringen können, von denen aber nur wenige hundert Exemplare verkauft wurden. Robert sei mit der Zeit depressiv geworden, habe sich einfach nicht damit abfinden können, nur mehr den Hausmann zu spielen. Kochen, waschen, putzen, die Hausaufgaben der Kinder betreuen. Sie selbst habe sich immer mehr in die Arbeit gestürzt und neben den Schichten, davon viele Nachtdienste, wissenschaftliche Texte geschrieben, sie sei auf Kongresse und Tagungen gefahren und habe das Ziel verfolgt, sich zu habilitieren und vom Krankenhaus in die Universität zu wechseln. Irgendwann sei sie zusammengebrochen und habe sich eingestehen müssen, dass sie mit ihren überzogenen Ambitionen vor allem auch vermieden habe, mehr Zeit als nötig mit Robert und den Kindern zu verbringen. Sie sei regelrecht vor ihnen geflohen. Im Bett sei da zwischen ihnen schon lange nicht mehr viel gelaufen. Sie habe Roberts schlechte Verfassung zwar bemerkt, aber zu ignorieren versucht. Als sie mit – wie sich erst nach Wochen herausstellte – psychosomatischen Lähmungserscheinungen zuerst im Krankenhaus, danach ambulant behandelt wurde, habe sie gewusst, dass sie etwas ändern müsse in ihrem Leben. Und nicht nur etwas, sondern Grundlegendes. Interessanterweise habe sich Robert während ihrer Krankheit sichtlich erholt. In der Notsituation habe er auf einmal neue Kräfte mobilisieren können. Zwei Jahre habe sie danach noch als Anästhesistin gearbeitet, dann habe sie endlich den Entschluss gefasst, zu kündigen. In dieser Zeit habe sie auch Dorothee kennengelernt, genauer gesagt, sie beide, Robert und sie hätten Dorothee kennengelernt. Die genauen Umstände seien etwas bizarr.

„Soll ich weitererzählen?“, fragte Angelika, „Die meisten, denen ich das erzähle, reagieren da eher reserviert. Wir können gerne das Thema wechseln.“

Ich ermutigte sie, weiter zu erzählen, denn ich war neugierig geworden. Dafür müsse sie allerdings etwas weiter ausholen, sagte sie.

„Robert hatte irgendwann aufgehört zu schreiben. In den Kriminalgeschichten, die er bis dahin geschrieben hatte, spielten Sexszenen immer wieder eine Rolle, von Mal zu Mal mehr. Dazu gleich mehr. Als wir nach meiner Krankheit häufiger darüber sprachen, wie wir uns unsere Zukunft vorstellten, wenn die Kinder aus dem Haus sein würden, fragte ich ihn, ob er nicht vielleicht wieder mit dem Schreiben anfangen wolle. Er meinte, das sei für ihn ein abgeschlossenes Kapitel, ihm fehlten Begabung und Durchhaltevermögen. Der ausbleibende Erfolg habe ihn jedes Mal mehr frustriert. Er könne sich vorstellen, wieder als Arzt zu arbeiten, ambulant, aber nicht unbedingt mit eigener Praxis. Ich sagte ihm, mir hätten seine Erzählungen und Romane sehr gefallen und er müsse vielleicht nur etwas mehr Geduld haben. Darauf meinte er, die Kriminalgeschichten seien ohnehin nur eine Notlösung gewesen, er habe sich gedacht, dass er damit am ehesten würde Geld verdienen können. Er hätte so gern etwas zum Haushaltseinkommen beigetragen. Genaugenommen hätten ihn Kriminalgeschichten aber nie wirklich interessiert, nur das Schreiben selbst. Das sei wahrscheinlich auch ein Grund dafür gewesen, dass er mit diesen Geschichten nicht habe überzeugen können. Ich fragte ihn, was er denn schreiben würde, wenn er nicht an einen kommerziellen Erfolg denken würde. Er lachte. Du kannst dir vorstellen, was am Ende dabei herauskam. Ich habe es ja bereits angedeutet. Er druckste eine ganze Weile herum, sagte, er wisse es nicht, habe sich diese Frage noch nie gestellt, aber schon nach wenigen Tagen kam er unvermittelt auf meine Frage zurück: Am meisten Spaß habe es ihm gemacht die Sexszenen zu schreiben. Ihm seien die erotischen Begegnungen eigentlich immer als erstes eingefallen. Irgendwann habe er die Kriminalfälle quasi um die Sexszenen herum konstruiert. Das zuzugeben hat ihn damals große Überwindung gekostet, es war ihm ausgesprochen peinlich. So richtig bewusst sei ihm das erst geworden, nachdem ich ihn danach gefragt hätte. Mir war sofort klar, dass ich ihn ermutigen musste, es einmal mit dem Schreiben erotischer Texte zu versuchen. Ich wunderte mich durchaus über mich selbst, dass ich es ihm wirklich vorschlug. Er begann damit auf der Stelle, als hätte er die ganze Zeit nur auf meine Erlaubnis gewartet. Mit jedem seiner Texte, die er mir zu lesen gab, wurde er ausschweifender, mutiger, und sein Gemüt hellte sich zusehends auf. Wir schliefen wieder häufiger miteinander, probierten was aus, auch mit diversen Hilfsmitteln. Da gab es einige äußerst positive Überraschungen. Aber mir fiel bald auf, dass Robert kaum über Hetero-Sex schrieb. Die heißesten Szenen beschrieben Sex zwischen Frauen. Männer waren häufig unbeteiligte Beobachter. Zum einen verriet Robert damit eine Menge über seine persönlichen Vorlieben, zum anderen musste ich feststellen, dass mich die Beschreibung lesbischer Intimitäten wirklich antörnte, was ich mir vorher nicht hatte vorstellen können. Ich hätte es weit von mir gewiesen, lesbischen Sex erregend zu finden. Ich fragte Robert, wo er sich die Inspirationen für seine Geschichten herhole, ob er versuche, sich in die Protagonistinnen hineinzuversetzen, ob er über lesbische Liebe gelesen habe oder seine Erfahrungen womöglich aus Pornos beziehe. Ich hatte in jeder Hinsicht ins Schwarze getroffen. Zwar gab ich mich anfangs etwas empört, als er zugab, sich schon länger heimlich Pornos anzusehen, aber in Wirklichkeit spürte ich mit einem Mal den großen Reiz, selber die lasterhafte Welt der Pornographie zu erkunden. Nach einigen Wochen war ich soweit: Ich fragte, ob Robert mir mal einen der Filme oder Clips zeigen würde. Mit den Pornos fing es an. Nicht alle waren schön und erregend, aber Robert hatte einige Angebote im Internet gefunden, kostenpflichtige Seiten, auf denen wirklich schöne Pornos liefen. Wir begannen regelmäßig zu schauen und schliefen danach miteinander. Mein Kopf wurde regelrecht geflutet von Phantasien, in denen ich immer häufiger mit Frauen schlief. Ich versuchte unter anderem, mich von wissenschaftlicher Seite der Sache zu nähern, um auf Distanz zu den mich immer stärker überwältigenden Gefühlen zu gehen, kaufte viele Bücher und stieß dabei unweigerlich auch auf feministische Schriften, die den weiblichen Sex aus anderen Perspektiven beleuchteten, als ich es gewohnt war, oft sehr widerstreitende Positionen. Irgendwann bat mich Robert darum, mir zusehen zu dürfen, wie ich mich selbst befriedige, während ich einen Porno schaute. Ich hatte zu dem Zeitpunkt zwar schon eine Menge über Masturbation gelesen, aber Robert zusehen zu lassen, wie ich es mir selber machte, verunsicherte mich schon ziemlich. Aber ich tat ihm den Gefallen, versuchte es jedenfalls. Beim ersten Mal spielte ich ihm einen Orgasmus nur vor, weil mir die Situation einfach zu unangenehm war. Ich konnte nicht kommen, wenn ich mich nur als Objekt seiner visuellen Begierde fühlte. Außerdem hatte ich wenig Übung. Er bemerkte es und war ein wenig enttäuscht, konnte mich aber verstehen. Ich versprach ihm, eine Art Training zu beginnen. Jetzt fing ich an, die Pornos auch bei Gelegenheiten anzusehen, wenn Robert nicht zuhause war. Die Kinder waren ohnehin abends oft unterwegs, bei Freunden, zur Disko, oder waren von ihren Smartphones oder dem Computer absorbiert. Wenn ich alleine war, funktionierte es bestens. Ich versuchte mir vorzustellen, wie Robert an der Bettkante hockte oder sich hinter einer Schranktür versteckte und mir zusah. Bis mir eines Abends plötzlich bewusst wurde, dass Robert und ich die ganzen Jahre zuvor möglicherweise den falschen Sex gehabt hatten, dass uns immer irgendetwas gefehlt hatte, von dem wir nicht wussten, was es war, irgendetwas, das wir uns nicht eingestehen wollten. Robert hatte vielleicht immer schon lieber zuschauen wollen, vielleicht nicht ausschließlich, aber doch sehr gern. Und ich? Bei dem, was wir all die Jahre im Bett gemacht hatten, war ich immer der Überzeugung gefolgt, wir täten etwas, das ihm gefällt. Und ich wollte ihn ja glücklich machen, auch wenn ich eher selten einen Orgasmus dabei hatte. Ich hielt es für selbstverständlich, dass meine Aufgabe vor allem darin bestand, ihn zu befriedigen. Wie es mir dabei ging, war eher Nebensache. Und er hatte geglaubt, ich bevorzugte das, was man so landläufig Standard-Sex nennen könnte. Kurzes Vorspiel und danach das Hauptprogramm in Missionarsstellung. Das war immer schon irgendwie öde gewesen. Ich war zwar nicht von Abscheu erfüllt, überhaupt nicht, aber ich war auch nicht gerade wild darauf, mit ihm ins Bett zu gehen. Deswegen lief ja auch irgendwann kaum noch was zwischen uns. Einige Tage später fasste ich den Mut, Robert zu fragen, welche seiner Phantasien er, wenn er könnte und dürfte, am ehesten realisieren würde. Er dachte eine Weile nach, aber ich glaube, er suchte nur nach den richtigen Worten, die mich nicht verletzen würden. Ich ermunterte ihn, es sehr direkt und ohne Umschweife zu sagen. Er meinte, Phantasien hätten ja meist nicht viel mit der Wirklichkeit zu tun, aber wenn ich ihn nur nach seinen Phantasien fragte, falle ihm vor allem eines ein: Er wolle zusehen, wie ich mit einer Frau schlafe. Er stelle sich keinen Dreier vor, er sehe sich dabei nur in der Rolle des Zuschauers. Aber er könne das von mir nicht verlangen, er wisse nicht einmal, ob er es würde genießen können. Es sei ganz und gar ausgeschlossen daran zu denken, diese Phantasie in welcher Form auch immer Wirklichkeit werden zu lassen. Er habe zudem ein schlechtes Gewissen, sich überhaupt mit solchen Phantasien beschäftigen zu müssen. Es gehe ihm ja vor allem darum, mich glücklich zu machen, er wolle gern mehr tun, um mich zu befriedigen. Und was, fragte ich, wenn ich es tatsächlich gern einmal mit einer Frau ausprobieren würde? Das war die Zeit, als wir anfingen, auf die Suche zu gehen. Wir klapperten in Gedanken unseren Bekannten- und Freundeskreis ab, aber keiner der ohnehin in den meisten Fällen verheirateten Frauen trauten wir eine derartige moralisch-normative Volte zu, keine erschien uns lüstern genug, dass wir sie irgendwie hätten herumkriegen können. Und ein Paar wollten wir uns sowieso nicht in unser Bett einladen. Ich wollte es keinesfalls mit einem anderen Mann machen. Also begannen wir im Internet auf einschlägigen Seiten zu suchen, meldeten uns mit unserem Wunsch auf einer der Plattformen, die uns am seriösesten schien, an und klickten durch die Profile von Single-Frauen, die Lust auf ein lesbisches Abenteuer hatten. So fanden wir irgendwann Dorothee, die sich dort Lilly nannte. Das erste Mal war nicht gut. Ich wusste einfach nicht, was ich im Bett mit ihr anfangen sollte. Ich hatte mir wer weiß was vorgestellt, aber als wir uns irgendwie steif, verkrampft, unsicher in dem Hotelzimmer, das wir für eine Nacht gemietet hatten, auszogen und ins Bett legten, fühlte ich überhaupt nichts mehr. Das alles schien mir vollkommen absurd, als sei ich im falschen Film gelandet. Wir hatten uns wohl einfach zu wenig Zeit genommen, uns kennenzulernen. Doro hatte zwar schon mehr Erfahrung und bemühte sich redlich, mich in Fahrt zu bringen, sie massierte meine Brüste, spreizte meine Beine und fing an, mich zu lecken, aber ich spürte keinerlei Lust, es tat fast weh, ich war von Anfang an überreizt. Und Doro störte es, dass Robert uns dabei zusah, obwohl sie sich auf den Deal eingelassen hatte. Auch für sie war es kein prickelndes Erlebnis. Robert saß in der Ecke auf einem Stuhl. Er trug nur seine Unterhose. Nach einer Weile holte er seinen Schwanz raus und nahm in die Hand, aber er bekam keinen Steifen. Es war für alle einfach nur grauenhaft. Irgendwann fing Doro an zu lachen und das wirkte wie eine Erlösung für uns alle. Wir saßen die halbe Nacht zusammen im Bett und erzählten uns unsere Lebensgeschichten. Erst gegen Morgen schliefen wir ein, wir drei, einträchtig in einem luxuriösen Hotelbett.“

„Aber ihr habt es trotzdem wiederholt.“

„Nein, jedenfalls nicht in dieser Konstellation. Wir blieben in Kontakt. Wir hatten Emailadressen ausgetauscht und ich schrieb Dorothee gleich am nächsten Abend, um mich zu entschuldigen. Die Sache war mir am nächsten Tag, als ich wieder zu vollem Bewusstsein gekommen war, noch viel peinlicher als am Abend zuvor. Ich schloss kategorisch aus, dieses Experiment, mit wem auch immer, zu wiederholen. Doro sollte wissen, dass es nichts mit ihr zu tun hatte. Ich wollte ihr zu verstehen geben, dass ich sie durchaus schön und anziehend fand. Aber das mit dem Sex unter Frauen war offenbar nichts für mich. Als Phantasie okay, aber in Wirklichkeit wenig beflügelnd. Doro zeigte Verständnis und schrieb, beim ersten Mal gehe es vielen so wie uns, ich solle mir keine Gedanken deswegen machen. Am besten habe es ihr gefallen, wie wir nachher so entspannt geplaudert hätten. Da habe sie uns richtig liebgewonnen. Sie finde ein Wiedersehen schön, auch wenn es da nicht um Sex gehe.“

„Und ihr habt euch wiedergesehen.“

„Ich verabredete mich alleine mit ihr. Robert wusste nichts davon. Wir trafen uns mehrere Male. Wir stellten fest, wie wenig wir gemeinsam hatten, trotz Abi war sie Kassiererin bei Aldi geworden, sie wollte sich keine Gedanken um Karriere und Beruf machen und stattdessen erotische Abenteuer erleben. Sie ist da bis heute radikal und verschwindet manchmal wochenlang von der Bildfläche. Ich habe keine Ahnung, was sie dann treibt. Am Ende war uns beiden klar: Gemeinsame Interessen würden uns nicht für längere Zeit freundschaftlich aneinander binden. Nach unserem dritten Treffen, war ich entschlossen, den Kontakt einfach einschlafen zu lassen. Doro musste diesen Entschluss gespürt haben, denn sie wurde immer melancholischer. Irgendwann sagte sie, sie vermute, dass ich sie nicht mehr wiedertreffen wolle, es sei vielleicht das letzte Mal, dass wir uns sähen und sie wolle mich um einen letzten Gefallen bitten. Sie lud mich in ihre kleine, unaufgeräumte Wohnung ein, forderte mich auf, mich auszuziehen und in ihr Bett zu legen. Ohne Robert fiel es mir leichter, ihrer Bitte zu folgen, aber so ganz wohl war mir nicht dabei, mich ihr ohne Roberts Wissen hinzugeben. Doro zog sich ebenfalls aus und reichte mir einen Sahnesprüher, so eine Metallflasche mit Gaspatrone. Ich hatte keine Ahnung, was ich damit sollte. Im ersten Moment dachte ich, sie wolle irgendein Sahne-Leck-Spiel anfangen. Aber es ging nicht um Sahne, sondern um das Gas. Mir war bis dahin nicht bekannt, mit welchem Gas die Dinger betrieben werden. Sauerstoff? Kohlendioxid? Weit gefehlt: Distickstoffmonoxid, der kundigen Anästhesistin auch als Lachgas bekannt. Ich sollte einige Züge davon einatmen, das würde mich lockerer machen. Sie blies einen Luftballon damit auf und reichte ihn mir. Ich wusste um die Wirkung des Gases, auch wie ungefährlich es in dieser Form sein würde, aber ich hatte es selbst noch nie ausprobiert. Ich hatte nie zuvor Drogen genommen. Ich zögerte, Doro nickte mir zu und ich probierte es einfach aus. Tatsächlich zeigte es Wirkung. Ein heftiges Kribbeln ging durch meinen ganzen Körper, alles um mich herum kam mir sehr unwirklich vor, ich wurde leicht, entspannt und geradezu euphorisch. Da spielte wohl auch eine ganze Menge Einbildung eine Rolle. Es war mehr eine hysterische Betäubtheit. Ich bemerkte erst gar nicht, wie Doro mich aufs Bett drückte und mit ihren Händen über meinen Körper fuhr. Erst als die Wirkung nachließ, spürte ich ihre Finger, die meine Schamlippen auseinanderspreizten, da wurde mir bewusst, dass sie mit dem Liebesspiel begonnen hatte. Und diesmal war es einfach wunderbar. Hör mal, Lena, ich möchte dir nicht zu nahe treten, indem ich das alles so schamlos vor dir ausbreite. Aber ich habe in den letzten Jahren zu verstehen gelernt, in welchem Ausmaß ich mich in den Jahrzehnten zuvor durch falsche Scham selbst eingeschränkt habe. Und ich habe begriffen, dass es den Menschen, denen ich begegne, wenig hilft, wenn ich meine, ich müsse sie vor peinlichen Momenten bewahren, ich dürfe sie nicht vor den Kopf stoßen. Erstens ist es für dich besser, wenn du weißt, mit wem du es zu tun hast, und zweitens musst umgekehrt du mir gegenüber nicht das Gefühl haben, es gebe in deinem Leben irgendein gut gehütetes Geheimnis, das unwürdig genug ist, von unendlicher Scham überdeckt zu werden. Ich weiß von mir selbst, wie viele Sehnsüchte, wie viel Abenteuerlust ich mein halbes Leben lang und länger in unbewusste Gefilde hinabgedrückt habe, dass ich überzeugt sein konnte, nicht den kleinsten lüsternen oder gar perversen Gedanken zu hegen. Wir haben gelernt, die scheinbar düsteren Seiten in uns von unserem Selbst abzuspalten. In unserer Phantasie ist Platz für die allerschrillsten Perversionen, aber wir nehmen sie nicht als unsere eigenen wahr, immer nur als die der Anderen. Und wir fühlen uns gut, wenn wir die Anderen dafür verurteilen können.“

„Ich verurteile dich nicht. Aber gewöhnungsbedürftig finde ich es schon. Ich finde es interessant, aber es macht mir auch, wie soll ich sagen, ein wenig Angst.“

„Weil es auch eine dreiste Anmache von mir sein könnte.“

„Ja, vielleicht.“

Sie schaute mir lange in die Augen.

„Aber das ist es doch auch.“

So viel Ehrlichkeit hätte ich in diesem Moment weder erwartet noch gebraucht. Ich lächelte bemüht und schaute auf meine Armbanduhr.

„Meine Direktheit ist dir unangenehm. Aber du bist ja frei, auf mein Werben einzugehen, oder es zurückzuweisen. Ich habe dich vom ersten Moment an gemocht. Du bist witzig, intelligent und ausgesprochen schön. Ich sehe keinen Grund, dir das zu verschweigen. Ich muss sagen, ich habe mich ein wenig in dich verliebt. Und Robert übrigens auch, das hast du sicher gemerkt. Wir waren uns allerdings nicht sicher, ob du kneifen würdest. Ich hatte damit gerechnet, dass du anrufst, von dem Vertrag zurücktrittst und dich nie wieder blicken lässt. Aber du bist gekommen. Das hat mich ermutigt.“

Irgendwie fühlte ich mich geschmeichelt. Ich hatte Eindruck auf zwei außergewöhnliche Menschen gemacht, die mich ebenfalls beeindruckt, oder jedenfalls irritiert und fasziniert hatten. Allerdings beängstigte mich auch Angelikas Offenheit, die ja nichts anderes als eine Einladung war, eine Einladung zu einer Party, an der ich unmöglich teilnehmen konnte. Eine klare Absage würde das kleine Abenteuer für mich jetzt und für immer beenden. Dafür erschien es mir einfach zu spannend. Ich hatte noch nicht genug. Und die Beleidigte oder Empörte zu spielen wurde Angelika nicht gerecht. Das verbat mir die Achtung vor ihr und nicht minder meine Eitelkeit.

„Ja“, sagte ich, „ich bin gekommen. Ich wusste nicht genau, warum. Aber ich glaube, es hatte damit zu tun, dass ihr besondere Menschen seid. Das hat mich interessiert. Es hat mich irgendwie gereizt. Ich glaube, ich mag dich auch sehr. Allerdings hat das nicht im Mindesten mit…“, ich zögerte, das Wort auszusprechen, „… mit erotischer Anziehung zu tun.“

Ich korrigierte mich innerlich. Angezogen fühlte ich mich durchaus, es gab auch entfernt erotische Aspekte, jedoch waren damit keinerlei bewusste Absichten verbunden. Im Rückblick würde ich sagen, ich hatte sie mir nicht eingestanden, sie lagen jenseits aller denkbaren Möglichkeiten.

„Du musst dir keine Sorgen machen. Ich will dich nicht verführen, falls du das denkst. Ich finde es allerdings richtig, den Menschen, die ich anziehend finde und mit denen ich gerne ins Bett gehen würde, nicht zu verschweigen, was ich empfinde. Im Übrigen wäre es ein klares Statement gewesen, wenn du jetzt aufgestanden und einfach weggegangen wärest, denn das hätte mir gezeigt, dass die Situation für dich gefährlich geworden ist, dass du Angst vor dir selbst bekommen hast, weil du dir deiner Gefühle nicht sicher genug bist, du dich im tiefsten Innern gerne verführen lassen würdest. Da wäre ich sicher hartnäckig geblieben.“ Sie lachte vergnügt auf. „Da du sitzen geblieben bist, kann ich davon ausgehen, dass du dir deiner sehr sicher bist. Entweder fühlst du ein wenig wie ich, oder du verspürst tatsächlich keine sexuelle Anziehung, was ich vollkommen in Ordnung fände.“

Das war ein verdammter Doublebind! Damit kannte ich mich seit meiner frühesten Kindheit aus. Wie hatte sie das nur eingefädelt? Wäre ich in diesem Moment gegangen, hätte ich damit zu verstehen gegeben, dass ich fühlte, wie sie es mir unterstellte. Floh ich nicht, blieben trotzdem beide Optionen weiter bestehen: Ich will Sex mit ihr oder ich finde sie einfach nur kurios. Meiner selbst sicher sein? Wie konnte ich das in dieser Ausnahmesituation? Die Selbstsichere konnte ich jetzt nur noch spielen, ohne es zu sein. Das Beste, was ich tun konnte, war, indifferent zu bleiben, solange es ging, undurchschaubar. Leider durchschaute ich nicht einmal mehr mich selbst.

„Jetzt mal im Ernst“, sagte ich, „du kannst doch unmöglich von mir erwarten, dass ich mit dir ins Bett gehe, einfach so. Und Robert würde uns dabei zusehen, wenn ich dich richtig verstanden habe? Oder gehört das jetzt nicht mehr zum Spiel? Angelika, ich bin verheiratet. Das habe ich dir auch gesagt. Du hast mich selbst nach meiner Familie gefragt. Selbst wenn ich – rein hypothetisch gesprochen – vielleicht Lust hätte, mit dir zu schlafen, würde ich es nicht tun.“

„Warum nicht? Hast du nie eine Affäre gehabt?“

„Nein. Nie.“

„Und dein Mann?“

„Ich denke mal, nicht. Für uns bedeutet die Ehe ein Treueversprechen.“

„Und Treue schließt Sex mit anderen aus.“

„Sonst wäre es ja keine Treue, oder?“

„Ich dachte, die Ehe sei das Versprechen, ein Leben lang zusammen zu bleiben, sich gegenseitig zu unterstützen, die Kinder gemeinsam aufzuziehen und für sie zu sorgen. Die Ehe ist ein festes Band, man bemüht sich, die gegenseitige Liebe aufrecht zu erhalten, dem anderen Geborgenheit zu geben bis zum Tod. Und zur Liebe gehört natürlich auch Sex. Aber du kannst auch Kinder adoptieren, sie erziehen, ihnen Geborgenheit geben, du kannst Freunde unterstützen und ihnen das Gefühl geben, geliebt zu werden. Du liebst sie doch irgendwie. Alles das, was wesentlich für eine Ehe ist, kannst du auch mit anderen teilen. Warum nicht auch Sex?“

„Weil Sex so viel intimer und persönlicher ist als alles andere. Sex ist der neuralgische Punkt in einer Beziehung.“

„Es gibt Beziehungen, genauer gesagt Ehen ganz ohne Sex. Und intim ist auch, wenn du als Altenpflegerin Senioren den Hintern wäschst oder wenn du als Gynäkologin zwischen die gespreizten Schenkel deiner Patientinnen blickst und ihnen das Spekulum in die Vagina schiebst.“

„Aber beim Gynäkologen habe ich keinen Orgasmus und will da auch keinen bekommen. Ich jedenfalls nicht. Mit Sex beginnt immer eine Beziehung, und Beziehungen sind kompliziert, weil sie mit Erwartungen und Ansprüchen verbunden sind.“

„Die Beziehungen zu deinen guten Freundinnen und Freunden sind demnach völlig unkompliziert.“

„Da kann ich mich zurückziehen, wenn ich will, wenn es zu eng wird, wenn ich mich überfordert fühle. Da bewahre ich mir meine Freiheit.“

Angelika zwinkerte mir mit einem Lächeln zu. „Mit anderen Worten: In deiner Ehe fühlst du dich unfrei.“

Ich überlegte. Ich hatte keine Lust, mich von Angelikas Argumentation schachmatt setzen zu lassen. Darauf hatte sie es ja offensichtlich angelegt. Freiheit – was bedeutete überhaupt Freiheit? Die eigene Freiheit hört immer da auf, wo die des anderen beginnt. Totale Freiheit bedeutet auch totale Einsamkeit.

„Ja“, antwortete ich, „ich bin unfrei. Ich habe diese Unfreiheit gewählt, denn beide Ehepartner profitieren von diesem Vertrag. Sie können sich sicher fühlen und müssen nicht befürchten, plötzlich abgehängt oder abgelegt zu werden. Die Treue ist der Preis für diese ganz spezielle Geborgenheit, für die Sicherheit, die Gewissheit, nicht allein gelassen zu werden. Sex mit meinem Mann bedeutet jedes Mal die Erneuerung dieses Versprechens. Sex mit anderen zerstört das System, alles kommt aus dem Gleichgewicht.“

Angelika nickte und senkte den Blick. „Wenn das so stimmt, musst du eine wunderbare Ehe führen. Ich möchte dieses System, wie du sagst, auf gar keinen Fall aus dem Gleichgewicht bringen.“ Sie blickte auf und lächelte. „Ich hoffe, ich habe das Gleichgewicht nicht bereits gestört. Es scheint ja ausgesprochen stabil zu sein.“

„Ich sage nicht, dass ich vor Verführungen gefeit bin. Wer könnte das schon? Aber warum sollte ich so viel aufs Spiel setzen für etwas, das mich nur ins Chaos stürzen würde?“

„Weißt du, Lena, das Chaos bricht doch viel häufiger im Innern des Systems aus. Warum gehen immer mehr Ehen auseinander? Warum ertragen es so viele Paare nicht, für immer und ewig zusammen zu bleiben? Was ist der Sprengstoff, der sie auseinanderreißt? Ich glaube, es ist genau das, was du als den neuralgischen Punkt beschreibst: der Sex. Ich habe irgendwann aufgehört, Robert zu begehren, Sex mit ihm wurde zur Routine. Ich glaube, den meisten Frauen geht das so, das liegt in ihrer Biologie. Dann sind es eher andere Dinge, die die Partner aneinander binden, Vertrautheit, Zuverlässigkeit, wie du sagst, Geborgenheit. Das blieb mir auch sehr wichtig. Aber Robert spürte, dass bei mir das Begehren verebbt war. Er suchte nach Möglichkeiten, diese prickelnde Erotik der Anfangszeit zurückzuholen. Für uns beide bestand letztlich die Lösung darin, sehr kompromisslos die Sphäre unserer Sexualität auszuweiten. Wir konnten unsere Lust nicht mehr aneinander entfachen. Wir brauchten dazu andere Menschen. Als wir uns das eingestanden hatten, brachte uns das auch sexuell wieder viel näher. Wir schlafen regelmäßig miteinander, sicher viel häufiger als andere Paare unseres Alters. Aber es ist auch deshalb so erfüllend und aufregend, weil wir voneinander wissen, dass wir es hin und wieder auch mit anderen tun, und weil wir einander davon erzählen. Wir gehören zueinander, einerseits, ganz klar! Aber wir gehören uns in erster Linie selbst. Unsere Körper, unser Geist – darauf hat niemand Anspruch außer wir selbst. Wir sind frei, und wir lieben uns genau deshalb so sehr, weil wir uns gegenseitig unsere Freiheit zugestehen. Dennoch zusammenzubleiben ist für uns jeden Tag ein Geschenk, das wir dankbar annehmen und wirklich, wirklich zu schätzen wissen.“

„Das hört sich alles ganz wunderbar an. Vielleicht ist es für dich stimmig, in deiner Situation. Du schläfst mit anderen Frauen, vielleicht auch mit anderen Männern. Und Robert hat, wenn ich dich richtig verstanden habe, ebenfalls seine Affären. Ich stelle mir vor, dass das irgendwann auch zur Routine wird. Was kommt als nächstes? Liegt es nicht nahe, die Grenzen immer weiter auszudehnen? Was, wenn einer von euch bei diesen Eskapaden auf einen Menschen trifft, mit dem er mehr als nur vorübergehend das Bett teilen möchte? Was, wenn die wechselnden Sex-Partner Ansprüche erheben, ihnen das Herz gebrochen wird, Eifersüchte von außen in eure Partnerschaft einbrechen? Ich finde es problematisch, den Schwerpunkt des Lebens so sehr in diesen einen Bereich zu verlegen. Hat das nicht etwas von einer Sucht, die nach immer mehr und immer Neuem verlangt? Dreht sich wirklich alles nur um Sex? Es gibt doch so viel mehr im Leben.“

„Liebe Lena, du kannst nicht permanent gegen dein Wesen anarbeiten, gegen deine Biologie, die dir sagt, der eine Partner ist nicht genug. Wir sind durch und durch polygame Wesen. Monogamie ist eine zivilisatorische Fehlentwicklung gewesen, die nichts anderem diente, als die Frauen zu unterwerfen, sie zum Besitz der Männer zu machen. Warum gibt es so viele patriarchale Gesellschaften, in denen den Männern alle sexuellen Freiheiten eingeräumt werden, die Frauen aber eingesperrt und entmündigt werden? Ja, es gibt eine ganze Menge mehr im Leben als Sex. Aber nur wenig davon hat einen höheren Stellenwert. Gott, die letzten Dinge, Weisheit.“

„Du übertreibst maßlos. Das mit der Unterdrückung der Frau stimmt doch alles schon lange nicht mehr. Bei uns jedenfalls können Frauen schon lange tun und lassen, was sie wollen. Sie müssen weder heiraten, noch sich irgendwem unterordnen.“

„Mag sein, dass es so wirkt. Aber die Ehefrau, die fremdgeht, ist eine verdammte Schlampe, der Ehemann, der mit anderen schläft, ist dagegen ein treuloser Casanova. Wir gestehen es seiner Natur zu, er kann eben nicht anders. Warum werden die Frauen in manchen muslimischen Ländern gesteinigt, wenn sie vergewaltigt wurden?“

„Wir leben aber nicht in einer muslimischen Kultur. Hier wird keine Frau gesteinigt.“

„Nein. Das ist vielleicht ein schlechtes Beispiel. Wir leben ja auch zum Glück längst in einer Übergangszeit. Aber zu großen Teilen ist unsere Gesellschaft immer noch patriarchal. Und dieses Patriarchat wütet in uns Frauen noch immer, wir passen uns nach wie vor an die Gesetze der Männer an: Macht, Gewalt, Unterwerfung und Lüge. Es wird endlich Zeit, dass wir Frauen erkennen, wie sehr wir unsere eigene Natur zu verleugnen gelernt haben. In Wahrheit sind wir Frauen weitaus weniger monogam als die Männer. Da steckt eine Kraft drin, ein Potenzial, das viel stärker und positiver ist als die Gesetze von Besitz, Kampf und Vernichtung. Hast du dich mal gefragt, warum Frauen multiple Orgasmen haben, warum sie mehr als nur einmal kommen können, im Minutentakt, und das zweite Mal und das dritte Mal ganz besonders genießen würden, wenn sie nur könnten? Diese angeborene Lust kann nicht ein Mann alleine befriedigen. Es hat eindeutig evolutionäre Vorteile, wenn Frauen mit so vielen verschiedenen Männern wie nur möglich schlafen, weil sich die besten Spermien durchsetzen können und eine viel größere Vielfalt entstehen kann. Es ist totaler Quatsch anzunehmen, das Beste sei es, von nur einem einzigen Mann Kinder zu bekommen. Das ist ein Resultat der Zivilisation, die familiäre Strukturen hervorgebracht hat, bei der den Frauen die Aufgabe zugewachsen ist, für Haus und Kinder zu sorgen und dem Mann, sie zu beschützen und die materielle Versorgung sicherzustellen. Daraus haben die Männer ein Besitzrecht an den Frauen abgeleitet. Das ist heute glücklicherweise obsolet geworden, aber die familiären Strukturen, die Rollenverteilung sind weiter fest in die Köpfe eingeschrieben. Auch hier bei uns. In mir und in dir. Die sexuelle Befreiung der Frauen ist eines der Kernprojekte auf dem Weg zum Niedergang des Patriarchats, das bis heute unsere Welt mit Krieg und Zerstörung überzieht.“

„Und jetzt, meinst du, sollen alle anfangen, wieder wild durcheinander miteinander zu vögeln? Die Frau, die mit jedem x-beliebigen Mann herumvögelt, ist doch gerade eine Männerphantasie.“

„Nein, es geht nicht darum, dass sich Frauen in noch höherem Maße für die Männer verfügbar machen. Das ist keine sexuelle Befreiung.“

„Du meinst, Familien seien überflüssig geworden? Familien sind das, was Kindern Halt gibt. Folgt euren biologischen Instinkten!? Marschbefehl der obersten Heeresleitung: zurück zur Natur!? Das finde ich, gelinde gesagt, wohlfeil. Das ist alles leicht gesagt, solange wir in unseren gut geheizten, gedämmten Wohnungen leben, morgens eine heiße Dusche nehmen, unsere Lebensmittel im Supermarkt kaufen und bei einem Herzinfarkt den Rettungswagen rufen können. Das sind die Früchte der Zivilisation, einer vielleicht nicht in jeder Hinsicht optimalen geistigen Kultur, viel davon ist verbesserungswürdig, aber die Geschichte der Menschheit ist aufs Ganze gesehen nichts anderes als der Triumph des Geistes über die Biologie. Darin eingeschlossen sind letztlich auch unsere monogamen Beziehungen. Ganz sicher: Sie beschneiden unsere biologischen Anlagen, degradieren sie in mancher Hinsicht. Wären die Menschen aber nur bei ihren urtümlichen Bedürfnissen geblieben, unterschieden sie sich bis heute nicht von allen anderen Tieren, dann wären wir weiterhin Affen und könnten dieses Gespräch hier nicht führen. Es gäbe uns nicht einmal. Ich wäre wegen meines engen Beckens und der Steißlage bei meinem ersten Kind elendig krepiert.“

„Moment mal, ich muss deinen berechtigten Furor einmal etwas ausbremsen.“

Mein Furor?“

„Ich gebe dir in allen Punkten recht. Es gibt so etwas wie einen zivilisatorischen und kulturellen Fortschritt, wenig davon will ich missen. Aber es gab und gibt immer auch Fehlentwicklungen. Vielleicht brauchten wir für lange Zeit diese traditionellen Familienstrukturen, die Vorherrschaft der Männer. Ich weiß es nicht. Jedenfalls können wir die Menschheitsgeschichte nicht mehr ohne sie denken. Alles andere wäre Spekulation. Heute jedoch sind wir an einem Punkt angelangt, wo wir sie eindeutig nicht mehr brauchen, wir können diesen überflüssigen Ballast endlich abwerfen, der den Frauen, der ganzen Welt so viel Leid gebracht hat, selbst da, wo es keine Kriege mehr gibt. Immer mehr Menschen werden krank in unserer Gesellschaft, psychisch krank. Der Geist triumphiert über den Körper!? Ich sehe überall nur noch Selbstversklavung, wir machen uns alle freiwillig zu Rädern im Getriebe eines sich verselbständigenden Wirtschaftssystems. Unsere sogenannte Kultur redet uns ein, unsere Selbstverwirklichung fänden wir nur noch im beruflichen Erfolg, unsere Körper richten wir dafür zu, optimieren sie, halten sie fit, wir essen Gesundes, nicht weil wir es genießen, sondern damit wir leistungsfähig bleiben für Ziele, die nicht unsere eigenen sind. Für Erfolg und Leistungsfähigkeit trainieren wir unsere Kinder und halten es für natürlich, sie einem unerbittlichen Kampf aller gegen alle auszusetzen. Wir degradieren unsere Körper und unsere elementaren Bedürfnisse für was weiß ich, ich habe keine Ahnung, wofür wir uns eigentlich aufopfern, keiner weiß es mehr, für unseren Status, unser Ansehen. Und in unserer Erschöpfung suchen wir nach Entspannung in den Unterhaltungsangeboten im Fernsehen und im Internet. Wir tummeln uns in den sozialen Netzwerken, die nur noch eine entfremdete Kommunikation darstellen. Es gibt keine Unmittelbarkeit mehr, immer weniger persönliche Nähe, wir löschen unsere Körper aus, unsere Sehnsüchte, unsere tiefsten Bedürfnisse, wir leben nicht unser eigenes Leben, sondern geben uns zufrieden damit, uns mit den fiktionalen Heldinnen und Helden der Fernsehserien zu identifizieren. Die leben das Leben an unserer Stelle, wir schauen nur noch zu. Die Abenteuer sind schon lange nicht mehr im Kopf, sie werden von der Unterhaltungsindustrie vorgefertigt und wir saugen sie genüsslich ein, während wir innerlich verdorren. Wir werden eingelullt und geben unsere natürliche Souveränität freiwillig auf. Das ist ein erbarmungsloser Kreislauf, dem wir mit allen Mitteln zu entkommen versuchen müssen. Lena, du kannst mir glauben, es hatte gute Gründe, warum wir aus unseren Berufen ausgestiegen sind. Nicht weil wir glauben, dass es keine Ärzte mehr geben muss, ganz bestimmt nicht! Aber Robert und ich waren an einem Punkt der Erkenntnis angelangt, der uns zugleich unsere Verantwortung vor Augen führte, nicht bloß nach einer neuen Lebensform für uns persönlich zu suchen – das ist nur eines der Ziele, die wir seit einigen Jahren verfolgen -, sondern du musst dann auch Verteiler, wenn du so willst, Propagandist deiner neuen Ideen sein, sonst wird aus der Sache nichts anderes als purer Eskapismus. Das ist es doch, was du mir vorwirfst, dass ich mir die Rosinen aus dem Kuchen picken will. Das wäre unverantwortlich. Wir empfinden durchaus so etwas wie einen gesellschaftlichen Auftrag. Die Frage ist nur, zu welchen Mitteln wir greifen. Und diese Mittel sind auf keinen Fall militant, sie sind aufopferungsvoll, weil wir experimentieren und persönliche Risiken eingehen. Wir wollen niemanden ins Unglück stürzen. Das wichtigste Mittel ist jedoch, dass wir uns nicht verstellen, uns nicht in eine dunkle Nische privater Glückseligkeit zurückziehen, nichts verheimlichen, uns der Scham und den Schuldgefühlen aussetzen, die aus der Perspektive des Gros der Gesellschaft die angemessenen Gefühlsregungen wären, die unser Handeln begleiten und uns zum Schweigen bringen sollten. Nicht berechtigte Wut treibt uns an, sondern die Liebe zu den Menschen und die Liebe zum Leben.“

Ich atmete tief durch. Angelikas Kulturkritik war ihr ja durchaus nicht aus den Wolken zugefallen. Ich hatte das Gefühl, die meisten ihrer Standpunkte zu teilen. Die Konsequenzen, die sie daraus zog, leuchteten mir gefühlsmäßig aber noch nicht ein. Sicher war es sinnvoll, in einer sich wandelnden Gesellschaft nach neuen Lebensformen zu suchen, die menschlicher waren als die existierenden, in denen wir aufgewachsen sind, und die wir genau aus diesem Grund nicht bewusst wahrnehmen und kritisch hinterfragen können. Mit Unbehagen aber erfüllte mich die Eingleisigkeit und Einfachheit sowohl ihrer Kritik, als auch ihres Konzepts für eine Lösung. Warum sollte ausgerechnet Sex, dieses schon in der 68er-Zeit gescheiterte Projekt der freien Liebe die Lösung aller unserer Probleme sein? Freie Liebe erschien mir alles andere denn als Lösung irgendeines Problems, eher stellte sie für mich ein zusätzliches Problem dar. Aber das war nicht die einzige Schwachstelle.

„Und was ist mit euren Kindern? Haben die keine Probleme damit?“ Ich setzte ironisch in Anführungsstriche: „Mit eurem Projekt?“

Angelika blies die Backen auf und ließ ihren Blick durch die Regale gleiten.

„Das ist ein wunder Punkt. Sie können da nicht mit. Wir haben es ihnen lange Zeit verschwiegen, weil wir glaubten, es gehe nur uns alleine etwas an. Aber als wir den Verlag gründeten, haben wir beschlossen, es ihnen zu erklären. Wir haben ihnen auch Dorothee vorgestellt, die in der Wohnung unterm Dach eingezogen war. Sie können bis heute nicht akzeptieren, dass ich eine Beziehung zu ihr habe, dass wir angefangen haben, andere, ausgewählte Menschen ganz nah an uns heranzulassen, dass wir Normen verletzen, die sie nach wie vor für unumstößlich halten. Weißt du, Lena, du kannst und darfst nicht versuchen, deine eigenen Kinder zu therapieren. Sie müssen ihre eigenen Wege verfolgen und die Hilfe bei anderen Menschen suchen. Wir liegen nicht im Streit miteinander, aber es ist schon eine gewisse Distanz entstanden, die aber auch gut und gesund ist, glaube ich.“

„Therapie! Deine Kinder willst du nicht therapieren. Aber mich anscheinend schon. Ich habe nicht das Gefühl, eine Therapie nötig zu haben.“

„Ich will niemanden therapieren. Das ist das falsche Wort. Ich will ein Beispiel abgeben, mit meinem Glück, mit meiner Erfüllung, aber auch mit meinen Fehlern und dem Scheitern, das ja nie ausgeschlossen ist.“

„Du hast also durchaus auch Zweifel. Du klingst so selbstgewiss.“

„Nein, ich kann mir über gar nichts sicher sein. Wie könnte ich?“

„Wie hast du es genannt? Eine Versuchsanordnung.“

„Ja, eine Versuchsanordnung.“

„Das Manuskript, über das die Milch gelaufen ist, als wir die Fotos gemacht haben – das wollt ihr in eurem Verlag veröffentlichen? Ich konnte mich nicht enthalten, einen kurzen Blick darauf zu werfen. Das ist doch krude Pornografie. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das zu euren Zielen passt.“

„Ja, das ist problematisch. Robert findet nicht, dass wir es veröffentlichen sollten. Ich bin allerdings der Meinung, dass die weibliche Sexualität über Dezennien hinweg derart unter dem Deckel gebrodelt hat, dass anfangs solche beinahe selbstzerstörerischen Eruptionen vielleicht gar nicht zu verhindern sind. Da muss erst einmal ganz viel raus, da muss man erst einmal heftig um sich schlagen, um irgendwann zu einem ausgeglichenen Verhältnis zur eigenen Sexualität und zum eigenen Körper zu gelangen. Da steckt auch ganz viel Provokation drin, die ich wichtig finde, die viel Aufmerksamkeit erregen kann. Du kannst das nicht lenken, da muss erst einmal ganz viel altes Porzellan zerschlagen werden. Ich weiß es selbst nicht so genau. Uns werden in der letzten Zeit immer mehr Manuskripte zugesandt und wir müssen natürlich schauen, welche davon Qualität haben und nicht die existierenden Sexismen bestätigen und befördern. Nicht Wenige, die uns ihre Texte anbieten, sind wahrhafte Irrläufer der sexuellen Revolution, ganz viel kontraproduktives Zeug. Aber wir beide, Robert und ich, finden es wichtig, dass Frauen – und übrigens auch Männer – über ihre Sexualität schreiben, knallhart und ehrlich, auch über ihre durch den männlichen Blick deformierte Sexualität. Vieles davon ist reine Fiktion. Vor allem die fiktionalen Entwürfe alternativer Lebensformen, eines neuen, ganz anderen Umgangs mit Sexualität und Beziehungen, die wütenden, die romantischen, idealistischen Essays und Abhandlungen – das alles bleibt sicher für lange Zeit noch reine Fiktion, Wunschdenken. Aber alle diese Texte torpedieren die tradierten Einstellungen und Normen oder entfalten neue Perspektiven, die für immer mehr Menschen in kleinen Schritten zunehmend lebbarer erscheinen, auch wenn sie de facto für die meisten Menschen unserer Zeit noch nicht lebbar sind. Noch nicht. Für mich vielleicht, für Robert und Dorothee, vielleicht auch für dich irgendwann, aber für die allermeisten anderen eben noch nicht. Das braucht noch sehr viel Zeit.“

 

Auf dem Heimweg führte ich den Dialog mit Angelika innerlich weiter. In vieler Hinsicht hatte sie mich von ihren Ansichten überzeugt, aber kaum etwas davon ließ sich auf mein eigenes Leben übertragen. Warum sollte ich mir von ihr meine Ehe mit Sebastian madig machen lassen? Sie hatte es ja gar nicht, nicht einmal versucht. Und trotzdem fühlte ich mich von ihr angegriffen. Ich versuchte mir vorzustellen, wie Sebastian und ich vereinbarten, uns gegenseitig sexuelle Abenteuer mit anderen zu erlauben, mal ganz abgesehen davon, dass es undenkbar erschien, auf abstrakter, rein theoretischer Ebene auch nur ein Gespräch über dieses Thema zu beginnen. Aber unter der Voraussetzung, wir gäben uns eine derartige Erlaubnis und versicherten uns, trotzdem weiter zusammenzubleiben – würde ich dann das Abenteuer mit Angelika suchen? Oder mit Robert, der mir ja nicht weniger sympathisch war? Wäre dann ein Damm gebrochen, von dem ich eigentlich glaubte, er existiere gar nicht? Und was wäre mit Sebastian? Aus irgendeinem Grund erwartete ich, er würde noch viel schneller als ich die neuen Möglichkeiten auszukosten versuchen und sofort mit einem ganz anderen Blick sein weibliches Umfeld durchscannen. Warum war ich mir so sicher, dass er genau das tun würde? Gerade eben noch hatte ich behauptet, er sei noch nie fremdgegangen und hatte ihm zugleich unterstellt, er habe nicht einmal mit diesem Gedanken gespielt. Ich selbst hatte nie das Gefühl gehabt, wenn ich einen Mann attraktiv fand, auf irgendetwas zu verzichten, wenn ich mich ihm nicht weiter näherte, gegen irgendein Begehren ankämpfen zu müssen. Aber Sebastian? Ich konnte keineswegs meine Hand dafür ins Feuer legen, dass er sich nicht manchmal Sex mit anderen Frauen vorstellte, oder sogar schon ernsthaft in Versuchung geraten war. Dachte er an andere, wenn wir miteinander schliefen? Ging es mir nicht oft genug ganz wie Angelika? Immer seltener hatte ich in den letzten Jahren wirklich Lust gehabt, mit Sebastian zu schlafen, auch wenn es dann fast immer irgendwie auch schön war. Nicht jedes Mal einen Orgasmus zu haben, machte mir nichts aus, wenn nur Sebastian zum Zuge kam und sich entspannt mit einem zufriedenen Seufzer auf den Rücken fallen ließ. Ich erfreute mich an seiner Lust, ich fühlte mich trotz der vielen gemeinsamen Jahre immer noch begehrt. Das war mir das Wichtigste geworden. Und ich war bislang davon ausgegangen, dass Sebastian sowieso bekam, was er sich wünschte. Ich hätte ihn auch oral befriedigt, wenn er das von mir verlangt hätte. Aber er hatte es nicht verlangt, nicht einmal andeutungsweise. Die Abläufe unseres Liebesspiels waren über all die Jahre relativ konstant geblieben. Nur selten verging mehr als eine Woche, bis wir uns wieder liebten. Warum kam mir erst jetzt der Gedanke, das könne für Sebastian vielleicht nicht genug sein, er könne möglicherweise Wünsche haben, die er sich nicht zu äußern traute? Warum stand es für mich so eindeutig fest, dass eine Öffnung unserer Beziehung auch das Ende unserer Ehe bedeuten würde? Unser „System“ war stabil. Das stimmte wohl. Es war stabil, weil wir es gegen jede Gefährdung abgeschirmt hatten. Aber wir waren möglicherweise auch dabei, unserer Lust mehr und mehr das Wasser abzugraben, ihr die Luft zum Atmen zu entziehen. Der neuralgische Punkt unserer Beziehung drohte womöglich empfindungslos zu werden, genau der Ort unserer intimsten Zweisamkeit. Wenn zwei Menschen sich für immer genügen können sollten, dann mussten sie, das war die klare Erkenntnis, die ich aus Angelikas Ausführungen zog, ihre Lebensform und vor allem auch ihr Liebesleben immer wieder erneuern. Nur dann war es möglich die Erfüllung nicht irgendwann bei anderen Menschen suchen zu müssen, so wie Angelika und Robert. Wie glücklich waren wir wirklich miteinander? Welche eigenen Bedürfnisse hatte ich bislang ausgeblendet? Aus Angst. Aus Angst wovor? Vor mir selbst? Davor, von Sebastian verlassen zu werden? Vor meinem aufkeimenden Wunsch, ihn zu verlassen?

Ich kam viel zu spät nach Hause. Die anderen hatten bereits mit dem Essen begonnen. Sebastian fragte nicht, wo ich solange geblieben war, er schaute mich nur erwartungsvoll an und hielt eine Brötchenhälfte in der Hand. Ich entschuldigte mich und machte den wirklich dummen Fehler, zu sagen, ich sei in der Bücherei gewesen und hätte mich dort festgequatscht. In der Bücherei war ich zwar tatsächlich gewesen, aber festgequatscht hatte ich mich woanders. Sebastian hätte sicher nicht weiter gefragt, aber Maya war die Unstimmigkeit meiner Ausrede nicht entgangen. Ob ich jetzt eigentlich täglich in die Bücherei ginge, fragte sie, ich sei doch schon gestern dort gewesen. Ich log, ich hätte eines der Bücher abzugeben vergessen und sei deshalb noch einmal hinuntergelaufen, und errötete. Verdammt noch mal, warum haben wir so wenig Kontrolle über unsere Körperfunktionen!? Und dann sei ich nochmal zu dem Laden wegen des Kleides gegangen und hätte mich da noch einmal festgequatscht. Wir seien vom Hölzchen aufs Stöckchen gekommen, hätten über dies und das geredet und ich hätte mich schließlich entschlossen, das Kleid nicht zu nehmen, womit die Sache nun klar sei. Tatsächlich hatten Angelika und ich nicht noch einmal über das Kleid gesprochen und ich war keineswegs sicher, dass sie daran denken würde, den Auftrag zu stornieren. Im Gegenteil! Ich traute Angelika zu, hier in den nächsten Tagen noch einmal anzurufen und deshalb nachzufragen.

„Oder du hast deinen Liebhaber getroffen“, scherzte Maya.

„Oh, Hilfe, du hast mich durchschaut, mein Schatz“, gab ich ironisch zurück und musste mich abwenden, weil ich eine glühende Hitze in meinem Gesicht spürte und mir der Atem stockte. Ich hatte absolut nichts zu verbergen, und doch fühlte ich mich bei einem schwerwiegenden Fehltritt ertappt. Ich schaltete auf Angriff, um mein Erröten als Wut erscheinen zu lassen.

„Ich weiß überhaupt nicht, warum ich nicht auch nur einmal meine Zeit so verbringen kann, wie es mir passt, warum ich permanent kontrolliert werde und langsam kaum noch Luft zum Atmen habe!“, presste ich hervor, stampfte schnaubend in den Flur zurück und pfefferte meine Tasche auf die Kommode. Sebastian und die Kinder starrten mich vom Tisch aus entgeistert an. Sie verstanden meinen Wutausbruch nicht. Wie auch? Ich kramte meine Krimis aus der Tasche und hielt sie ihnen zum Beweis entgegen, dass ich wirklich in der Bücherei gewesen war.

„Hier, bitte! Meine einzige legitime Leidenschaft: Krimis!“

„Aber gerade noch hast du gesagt, du hättest nur ein Buch hingebracht, nicht welche abgeholt“, sagte Maya lakonisch.

Reinfall Nummer zwei.

„Und welche geholt. Wenn ich schon mal da bin.“

„Aber gestern hast du doch auch schon welche mitgebracht. Hast du jedenfalls gesagt.“

Ich zog mich beleidigt und ohne etwas zu essen ins Schlafzimmer zurück und sagte, ich würde jetzt lesen und einfach mal meine Ruhe haben wollen. Außerdem müsse ich am Abend noch arbeiten. Eine maliziöse Stimme in meinem Innern erhob sich höhnisch in mir: Da hast du’s! Du musst die Geschichte mit Angelika vor deiner Familie geheim halten, weil du die Bedeutung, die sie für dich hat, nicht kaputtmachen willst. Du willst sie vor den anderen nicht verharmlosen und relativieren müssen. Gib zu, du willst dir die geile Anästhesistin warmhalten und den Pornoverleger gleich mit. Die beiden haben schon längst deine Phantasie okkupiert und haben dir dein Höschen gehörig feucht gemacht. Hast du das denn gar nicht bemerkt, wie es an deinen Schamlippen klebt?

Ich schlug eines der Bücher auf, als ich auf dem Bett lag und mein Herz immer noch schlagen hörte, aber ich behielt nicht einen der Sätze, die ich las. Ich wollte mich unbedingt ablenken und wieder beruhigen. Es gelang einfach nicht. Stattdessen streckte Angelika wie ein finsterer Dämon ihre Hände vom Fußende des Bettes nach mir aus, kroch langsam zu mir hinauf, ließ ihre langen Haare über meine Oberschenkel gleiten, streichelte meine Brüste und legte ihr Gesicht auf meine Scham. Gleich würde sie mir die Jeans aufknöpfen und sie langsam herunterziehen.

Es dauerte nicht lange, bis Sebastian im Schlafzimmer auftauchte und besorgt fragte, ob alles in Ordnung sei. Ich entschuldigte mich für meinen Ausbruch. Er setzte sich auf die Bettkante und streichelte mir sanft übers Haar.

„Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist, Sebastian. Mir gehen seit einiger Zeit manche Dinge durch den Kopf, die mich früher eher wenig beschäftigt haben, weil mir alles so selbstverständlich erschien.“

Ich wollte ehrlich zu ihm sein und hatte in den zwei Sätzen, mit denen ich das Gespräch begonnen hatte, bereits einmal gelogen und eine vage Formulierung gebraucht, die ihm unweigerlich Angst machen musste. Sebastian schwieg, sein Blick wurde ernst.

„Es ist wirklich nichts, worüber du dir Gedanken machen musst.“

Die nächste Lüge. Um Sebastian zu schonen? Oder mich selbst? Natürlich sollte sich Sebastian Gedanken machen! Ich hätte von dem Gespräch mit Angelika erzählen können, von ihrem ungewöhnlichen Lebensmodell. Aber nach meiner missverständlichen Einleitung hätte es klingen müssen, als fühlte ich mich davon ernsthaft verunsichert, gar beeindruckt oder überzeugt. Ich wählte also eine abstraktere Ebene und orientierte mich am Prinzipiellen und Allgemeinen.

„Ich frage mich manchmal, ob du wirklich zufrieden bist mit unserer Beziehung, ob dir nicht manchmal was fehlt. Und ich habe ein richtig schlechtes Gewissen, dass ich mich das nicht schon viel früher gefragt habe, dass ich dich nicht gefragt habe.“

„Was sollte mir denn fehlen?“

„Gibt es irgendwelche Wünsche und Sehnsüchte, die du dir, oder die ich dir nicht erfüllen konnte oder nicht erfüllt habe, weil du glaubst, dass ich dafür vielleicht kein Verständnis hätte?“

Sebastian blickte mich ungläubig und verwirrt an.

„Wovon redest du eigentlich? Was genau meinst du mit Sehnsüchten und Wünschen? Vielleicht drückst du dich mal etwas klarer aus.“ Er lächelte etwas verkrampft.

„Ich meine, zum Beispiel im Bett.“

„Wie jetzt, im Bett? Was meinst du damit? Stellungen, Praktiken? Habe ich dir Anlass gegeben, zu glauben, ich sei irgendwie unzufrieden?“

„Nein! Überhaupt nicht! Aber ich bin auf einmal unsicher geworden, ob du nicht vielleicht einfach nur rücksichtsvoll bist und mich nicht verletzen willst, wenn du nicht sagst, dass du etwas anders haben willst, weil wir es eben schon immer so gemacht haben, wie wir es machen. O Gott, das klingt jetzt so schwerwiegend. So ist es gar nicht gemeint. Ich dachte nur, es gibt vielleicht Dinge, die du gern machen würdest.“

Sebastian atmete schwer, seine Halsschlagader trat hervor und schlug schnell.

„Was ist das überhaupt für eine Frage? Ich verstehe die nicht. Gibt es irgendwas, was du mir sagen willst? Kannst du vielleicht Klartext reden?“

„Ich soll dir was sagen wollen? Wenn ich dir etwas sagen wollte, würde ich es sagen.“

„Aber du meinst, dass ich dir nichts sagen würde, wenn ich was zu sagen hätte. Gebe ich dir Anlass dazu, zu denken, dass ich dir irgendwas verschweige?“

„Nein, das habe ich ja gar nicht gesagt, oder jedenfalls nicht so gemeint. Ist ja auch gut! Ich wollte einfach nur sagen, dass es mir leidtäte, wenn du nicht in dem Maße auf deine Kosten kämst, wie ich es dir wünsche.“

„Alle deine guten Wünsche sind mit mir, vielen Dank! Wie kommst du plötzlich darauf? Das hat doch anscheinend viel weniger mit mir zu tun als mit dir.“

„Gar nicht! Bei mir ist alles gut! Deswegen habe ich ja dieses schlechte Gewissen, weil ich mir vorher einfach zu wenig Gedanken gemacht habe.“

„Und warum machst du dir auf einmal solche Gedanken? Woher der Sinneswandel? Hat es irgendwas mit deinen häufigen Besuchen in der Bücherei zu tun? Gibt es irgendwas, was ich wissen sollte.“

„Deine Eifersucht ist vollkommen unbegründet, wirklich. Mach dich nicht lächerlich!“

„Jetzt soll ich auf einmal eifersüchtig sein? Ich mache mich lächerlich? Habe ich auch nur ein Wort geäußert, dass ich eifersüchtig bin? Gäbe es einen Grund eifersüchtig zu sein?“

„Herrgott, nein, natürlich nicht! Es sind nur ganz prinzipielle Überlegungen. Mir ist einfach klargeworden, dass wir unsere Beziehung, … dass es wichtig ist, unsere Beziehung offen zu halten für Veränderungen. Du veränderst dich, ich verändere mich…“

„Da sprichst du ein wahres Wort. Allerdings hast du dich verändert. Meinst du, ich habe nicht mitbekommen, mit wie viel Widerwillen du in letzter Zeit mit mir schläfst? Frauen können vielleicht sehr überzeugend einen Orgasmus vortäuschen, aber du versuchst nicht einmal mehr das. O ja, es gäbe sicher etwas, das ich mir wünschen würde. Aber es ist anscheinend etwas, das du mir nicht mehr geben kannst oder willst. Ich übertreibe vielleicht. Aber jedenfalls kommst du deutlich immer seltener. So sehr ich mich auch bemühe.“

„Also gibt es doch Dinge, die du dir wünschst, aber mir nicht sagen kannst.“

„Wieso ich dir sagen? Das musst du doch selbst am besten wissen. Ich habe eher das Gefühl, dass du mir irgendwas nicht sagen kannst. Vielleicht rückst du damit endlich mal raus!“

Wir saßen beide kerzengerade im Bett, kampfbereit, als Lukas die Schlafzimmertür öffnete und uns besorgt ansah.

„Streitet ihr?“

„Nein“, versetzte Sebastian, „wir streiten nicht. Aber wir wollen einen Moment allein sein. Geht das?“

Lukas zog sich zurück und schloss die Tür leise. Würde er dahinter stehen bleiben und horchen? Ich stand auf, öffnete die Tür und sah Lukas direkt ins Gesicht.

„Du musst dir keine Sorgen machen, Lukas“, sagte ich, „es ist alles in Ordnung.“

Er nickte und trollte sich in sein Zimmer. Sebastian war aufgestanden und lief unruhig im Zimmer auf und ab. Warum hatte ich vermeiden wollen, dass Lukas zuhört? Weil er nicht mein Geständnis hören sollte? Irgendetwas von der Art musste Sebastian jetzt erwarten, zumindest unterschwellig.

„Und du musst dir auch keine Sorgen machen, Sebastian, bestimmt nicht! Ich finde es überhaupt nicht schlimm, wenn ich zwischendurch mal nicht komme. Es ist auch so immer sehr schön.“

„Sehr schön! Super! Das beruhigt mich zutiefst. Aber es muss doch einen Grund dafür geben.“

„Wir sind eben schon fast ein altes Ehepaar. Es gibt viele Dinge, die wichtiger geworden sind. Ich weiß, es sollte so vielleicht nicht sein. Deshalb meine ich ja auch, dass wir vielleicht was ändern könnten.“

„Und was?“

„Ich weiß nicht, deshalb habe ich dich ja gefragt.“

„Ich könnte dich genauso gut fragen, findest du nicht?“

„Doch, könntest du, aber ich weiß halt noch keine Antwort darauf.“

„Aber von mir erwartest du eine.“

„Ich will offen mit dir reden.“

„Ah, du willst offen mit mir reden. Das wird aber auch langsam Zeit.“

„Nicht, was du meinst.“

„Was meine ich denn? Worauf willst du anspielen? Woher willst du denn wissen, was ich meine?“

Ich schüttelte den Kopf, als könnte ich damit alle Missverständnisse abwerfen.

„Ich war heute wieder bei dem Laden…“

Sebastian atmete tief durch, setzte sich von mir abgewandt aufs Ende des Bettes und starrte auf den Boden, als erwarte er eine niederschmetternde Beichte.

„Ich war wieder bei dem Laden, um mir das Kleid nochmal anzusehen. Klar? Und da habe ich längere Zeit mit der Verkäuferin geredet. Und sie hat einfach ganz viel über sich und ihren Mann erzählt. Sie war gar nicht mehr zu bremsen. Sie hat mir alles Mögliche erzählt, was ich gar nicht wissen wollte. Dass sie in einer offenen Beziehung lebt und beide so ihre Affären haben. Es ist vollkommen absurd. Aber ich habe trotzdem angefangen nachzudenken.“

„Über offene Beziehungen. Ist es das, was du mir sagen willst? Dass du plötzlich Geschmack an einer offenen Beziehung bekommen hast.“

„Nein, im Gegenteil! Ich habe gesagt, dass ich sehr glücklich in meiner Ehe bin, dass wir sehr glücklich sind. Und da habe ich mich gefragt, ob das wirklich stimmt, dass du so glücklich bist wie ich. Ich bin immer ganz selbstverständlich davon ausgegangen. Das ist ja vielleicht nicht ganz fair gewesen.“

„Also du meinst, ich könnte vielleicht an einer offenen Beziehung interessiert sein, weil ich mit dir nicht glücklich bin. Es wäre für dich bequemer, wenn ich für eine offene Beziehung wäre, damit du dir selber nicht schäbig vorkommst, wenn du sie führst.“

„Du verstehst mich vollkommen falsch. Ich will ja gerade keine offene Beziehung. Aber ich habe gemerkt, … mir ist klargeworden, dass es wichtig ist eine Beziehung in jeder Hinsicht zu pflegen, damit man eben nicht irgendwann anfängt, über Alternativen nachzudenken.“

„Über welche Alternativen hast du denn angefangen nachzudenken?“

„Über keine! Hör mir doch mal zu! Diese Frau, Angelika, hat mir ein sehr eindeutiges sexuelles Angebot gemacht. Aber ich habe aus voller Überzeugung abgelehnt, weil ich mir sicher bin, dass es niemanden außer uns beiden gibt.“

„Sie hat dir ein Angebot gemacht. Eine Lesbe. Darum geht es also. Warum nicht gleich?“

„Keine Lesbe. Eher bi. Sie lebt ja weiter mit ihrem Mann zusammen. Darum geht’s doch auch gar nicht. Wir haben sicher über zwei Stunden geredet, ich kann das nicht alles wiederholen, was wir geredet haben, vielmehr hat sie ja die ganze Zeit geredet. Ich habe fast nur zugehört.“

„Sie hat gesagt, dass sie mit dir schlafen will? Einfach so? Du musst ihr ja irgendeinen Anlass gegeben haben, dir das vorzuschlagen. Du kannst mir nicht erzählen, dass du sie nicht irgendwie dazu herausgefordert hast. Warum bist du überhaupt hingegangen? Du hättest doch auch anrufen können. Aber du musstest unbedingt noch einmal hingehen. Weil du sie wiedersehen wolltest. Hast du dich in sie verliebt?“

Ich schüttelte vehement den Kopf.

„Und jetzt willst du mich davon überzeugen, dass wir besser in einer offenen Beziehung leben sollten, damit du guten Gewissens mit dieser Frau ins Bett hüpfen kannst. Wahrscheinlich hast du dich schon die ganze Zeit mit diesen Phantasien beschäftigt, warst ja ganz absorbiert in der letzten Zeit. Als ob ich das nicht hätte merken können! Und du erwartest von mir, dass ich dir den Freibrief dafür gebe.“

Ich widersprach mit einem Gefühl der Ohnmacht und völliger Erschöpfung. Er stand wütend auf, und schritt entschlossen zur Tür, ohne mich noch einmal anzusehen.

„Meinetwegen! Kannst du haben! Gottes Segen dazu! Danke für die Mitteilung! Und Tschüss!“

Er schlug die Tür hinter sich zu und stapfte lautstark durchs Haus. Ich hörte, wir er sich im Flur Schuhe und Jacke anzog und das Haus verließ. Ich ärgerte mich über Sebastians Gewohnheit, Konflikten aus dem Weg zu gehen, über seine emotionalen Überreaktionen. Er hatte mir überhaupt keine Gelegenheit gelassen, die Sache aufzuklären. Hinter jedem meiner Erklärungsversuche hatte er eine verborgene Mitteilung vermutet, die Schlimmeres bedeutete. Ich ärgerte mich nicht nur über ihn, auch über mich selbst, weil ich mit meinen vorsichtigen Formulierungen seine sprießende Phantasie angefacht hatte, die gewöhnlich die buntesten Blüten trieb. Ich hätte damit rechnen müssen, dass er wie immer hinter meinen Worten nach versteckten Andeutungen und Vorwürfen suchte. Dennoch war mir rätselhaft, warum er diesmal derart aufgebracht war. Ich nahm an, er würde in spätestens einer oder zwei Stunden zurück sein. Dann würde ich ihn sehr sachlich zur Rede stellen und ihn bitten, mir nach dem Konzert noch einmal genau zuzuhören, damit die Missverständnisse nicht noch bis zum nächsten Morgen in ihm gärten. Ich nutzte die Zeit für einige Passagen aus den Stücken von Philipp Glass, die wir an diesem Abend aufführten und die vor allem in rhythmischer Hinsicht eine echte Herausforderung nicht nur für mich, sondern für das ganze Orchester darstellten. Ein Segen, dass ich beim Üben jedes Mal vollkommen abschalten, alles andere ausblenden kann! Als ich mich von Lukas und Maya verabschiedete, war Sebastian noch immer nicht zurück. Nach dem Konzert und einem lang anhaltenden Applaus beeilte ich mich, nach Hause zu kommen und blieb der anschließenden Konzert-Premiere ausnahmsweise fern. Ich wäre nicht vor ein Uhr zuhause gewesen, wenn ich dem Drängen von Paul und Asuka nachgegeben hätte. „Einen dudeln gegen das Gedudel“ meinte Paul scherzhaft. Ich mag Philipp Glass wirklich, auch wenn er anstrengend zu spielen ist. Dennoch hätte ich an diesem Abend wirklich gern mit den anderen das „Gedudel weggedudelt“. Aber die Missverständnisse vom Nachmittag wollte ich unbedingt aus dem Weg räumen. Das war mir wichtiger als alles andere. Sebastian war nicht zurück, als ich das Haus betrat. Seine Jacke hing nicht an der Garderobe und die Schuhe standen nicht darunter. Ich sah noch ein wenig fern und ging nach einer Stunde ins Bett. Als sich Sebastian gegen drei Uhr nachts neben mich ins Bett legte, hatte ich noch nicht geschlafen, aber ich hielt die Augen geschlossen. Er hatte getrunken, wahrscheinlich nicht wenig. Die ätherischen Dämpfe übertünchten jedoch nicht vollständig die Spuren eines süßlichen Parfüms. Mir blieb beinahe das Herz stehen. Ich fühlte, wie mein Atem immer schwerer wurde. Ich tat, als sei ich gerade aus tiefem Schlaf erwacht und müsse einmal zur Toilette.

„Wo warst du denn so lange?“, fragte ich in verschlafenem Ton.

Sebastian brummte schläfrig: „Mit Freunden einen trinken. Ist irgendwie lang geworden.“

Im Bad untersuchte ich Sebastians Kleider, die er dort abgelegt hatte. Ich roch an seiner Unterhose und sah weiße und silbrig glänzende Flecken darin. Mir wurde flau im Magen, ein Angstschauer durchschoss meinen ganzen Körper. Ich setzte mich kraftlos auf den Badewannenrand und beobachtete mich selbst dabei, wie ein Szenario nach dem anderen durch meinen Kopf schoss: Sebastian spricht eine fremde Frau in der Kneipe an, Sebastian betrinkt sich in einer Kneipe und wird von einer fremden Frau angesprochen und lässt sich von ihr abschleppen, Sebastian heult sich bei einer guten Bekannten aus, die mir allerdings weniger gut bekannt ist, Sebastian geht zu einer Geliebten, von der ich Naivling noch keinen blassen Schimmer habe, Sebastian wird vor Wochen von einer Kollegin angebaggert, er erinnert sich an ihr unmissverständliches Angebot und nutzt die erstbeste Gelegenheit, Sebastian lässt es sich von einer Prostituierten besorgen. Sollte ich ihn zur Rede stellen? Vielleicht war ja gar nichts geschehen, und er hatte sich einfach nur einen runtergeholt. Oder nicht mal das. Aber was war mit dem Parfüm? Vielleicht hatte ich mich ja getäuscht. Als ich ins Schlafzimmer zurückschlich, erweckte Sebastian den Eindruck, als schlafe er. Ich wusste, dass er nicht schlief. Ich legte mich dicht neben ihn und sog den süßlichen Duft ein, der mich auch den Rest der Nacht nicht schlafen ließ. Malena traute ich diesen Duft zu. Sie lebte seit zwei Monaten in Trennung und war eine unserer besten Freundinnen. Vor ihrem Entschluss, sich von Ralf zu trennen, hatte sie oft bei uns gesessen und uns ihr Leid geklagt: kein Sex mehr, ein gleichgültiges Nebeneinander, Routine, ein zu nichts mehr zu motivierender Partner mit großer Trennungsangst und einem beachtlichen Alkoholproblem. Wir hatten ihr zu diesem Schritt geraten, nachdem sie viele Gespräche mit Ralf geführt und ihm vergeblich vorgeschlagen hatte, eine Therapie zu machen. Immer wieder hatte Malena betont, wie neidisch sie auf unsere so gut funktionierende Beziehung sei, wie sehr sie mich um Sebastian beneide, der nicht nur wahnsinnig attraktiv geblieben sei, sondern auch den modernen Mann schlechthin verkörpere, klug, empathisch und achtsam. Das musste Eindruck auf Sebastian gemacht haben. Erst jetzt fiel mir auf, mit welchem Glanz in den Augen sie Sebastian immer wieder angelächelt hatte. Ich erinnerte mich an eine ähnliche schlaflose Nacht einige Monate zuvor. Auch da hatte ich ein fremdes Parfum gerochen und Sebastian am nächsten Morgen zur Rede gestellt. Harald, ein ehemaliger Kommilitone, den Sebastian nur alle Jubeljahre mal traf und der in der Tat ein Kindskopf geblieben war, habe ein Eau de Toilette dabeigehabt, damit herumgesprüht und sich köstlich darüber amüsiert, dass er, Sebastian, Mühe haben werde, das seiner Frau zu erklären. Mir war die Geschichte derart unglaubwürdig erschienen, dass ich beschlossen hatte, sie zu glauben. Erst jetzt kamen mir ernsthafte Zweifel. Noch am Vormittag hatte ich behauptet in einer stabilen und glücklichen Ehe zu leben, in der das Treueversprechen unumstößliche Gültigkeit besaß, und schon in der Nacht konnte ich mir vorstellen, wie Sebastian seit geraumer Zeit kaum eine Gelegenheit ausließ, mich zu betrügen. Ich war – neben einem etwas schlechten Gewissen – immer irgendwie stolz auf mich gewesen, Sebastian bei Bedarf einen heftigen Orgasmus vortäuschen zu können, bei dem ich hingebungsvoll stöhnte, meine Vagina kontraktieren ließ, dabei zuckte und mich schüttelte. Vielleicht empfand Sebastian nicht weniger Stolz, die Rolle des vorbildlichen Ehemannes und Vaters perfekt spielen zu können, dabei ab und an auch noch seine ehelichen Pflichten zu erfüllen und sich zwischendurch mit einer anderen zu vergnügen. War sein Abgang am Nachmittag nicht auch großes Theater gewesen? War es nicht ein wenig zu übertrieben gewesen, kaum noch authentisch? Seine bohrenden Fragen, diese zielsichere Navigation zu einem angeblichen Nachweis meiner Untreue oder auch nur dem Gedanken daran – das hatte Sebastian vielleicht schon viele Male durchgespielt. Er hatte möglicherweise schon lange auf die Gelegenheit für diesen emotionalen Ausraster gewartet, weil nicht er derjenige sein wollte, der den Bruch herbeiführt. Das „stabile System“, mit dem ich bei Angelika angegeben hatte – das hatte ich mir vielleicht nur eingebildet? Ich allein war stabil, ich hatte die ganze Zeit über meine eigene Stabilität wahrgenommen und sie für eine gemeinsame gehalten. Der Mann neben mir wurde mir mit einem Mal fremd, die Geräusche, die er machte, als er irgendwann doch eingeschlafen war, widerten mich plötzlich an, seine Ausdünstungen ekelten mich. Ich wusste, dass meine Gefühle ihm Unrecht taten, sie würden irgendwann wieder vergehen, aber bis zum Morgen wurde ich sie nicht los. Erst, als es schon sehr hell geworden war, musste ich eingeschlafen sein. Gegen Zehn erwachte ich und fand das Bett neben mir leer. Sebastian und die Kinder hatten schon gefrühstückt. Lukas lag im Bademantel auf dem Sofa und stierte in sein Smartphone. Ich fand Sebastian im Waschraum, wo er die Wäsche sortierte und in die Waschmaschinentrommel stopfte. Eine Kochwäsche für die Unterhosen und Handtücher. Ich beobachtete ihn eine Weile. Er nahm keine Notiz von mir, obwohl er bemerkt haben musste, dass ich in der Tür stand, bis er ohne aufzublicken fragte, ob das Konzert gut gewesen sei. Ich bejahte kühl und fragte, ob er gestern zufällig Harald getroffen habe und er ihn wieder einmal mit Parfüm besprüht habe. Sebastian hielt inne und ließ, immer noch am Boden hockend, den Kopf sinken.

„Was soll ich darauf jetzt, bitte schön, antworten?“, fragte er und blickte mich mit rotem Kopf vorwurfsvoll von unten herauf an.

„Du bist doch sonst auch so kreativ“, gab ich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Dir wird schon was Interessantes einfallen.“

„Ich glaube, darin bist du immer noch unübertroffen.“

Ich zog die Lippen kraus, nickte und wippte gemächlich, aber voller Wut davon. Ich duschte, zog mich an und verließ wortlos das Haus. Wohin? Es gab nur einen Ort, zu dem es mich hinzog. Ich wusste nicht, warum. Ich fühlte eine kalte Eifersucht, die eigentlich mehr eine Rachsucht war, das Bedürfnis nach Vergeltung für etwas, von dem ich gar nicht mit Sicherheit wusste, ob es überhaupt geschehen war.

Angelikas Laden war am Sonntag natürlich geschlossen. Was hatte ich auch anderes erwarten können? Ich starrte eine Weile auf das rote Kleid, das Robert als gutes Omen bezeichnet hatte. Jetzt war ich mir sicher, dass es ein Menetekel gewesen war. Ich schlenderte weiter durch die Straßen und beobachtete einige Leute, die zur Kirche gingen. Nur wenige von ihnen machten auf mich einen fröhlichen Eindruck, die meisten wirkten leer oder verkniffen. In den Gesichtern der wenigen Passanten in der Fußgängerzone suchte ich nach Hinweisen dafür, dass sie glücklich, erfüllt, zufrieden waren, aber ich fand keine. Die Paare wechselten kaum ein Wort und trotteten beziehungslos nebeneinander her, eine Frau redete ermahnend auf ihren Hund ein, der hingebungsvoll an einer weggeworfenen Burger-Verpackung schnupperte, und zog immer wieder ruckartig an der Leine. Ein junger Vater schob einen Kinderwagen, seine Frau trug einen kurzen Rock, eine dunkle Nylonstrumpfhose, die die Kurven ihrer Beine betonte, eine braune Kunstlederjacke und über die Schulter ein Handtäschchen mit einem Goldkettchen als Gurt. Ihre Aufmerksamkeit galt den Entgegenkommenden, ob sie gesehen wurde. Vergeblich versuchte ich mir vorzustellen, wie die Beiden in der Nacht miteinander geschlafen hatten. Ein älteres Ehepaar, unscheinbar gekleidet: Die hatten bestimmt keinen Sex mehr. Vor einem Café saß ein unrasierter Mann mittleren Alters und folgte mit seinen Blicken den Frauen, die vorübergingen. Sein Blick traf auch mich. Lässig klopfte er die Asche seiner Zigarette in den Aschenbecher. Er wollte cool wirken, aber ich sah ihm an, dass er alle Hoffnung auf eine aufregende Begegnung längst aufgegeben hatte. Ich kam mir verloren vor, wie ich so an einem Sonntagvormittag durch die Fußgängerzone streifte. Nirgendwo tat sich eine Zuflucht für mich auf. Ich kehrte um und gelangte schließlich wieder zu der Kirche. Wie lange war ich nicht mehr in einer Kirche gewesen! Ich blieb unentschlossen vor dem Portal stehen und hörte die Orgelklänge aus dem Innern. Ich zog die schwere Tür auf und trat in den Vorraum. In der Kirchenhalle saßen nur wenige Menschen, sie sangen ein träges Kirchenlied, die Pastorin stand im Talar vor dem Altar und sang ebenfalls. Nicht einmal sie kannte das Lied auswendig und blickte in ihr Gesangbuch. Überall gesenkte, graue Köpfe. Ich erinnerte mich an die stimmungsvollen Weihnachtsgottesdienste in meiner Kindheit, die voller Vorfreude und Lichterglanz gewesen waren. Nichts von diesen Gefühlen wollte in diesem Moment in mir aufsteigen, kein Gebet wollte über meine Lippen kommen: Ach, lieber Gott, mach, dass alles wieder gut wird! Was eigentlich sollte wieder gut werden? Ich wandte mich enttäuscht um und verließ die Kirche wieder. Schön war allein, aus dem Dunkel wieder ins grelle Licht zu treten. Ich wusste, dass sich Angelikas Wohnung direkt über dem Laden befand. Auf den Klingelschildern fand ich nur zwei Namen. Ich entschied mich für die Klingel im ersten Obergeschoss. Ich würde Angelika einen Grund für mein Kommen nennen müssen, der nicht war, dass ich mit ihr schlafen wollte. Ich wusste nicht, was ich sagen würde. Ich wusste auch nicht, wie ich damit umgehen sollte, dass wahrscheinlich auch Robert da sein würde. Der Türöffner summte und wie somnambul stieg ich die knarrenden Stufen empor. Robert stand in Boxershorts und T-Shirt in der Tür. Er lächelte und ließ mich wortlos ein. Angelika kam aus der Küche in den Flur, ungeschminkt und seltsam fahl, sie band sich den Morgenmantel zu. Sie blickte mich ernst an, umarmte mich und führte mich schweigend in ihr Schlafzimmer. Robert folgte uns und blieb in der Tür stehen. Die Bettdecken lagen geknäuelt, als seien die Beiden gerade erst aus dem Bett gestiegen, als sei in ihnen noch die Wärme ihrer Körper gespeichert. Ich setzte mich auf einen Stuhl vor dem Fenster, durch das die Frühlingssonne ins Zimmer schien. Ich fühlte mich unendlich erschöpft. Angelika stand in einigem Abstand, verschränkte die Arme vor der Brust und blickte mich forschend an.

„Ich kenne euch gar nicht“, sagte ich und fühlte, wie eine tiefe Verzweiflung in mir hochstieg. Mit ihr stiegen Worte in mir auf, die nicht mehr meine Worte waren, sondern ein Etwas, das aus mir sprach: „Ich bin gekommen, weil ich eine Bitte an euch habe.“

Angelika nahm kurz Blickkontakt mit Robert auf.

„Ich habe eine Bitte, die ihr mir vielleicht nicht erfüllen könnt oder erfüllen wollt. Aber Angelika, du hast gesagt, dass es wichtig ist, zu sagen, was man empfindet und was man sich wünscht.“

„Ja“, sagte Angelika, „das finde ich wichtig und richtig. Sag uns, was du dir wünschst!“

„Ich kann es nicht sagen. Es fällt mir so schwer“, flüsterte ich.

„Sag es ruhig“, ermutigte mich Robert.

Angelika stemmte die Hände in die Hüften, wollte etwas sagen, blieb aber stumm und abwartend.

„Ich möchte…, ich glaube, ich möchte euch zusehen, wie ihr es tut. Mehr nicht. Ich möchte einfach nur zusehen. Ich kann nicht sagen, warum.“

Angelika kniete sich zu mir herunter, fasste meine Hüften und legte ihren Kopf in meinen Schoß. Dann blickte sie zu Robert. Er antwortete mit einer leichten Neigung seines Kopfes. Angelika stand auf, blickte mich an und öffnete ihren Morgenmantel. Sie trug darunter nur einen Slip, aus dem sich dunkle Haare kräuselten. Ihre Brüste erschienen mir jetzt weniger straff, aber sie waren dennoch schön und ebenmäßig. Sie griff nach der Naht ihres Slips und zog ihn langsam herunter. Ich blickte zu Boden, der Slip umspülte ihre knochigen Füße wie der Schaum des Wassers, das in Wellen an einen warmen Strand gespült wird, ich fühlte mein Herz schlagen. Mit wallenden Haaren und wallendem Morgenmantel schritt sie zum Bett, langte nach den Bettdecken und schob sie auf den Boden neben das Bett. Den Morgenmantel warf sie daneben und legte sich auf das leere Bett. Sie spreizte ihre Beine und ließ mich auf ihr dunkel behaartes Geschlecht blicken. Aus einer Schublade ihres Nachttischchens angelte sie einen schwarzen Vibrator. Robert stand weiter in der Tür und sah zu, wie Angelika den Vibrator anschaltete, ihn sich zwischen die Schamlippen legte und ihn langsam auf und ab gleiten ließ. Robert blickte mich an, setzte sich neben Angelika aufs Bett und strich ihr sanft übers Gesicht. Sie legte den Kopf zurück ins Kissen. Robert begann, ihre Brüste zu streicheln, umrundete sie mit seinen schlanken Fingern, ließ eine Hand über ihren Bauch gleiten und befeuchtete drei Finger der anderen Hand mit Speichel, den er ihr auf die sich öffnende, langsam anschwellende Spalte strich. Er wiederholte das ein weiteres Mal, während Angelika die Spitze des Vibrators auf ihre Klitoris drückte. Dann wanderte die Spitze hinunter zu ihrer Vagina und sie schob den Vibrator langsam hinein, während sie mit der anderen Hand begann, ihre Klitoris behutsam kreisend zu massieren. Ich sah, dass Robert nun auch erregt war, sein Penis richtete sich in seinen Boxershorts langsam auf. In gleichmäßigem Rhythmus schob Angelika den Vibrator langsam vor und zurück. Robert massierte mit beiden Händen ihre Brüste und küsste Angelika auf den Mund. Dann wanderten seine Lippen hinab zu ihren Brüsten, die er mit Speichel benetzte und im nächsten Moment wieder mit seinen Händen umspielte. Mir wurde bewusst, dass mich das, was ich sah, sehr erregte, obwohl alles so unwirklich erschien, und ich mich hinaus ins helle Licht des Frühsommers wünschte, auf eine Wiese unter Bäumen. Meine Klitoris richtete sich spürbar auf und ich wusste, dass ich feucht wurde, es fühlte sich beinahe so an, wie manchmal bei einer Monatsblutung, aber meinem Drang, mir die Hand in die Hose zu schieben und einen Finger zur Erleichterung auf meine Klitoris zu pressen, gab ich nicht nach. Angelika fasste Robert in die Hose, sie umschloss mit der Hand seinen harten Schwanz, zog den Vibrator heraus und führt seinen Schwanz zu ihrer Vagina. Robert legte sich behutsam auf sie und schob seinen Schwanz langsam in sie hinein. Ich sah von meinem Stuhl aus nicht viel mehr als die langsamen Bewegungen, die Robert auf Angelika vollzog. Den Vibrator aber legte sie sich anscheinend wieder an ihre Klitoris, zwischen ihre sich in steigernder Wollust windenden Körper. Wortlos, schweigend, tonlos. Erst als Angelika, sehr bald schon, zum Höhepunkt kam, vernahm ich etwas wie ein Schluchzen von ihr. Robert kam beinahe gleichzeitig mit ihr. Wenige gequetschte Laute, als hebe er eine schwere Kiste an. Angelika warf das Toy ermattet und befriedigt zur Seite, ließ die Arme links und rechts ins Bett fallen und Robert legte seinen Kopf zwischen Angelikas Brüste. Eine gefühlte Ewigkeit blieben sie so regungslos beieinander. Dann zog Robert seinen halb erschlafften Penis aus ihr heraus, legte sich neben sie und streichelte sie sanft. Da erst fiel Angelikas entrückter Blick wieder auf mich. Sie richtete sich auf und blickte mir lange in die Augen. Ich sah, wie Roberts Saft aus ihrer Vagina aufs Bettlaken sickerte, sein Saft und ihr eigener. Sie krabbelte aus dem Bett zu mir hin und stellte sich vor mich hin, diese große Schöne. Auch ich stand von meinem Stuhl auf und blickte ihr in die Augen. Da fasste sie sich zwischen die Beine, nahm mit ihren Fingern etwas von dem Liebessaft auf, hob ihre Hand vor mein Gesicht, rieb den klebrigen Sud zwischen Daumen und Fingern und benetzte dann damit – wie in einer heiligen Handlung – meine Stirn und meine Lippen. Dann legte sie ihre Lippen auf meine, schloss die Augen und schob ihre Zunge tief in meinen Mund. Auch meine Lider schlossen sich wie von selbst und ich spürte, wie meine Vagina rhythmisch zu pulsieren begann, meine Kopfhaut kribbelte wie von tausend Ameisen. Von dort aus breitete sich dieses Kribbeln schnell über den Rücken bis hinunter zu den Füßen aus. Ein unglaublicher Orgasmus durchfuhr sekundenlang meinen ganzen Körper, der mich beinahe in die Knie zwang. Ich schob unwillkürlich eine Hand zwischen meine Beine und wurde von einem weiteren Schauer überwältigt. Angelika umringte mich mit ihren Armen, während ich mich krümmte, nach Luft schnappte und mich zum Fenster hin umdrehte. Eine Sonnenflut, ein Meer von Licht. Angelika ließ ihre Hand über meine Wirbelknochen gleiten. Ich atmete tief ein und aus, richtete mich halb auf, wandte mich zu Angelika um, stützte meine Stirn an ihrer Brust ab, während sie mich locker umfangen hielt. Ich hörte mich stoßweise atmen, vom Dielenboden her schauten mich große, hölzerne Tieraugen an, ein Reh, ein Makake, ein Waschbär – bis sich meine Atmung langsam wieder beruhigte. Ich blickte auf, küsste Angelika auf beide Wangen, bedankte mich bei ihr und bei Robert, der weiter auf dem Bett lag, und ging ohne ein weiteres Wort hinaus. Mit weichen Knien stolperte ich die Treppe hinunter. Draußen empfingen mich ein warmer Lufthauch und wieder das helle Licht. Die Kirchglocken läuteten und mir entfuhr aus tiefsten Herzen ein kurzes, euphorisches Dankgebet, das von den sonnengefluteten Häuserfassaden, vom überbelichteten, hellblauen Himmel, vom frischen Grün der Bäume neben der Kirche zurückhallte. Das Haus, in dem ich so viele Jahre mit Sebastian und den Kindern gewohnt hatte, kam mir fremd vor. Alles, was darin war, gehörte einer unbegreiflichen Vergangenheit an. Als ich den Schlüssel im Schloss drehte, wusste ich, dass ich es ganz neu erobern wollte.

Ich sprach mit Sebastian in den folgenden Tagen kein weiteres Wort über das, was zwischen uns vorgefallen war. Unsere Blicke begegneten sich nur selten. Das Herz wurde mir von Tag zu Tag schwerer. Am dritten Tag rief Angelika an und sagte, das Kleid sei jetzt da, ob ich es anprobieren wolle. Am späten Nachmittag des folgenden Tages stand ich wieder in ihrem Laden. Ich zog mir Hose und T-Shirt aus, hob meine Arme und Angelika streifte mir das Kleid langsam über, sie zupfte es zurecht, strich noch einmal mit beiden Händen von den Achseln bis hinunter zu den Hüften und befand das Werk für vollendet. Aus meiner Tasche zog ich ein Paar hochhackige Pumps und glitt mit den Füßen hinein. Ich stellte mich vor Angelika hin, drehte mich um die eigene Achse und ließ mich von ihr bewundern. Ich reichte ihr die Geldscheine hin und hielt plötzlich inne. Ich wollte ihr zum Dank mehr als nur das Geld hinterlassen. Ich schob das Kleid vom Saum her ein Stück herauf, zupfte den Slip hinunter, ließ ihn auf meine Pumps fallen, angelte ihn mit dem spitzen Absatz, hob ihn so zu mir herauf, faltete ihn mit dem Geld zusammen und legte ihn in Angelikas Hände. Zum Abschied strich ich mit dem Handrücken zärtlich über ihre Wange und berührte mit drei Fingern ihre roten Lippen. Sie rührte sich nicht und schlug die Augen nieder. Wenige Augenblicke später schritt ich wie eine Königin den Bürgersteig der staubigen Sonnenstadt entlang. Der in meinem Gesicht so warme Wind wehte kühl und erfrischend unter mein rotes Kleid. Ich genoss den Blick eines jungen Mannes, der mir auf dem Bürgersteig entgegenschlenderte und sich dann nach mir umsah. Ich erwiderte seinen Blick lächelnd und ging meiner Wege.

Roman

Wenn einer nie sagt, was er denkt. Wenn einer nie denkt, was er sagt. Geht das? Wenn einer immer sagt, was er denkt. Wenn einer immer denkt, was er sagt. Wenn einer immer sagt, was er gedacht hat. Wenn einer immer denkt, was er gesagt hat. Wenn einer immer ist, der er war. Wenn einer immer war, was er ist. Wenn einer nie war, was er ist. Wenn einer nie ist, was er war. Wenn einer nie war, was er denkt. Wenn einer nie denkt, was er war, immer denkt, was er nie war, nie denkt, was er immer war. Wenn einer denkt, was er immer denkt. Wenn einer immer denkt, was er gedacht hat, wenn einer nie war, was er gedacht hat, nie gedacht hat, was er war, immer denkt, was er ist.

Wenn einer fühlt, was er denkt. Wenn einer denkt, was er fühlt. Wenn einer nie fühlt, was er denkt. Wenn einer nie denkt, was er fühlt. Wenn einer denkt, was er nie gefühlt hat. Wenn einer nie gefühlt hat, was er gedacht hat. Wenn einer nie fühlt, was er fühlt. Wenn einer fühlt, was er nie gefühlt hat. Wenn einer sagt, was er fühlt. Wenn einer sagt, was er nicht fühlt. Wenn einer nicht sagt, was er fühlt. Wenn einer nie sagt, was er fühlt. Wenn einer nie fühlt, was er sagt. Wenn einer, oder zwei.

Wenn einer weiß, was er sagt. Wenn einer weiß, was er denkt. Wenn einer weiß, was er fühlt. Wenn einer nicht weiß, was er denkt. Wenn einer nicht weiß, was er sagt. Wenn einer nicht weiß, was er fühlt. Wenn einer weiß, was er nicht sagt. Wenn einer weiß, was er nicht denkt. Geht das? Wenn einer weiß, was er nicht fühlt. Wenn einer weiß, was er nicht weiß. Wenn einer nicht weiß, was er weiß. Wenn einer nicht weiß, was er nicht weiß. Wenn einer fühlt, was er weiß. Wenn einer nie fühlt, was er weiß.

Wenn einer nie weiß, was er denken soll. Wenn einer nie denken soll, was er weiß. Wenn einer denken soll, was er weiß. Wenn einer fühlen soll, was er denkt. Wenn einer nie fühlt, was er denken soll. Wenn einer sagen soll, was er denkt. Wenn einer denkt, was er fühlen soll. Wenn einer weiß, was er fühlen soll. Wenn einer fühlen soll, was er fühlt. Wenn einer fühlt, was er fühlen soll. Wenn einer denken soll, was er denkt. Wenn einer denkt, was er denken soll. Wenn einer sagt, was er denken soll. Wenn einer denkt, was er sagen soll. Wenn einer nie denkt, was er sagen soll. Wenn einer fühlt, was er sagen soll. Wenn einer sagt, was er sagen soll. Wenn einer sagt, was er fühlen soll, was er denken soll, was er sagen soll.

Wenn einer denkt, was er denken will. Wenn einer fühlt, was er fühlen will. Wenn einer sagt, was er sagen will. Wenn einer nicht denkt, was er denken will. Wenn einer nicht fühlt, was er fühlen will. Wenn einer nicht sagt, was er sagen will. Wenn einer nicht denken will, was er denkt. Wenn einer nicht sagen will, was er denkt. Wenn einer nicht denken will, was er sagt. Wenn einer nicht fühlen will, was er denkt. Wenn einer nicht fühlen will, was er fühlt. Wer nicht hören kann …

Wenn einer muss. Wenn einer kann. Wenn einer darf. Wenn einer, oder zwei.

Wenn einer sagt, was der andere denkt. Wenn einer denkt, was der andere denkt. Wenn einer fühlt, was der andere denkt. Wenn einer nie denkt, was der andere fühlt, wenn er nie fühlt, was der andere fühlt, nie denkt, was der andere denkt, nie sagt, was er denkt, was der andere denkt oder fühlt, nie weiß, was der andere denkt oder fühlt oder weiß oder kann oder will. Wenn einer nie darf, was der andere kann. Wenn einer darf, was der andere muss. Wenn einer fühlt, was der andere weiß. Wenn einer weiß, was der andere fühlt. Wenn einer denken darf, was der andere nicht fühlt. Wenn einer nicht fühlen muss, was der andere fühlt. Wenn einer fühlen soll, was der andere fühlt. Wenn einer fühlen soll, was der andere denkt.

Wenn einer denkt, was der andere macht. Wenn einer fühlt, was der andere macht. Wenn einer sagt, was der andere macht. Was du nicht willst, was man dir …

Wenn einer machen soll, was der andere sagt. Wenn einer machen soll, was der andere fühlt. Wenn einer macht, was der andere macht. Wenn einer nicht macht, was der andere macht, weil es der andere macht.

Wenn einer denkt, weil er denken soll, fühlt, weil er fühlen soll, sagt, weil er sagen soll, oder nie sagt, oder nie denkt, oder nie fühlt und nie weiß. Wenn einer nicht weiß, was er denken soll, weil er denken soll. Wenn einer nie fühlt, was er fühlt, weil er fühlen soll. Wenn einer sagt, was er fühlt, weil er denken soll. Wenn einer nie sagt, was er fühlt, weil er fühlen soll. Wenn einer nie denkt, was er denken soll, weil er fühlt. Wenn einer nicht sagt, was er fühlt, weil er denkt. Wenn einer nie denkt, was er sagt, weil er fühlt. Weil einer denkt, was er fühlt, sagt er nichts.

Wenn einer nie war, was der andere gedacht hat. Wenn einer immer war, was der andere gedacht hat. Wenn einer denkt, was der andere ist. Wenn einer weiß, was der andere sein soll. Wenn einer fühlt, was der andere sein soll. Wenn einer sagt, was der andere sein soll. Wenn einer nie sagt, was der andere sein soll, obwohl…

Wenn einer denkt, obwohl er fühlt. Wenn einer ist, obwohl er war. Wenn einer denkt, obwohl der andere fühlt. Wenn einer weiß, obwohl der andere denkt, dass…

Wenn alle denken, was ich denke. Wenn keiner denkt, was ich denke. Wenn niemand fühlt, was ich fühle. Wenn niemand weiß, was ich weiß. Wenn keiner ist, wie ich bin. Wenn keiner weiß, wer ich bin. Nur ich. Wenn alle wissen, was mit mir ist. Nur ich nicht.